Reportage: Wie lebt es sich für die Einheimischen in Traiskirchen?

Warten auf das Fastenbrechen vor der Moschee.

Warten auf das Fastenbrechen vor der Moschee.

Österreich kennt das niederösterreichische Traiskirchen vor allem als den Ort, in dem Flüchtlinge untergebracht werden. Aber wie lebt es sich dort eigentlich für die Einheimischen? Eine Reportage von zwölf Schauplätzen.

Im Caritas-Bus

Es begann an einem Freitagnachmittag Anfang Juli, als erschöpfte Flüchtlinge, die sich in Wiesen und Hauseingängen schlafen legten, sich ins Stadtbild einfügten, als wäre das von nun an ein normaler Anblick in Traiskirchen. Bettina Riha, zuständig für Spenden bei der Caritas, rüttelte die Bevölkerung via Facebook auf, sich nicht daran zu gewöhnen. Die Caritas fuhr mit einem Lieferwagen vor das Lager. „Omni Bus“ steht darauf. Von Dienstag bis Samstag werden hier Spenden in Empfang genommen. Das positive Echo aus der Bevölkerung warf die Helfer fast um. „Wir arbeiten rund um die Uhr“, sagt Riha. Vergangene Woche händigten sie und ihre Mitstreiter 3000 Willkommenspackerl aus. Sie sammeln und verteilen Deos, Männerkleidung, Handspiegel, Schuhe und die Geschichten über die täglichen Niederlagen, die an den Flüchtlingen zehren. Die Helfer posten, was gebraucht wird, „weil die Leute zu streiten anfangen, wenn es wenige Sachen für viele gibt“. Landen Hosen und Jacken am Boden, verbreitet sich im Nu die schauerliche Geschichte, den „Asylanten“ sei „unser“ Gewand zu minder. Die einleuchtende Erklärung, dass obdachlose Menschen alles, was weich ist und sie gerade nicht brauchen, als Matratze verwenden und am Morgen liegen lassen, verbreitet sich nur langsam – oder gar nicht.

Am Lokalbahnhof

Attila Pal wartet im Halbschatten. Fester Händedruck, knallblaues Sakko, Teddybär-Lächeln. Pal ist Klubobmann-Vize der FPÖ Traiskirchen, der vor einem halben Jahr der Partei beitrat und in sozialen Medien hemmungslos über das „Gesindel“ herzieht. Auf Facebook gehe es ums „Provozieren“; wer ihn „in echt“ kenne, wisse, dass er gar nicht so sei, sagt er. Beim Spaziergang rund um Lokalbahnhof und Flüchtlingslager sieht Pal nur Schmutz und Versagen. Dass er selbst als 1971 geborenes Kind ungarischer Flüchtlinge in einem von der schwedischen Hilfsorganisation „Rädda Barnen“ (Rettet die Kinder) gesponserten Wohnbau in Traiskirchen aufwuchs, bettet er in eine Erzählung von guten und schlechten „Asylanten“ ein: Mit den Ungarn-Flüchtlingen des Jahres 1956 habe es „wegen der kulturellen Übereinstimmung“ keinerlei Probleme gegeben; rasch habe sein Vater als Maschinenschlosser in der Spinnerei in Möllersdorf Arbeit gefunden und „fleißig Doppelschichten gefahren“. Am 4. Juli postete er, die Probleme seien „erst mit schwarzen Menschen und vom asiatischen Kontinent“ gekommen. „Es sind zu viele“, sagt er: „Die Menge der Substanz macht die Giftigkeit."

Auf dem Revier

Das Hickhack um die Flüchtlinge hinterlässt auch bei der Polizei Spuren. „Die Kollegen haben das Gefühl, dass der ganze Druck auf ihrem Rücken abgeladen wird und ihnen niemand hilft“, sagt Martin Noschiel, roter Polizeigewerkschafter aus Niederösterreich. Im Haus 17 im Flüchtlingslager ist es eng geworden, der Tonfall wird immer gereizter. 22 Planstellen sind für die Polizeiinspektion im Flüchtlingslager vorgesehen, 38 Kollegen darüber hinaus dort zugeteilt worden, um die steigende Zahl von Verfahren zu bewältigen. In dem Gebäude werden Asylwerber einvernommen. Hier entscheidet sich, wer unbegleiteter Minderjähriger ist, wer nach Ungarn oder Bulgarien abgeschoben werden soll und wer in Österreich auf Asyl hoffen darf. Polizisten suchen im Menschengewusel nach Dolmetschern, recherchieren Schlepperrouten, scannen Handflächen, vergleichen Fingerabdrücke. Die Behördenverfahren ziehen sich über Wochen. Noschiel: „Das müsste schneller gehen, denn es bindet Kapazitäten, die uns woanders schmerzlich fehlen.“ Jeden Tag bringen Busse rund 300 neue Asylwerber ins Flüchtlingslager, das bedeutet 300 neue Akten. Höchstens zehn kann ein Polizist in einem zwölfstündigen Dienst abarbeiten.

Bei der Feuerwehr

Dienstag, 14. Juli, 19.59 Uhr. Die Feuerwehr fährt mit dem 4000-Liter-Löschauto „Tank 1“ und Teleskopmastbühne im Flüchtlingslager ein. Um 22.46 Uhr das gleiche Prozedere noch einmal, 15 Mann sind im Einsatz. Mittwoch, 15. Juli, 4.08 Uhr: elf Mann. Clemens Zinnbauer, 26, sieht müde aus. In den vergangenen 24 Stunden war der junge Oberbrandinspektor der Freiwilligen Feuerwehr in Traiskirchen drei Mal in voller Montur ausgerückt, weil im Flüchtlingslager jemand auf den roten Knopf gedrückt hatte: „Die Fehlalarme gehen an die Substanz.“ Von den 101 Feuerwehrleuten ist inzwischen nur mehr ein Dutzend zur Stelle, wenn es in der Erstaufnahmestelle brennt, weil es fast schon normal ist, dass es nicht wirklich brennt.

FEUERWEHRKOMMANDANT ZINNBAUER: Drei Fehlalarme im Flüchtlingslager innerhalb von 24 Stunden

FEUERWEHRKOMMANDANT ZINNBAUER: Drei Fehlalarme im Flüchtlingslager innerhalb von 24 Stunden

Unter den Feuerwehrleuten sind LKW-Fahrer, die es sich nicht leisten können, keine Nacht mehr durchzuschlafen. 210 Einsätze waren es heuer bereits, 138 allein im Flüchtlingslager. In der ersten Hälfte des Vorjahres waren es insgesamt 96 gewesen. Jede Fahrt kostet 370 Euro. Bezahlen müsste dafür laut Gesetz das Innenministerium. Vergangenen Mittwoch saß die Freiwillige Feuerwehr Traiskirchen auf einem offenen Betrag von 54.390 Euro. Ein Sprecher des Ministeriums sagt auf Anfrage, man habe 60 Tage Zeit, die Rechnung zu begleichen. Allerdings wäre selbst diese Frist längst überzogen: Das Ministerium zahlt schon seit Oktober nicht mehr. Auch der Betreiber des Flüchtlingslagers, die Schweizer ORS Service GmbH, verhält sich laut Zinnbauer maximal unkooperativ: „Wir wissen offiziell nicht einmal, dass Zelte stehen, wie wir im Notfall hinkommen und wie viele Leute im Lager sind.“ Zinnbauer ist hinter der Kirche in Traiskirchen aufgewachsen und ging schon früh zur Feuerwehr. Deshalb kennt er die Örtlichkeiten. Das gelte aber nicht für alle Einsatzleiter. 1992 verbrannte ein Kind im Flüchtlingslager. „Es ist unser Horrorszenario, dass das wieder passieren könnte“, sagt Zinnbauer.

Im Café

Altbürgermeister Fritz Knotzer sitzt in Poloshirts und legerer Hose im Café Arkadia. Eben hat er einer syrischen Familie auf dem Meldeamt bei den Formalitäten geholfen. Demnächst ziehen die Flüchtlinge in ein Haus ein, in dem sie die nächsten Jahre keine Miete zahlen. Die Geschichte dahinter schrieb das Leben. Der frühere Besitzer des Hauses hatte sich als junger, revolutionärer Sozialist in den 1930er-Jahren mit Knotzers Vater heimlich im Wald getroffen, um verbotene Flugblätter zu produzieren. Nach dem Krieg wurde aus dem Genossen ein erfolgreicher Banker. Als Knotzers Vater den Arbeiter Samariter Bund in Traiskirchen gründete, versprach der Mann, sein Vermögen einst der Rettungsstelle zu vermachen: „Das hat er eingelöst“, sagt Knotzer.

Knotzer wuchs in Wienersdorf hinter der Semperit-Fabrik auf, wo sein Vater in der Spenglerei arbeitete. Das Flüchtlingslager Traiskirchen kennt er noch als Besatzungsstelle. 3000 russische Soldaten waren hier stationiert. Alles, was danach kam, reichte für Knotzer nicht an die Schrecken der Besatzungszeit heran. 1956, die Flüchtlinge aus Ungarn, die Besatzungsstelle wurde zum Flüchtlingslager. Es folgten Flüchtlinge aus Chile, Uganda, 1968 aus der Tschechoslowakei. Anfang der 1990er-Jahre kamen Tausende Rumänen. Knotzer war mit Innenminister Franz Löschnak und seinem Kabinettschef Manfred Matzka auf Du und Du. Friktionsfrei war das Verhältnis zur Herrengasse in Wien dennoch nicht. Als sich 5000 weitere Flüchtlinge ankündigten, rief Knotzer, inzwischen Bürgermeister, dazu auf, die Einfahrtsstraßen zu blockieren. Er bekam Morddrohungen, lebte für ein paar Monate unter Bewachung und musste seine Kinder auf verschlungenen Pfaden in die Schule lotsen. Mit den schwarzen Ministern erging es ihm nicht viel besser. Ernst Strasser, der per Weisung Flüchtlinge auf die Straße setzen ließ, rief er seinerzeit am Handy an, um ihm zu sagen: „Ich möchte nie so tief sinken wie du.“

Beim Bürgermeister

Andreas Babler, SPÖ, schlingt in seinem Büro einen halben Teller Antipasti hinunter. Schon steht der nächste Termin an. Vor dem Seniorenwohnheim in der Walther-von-der-Vogelweide-Straße parkt ein Bus. Die Pensionisten, die meisten von ihnen Frauen, sitzen bereits drin. Es ist Bablers zweite Tour. Sein Vorgänger Knotzer hat die Tradition begründet, um älteren Menschen, die nicht mehr so mobil sind, zu zeigen, was sich im Ort tut. Babler spricht ins Mikrofon: Die Eislaufbahn zog im Vorjahr fast 50.000 Personen an, „es hat sich ausgezahlt, dass wir sie überdacht haben“. Ein Graffiti-Künstler hat sich an der Fassade des Sportzentrums verwirklicht. Traiskirchen hat eine neue praktische Ärztin; im Stadtteil Möllersdorf wird ein Postpartner gesucht. Es geht vorbei am Jagdschloss von Maria Theresia, an Niedrigenergiehäusern ohne ordentliches Dach, „wie man heute halt baut“, vorbei an der Rettung, dem Pflegeheim in Holz-Hybrid-Bauweise, das Anfang Dezember aufsperren soll, so wie auch der Kindergarten „Biberburg“. Die Passagiere applaudieren. „Wir sind die jüngste Stadt in Niederösterreich“, sagt Babler.

BÜRGERMEISTER BABLER MIT SENIOREN AUS TRAISKIRCHEN: „Ich bin stolz, dass wir unseren Zorn nicht auf die Leute richten, die da mit Plastiksackerln hier ankommen.“

BÜRGERMEISTER BABLER MIT SENIOREN AUS TRAISKIRCHEN: „Ich bin stolz, dass wir unseren Zorn nicht auf die Leute richten, die da mit Plastiksackerln hier ankommen.“

Der Bus passiert eine von fünf Stadtteil-Feuerwehren, bevor er zum Flüchtlingslager einbiegt. „Ich bin sehr stolz, dass wir unseren Zorn nicht auf die armen Leute richten, die da mit Plastiksackerln ankommen, sondern an die Stellen, die politische Spielchen veranstalten.“ Hälse werden gereckt. Die auf der Wiese lagernden Syrer und Afghanen kennen die Traiskirchner nur aus dem Fernsehen. Babler treibt den Busfahrer zur Eile an: „Das soll nicht wie im Zoo sein, aber ich wollte euch kurz zeigen, wie es den Menschen geht.“ Beim Heurigen sickern die Eindrücke. Eine ehemalige Heurigen-Kellnerin, die vier Kinder großgezogen hat, befindet, die Flüchtlinge seien arm, aber zu viele: „Im Stadtpark findet man kein Bankerl mehr, und in der Nacht traut man sich gar nicht mehr raus.“

Im guten Laden

2002 verlegte der Continental-Konzern das Semperit-Reifenwerk ins tschechische Barum Otrokovice. Den Traiskirchnern blieben nur mehr eine Mischanlage und 200 Jobs. Bürgermeister Babler, der als Arbeiterkind in den Semperit-Bauten aufgewachsen war, hofft, dass es bis Jahresende 500 sein werden, „moderne Arbeitsplätze für die Jungen“. Für die Abgehängten initiierte seine Frau Karin Blum ein „leider notwendiges Sozialprojekt“ und nannte es „Der gute Laden“: Hier kaufen Traiskirchner ein, die nicht mehr als 940 Euro im Monat zur Verfügung haben, für die anderen ist es ein nettes, kleines Café. Bankangestellte sitzen hier, Bauarbeiter und manchmal sogar Polizisten. Die Produkte spendiert der lokale Einzelhandel. Einwohner bringen Geld und Sachspenden vorbei, es gibt eine „gute Liste“ mit Dingen, die dringend gebraucht werden. Asylwerber können hier nicht einkaufen. Der Andrang wäre nicht zu bewältigen.

Bei der Rettung

Markus Hubbauer, 25, ist stellvertretender Kommandant beim Arbeiter Samariter Bund in Traiskirchen. Er absolvierte eine Kochlehre und 2009 hier seinen Zivildienst. Mittwoch vergangener Woche: Seine Schicht begann um sechs Uhr früh. Sie verlief eher ruhig. Ein Dialyse-Patient ist nach Wien zu bringen. Die restliche Crew vertreibt sich im Aufenthaltsraum die Zeit. 30 Prozent der jährlich zwischen 6000 und 7000 Fahrten gehen ins Flüchtlingslager. Sie wurden in den vergangenen Jahren immer mehr. „Frauen und Kinder bringen wir ins Krankenhaus nach Mödling, Kreislaufstörungen und diverse Verletzungen nach Baden“, sagt Hubbauer. Er ist 500 Meter vom Flüchtlingslager entfernt aufgewachsen. So viele Menschen wie derzeit hat er hier noch nicht gesehen, fast 4000 sind es inzwischen. Nur zwischen 8 und 17 Uhr gibt es für sie einen Arzt vor Ort. Danach „fahren wir wegen jeder verstauchten Zehe ins Spital“. Oft transportieren sie Flüchtlinge, auf deren Datenblatt „kein Bett“ steht.

Sanitäter Hubbauer

Sanitäter Hubbauer

In der Schule

Die Volksschule liegt an der Ecke zur Otto-Glöckel-Straße. Vor vielen Jahren wurden im Park Spritzen gefunden. Drogen, Flüchtlinge, eh klar. Es stellte sich heraus, dass die Suchtszene der Gumpendorfer Straße in Wien sich in die Badener Bahn verlegt hatte und Drogenabhängige in der Nacht über den Zaun ins Lager kletterten. Rund um die Schule wurde eine Schutzzone gezogen. Zuletzt gab es Aufregung um angeblich fotografierende Flüchtlinge. Von Kinderschändern und Organhändlern war die Rede. Die Polizei kontrollierte Handys, fand aber nichts. Um die Eltern zu beruhigen, postierten sich Gemeindebedienstete in Warnwesten an den Eingängen. Am Zaun hängt neuerdings ein Zettel, dass der Aufenthalt für Unbefugte und das Fotografieren verboten ist. Eine Vorsichtsmaßnahme, sagt Sonja Horak: „Ich bin seit 15 Jahren Direktorin, ich habe noch keine schlimmen Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht.“

Im Privathaus

Frau W. sitzt auf der Terrasse vor einem Häferl Kaffee, ihr achtjähriger Sohn pirscht in kurzer Hose und mit einer Spritzpistole bewaffnet durch den Garten. Vielleicht wird er sich später einmal erinnern, dass er mit dem schweren Horn auf dem Rücken allein in die Musikschule marschiert ist, während einige seiner Freunde überall mit dem Auto hinchauffiert wurden, weil es für sie auf der Straße wegen der Flüchtlinge zu gefährlich war. Die Erstaufnahmestelle liegt 300 Meter Luftlinie von dem Haus entfernt, das W. vor zwei Jahren an einem trüben Tag besichtigte und in das sie kurz darauf mit ihrer Familie zog. Es liegt im Grünen und ist nicht weit von Wien entfernt. An manchen Abenden hält der Gedanke sie wach, dass in ihrer Nähe Syrer, Afghanen und Somalier auf dem Boden schlafen. Die Bilder und die dazugehörigen Schicksale kennt sie aus den Medien. Sie hat Deos, Duschgels und Rasierschaum für die Flüchtlinge gekauft. Die Schachtel steht im Vorraum, weil sie noch nicht dazugekommen ist, sie zum Caritas-Bus zu bringen.

Bei den Flüchtlingen

Maqale S. genießt die Abenddämmerung im Schneidersitz im dürren Gras eines kleinen Parks in Traiskirchen. Von der nahegelegenen Moschee dringt Stimmengewirr. Bald werden sich die Menschen in endlosen Schlangen um ein Essen anstellen: Ramadan. Der 20-jährige Somalier hatte es im Vorjahr nach kräftezehrenden Wanderungen aus dem Bürgerkriegsland nach Traiskirchen geschafft. Damals gab es noch für jeden ein Bett. Nun werde die Lage von Tag zu Tag angespannter, erzählt er: Ständig werde gekämpft, um Betten, Decken und Essen, ständig löse irgendjemand den Feueralarm aus, ständig werde die Polizei gerufen, um Streit zu schlichten.

Aabid H., 25, hat sich am Lokalbahnhof einen schattigen Platz gesucht. Er kam Anfang Juli mit seinem 15-jährigen Bruder nach Traiskirchen. Seine Eltern und die restlichen Geschwister sind in Syrien. Aabid hat eine grüne Lagerkarte, was bedeutet, dass er nach Ungarn abgeschoben werden kann. Noch klingt ihm das Weinen einer Frau im Ohr, die vergangene Nacht im Freien schlafen musste. Gerüchte flirren durch die Luft. Afghanen werden bevorzugt, sagen Syrer. Bei Syrern geht alles schneller, sagen Afghanen. Warum bekommen manche eine weiße Karte, andere eine grüne? „Es fehlt an Informationen, Übersetzern, Perspektiven“, klagen die Rechtsberaterinnen der Diakonie: Das zermürbt die Leute mehr als alles andere. „Ich glaube, man will uns hier kleinmachen, damit wir allen anderen sagen: Kommt nicht nach Österreich“, sagt Aabid.

In der Moschee

Vor 16 Jahren gründete Erdal Keymaz den zu Milli Görüs zählenden türkisch-islamischen Verein, vis-à-vis vom Flüchtlingslager. Vergangenen Mittwoch, am vorletzten Tag des Ramadan, kamen so viele zum Fastenbrechen wie noch nie. Zum ersten Mal reichte das Essen nicht für alle. 3000 leere Getränkedosen wurden hinterher gezählt. Das bedeutet, dass Dreiviertel der Flüchtlinge hier waren. „Sie kommen nicht wegen dem Essen, sondern wegen der Hoffnung, die wir ihnen vermitteln“, sagt Vereinsobmann Kaymaz, von Beruf selbstständiger Projektentwickler. 50 Freiwillige halfen mit, kochten, wuschen ab, verteilten Essen und sammelten die leeren Teller ein. Ein Drittel davon sind Einheimische wie Norbert Ciperle: „Es ist eine Chance, etwas gegen seine eigene Ohnmacht zu tun und den Flüchtlingen eine freundliche Seite von Österreich zu zeigen.“ 30 Medien waren schon da, um zu berichten – sogar ein Team des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera.