Schüler trauern um NS-Opfer und wälzen zugleich Antisemitismen

Schüler trauern um NS-Opfer und wälzen zugleich Antisemitismen

Eine neue Generation von Lehrlingen gedenkt der Ermordeten im Holocaust - und verliert sich gleichzeitig in antisemitischen Verschwörungstheorien. Besuch in einer Wiener Berufsschule.

In der Zeitgeschichte eilt der österreichischen Jugend kein guter Ruf voraus: Ihr Wissen über den Holocaust ist vermutlich nicht umfassender als bei jungen Deutschen. Vor ein paar Jahren noch hatten dort zwei Drittel der 14- bis 18-Jährigen in einer Umfrage angegeben, keine Ahnung zu haben, was unter dem Begriff "Holocaust“ zu verstehen sei.

Heutzutage sind Projekte zur NS-Vergangenheit und Besuche in Gedenkstätten Routine geworden, doch nur in den Höheren Schulen. In Berufsschulen bleibt das meist der Initiative einzelner Lehrer und Direktoren, Vorgesetzten wie dem Landesschulinspektor für die Wiener Berufsschulen, Ernst Reiffenstein, oder Privatpersonen wie Milli Segal überlassen, die immer wieder Wanderausstellungen für Berufsschulen organisierte.

80 Stunden "Politische Bildung"

Für das Fach "Politische Bildung“, das alles umfasst, was ein mündiger Staatsbürger wissen sollte (Arbeitsrecht, Parlamentarische Demokratie, Familie, Sexualität, Umwelt), sind in der Berufsschule um die 80 Stunden vorgesehen. Keine einfache Aufgabe also, Jugendliche in der ausklingenden Pubertät für das Unrechtsregime der Nazis zu interessieren und ihnen klarzumachen, dass man auch aus der Geschichte etwas lernen kann.

Einige Wiener Berufsschulen haben sich in den vergangenen Wochen mit den Endkriegsverbrechen der Nationalsozialisten befasst, etwa damit, was sich in den Nachmittagsstunden des 11. April 1945 in der Förstergasse Nummer 7 im 2. Wiener Gemeindebezirk zutrug. In den letzten Stunden des Kampfes waren hier noch Juden umgebracht worden. Rechts vom Donaukanal war Wien bereits befreit, und während Einheiten der Roten Armee im Begriff waren, auch den 2. Bezirk zu erobern, durchkämmten Angehörige eines SS-Verbandes Straßen und Häuser nach versteckten Juden. Eine Gruppe des berüchtigten Otto Skorzeny, der sich nach dem Krieg jeder Verantwortung für seine Verbrechen entzog, drang - vermutlich auf eine Denunziation hin - in den Keller eines Wohnhauses ein, zerrte die Juden und Jüdinnen heraus, erschoss sie und verscharrte sie im nächstgelegenen Bombenkrater. Wenige Stunden später rollten schon Panzer der Roten Armee durch die Förstergasse. Zu spät.

Der zweite Jahrgang an der Berufsschule für Elektrotechnik und Mechatronik in der Wiener Mollardgasse nimmt jetzt an einem Gedenkmarsch für die ermordeten Juden aus der Förstergasse teil. Das liegt am Engagement des Direktors Ernst Kollegger und am Geist dieser Schule an der linken Wienzeile.

Problemschule?

Der kasernenartige Bau mit der Kaiserkrone hoch oben stammt aus dem Jahr 1911. Seine Mauern atmen Drill und Disziplin aus der Endzeit der Monarchie, im Inneren sind heute moderne Werkstätten für technisch-elektronische Fachrichtungen untergebracht. Rund 4000 Schüler, durchwegs junge Männer, lernen hier; nur 170, 180 Mädchen. Vor zwei Jahrzehnten noch stand die Mollardgasse im Ruf, dass Schüler auf rechtsradikale Propaganda anspringen, woraufhin der damalige Direktor große Anstrengungen unternahm, die Geschichte der sogenannten "Juden-Klasse“ an der Mollardschule zu recherchieren und überlebende Emigranten auszuforschen. Heute sind eher heimliche Sympathien für den IS und Facebook-Likes für Dschihadisten-Videos ein Problem.

profil bekam die Erlaubnis, eine Klassengemeinschaft an der Berufsschule für Elektrotechnik und Mechatronik zu befragen, wie sie sich die Verbrechen der Nationalsozialisten erklärt und wie sie die Welt von heute sieht. Es ist eine besondere Klasse: Die meisten haben Lehrstellen in großen Unternehmen wie ÖBB und Siemens. Es sind nur Buben. Gerade einmal drei, vier Schüler haben Migrationshintergrund, und ihrem Lehrer Alexander Hofer ist das Fach "politische Bildung“ eine Herzensangelegenheit.

Die Klasse weiß mehr über den Holocaust als andere Jugendliche ihres Alters, aber was denken die Eleven wirklich? Hilft die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die komplizierte Gegenwart zu verstehen?

Der Älteste in der Runde ist ein junger Mann aus Afghanistan, der, noch ein halbes Kind, vor sechs Jahren allein aus seiner Heimat geflüchtet und in Österreich gestrandet war. Er kann sich die Todesangst des 21-jährigen Kurt Mezei, der im Hauseingang der Förstergasse erschossen wurde, gut vorstellen. Er kennt das alles aus eigenem Erleben. Wenn er spricht, wird es still.

Für die anderen ist das alles ziemlich fern. Nicht einmal ihre Eltern haben die NS-Zeit noch erlebt. Es waren der Opa oder der Uropa, von dem in der Familie erzählt wird, dass er bei der SS war, für Rommel gekämpft oder so Schreckliches erlebt hat, dass er nichts davon preisgeben wollte. Sie finden allesamt ganz schlimm, was mit den Juden passiert ist, und sie verabscheuen den Krieg und noch mehr eine Haltung, die einen Menschen zum Feind stempelt, nur weil er anders ist.

"IS-Kämpfer wie Hitler"

Sie haben keinerlei Sympathien für die Terror-Milizen des "Islamischen Staates“, aber sie sind nicht gerade optimistisch: "Die IS-Kämpfer machen genau das Gleiche wie der Hitler.“ - "Gibt genau dasselbe noch immer, nur halt nicht mehr in so großem Ausmaß wie in der Hitler-Zeit.“ - "Die, die nach Syrien gehen zum Kämpfen, glauben, das ist wie ein Computerspiel.“

Sie äußern Verständnis für die sozialen Gründe der Hitler-Bewegung: "Er hat den Leuten Arbeit gebracht und Essen. Er hat Autobahnen gebaut. Er war ein blendender Redner und sehr intelligent.“

Und was ist mit der Gegenwart? Mit Israel und Gaza und Syrien? Was ist mit Antisemitismus heute? Darüber habe man bisher kaum diskutiert, wirft der Lehrer ein. In anderen Klassen, mit einem Drittel Migrationshintergrund oder mehr, sei Gaza natürlich ein brennendes Thema. Da höre man auch einiges an Ressentiments gegen Juden, etwa dass sie keine Steuern zahlten, dass sie superreich seien und die Welt beherrschten. Die ewigen Renner des Antisemitismus, seufzt der Lehrer.

Doch so viel seine Schüler an Mitgefühl für die historisch verfolgten Juden aufbringen, so wenig mögen sie die Juden in der Gegenwart.

"Ich sage nicht, dass Hitler recht hatte. Das war damals, jetzt ist jetzt. Obwohl Israel so etwas erlebt hat, dass sie jetzt so was machen, das verstehe ich nicht. Was Israel gegen Gaza unternimmt, ist genau das Gleiche, was Hitler gemacht hat.“

"Selbstmordattentate sind Verteidigung. Israel hat angefangen. Ich glaube, viele sehen das so.“

"Ich vermisch das nicht mit Förstergasse und Gedenkmarsch.“

"Sie sollten daraus eine Lehre ziehen. Dass sie so unmenschlich sind und das Gleiche machen, ist ein Widerspruch an sich. Verstehe nicht, dass die Juden genau das Gleiche tun, was man ihnen angetan hat.“

Verschwörungstheorien und Pegida-Mentalität

Zum modernen Antisemitismus, der um Juden im Holocaust trauert und Juden in Israel hasst, gesellt sich bei den Schülern noch eine gehörige Portion an Verschwörungstheorie und eine Art Pegida-Mentalität. Die Zeitungen seien gelenkt, keinem Medium könne man trauen. Keiner wisse, was in Syrien wirklich los sei und wessen Interessen bedient werden.

"Man weiß noch immer nicht, wer hinter ISIS steckt, die waren plötzlich da. Man weiß nicht, ob die USA dahintersteckt. Oder der Mossad. Um den Islam zu schwächen. Woher weiß man, dass es Muslime sind?“

"Das Attentat in Frankreich: Man sagt, dass es Muslime waren, aber wer weiß, was da wirklich war? Da sollen sich drei Leute allein zusammengetan haben? Da muss jemand dahinterstehen.“

"Die Geheimdienste, die wissen viel mehr. Früher haben sie alles auf bin Laden geschoben. Jetzt haben sie etwas Neues gefunden.“

"Das könnten auch die Amerikaner sein. Die fädeln das so ein. Die müssen gar nicht offiziell beteiligt sein. Mir kommt das komisch vor. Warum machen die nichts gegen IS?“

"Gaddafi war 42 Jahre lang okay, und dann plötzlich war er ein Diktator? Alles wegen Öl.“

"Syrien: Vor zwei Jahren hat es plötzlich geheißen: Assad ist ein Diktator. Was ist mit Assad jetzt? Keiner spricht mehr von ihm.“

Spiegelbild der Gesellschaft

"Alles, was auf der Welt passiert, wird von einer geheimen Gruppe entschieden. Das weiß jeder. Die Bilderberger. Kennen Sie die? Oder Rothschild. Der ist auch bekannt. Dem gehört außer in fünf Ländern jede Nationalbank. Das sind die, die dahinterstecken, die Fädenzieher, und keiner weiß es.“

Kurz: Alles ist Lüge, alles Verschwörung. Es gibt keine Erklärung, keine Vernunft, keine Rationalität. Wir stehen auf dem Schulhof, und die Heranwachsenden debattieren jetzt mit Feuereifer. Es handelt sich um ein neuartiges Gemisch rechter, altlinker und islamistischer Ideologien. Dabei ist diese Klasse eine Vorzeigeklasse, die Schüler sind wach, interessiert, höflich und liebenswert. Ihre Gedanken sind es nicht. Doch sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Nach einer Antisemitismus-Studie der deutschen Amadeu Antonio Stiftung, die erst vor wenigen Wochen publiziert wurde, stoßen Aussagen, die Israel in die Nähe des Nationalsozialismus rücken, bei unseren deutschen Nachbarn auf breite Zustimmung. Zwei Drittel der Befragten sehen das so. Nach einer im Mai 2014 veröffentlichen Umfrage der Anti-Defamation League meinten 42 Prozent der Österreicher, Juden hätten zu viel Einfluss auf die internationalen Finanzmärkte. Und was die absurden Rothschild- und Mossad-Legenden betrifft: Googeln Sie - Sie werden staunen!