SOS-Kinderdorf: Ein Buch arbeitet Gewalt und Missbrauch auf

SOS-Kinderdorf: Ein Buch arbeitet Gewalt und Missbrauch auf

Missbrauch und Gewalt im SOS-Kinderdorf: Ein neues Buch arbeitet die dunklen Kapitel in der Vergangenheit der Wohlfahrtseinrichtung auf.

Man hatte sie durch acht Pflegefamilien getreten, geschlagen und missbraucht. Der bei der Jugendwohlfahrt geführte Akt gab nicht einmal in Ansätzen wieder, was das Mädchen, das im April 1970 im SOS-Kinderdorf landete, hinter sich hatte. Monika Fitz war neun, ein hübsches Kind, das man gerne für Illustriertenberichte und Werbefolder ablichtete. Als sie 15 und "schwierig“ wurde, kam sie in ein Heim nach Linz und wurde Opfer einer Massenvergewaltigung. In ihrer Not griff sie nach dem letzten Halt, der ihr geblieben war. Sie wollte zurück zur "Mutti“. Doch der Leiter des Kinderdorfs ließ sie auf der Straße stehen.

Ein halbes Jahrhundert hatte es gedauert, bis Männer und Frauen begannen, über die seelischen und körperlichen Torturen zu reden, die ihnen als Heimkindern und Internatszöglingen in den Nachkriegsjahrzehnten angetan worden waren. Sie brachten den sexuellen Missbrauch durch Patres und Nonnen zur Sprache, die Versuche der kirchlichen Autoritäten, ihn unter der Decke zu halten, den gewaltsamen Drill in staatlichen Erziehungsanstalten, wo die verlorenen Kinder der Unterschicht "korrigiert“ werden sollten. Stattdessen wurden sie systematisch gebrochen.

Vom SOS-Kinderdorf war so gut wie nie die Rede. Die heimattümelnde Familienidylle für verlassene Nachkriegskinder blieb vergleichsweise heil, auch deshalb, weil es keine wütenden Opfer gab, die öffentlich machten, was sie in der Anfang der 1950er-Jahre von Hermann Gmeiner gegründeten Wohlfahrtseinrichtung erlebt hatten. Diese Woche erscheint nun ein neues Buch des Innsbrucker Historikers Horst Schreiber, in dem sich das SOS Kinderdorf einer Vergangenheit stellt, die nicht ausschließlich glorreich war.

"Mutti konnte nichts dafür"
Die Geschichte von Monika Fitz gehört, mit all ihrer Ambivalenz, dazu. Sie hatte vor und nach dem Kinderdorf viel Schlimmeres durchgemacht. Den Groll darüber, dass man sie im Stich gelassen hatte, als sie am verletzlichsten war, behielt sie lange Zeit für sich. Sie tat es wie viele andere, weil das Kinderdorf nicht angepatzt werden durfte, aber auch, um wenigstens ein paar gute Erinnerungen zu retten. "Die Mutti konnte nichts dafür.“ Der Satz findet sich öfter in Schreibers Buch: "Dem Schweigen verpflichtet“ heißt es. Der Titel spricht für sich.

Vergangenheitsbewältigung
Schreiber hatte, neben dem Linzer Historiker Michael John, als einer der Ersten damit begonnen, die Heimerziehung zu erforschen, und war dabei auf das eine oder andere Ex-Kinderdorf-Kind gestoßen. 25 Jahre nach dem Tod des Gründers Gmeiner kam die Organisation an eine Gabelung: Sollte man weiter alles unter den Teppich katholischer Wohlanständigkeit kehren oder sich - spät, aber doch - den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte stellen? Man rang sich zur Vergangenheitsbewältigung durch und betraute Schreiber damit, Aktenbestände - oder das, was davon übrig war - aufzuarbeiten und mit Zeitzeugen darüber zu sprechen, was sie in den Jahrzehnten zwischen 1950 und 1990 erlebt hatten.

Ein großer Teil der Akten wurde Anfang der 1990er-Jahre vernichtet. Die Dorfkommissionen hatten Personalblätter, Untersuchungsprotokolle, Sitzungsmitschriften und Schriftverkehr mit Behörden entsorgt. Aus den Unterlagen wäre etwa hervorgegangen, warum Kinder nicht mehr "tragbar“ waren und weg mussten; immerhin ein Fünftel wurde aus dem Kinderdorf gewiesen. Die Vernichtung der Dokumente bleibt ein unbegreiflicher Akt, "umso mehr, als man zu dieser Zeit bereits wusste, wie wichtig Informationen gerade für Kindern in der Fremdunterbringung sind“, sagt Elisabeth Hauser, Leiterin des Pädagogik-Bereichs von SOS-Kinderdorf Österreich und Mitglied jener hausinternen Kommission, die Verdachtsfällen von Übergriffen und Missbrauch nachgeht.

1950 wurde das erste Kinderdorf in Imst/Tirol gebaut. Seither wuchsen mehr als 7000 Kinder in SOS-Ersatzfamilien auf. Verglichen mit kirchlichen und staatlichen Einrichtungen blieb die Zahl der Opfer gering. Doch Kinder, die das Pech hatten, Missbrauch und Gewalt anheimzufallen, mussten allein damit fertigwerden und blieben am Ende oft noch als die eigentlichen Täter übrig.

2010 erstattete eine Frau Anzeige gegen einen ÖVP-Kommunalpolitiker, der sie als Mädchen vergewaltigt hatte. Zwei Jahre später wurde der Mann zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte sich an mehreren Kindern vergangen, unter ihnen Gerda, Franziska und Johanna Sillober, drei Schwestern, die in einem SOS Kinderdorf aufgewachsen waren. Die Frau des Täters hatte hier als Sekretärin gearbeitet. Anzeichen auf sexuellen Missbrauch gab es zuhauf. Sie wurden ignoriert, die Kinderdorf-Mutter, die dem Verdacht nachging, wurde eingeschüchtert, der Psychologe, der den Kindern zur Seite sprang, zur Kündigung gedrängt. Angezeigt wurde der Vergewaltiger schließlich von einem Opfer außerhalb des Kinderdorfs.

"Liebes, gutes Elternhaus“
Sexuelle Gewalt vertrug sich nicht mit dem Modell der heilen Familie im dörflichen Verband, das laut Hermann Gmeiner nach seinem eigenen "lieben, guten Elternhaus“, dem kleinen, von Tannen und Häusern umringten Weiler im Vorarlberger Alberschwende geraten sollte. Hier war er als sechstes von neun Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte seine Mutter früh verloren. Die Geschwister hätten danach "einfach müssen zusammenhalten“, sagte er einmal.

Es herrschte bittere Not im Tirol der späten 1940er-Jahre. Jedes zweite Schulkind hatte nicht genug zu essen. Der Krieg hatte tausende Witwen und Waisen hinterlassen. Die öffentliche Fürsorge kapitulierte vor dem Elend. In Innsbruck gründeten junge Katholiken den Verein Societas Socialis, aus dem sich Gmeiner mit SOS-Kinderdorf abspaltete. Für die aufopfernde und zölibatäre Rolle der Kinderdorf-Mütter suchte er junge Frauen vom Land, die oft Gewalt, harte Arbeit und alle Arten von Entbehrungen erfahren hatten und nach dem Krieg ohne Bräutigam dastanden. Auf fachliche Kenntnisse kam es nicht an. Die Mutterliebe sollte "ohne Umwege von Herz zu Herz“ strömen. Für Vernunft, moralische Autorität und Züchtigung, die bis in die 1970er-Jahre gang und gäbe blieb, waren die männlichen Dorfleiter zuständig. Bereitwillig und demütig hatten die Mütter sich ihnen unterzuordnen, erst dann "sind wir eine echte große Familie, sonst sind wir es nicht“, fand Gmeiner.

SOS-Kinderdorf machte vieles besser als staatliche und kirchliche Heime, in denen Erzieher aus der NS-Zeit sich weiter austoben durften. Man betrachtete sozial benachteiligte Kinder hier nicht als minderwertig, böse oder gefährlich, sondern achtete sie als eigene Persönlichkeiten. Geschwister wurden nicht voneinander getrennt. Bis 14 wuchsen Buben und Mädchen gemeinsam auf. Man sorgte dafür, dass sie sich dem örtlichen Geschehen anschlossen, öffentliche Schulen besuchten und eine Ausbildung erhielten. Im Sommer fuhren die Kinder ins Ferienlager am Caldonazzosee, der 20 Kilometer vor Trient liegt.

Doch die patriarchal-autoritäre Geschlechterordnung begünstigte sowohl Übergriffe als auch deren Vertuschung. Als ein Dorfleiter in Osttirol wegen finanzieller Ungereimtheiten gehen musste, packten Kinder aus. An 25 Buben und Mädchen im Alter von zwölf bis 16 Jahren hatte sich der Mann massiv vergangen, auch in Caldonazzo, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Der Skandal wurde ad acta gelegt, weil, wie Schreiber meint, SOS-Kinderdorf nicht bereit war, "Auswahl, Machtfülle und Auswahl der Dorfleiter zu hinterfragen“. Das war 1964.

Sexuelle Übergriffe durften nicht sein, und wenn sie passierten, büßten dafür in der Regel die Opfer. So wie Dorothea Wiesinger, die als Kleinkind in einem SOS-Kinderdorf einem perversen Sprachtherapeuten in die Hände gefallen war. Ihre Kinderdorf-Mutter übersah ihre blutig rote Strumpfhose, mit der sie aus seinem Behandlungszimmer wankte. Mit 13 versuchte ein Hausbruder, das Mädchen zu vergewaltigen. 40 Jahre später erzählte Wiesinger der Polizei, die Mutter habe ihn dabei erwischt und sei mit einem Nervenzusammenbruch ins Spital gebracht worden. Danach gingen die Vergewaltigungen weiter, bis sie 15 war und an Primarius Franz Wurst überwiesen wurde, der 2002 wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Patienten zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden war. Was sie dort erlebte, wollte sie dem Studienautor Schreiber nicht erzählen. Erst vor zwei Jahren zeigte Wiesinger die Taten an. Zu spät. Sie waren verjährt, ihr Peiniger und die Kinderdorf-Mutter bereits tot.

Die Experten spielten bei der Beschuldigung der Opfer mit. 1967 zog die 15-jährige Magdalena Köhler ins SOS-Kinderdorf nach Innsbruck. Das Mädchen war in der Nähe des Kinderdorfs Hinterbrühl vergewaltigt worden. In ihrer neuen Umgebung in Tirol reagierte sie aufmüpfig. Bald war sie ein Fall für eine "Begutachtung“. Im Süden des Landes war dafür die Heilpädagogin Maria Nowak-Vogl zuständig. Sechs Wochen lang wurde die pubertierende Jugendliche auf ihrer Station mit Triebhemmern gedämpft. Entlassen wurde sie mit dem Befund, sie sei pathologisch, schizoid und erblich belastet, lasse sich unter Aufsicht "gut führen“, doch wenn "die Minderjährige an einer Spielhöhle vorbeikommt, versucht sie mit den herumlungernden Burschen ins Gespräch zu kommen […].“ Das Jugendamt führte das Mädchen fortan als "sittlich schwerstens verwahrlost“. Aus dem Vergewaltigungsopfer war ein ehrloses Frauenzimmer geworden.

Anfang der 1960er-Jahre richtete SOS-Kinderdorf in der niederösterreichischen Hinterbrühl eine eigene Station ein. Im sogenannten Bienenhaus waltete Hans Asperger, Chef der Wiener Uni-Kinderklinik, den der Wissenschaftsskeptiker Gmeiner persönlich kennen und schätzen gelernt hatte. Asperger oblag es, zu entscheiden, wer "kinderdorffähig“ war. Kinder, die er als "hochgradig abnormal“, "grenzdebil“, "nicht funktionierend“ oder "zu stark milieugeschädigt“ abstempelte, mussten in "straff geführte“ Erziehungsheime und Sonderschulen übersiedeln. "Einige Mütter kämpften darum, dass die Kinder nicht aus der Familie gerissen werden“, sagt Schreiber. Manchmal mit Erfolg.

Die zweite Generation der Kinderdorf-Mütter war besser entlohnt und ausgebildet. In den 1970er-Jahren begehrten die ersten Vertreterinnen der jüngeren Generation gegen die patriarchale Bevormundung auf. Doch Gmeiner, der Frauen in den höchsten Tönen pries, solange sie seinen katholisch-konservativen Vorstellungen entsprachen, ließ Widerspruch nicht zu. Er beharrte darauf, dass sie nicht durch Ehegatten von ihrer Bestimmung abgelenkt würden. Ein Kinderdorf, in dem "keiner mehr oben steht, der etwas zu sagen hat, wenn nur 30 Männer da herumschwirren, die eine Frau haben und im übrigen aber nichts tun in diesem Kinderdorf […], was ist denn das? Anarchie!“, hatte er sich 1964 beim Müttertag in der Hinterbrühl erbost.

Nach außen schien das SOS-Kinderdorf mit der Zeit zu gehen. Man zog Experten zu Rate, stellte Dorfpsychologen an. Doch die gesellschaftliche Modernisierung im Gefolge der 1968er-Bewegung rauschte am Gmeiner’schen Gründerwerk vorbei. Man hielt sich fern von wissenschaftsorientierter Sozialpädagogik und blieb - so Schreiber - "anfällig für gewaltförmige Erziehungsstrukturen“. Das änderte sich erst in den 1990er-Jahren allmählich. Eheleute und Väter zogen in die Kinderdörfer ein. Schreiber sagt, er habe mit seinem Buch einen Stein ins Rollen bringen wollen. Nun hoffe man, dass sich weitere Opfer ermutigt fühlen, über ihre Erlebnisse zu sprechen, so die Pädagogik-Leiterin Hauser.

Horst Schreiber: Dem Schweigen verpflichtet. Erfahrungen mit SOS-Kinderdorf. Studienverlag 2014. 240 Seiten.