Ist Kurz der Heilsbringer der ÖVP?

Sebastian Kurz: Die zarteste Versuchung

Sebastian Kurz bietet eine Projektionsfläche für vielfältigste Sehnsüchte. Ist er nun rechts, liberal oder konservativ?

Drucken

Schriftgröße

Wird ihm nicht Angst und Bang bei all der Heilserwartung, die sich auf ihn richtet? Kurz nickt kurz, fast schon geschäftsmäßig. Wie einer, der diesen Einwand, der einem Zweifel Raum gibt, schon hunderttausendmal gehört hat. Er sei Realist, sagt er. Er habe es sich nicht leicht gemacht. Weder mit der Entscheidung für die Obmannschaft noch mit dem Gang in Neuwahlen. Er wisse, was geht und was nicht geht. Er habe einen Plan. Ein freundlich knappes Lächeln: Wollen Sie noch mehr von mir wissen?

Es ist spätabends. Wir befinden uns in der einzigen Gaststätte im steirischen Feldbach, in der noch Lichter brennen. Es war ein langer Tag. Kurz' Auftritt mit anschließenden Selfie-Exzessen ist eben erst zu Ende gegangen. Die örtliche Polizei hatte die Zufahrt zur Veranstaltungshalle umleiten müssen, um den Andrang der PKW zu steuern. Mit Bussen wurde diesmal niemand angekarrt. Das Publikum war in Hochstimmung und Kurz hatte den Saal, in dem sich bis auf zwei Dutzend Sitzreihen die Menschen dicht an dicht stehend, wie bei einem Popkonzert drängten, mit einem einfachen Dramolett für sich eingenommen. Er saß auf der Bühne und gab den Dialog wieder, wie er als 16-jähriger Gymnasiast bei der Jungen ÖVP in Meidling anheuern wollte, dort anrief und ein ratloser Funktionär immer neue Gründe fand, warum das nicht möglich sei und ob er doch noch ein paar Jahre warten könne. Im Publikum wischte man sich Lachtränen aus den Augen. Ja, genau so ist es. Der Apparat, die Politik, die Partei. Doch von nun an werde alles anders.

Mei, is der süß

Ein großes Versprechen, das Kurz nicht einmal ausgesprochen hat. Dennoch steht es im Raum. Kurz hat vorgeführt, wie man politische Ideen von der Wirklichkeit abziehen kann, wie Politsprache, die sonst verschleiert, die Wirklichkeit wieder sichtbar und erfahrbar macht. Das ist sein Talent. "Bist du deppert", sagen die Burschen anerkennend, und es ist nicht zu übersehen, dass sie gern so wären wie Kurz. Noch nie waren bei Veranstaltungen auf dem Land so viele, knapp geschnittene dunkle, sogar nachtblaue, Anzüge zu sehen. Und die Mädchen sagen: "Mei, is der süß." Kündigt sich hier wirklich etwas Neues an? Ist es das Ende der Politik, wie wir sie kennen, obwohl Kurz doch das längstdienende Regierungsmitglied neben Alois Stöger ist und sein halbes Leben schon in der Politik verbracht hat? Er wird in diesem Sommer 31 Jahre alt werden.

Wenn man in Funktionärskreisen der ÖVP oder bei Mentoren von Kurz nachfragt, was denn dieser Kurz, der bei öffentlichen Auftritten immer aussieht, als würde er von innen her leuchten, politisch so vorhat, dann schütteln sie ihre grauen Köpfe, besorgt oder erwartungsfroh, je nach Temperament. Ein 150 Seiten starkes Wahlprogramm soll in der Schublade liegen. Es werde demnächst in geeigneter Form vorgestellt. Es wird darin vom schlanken Staat die Rede sein, von der Ablehnung der Voll-Kasko-Mentalität, von sozialer Treffsicherheit, von der Hilfe zur Selbstermächtigung des Menschen, der sein Leben in die eigenen Hände nehmen müsse, vom Abbau der Bürokratien auf nationaler und europäischer Ebene, von moderner Familienpolitik, in der Kinderbetreuung frühmorgens bis abends eine Selbstverständlichkeit sei, und es wird darin auch das Hohelied der Leistung gesungen werden, eine Hymne auf die, "die morgens früh aufstehen ".

Das Programm wird keine Offenbarung sein, denn das Neue ist Kurz selbst: ein brillanter Kommunikator, eine Symbolfigur für eine Politik jenseits von Gut und Böse.

Kurz ist im postideologischen Zeitalter aufgewachsen. Während Jugendliche früherer Generationen die Welt verbessern wollten und dabei meist linken Ideen anhingen, die Ungerechtigkeiten der Welt anprangerten, herrschende Eliten und ein kapitalistisches Wirtschaftssystem für Hunger und Krieg verantwortlich machten, lebte Kurz als Kind mit Flüchtlingen des Bosnienkrieges, die seine Eltern zu Hause einquartiert hatten. Er hat das nicht als politisches Engagement gesehen. Das war konkrete Hilfe, die man dem Nächsten angedeihen lässt, ohne groß darüber zu reden. Die christliche Soziallehre sagt dazu sinngemäß: Man könne einem Bettler jeden Tag ein paar Euro geben, dass er nicht hungere und friere, besser und zielführender aber sei es, ihn für einige Wochen zu sich aufzunehmen, ihn wieder zu einem Menschen zu machen und ihm zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen. Dann aber müsse er selbst weitersehen.

Helfen in Notsituationen, aber wenn du dich zurücklehnst, soll es dich mit aller Härte treffen

"Helfen in Notsituationen, aber wenn du dich zurücklehnst, soll es dich mit aller Härte treffen." Das sind Sätze, die man von Kurz durchaus hören kann. Aus dem Munde eines 30-Jährigen klingt das freilich etwas hartherzig, weil man sofort denkt: Dieser junge Mensch kennt das Leben noch nicht, weiß nicht, welche Fallstricke es bereithält. Er denkt nicht darüber nach, wer einmal darüber richten wird, ob man sich genug angestrengt hat, und mit welchem Recht. Das Dilemma zeigte sich in der Flüchtlingsdebatte . Kurz vertrat mit vernünftigen Argumenten die Ansicht, man müsse die Balkanroute sperren, weil alles andere noch schlimmer und unwägbarer sei. Dabei könne es zu "schlimmen Bildern" kommen, warnte Kurz. Doch da müsse man durch. Er kritisierte NGOs, die in Kontakt mit Schleppern Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten, weil dies zum Kalkül für Schlepper werde, die immer schlechtere Boote und immer weniger Treibstoff bereitstellten, die Flüchtlinge immer größeren Gefahren aussetzten und die Sogwirkung für den gefährlichen Weg über das Mittelmeer doch nicht nachlasse. In Erinnerung blieb Kurz' Schlagwort vom "NGO-Wahnsinn" - für Menschen, die Menschen retten, wie naiv auch immer sie dabei vorgehen. Flüchtlings-Registrierungszentren vor den Toren Europas? Kaum ein Politiker in der EU ist prinzipiell dagegen. Doch fast jeder hält solche Pläne derzeit für unrealistisch. "Ärzte ohne Grenzen" berichtete vergangene Woche von schauderhaften Zuständen in libyschen Flüchtlingslagern. Kurz hält dennoch eisern an seinem Plan fest.

Ist das nun rechts oder pragmatisch? Spuckt er diese Töne, weil er Kanzler einer schwarz-blauen Koalition werden will oder vertraut er der Vernunft und ist dabei sogar vorausschauend. Liest er Bücher oder nur SMS?

Kurz hört es nicht gern, wenn man ihm allzu große Coolness unterstellt. Er versteht nicht, dass man sich politisch-ideologisch bei ihm nicht auskennt. Er meint, er sei doch leicht erkennbar und durchschaubar. "Ich bin ein Freund der Klarheit", steht auf seiner Facebook-Site. Kurz sagt, er trage ein bürgerliches Wertekorsett. Er bewege sich damit freilich nicht in den Bahnen des klassischen ÖVP-Denkens. Er versteht sich als christlich-sozial, liberal, am wenigsten noch als konservativ. Er meint, die Linken würden immer den Anspruch erheben, für die Allgemeinheit zu sprechen, das moralisch Gute zu verkörpern, die Armen als Opfer ihrer Umstände zu sehen. Er sieht das nicht so. In Kurz' Welt muss man wollen, muss man tun. Er sagte einmal, er habe durch die Arbeit im Integrationsstaatssekretariat viel gelernt. Er sei dadurch sozialer geworden. Es sei ihm klar geworden, dass einige seiner Schulfreunde, deren Eltern nach Österreich migriert waren, sich unter schwierigsten Bedingungen durchgebissen und alle überflügelt hätten. Das müsse man anerkennen und fördern.

Mit der Aura des Bürgertums, das einst mit der ÖVP assoziiert wurde, mit Salongesprächen, Wiener Musikverein und Daniel Barenboim, Wien Modern und Staatsoper, hat Kurz nichts mehr zu schaffen. Er liest eher Zeitungen als Bücher, eher Sachbücher als Literatur. Seine Intelligenz und Bildung ist von anderer Art.

Großgeworden ist Kurz in der Jungen ÖVP, einer Teilorganisation der ÖVP, die über die Jahrzehnte hinweg immer rund 100.000 Mitglieder zählte. Früher war es der natürliche Lauf der Welt, dass die Kinder von Konservativen zur JVP gingen, Kränzchen und Diskoabende organisierten und gelegentlich ein kommunales Problem aufgriffen. Das Ideologische erschöpfte sich im "Kampf gegen den Kollektivismus", der für die JVP von der Sozialdemokratie verkörpert wurde. JVP'ler fühlten sich Werten wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Subsidiarität verpflichtet, und in einer ihrer Leitlinien aus den späten 1970er-Jahren hieß es, man lehne es ab, sich durch angepasstes Verhalten eine Karriere in der Mutterpartei zu erarbeiten.

Das Weltbild springt einem ja nicht entgegen

In Kurz' Zeit als JVP-Obmann war das schon anders. Die Jung-Konservativen waren aktivistischer, nahmen sich der Jugendkultur an und entwickelten sich zum Karrierepool für die ÖVP. Für Kurz waren es die Partyjahre. Die Facebook-Site der JVP ist heute eine Huldigungsseite für Kurz. Wichtige Positionen in Ministerkabinetten und strategischen Stellen in der Partei sind mit JVP'lern besetzt. Es handelt sich dabei um akademisch gebildete, rhetorisch geschulte Leute. Sie haben - wie auch Kurz selbst -Kurse in Projekt-Management und Führungsseminare an der politischen Akademie belegt, aber keine Workshops in Ideologie oder christlicher Soziallehre. Nach ihrem ideologischen Fundament befragt, kommen JVP'ler schnell ins Schwitzen. Der jüngste Skandal am Wiener Juridicum könnte mit Ferne oder Abwesenheit jeglicher weltanschaulicher Debatte, jeder historischen Kenntnis zu tun haben. Etwa 20 Mitglieder der Jungen ÖVP (in Wien und Niederösterreich ) waren - wie sich jetzt herausstellt -Teil einer noch größeren verschworenen Facebook-Gruppe, die Nazi-Opfer verhöhnte und sich an Holocaust-Witzen vergnügte. Der Wiener Landesobmann Nico Marchetti sagt, er sei fassungslos gewesen. Alle Beteiligten seien sofort ausgeschlossen worden. Er kenne einige dieser Leute, er hätte das nie gedacht, es sei nichts zu merken gewesen. "Das Weltbild springt einem ja nicht entgegen."

Vielleicht weil es gar kein bestimmtes Weltbild mehr gibt. Kurz scheint der Vorreiter dieser neuen Zeit zu sein. Kurz ist Jahrgang 1986. Seine Generation ist nach Befund der großen deutschen Shell-Jugendstudie von 2015 mehrheitlich pragmatisch eingestellt, jenseits von Ideologien. Selbstverständlich ist ihr Selbstdarstellung, Selbstvermarktung und Selbstoptimierung, Kommunikation ihr Dreh- und Angelpunkt.

Ihre Vertreter können völlig moralfrei dem Erfolg nachjagen, der seinen Sinn in sich selbst hat. Sie können aber auch die ideologisch vernebelten Standpunkte in schwierigen Fragen durch Vernunft ersetzen.

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik