profil-Serie "1919 - Vor hundert Jahren": "Politik der gekrümmten Rücken"

Maiaufmarsch in Simmering

Maiaufmarsch in Simmering

Anhand von Zeitdokumenten schildert profil, wie aus den Trümmern der Habsburger-Monarchie eine junge, demokratische, verletzliche Republik entstand.

Woche vom 29. April 1919 bis 6. Mai 1919

Feierliche Stille. Kein Fuhrwerk rumpelt, keine Straßenbahn quietscht um die Ecke, kein Rollladen geht hoch. Cafés und Wirtshäuser sind geschlossen. Zum ersten Mal ist der 1. Mai ein Feiertag.

„Der Sieg unserer Ideale ist unaufhaltsam – auch die bürgerlichen und bürgerlich gearteten Menschen vermochten sich dem Banne nicht zu entziehen und haben mitgetan“, schwärmt die „Arbeiter-Zeitung“, das Organ der Sozialdemokratie, am darauffolgenden Tag. Früher seien „die herrschenden und vornehm prunkenden Klassen in ihren Karossen in den Prater gefahren, durch ein Spalier von demütigen Knechtseelen und Snobjournalisten, bis am 1. Mai 1919 der Massenschritt der Arbeiterbataillone durch die Praterstraße dröhnte.“ Auf den Zug in den Prater wurde diesmal verzichtet. Zu unwägbar ist die Lage. Die Kommunisten in Ungarn versuchen sich mit aller Gewalt an der Macht zu halten, die Münchner Räterepublik liegt in den letzten Zügen, in Südkärnten haben jugoslawische Truppen Völkermarkt eingenommen.

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Auch bürgerliche Blätter sind beeindruckt vom Massenaufmarsch der Sozialdemokraten. Einige Hunderttausende sollen auf den Beinen gewesen sein, allein 50.000 in Favoriten, fast ebenso viele in den anderen Arbeiterbezirken. Staatssekretär Otto Bauer hielt im Hof der Rossauer Kaserne, auf einem Podest stehend, eine Ansprache an die Volkswehr. Es bricht Jubel aus, als er vom „Endsieg“ des Sozialismus spricht. Selbst in besseren Wohngegenden, in der Innenstadt etwa, gibt es einen Maiaufmarsch. Presse- und Bankangestellte stellen Abordnungen. Die Landstraßer Hauptstraße ist schwarz vor Menschen, obwohl dieser Bezirk als eine „Hochburg der Christlich-Sozialen“ gilt.

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Es war nicht viel anders als heute. Eine rote Nelke im Knopfloch, das Maiabzeichen angesteckt. Postangestellte, Eisenbahner und Feuerwehrleute paradieren in Uniform, Fahrräder sind mit Blumen geschmückt; man marschiert im Takt der Musik, am Ende wird das „Lied der Arbeit“ gesungen. An der Spitze der Züge flattern rote Fahnen; die älteste Fahne des Arbeiterbildungsvereins Gumpendorf stammt aus dem Jahr 1868. Freilich, die Parolen sind andere: In Favoriten sieht man Transparente mit der Aufschrift: „Dem Sozialismus die Welt“ – „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – „Mit dem Völkerbund für den Völkerfrieden“ – „ Nieder mit dem Schleichhandel“ – „Kürzung der Dienstzeit“ – „Ohne Pfaffen selig sterben.“

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In Volks- und Bürgerschulen halten Lehrer an diesem Tag patriotische Ansprache n und verteilen Maigedenkblättchen, in denen die Kinder zu Fleiß, Treue und Liebe ermuntert werden sollen.

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Am Abend dürfen die Wirte wieder aufsperren, allerdings keinen Alkohol ausschenken. Der 1. Mai dient auch der „kulturellen Erhebung“. Alle Theater, Konzertsäle und Varietés sind heute für die Arbeiterschaft reserviert. „Sie dürfen von all dem Besitz ergreifen, was es in Wien an öffentlicher Kunst gibt.“ Das sei bisher „nirgendwo in der Welt“ möglich gewesen, so die „Arbeiter-Zeitung“. Einzig in der Volksoper kam es zu Unmut im Publikum, weil der Sänger, der im „Barbier von Sevilla“ den Grafen Almaviva hätte geben sollen, in einem Verkehrschaos in Berlin festsaß und der am Ende Eingesprungene eigentlich kein Sänger war und die Rolle nur markierte.

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Bei der Wahl des Wiener Gemeinderats am 4. Mai sind die Sozialdemokraten mit 54 Prozent doppelt so stark wie die Christlich-Sozialen. Auch im niederösterreichischen Landtag, den die Wiener am selben Tag mitwählen, erreichen sie die Mehrheit. Erst ab 1920 ist Wien nicht nur eine Gemeinde, sondern auch ein Bundesland.

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Am 2. Mai wird die österreichische Regierung zu den Staatsvertragsverhandlungen in Saint-Germain-en-Laye eingeladen. Staatssekretär Otto Bauer und sein Stellvertreter, der Jurist Franz Klein, waren von den Christlich-Sozialen als Delegationsleiter nicht akzeptiert worden. Staatskanzler Karl Renner übernimmt. Man beharrt noch immer auf dem Anschluss an Deutschland und glaubt, überall dort, wo in der Monarchie Deutsch gesprochen wurde, hätte man Anspruch auf das Territorium – so die außenpolitische Linie der Sozialdemokraten. Die Christlich-Sozialen hätten eine Donauföderation bevorzugt; auch das war unrealistisch.

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„Kommt der Anschluss nicht zustande, so wird Österreich ein armseliger Bauernstaat, in dem Politik zu machen nicht der Mühe wert sein wird,“ schreibt Otto Bauer am 6. Mai an Karl Kautsky.

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In der ersten Maiwoche wird in Vorarlberg mit Flugblättern für den Anschluss an die Schweiz geworben – „sonst bleibt uns nur noch der Wiener Judenstaat, von dem wir uns unter allen Umständen trennen wollen“. In der Volksabstimmung sind 80 Prozent der Vorarlberger dafür.

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Saint Germain wird für die Österreicher eine Demütigung. Isoliert, fernab vom Schloss, in dem sich die Staatsmänner der Welt, der künftige Völkerbund, treffen, sind sie in einer Villa untergebracht, abgesperrt, ohne Kontakt zu anderen Delegationen. Über den Dienstbotenaufgang betreten sie das Schloss, wo ihnen ein Rohentwurf des Staatsvertrags übergeben wird. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Der Anschluss an Deutschland ist verboten, die Sudetengebiete, Südböhmen und Südtirol gehören nicht mehr zum neuen Österreich. Ökonomisch war das ein schwerer Schlag. Renner sagt, es werde sich bald herausstellen, dass die Siegermächte des Ersten Weltkrieges so „eine Leiche auf ihren Triumphwagen laden“.

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Der Verhandler Franz Klein notiert verbittert in sein Tagebuch: „Das war eine Politik der gekrümmten Rücken, des schmeichelnden Sichauslöschens, um den Mächtigen sich geneigt zu machen.“

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Die Nationalsozialisten sind im Mai 1919 noch ein schwaches Grüppchen. In Wien haben sie kein Mandat errungen, doch im niederösterreichischen Landtag ist der Anwalt Walter Riehl, ihr österreichischer „Führer“, vertreten. Deutschnationale und großdeutsche Parteien werden sich in Zukunft zu wechselnden Bündnissen zusammenfinden. Was sie auch trennt, antisemitisch sind sie alle. Man preist die „Volksgemeinschaft“ als Gegenpol zum „Fremdkörper Judentum“, den „Parasiten“, dem „volkszersetzenden Element“. Wo immer sie in Stadtparlamente und Landtage einziehen, hetzen sie gegen Fremde, gegen Tschechen, gegen Juden, sorgen bei Veranstaltungen für Tumult und Radau. In deutschen Blättern wird bald eine chronique scandaleuse publiziert werden, in der minutiös aufgezählt wird, wie die Hitler-Truppe in München Andersdenkende mit Rollkommandos blutig schlägt, zu Tode prügelt, Terrorakte setzt und Putschpläne wälzt. In Österreich wird ein noch weitgehend unbekannter Adolf Hitler im Herbst 1920 als Brandredner in Wahlkampfveranstaltungen für die Nationalratswahl auftauchen.

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Der Triumph des 1. Mai war trügerisch. Die Erfahrungen der Kriegsgeneration bilden den unsichtbaren Humus für die Keimzellen des Faschismus, in der das Bürgerliche verachtet und das Heroische verehrt wird. Die Liebe zur deutschen Klassik und Kultur, zum deutschen Denken und zur deutschen Sprache, an der so viele österreichische Juden hingen, wird schändlich verraten werden. Der Krieg hat die Gesellschaft mental wie ökonomisch umgewälzt. Mittelschichten sind massenhaft verarmt. Viele haben durch die Hyperinflation alles verloren, andere wurden über Nacht zu Millionären. Weh den Juden, wenn es ein Jude war. Der katholische Antisemitismus verbindet sich mit dem Rassenhass. Bei den letzten freien Wahlen in Wien im Jahr 1932 erreichen die Nationalsozialisten 17,4 Prozent. „Bestürzung in Europa“ – „Die Notwendigkeit gemeinsamer Abwehr des Hitler-Durchbruchs“ titeln Zeitungen.

Als die profil-Serie „Vor hundert Jahren“ im November 2018 begann, spiegelte sich die neue Welt, der Zusammenbruch der Monarchie, die Ausrufung der Republik, die ersten Wahlen, an denen auch Frauen teilnehmen durften, aufs Schönste in der damaligen Zeitungslandschaft. Kluge Feuilletons, scharfe Kommentare, Debatten über Soziales, Flüchtlings- und Frauenfragen, die heute noch aktuell wirken. Mit der Woche des 1. Mai 1919 endet sie.