Österreich

SPÖ-Chef Andreas Babler: Comebacktour im Gegenwind

Brandreden im Eilzugstempo, heiße Herzen, gewittrige Grillfeste, Einspruch von Parteifreunden, zaghafte Beitritte beim „Langen im schwarzen Leiberl“: Der Start der Sommerreise von Andreas Babler verläuft so holprig wie seine Kür zum SPÖ-Parteichef. Szenen der roten Tour.

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Baumarkt neben Autobahnauffahrt neben Möbelmarkt neben Supermarkt, ein gesichtsloses Einkaufszentrum, sechs Kilometer von Innsbruck entfernt. Der Asphalt auf dem Riesenparkplatz glüht, einige Dutzend Neugierige drücken sich in den Schatten, unter einem kleinen roten Sonnendach verteilt die SPÖ-Tirol Äpfel und kühle Getränke – ein Zwischenstopp der „Comeback-Tour“ von Andreas Babler, die etappenweise so improvisiert wirkt wie bei einer Kleinpartei: An ein Mikrofon hat hier offenbar niemand gedacht, an ein Podest auch nicht. Andreas Babler überlegt, stellt sich kurz entschlossen auf eine Apfelkiste und beginnt zu donnern: gegen die „Abrissbirne“ Schwarz-Blau, gegen Milizsoldaten als Aushilfslehrer („respektlos gegenüber unseren Kindern“), gegen Teuerung. Schlussappell der ungeordneten, aber leidenschaftlich vorgetragenen Mini-Rede: „Tretet’s der SPÖ bei. Beim Lukas, dem Langen im schwarzen Leiberl, könnt ihr euch eintragen.“

Vorerst interessiert die Menschen eher die Diskussion mit Babler. Der neue Parteichef herzt, umarmt – und debattiert. „Wie soll sich das ausgehen, wenn die Leute weniger arbeiten?“, will ein Mann wissen. Babler textet ihn mit Statistiken über Arbeitsproduktivität zu. Ein anderer, der Arbeitskräftemangel als Argument gegen die 32-Stunden-Woche anführt, bekommt ein schnoddriges „Du bist der, der von der Wirtschaftskammer da ist“ als Antwort. Der Mann schaut verdutzt, er ist Arbeiterbetriebsrat. Freut sich aber trotzdem, dass „neuer Schwung in die SPÖ“ kommt. Vier Menschen lassen sich auf dem Parkplatz als neue Parteimitglieder registrieren, 15.000 sind mit Bablers Kür beigetreten. Es ist die erste Beitrittswelle seit Jahrzehnten.

Parteifreunde und Querköpfe

Um den Titel „Genosse Querkopf“ rittern mehrere SPÖ-Landesparteichefs, die Kür zum verhaltensoriginellsten Roten ist Georg Dornauer aber nicht zu nehmen. Der Tiroler Parteirebell hat schon ein Waffenverbot kassiert, weil er am Weg zu Querredner-Kumpel Hans Peter Doskozil sein Jagdgewehr bei offenem Fenster im Porsche am Flughafenparkplatz ließ; er hat nach Bruhaha-Herrenwitzen über eine Grün-Politikerin in der „Horizontalen“ einen Protest der SPÖ-Frauen entfacht. Derzeit sorgt Beau Dornauer mit Fotos – hingefläzt auf einer Couch, knutschend am Strand mit seiner Flamme, einer Politikerin der italienischen Postfaschisten – für Aufregung. Und scheint sie zu genießen, genau wie seine lauten Einsprüche: Schon Pamela Rendi-Wagner bekam von ihm Dauerkontra, nun legte Dornauer vehementen Protest gegen Bablers softeren Migrationskurs und die 32-Stunden-Woche ein. Echte Parteifreundschaft eben.

Hautnah zu besichtigen in der Innsbrucker SPÖ-Zentrale bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von Dornauer und Babler: „Wir haben ein sehr lockeres Verhältnis miteinander“, versichert Babler. „Wir sind grundsätzlich lockere Typen“, grinst Dornauer. Bei seinen Einwänden gegen die 32-Stunden-Woche bleibt er, Babler will das Konzept Arbeitszeitverkürzung am Parteitag im Herbst diskutieren. Und „Dornauers Privatleben nicht kommentieren“. Später wird Dornauer leutselig Bablers „Teamfähigkeit“ und „Begeisterungsfähigkeit“ loben. Aus dem zerstrittenen Haufen SPÖ eine Partei zu formen, das wird alles andere als ein Spaziergang.

Versuch einer Mitmach-Partei

Rechts geht es zum Trauungssaal, daneben in die Kellerbar, links in den großen Saal des Veranstaltungszentrums. Tourstopp in Rum, einem 10.000-Einwohner-Vorort von Innsbruck und einem der wenigen Tiroler Orte, wo die SPÖ bei den Gemeinderatswahlen im Vorjahr zulegen und sogar die absolute Mehrheit erobern konnte. Heute sind 350 Parteimitglieder zum Grillfest versammelt, eng gereiht stehen die Tische im Saal. Georg Dornauer, weißes Hemd, Krawatte, erntet höflichen Applaus, Andreas Babler, Jeans, Turnschuhe, Blauhemd, wird mit stürmischem Klatschen empfangen. Babler händeschüttelt sich durch die Reihen, lässt auch Kellnerinnen und Köche nicht aus, verbreitet Charme und Elan. Die Bühne betritt er nicht, er setzt auf Augenhöhe mit dem Publikum zur Miniaturversion seiner Brandrede vom Parteitag an, hält ein flammendes Plädoyer für die Kindergrundsicherung, wettert gegen das schwächelnde Gesundheitssystem, das Menschen „zu Bittstellern“ macht, will „Stolz und Würde“ für die SPÖ zurückgewinnen: „Weil wir wieder unser Feuer entdeckt haben.“

Die Widerspruchskaskaden spricht er offen an: „Natürlich muss ich auch in SPÖ-Landesorganisationen werben, dass wir in der Themensetzung mutiger werden. Aber: Ich fordere Debattenkultur ein. Bringt’s euch ein in eine Mitmachpartei. Ihr könnt’s mir glauben, wir gewinnen die Wahl!“ In Umfragen ist dafür kein Anzeichen zu erkennen, die SPÖ bleibt stabil auf Platz 3 hinter FPÖ und ÖVP. Die Funktionäre glauben es Babler dennoch nur zu gern. Wahlen verloren hat die SPÖ in den vergangenen Jahren genug. Sie spenden Vorschussvertrauen mit Standing Ovations – kurz bevor ein Gewitter über der Grillfest-Halle niedergeht.

Brandreden im Eilzugstempo

Gestandene Genossinnen und Genossen vermag Feuerkopf Babler verlässlich zu begeistern. Wenig Wunder: Mit heißen Herzen sind sie schon länger keinem Parteichef mehr begegnet. Babler weckt mit Formulierungen wie „Seite an Seite mit der Gewerkschaft“ Erinnerungen an Glanzzeiten der SPÖ. Ob das auch außerhalb roter Funktionärszirkel ankommt, ist fraglich – aber auf seiner Comeback-Tour trifft Babler ohnehin meist auf Überzeugte. Ein Heimspiel im Kulturzentrum am Faaker See. Schnellredner Babler hält eine seiner typischen Tour-Ansprachen: rasant im Tempo, kämpferisch im Grundton, kurz angerissene Bereiche im Zeitraffer: Erderhitzung. Bargeld. Teure Lebensmittel. Kinderarmut. Lehrermangel. Politik für Reiche. Arbeiter. Viele Schlaglichter, kein eindeutiges Thema, das im Gedächtnis bleiben würde. Den Funktionären gefällt’s trotzdem. Sie beklatschen die „Aufbruchsstimmung“, die Babler mit der wilden Frische des Neuen beschwört. Und lachen über seine Selbstironie: „Rechenkurse werden wir als SPÖ nach dem komischen Parteitag eher keine anbieten.“

Der hemdsärmelige Parteichef ist mehr als nahbar, legt Hände auf Schultern, umarmt, duzt, lässt sich auf Diskussionen ein. „Warum hast du von vornherein die ÖVP als Koalitionspartner ausgeschlossen?“, fragt ein Bürgermeister. „Ich zahle auch Lehrgeld, weil ich ehrlich antworte. Das schreiben die Medien dann verkürzt. Mir ist es relativ wurscht, mit wem wir dereinst koalieren“, sagt Babler. Später wird er in einem Ö1-Radio-Interview das Nein zur ÖVP weiter relativieren. Die ÖVP weidet das genüsslich aus.

Alle 94 Bezirke Österreichs will Babler auf dieser Tour besuchen, die Funktionäre kennenlernen, aber auch „in die Breite kommen“. In Niederösterreich macht die Tour am Frequency Festival Station. Babler wird dort im Wohnwagen schlafen.

Stolperstart mit Unruheherden

Draußen vor der SPÖ-Parteizentrale werden am Klagenfurter Kirtag Bierkrüge, Bücher und Ramsch verkauft, drinnen begrüßt ein „Willkommen Andi“-Leuchttaferl den Parteichef. Babler kommt in seiner Pressekonferenz-Uniform, blauer Anzug, weißes Hemd, und will im Trio mit Landeshauptmann Peter Kaiser und Landesrätin Gaby Schaunig über Kinderarmut sprechen. Bloß: Das interessiert keinen der Journalisten. „Ihr ehemaliger Kontrahent Landeshauptmann Hans Peter Doskozil wird bei den Comeback-Terminen im Burgenland nicht dabei sein. Wie kommentieren Sie das“, dreht sich die erste Frage darum, wie tief das Zerwürfnis mit Doskozil ist. Die zweite Frage genauso, die dritte und die vierte auch. Babler wird missmutiger, steckt die Hände in die Hosentaschen, versucht den Dauerunruheherd im Burgenland zum „hochgespielten Sommertheater“ kleinzureden, stößt immer wieder ein „Ich bin vom Typus her nicht jemand, der bei solchen Spielen mitspielt“ hervor.

Sein Start als Parteichef verlief ähnlich holprig und pannenreich wie die Kür am Parteitag: Bocken aus dem Burgenland, Unstimmigkeiten mit Tirol, selbst aus der Babler-Fanbase Wien kam Einspruch gegen die Direktwahl, allgemeine Skepsis gegen Tempo 100. Nur Kärntens Peter Kaiser, stets Ruhepol in SPÖ-Turbulenzen, freut sich unverdrossen, „dass mit Babler endlich wieder über Inhalte debattiert wird“ und es die SPÖ schafft, Themenführerschaft zu erlangen. Am nächsten Tag wird in den Zeitungen stehen: „SPÖ stolpert in die Comeback-Tour.“

Kontaktprobleme im Strandbad

Knallblauer Himmel über dem gleißenden Faaker See, umrahmt von imposanten Bergkulissen: eine Landschaft wie aus einer Kitschpostkartenidylle. Ausgelassenes Kinderquietschen auf der Rutsche, Stand-Up-Paddler im Wasser, Sonnenanbeter dicht an dicht am Ufer, fast ungetrübte Sommer-Sonne-Ferienstimmung. Nur das „Wegen Hochwasser betreten verboten“-Schild am abgesperrten Holzbadesteg erinnert hier im Strandbad Drobollach, 40 Kilometer von Klagenfurt, daran, dass Kärnten kurz davor durch Infernos aus Unwettern, Murenabgängen und Überschwemmungen als Katastrophengebiet Schlagzeilen gemacht hat.

Jetzt will sich niemand der Badegäste stören lassen, auch nicht von Andreas Babler, der etwas verloren auf der Strandwiese herumsteht. Eigentlich wollte er hier in Drobollach, einem der raren Plätze an Kärntens Seen, die nicht von Villen oder Hotels verbaut sind, sondern ein städtisches Gratisbad bieten, darüber reden, wie wichtig freier Seenzugang ist. Aber die Menschen in Bikinis und Badehosen zeigen sich irritiert vom Überfall der drei Fernsehkameras und vier Fotografen um Babler und drehen sich flugs weg. Selbst die Kontaktmaschine Babler findet keinen Zugang. Nur Kinder reißen sich um das Gratiseis. Dann kommt doch eine Frau auf Babler zu, sagt „Thank you“ für das Eis. „From where you come“ fragt Babler. „Italien“, die Antwort auf Deutsch.

Im Bad-Café finden sich doch noch vereinzelte Gesprächspartner. 30 Minuten im Bad, sechs Kurzdialoge, vier Selfies. Ein Selbstläufer ist die Tour nicht. Beim Kontakt mit den Menschen scheint die SPÖ aus der Übung.

Gackern am Trachtenfest

St. Andrä im Lavanttal. Holzspäne auf der Wiese, Baumstämme als Sitzbänke, die Alpendudler bieten Blasmusik, es wird angestoßen, gegrillt, hohe Lederhosen- und Dirndlkleiddichte, mittendrin ein Riesenholzgockel: Das „Gackerfest“, ein Fest des Grillhuhns, ist ein Höhepunkt im Kärntner Volksfestkalender. Andreas Babler ist hier ein Adabei, vor ihm führen der lokale Raiffeisen-Direktor, die Bundesratspräsidentin, der Hendlproduzent, Standler Yussuf im grünen Trachtenjopperl und der Pfarrer das Wort. 21 Menschen stehen auf der Bühne, nur Babler und der Mann von der Wirtschaftskammer nicht in Tracht, beim „Vaterunser“ murmelt nur Babler nicht mit. Als „Häuptling der Roten, Obmann der Sozialisten“ begrüßt ihn der Moderator und fragt, ob er die „Friedenspfeife“ mit seiner Partei rauchen wolle. Babler, nie auf den Mund gefallen, kontert damit, dass er „Glut entfachen“ will. Und bringt auf ländlichem Terrain eine rote Botschaft unter: „Toll, dass das Festl bei freiem Eintritt ist.“

Aus dem geplanten Rundgang am Volksfest wird nichts, Babler bleibt auf der Bühne, dicht umringt von Fans, die sich für ein Selfie oder eine Begrüßung anstellen. „Wir sind mit dir am richtigen Weg“, klopft ihm ein Mann auf die Schulter. „Das ist einer von uns. Der weiß, worum es geht“, freut sich ein anderer. Die Gratulanten drängen sich um ihn, lauter freundliche Worte – gemosert wird nur mit weitem Abstand: „Das gibt’s ja nicht, der Kommunist auf unserem Fest.“

Solche Kontrastimmen hört Babler nicht. Er ist umgeben von Wohlmeinenden und widmet ihnen viel Zeit. Ein Politiker wie Jörg Haider hätte das ganze Festgelände abgeklappert und tausend Hände geschüttelt, Babler bleibt eine Stunde lang auf dem Platz und lässt sich auf ausführliche Gespräche ein. Bis der Moderator sagt: „Es ist ein Griss um den Bundesparteiobmann, aber wir brauchen die Bühne frei für die nächste Show.“ Auftritt des regierenden „Mr. Universe“. Der Bodybuilder stemmt junge Frauen, singt und tanzt, und viele singen mit: „Dann kommt plötzlich der Sommerwind“.

Johanna Cesar ist langjährige SPÖ-Gemeinderätin im Nachbarort Wolfsberg und von Bablers Auftritt begeistert: „Ich bin ein Fan. Er stellt die SPÖ dar und ist so authentisch.“ Geseufzter Zusatz: „Ich hoffe, dass die Partei mit ihm nicht so verfährt wie mit der Rendi-Wagner.“

Eva   Linsinger

Eva Linsinger

Innenpolitik-Ressortleitung, stellvertretende Chefredakteurin