Selbstmord in U-Haft: 19-Jähriger strangulierte sich in seiner Zelle

Selbstmord in U-Haft: 19-Jähriger strangulierte sich in seiner Zelle

Ein 19-Jähriger strangulierte sich in der Zelle. Immer mehr junge Häft­linge haben psychische Probleme. Ein fast unlösbares Problem.

Ein letztes Mal nahm Maged M.* seine Kraft zusammen und zog den Gürtel zu, den er um seinen Hals gelegt hatte. Er stand am Fenster, den Blick ins Innere seiner Zelle gerichtet. So verharrte er, während das Leben aus ihm wich. 19 Jahre ist er alt geworden.

Auf dem Überwachungsmonitor fror das Bild ein, vermutlich dauerte es eine Weile, bis im Kontrollraum im Gefängnis Wien-Josefstadt auffiel, dass mit der regungslosen Gestalt etwas nicht stimmte. Als ein Beamter die Luke zum Einzelhaftraum EE 0/9 öffnete, atmete der Häftling nicht mehr.
24. November 2014, 15.48 Uhr. Alle Versuche, Maged M. wiederzubeleben, kamen zu spät.

Es war der neunte Suizid des ablaufenden Jahres in einer Haftanstalt in Österreich. Die Arbeitsgruppe in der Vollzugsdirektion, die den Fall aufrollen wird, um herauszufinden, ob und wie er zu verhindern gewesen wäre, ist noch zu keinem Schluss gekommen.

Wer hat Schuld, dass Maged M. nicht mehr lebt?
Man hatte Kameras installiert, um den jungen Mann zu überwachen. Man hätte Maged M. den Gürtel abnehmen können, bevor man ihn in Einzelhaft sperrte. Doch Insassen, die zum Äußersten entschlossen sind, nehmen sich auch in den Nasszellen das Leben, wo das Kameraauge nicht hineinschauen darf, oder sie nehmen dafür ihre Hose zu Hilfe. „Es gibt Fälle, die leider einfach nicht zu verhindern sind“, sagt Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion.

Vielleicht wird Mageds Schicksal am Ende für die Justiz nicht mehr und nicht weniger sein als eine brutale Erinnerung daran, dass psychische Erkrankungen in Haft ein ungelöstes Problem sind. Unlösbar vielleicht sogar, jedenfalls auf die Schnelle.

Im Zimmer der Jugendrichterin Beate Matschnig stapeln sich die Akten. Wer hat Schuld, dass Maged M. nicht mehr lebt? „In diesem Fall muss ich die Beamten wirklich in Schutz nehmen, sie reißen sich für die jungen Insassen ein Bein aus“, sagt Matschnig. Sie war wesentlich daran beteiligt, dass die untragbaren Zustände, die im Jugendtrakt bis vor nicht allzu langer Zeit herrschten, an die Öffentlichkeit kamen. Im Mai 2013 war ein 14-Jähriger von älteren Insassen vergewaltigt worden.

Seither habe sich laut Matschnig „enorm viel verbessert“. Die Zellen im Jugendtrakt der Josefstadt sind nicht mehr wie früher bis zu 20 Stunden versperrt, sondern nur noch zwischen 18 und 7 Uhr. Die Mitarbeiter der Justizwache absolvierten eine zusätzliche Ausbildung für den Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie sind aber weder dafür zuständig noch geschult, psychisch Kranke zu betreuen. Und davon gibt es in den Gefängnissen immer mehr, gerade unter jungen Häftlingen, konstatiert die forensische Psychiaterin Gabriele Wörgötter.

Das ist, so seltsam es klingt, die Schattenseite eines Erfolgs: Denn für alle einigermaßen stabilen jungen Menschen, die noch nicht durch sämtliche soziale Netze gefallen sind, werden nun Alternativen zur Haft gesucht (siehe Kasten am Ende). Ins Gefängnis kommen deshalb weniger junge Menschen, doch es sind eben meist die schwierigsten.

"Symptome können sich in der Haft dramatisch verschlimmern"
Bei psychischen Problemen denkt man zuerst an den Maßnahmenvollzug. Hier landen geistig abnorme Rechtsbrecher, die unter dem Einfluss ihrer Erkrankung zu Serieneinbrechern, Sexualverbrechern oder Mördern wurden. Sie erhalten eine Therapie und bleiben so lange in Haft – auch über die eigentliche Strafe hinaus –, bis von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht. Das kann lebenslang bedeuten. Daneben aber gibt es viele Häftlinge, die unter psychischen Problemen leiden, bei der Begehung der Straftat aber zurechnungsfähig waren. „Ihre Symptome können sich in der Haft dramatisch verschlimmern. Doch für diese Gruppe gibt es keine ausreichende Versorgung“, sagt Wörgötter. Selbst die besten und talentiertesten Justizwachebeamten könnten nicht leisten, was psychiatrisches Personal leisten müsste: „Das System darf sich auf sie nicht verlassen.“

Das sei derzeit der Fall. Jugendrichterin Matschnig erinnert sich an einen Häftling mit dunklen Haaren, der sie jedes Mal mit den Worten begrüßte: „Ich bin blond, oder? Stimmt doch?“ Ein anderer bekam Krampfanfälle, bevor er in Ohnmacht fiel oder zu randalieren begann: „Jedes Mal, wenn ich den Gefängnistrakt visitiere, treffe ich psychisch kranke Häftlinge, von denen ich denke, dass sie im Gesundheitssystem sein sollten und nicht in einer Justizanstalt.“ Doch auch dort fehle es sowohl am nötigen Personal und auch am langen Atem für die wirklich schwierigen Fälle, wie Matschnig immer wieder feststellen muss: „Wenn wir einen Häftling ins Otto Wagner Spital einliefern, wird er dort schnell medikamentös eingestellt und ist in kurzer Zeit wieder bei uns.“

Wer oder was hat im Fall von Maged M. nun versagt? War es der Beamte, der am Überwachungsmonitor nicht gesehen hat, dass der junge Mann einen Gürtel um seinen Hals schlingt? Die Gefängnispsychiater, die ihn nicht auf die Krankenstation gelegt haben, nachdem er aus der Psychiatrie zurück war? Oder muss man in der Geschichte weiter zurückgehen? Hat Maged M. für die Zeit nach Verbüßung einer allfälligen Haftstrafe keinen Weg zurück ins Leben gesehen?

Aktenvermerk dissoziale Persönlichkeitsstörung
Maged M. wächst als Kind arabischstämmiger Eltern auf. Irgendwann lässt der Vater sich scheiden und geht nach Ägypten zurück. Sein Sohn findet keinen Boden. Die Mutter kommt mit seinen Ausbrüchen nicht zurecht, Maged spielt sich als Herr im Haus auf, geht sogar auf die Mutter und seine Schwester los. Im Februar wird er zum ersten Mal ins Wiener Otto Wagner Spital eingewiesen und bleibt für Wochen in stationärer psychiatrischer Behandlung.

Danach wird es nicht besser. Die Mutter weist ihn aus der Wohnung, er streunt herum, nimmt Drogen und schlägt sich im wörtlichen Sinne durchs Leben, bis er sich Mitte September im Grauen Haus in einer Zelle wiederfindet wegen Verdachts auf gefährliche Drohung, schwere Körperverletzung, Diebstahl, Einbruch.

Es dauert nicht lange, bis er sich mit anderen Insassen überwirft. Im Gefängnislogbuch taucht sein Name auffallend oft auf. Ein Monat vergeht. Am 10. Oktober landet er erneut auf der Psychiatrie. Dieses Mal hat ihn die Gefängnisleitung eingewiesen. Er bleibt nur elf Tage. Als ihn die Justizwache am 22. Oktober ins „Landl“ zurückbringt, ist er in einem erbärmlichen Zustand.

In Mageds Akt ist eine dissoziale Persönlichkeitsstörung vermerkt. Menschen, die unter dieser Erkrankung leiden, werden in den Lehrbüchern als aufbrausende und herzlose Zeitgenossen beschrieben, die auf den Gefühlen anderer herumtrampeln und meinen, dass Gesetze und gesellschaftliche Regeln für sie nicht gelten. Sie tendieren zu Verantwortungslosigkeit und Selbstüberschätzung, suchen das Risiko und den Drogenrausch, verlieren rasch die Beherrschung, neigen zu Gewalt und ziehen selbst aus schmerzlichen Erfahrungen kaum Erkenntnisgewinn. Schuld sind stets die anderen.

Am 19. November übersiedelt Maged M. in eine Einzelzelle. Der junge Mann dreht seine Runden im Freien und bleibt in psychiatrischer Behandlung. Laut Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion, gab es „keine Hinweise auf eine suizidale Einengung“. Das Strafverfahren gegen den 19-Jährigen wird „in Folge Todes“ eingestellt.

*Name von der Redaktion geändert

Infobox

Derzeit 81 Jugendliche in Haft
Nach der Vergewaltigung eines 14-jährigen U-Häftlings im Mai des Vorjahres wurde im Justizministerium ein Runder Tisch einberufen.

Minderjährige landen gar nicht mehr in U-Haft oder nur für kurze Zeit. Vergangenen Freitag waren österreichweit 81 Jugendliche (zwischen 14 und 18 Jahren) im Gefängnis (U-Haft und Strafhaft), noch vor zwei Jahren pendelte die Zahl um 130. Auch die Zahl inhaftierter junger Erwachsener (19 bis 21 Jahre) ging deutlich zurück, derzeit sind es rund 400. Seit zwei Monaten sind in ganz Österreich „Sozialnetz-Konferenzen“ möglich. Deren Ziel ist es, tragfähige Netze zu spannen, die Jugendliche auffangen, sowie Pläne auszuarbeiten – inklusive Tagesstruktur, Betreuung, Bewährungshilfe, Wiedergutmachung des Schadens –, die ihnen das Gefängnis ersparen. Nach Einschätzung des Vereins Neustart könnten jedes Jahr rund 100 jugendliche U-Häftlinge entlassen werden.