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09/27/2020

Staberl gestorben: Richard Nimmerrichters letztes profil-Interview zu Corona, Kurz und Haider

Er war 37 Jahre lang maßgebliche Meinungsmacht und mediales Feindbild eines liberalen Österreich: Der frühere "Krone"-Kolumnist Richard Nimmerrichter, alias "Staberl", wird demnächst 100 und spricht über Corona, Kurz, Haider, Strache und natürlich über das Alter.

von Herbert Lackner

Dieser Artikel erschien im profil Nr. 40 / 2020 vom 27.09.2020.


profil: Herr Nimmerrichter, die logische erste Frage anlässlich eines bevorstehenden 100. Geburtstags: Wie geht's Ihnen?

Nimmerrichter: Besser als aufgrund meines Alters zu erwarten wäre.

profil: Tut Ihnen nichts weh?

Nimmerrichter: Nein, ich habe nach Ansicht der Ärzte auch kein ernsthaftes Leiden. Aber natürlich spürt man das Alter.

profil: Ich war noch nie 100: Was spürt man da?

Nimmerrichter: Na ja, ab und zu einen kleinen Schwindel. In der Wohnung hab ich den nicht, nur wenn ich rausgehe. Und Namen merke ich mir heute schwerer als früher.

profil: Sie leben allein. Wie versorgen Sie sich?

Nimmerrichter: Ich geh einmal in der Woche einkaufen. An der Autobuslinie 35 gibt es drei Supermärkte. Ich fahr einfach vier Stationen, der Bus bleibt direkt vor dem Supermarkt stehen. Kochen tu ich selten, weil ich immer fauler werde. Ich esse meistens kalt.

profil: Fürchten Sie sich vor Covid?

Nimmerrichter: Ich geh ja ohnehin nicht hinaus, außer zum Einkaufen. Ich lebe seit dem 10. März hier in meiner Wohnung völlig isoliert, bei schönem Wetter bin ich meist auf der Terrasse. Aber mit 100 muss man keine Angst mehr haben. Das Alleinsein macht mir nichts aus, ich würde nie da hinunter zu einem Heurigen gehen.

profil: Also doch Angst.

Nimmerrichter: Nein, aber wenn ich schon seit sechs Monaten in Isolation lebe, will ich das nicht wegen eines Heurigenbesuchs aufs Spiel setzen. Die Krankheit Covid ist ja entsetzlich: Ein scheinbar nicht Erkrankter kann Dutzende Leute anstecken.

profil: Haben Sie hier wenigstens Internet?

Nimmerrichter: Nein, ich bin völlig out. Ich habe auch kein Handy - übrigens ein sehr absurdes Wort. Ich verfolge die aktuellen Ereignisse hauptsächlich über den Teletext.

profil: Genügt Ihnen das?

Nimmerrichter: Es genügt mir, um zu wissen, dass sich die diversen Würdenträger ebenso wenig auskennen wie die ganz gewöhnlichen Staatsbürger. Der Vorteil ist: Der Teletext kann wegen des geringen Platzes, den man dort für den Text zur Verfügung hat, nicht manipulieren.

profil: Große Koalitionen hielten Sie in Ihrer aktiven Zeit als Journalist immer für das größte Übel. Wie gefällt Ihnen Türkis-Grün?

Nimmerrichter: Die jetzige Regierung ist für mich noch die am wenigsten unfähige der letzten Jahre. Wobei mir die Grünen etwas suspekt sind. Ich hab die Grünen früher immer für verkappte Bolschewiken gehalten.

profil: Sehen Sie das immer noch so?

Nimmerrichter: Na ja, man wird im Alter milder. Aber mir wäre lieber gewesen, wenn Kurz die Koalition mit der FPÖ fortgesetzt hätte, allerdings mit Norbert Hofer. In der FPÖ haben ja leider die Kapplstudenten das Sagen, diese Burschenschafter. Das sind Spätpubertäre. Aber wenn man die Kapplstudenten und die Deutschtümler von der FPÖ wegnimmt, bleibt halt wenig über.

profil: Sebastian Kurz gefällt Ihnen schon?

Nimmerrichter: Sagen wir so: noch am ehesten. Es könnte schlimmer sein.

profil: Wen werden Sie in Wien wählen?

Nimmerrichter: Ich würde am liebsten einen wählen, der leider nicht mehr in der Politik ist, den Michael Häupl. Vom jetzigen Bürgermeister hab ich mir noch kein Bild gemacht, der ist für mich noch farblos.

profil: Sie kommen ja aus einer sozialdemokratischen Familie

Nimmerrichter: aus dem tiefroten Favoriten. Mein Vater war sogar Schutzbündler. Ich habe ja auch viele Jahre bei der "Welt am Montag" gearbeitet, die im SPÖ-Verlag an der Rechten Wienzeile erschienen ist, am Beginn als Sportjournalist. Die schlimmsten zwei Jahre meines Journalistendaseins waren die als Chefredakteur der "Weltpresse", die im selben Verlag erschienen ist. Ich bin für einen solchen Posten völlig ungeeignet. Ich kann Leute nicht führen, hab auch nie den Ehrgeiz dazu gehabt.

profil: Als Kolumnenschreiber bei der "Kronen Zeitung" waren Sie dann erfolgreicher und hatten eine glühende Fangemeinde. In einem Leserinnenbrief hieß es: "Mein innigst geliebter Staberl/oft gehört dir eins übers Schnaberl./Aber du bringst deine Sachen so nett,/dass ich dir lieber ein Busserl geben tät." Fehlen Ihnen solche Süßigkeiten in der Pension?

Nimmerrichter: Nein, das fehlt mir überhaupt nicht. Solche Verehrungen haben mir nie gefallen. Am öftesten bin ich übrigens angesprochen worden, wenn ich in meiner Wohnung in Pörtschach war: "Mei, san Sie lei der Staberl?" Ich hab gesagt: "Na fix noch einmal, ana muass es ja sein!"

profil: Hat Ihnen besser gefallen, wenn Leute wie ich geschrieben haben: "Dieser entsetzliche Staberl "? Sie haben ja heftige Sachen losgelassen. Etwa das: "Die Feministinnen haben irgendwann die Überfuhr verpasst."

Nimmerrichter: Aber mir sind auch völlig zu Unrecht Zitate unterstellt worden. Es hieß, ich hätte geschrieben: "Die einzige Frauenbewegung, die ich anerkenne, findet im Bett statt." Aber das war ein Zitat eines Berliner Originals der Jahrhundertwende, es war nicht von mir.

profil: Es hat ihnen jedenfalls so gefallen, dass Sie es in Ihrer Kolumne wiederholt zitiert haben.

Nimmerrichter: (lacht) Es hat mir gefallen, weil ich schon immer etwas für sprachlich ausgefeilte Zitate übrighatte.

profil: Zimperlich waren Sie auch selbst nie. Staberl über afrikanische Staaten: "Die locken laufend einen neuen Präsidenten aus dem Busch, dem sie unter Narkose die Schuhe anziehen." Dagegen ist Herbert Kickl ja geradezu feinsinnig.

Nimmerrichter: Ist auch nicht ganz von mir. Diese Formulierung hat ein guter Freund ersonnen, der leider auch schon gestorben ist.

profil: Verwenden Sie eigentlich noch das Wort "Neger"?

Nimmerrichter: Wem ist diese Sache wieder eingefallen, dass man nicht Neger sagen darf! Ich habe erst kürzlich noch einmal die Rede von Martin Luther King an der Rochester University im Fernsehen gesehen. Der Titel seines Vortrags lautete "About the economic situation of the American negro."

profil: Damals hat man das noch gesagt.

Nimmerrichter: Heute darf man komischerweise auch nicht mehr Eskimo sagen, die heißen jetzt Inuit. Und zu Einbrechern sagt man wahrscheinlich Umverteiler. Aber Indianer darf man vorläufig noch sagen, glaube ich.

profil: In den USA nennt man sie "Native Americans". Halten Sie sich an eine dieser Regeln?

Nimmerrichter: Ich komme ja Gott sei Dank nicht mehr in die Situation, mich zwischen verschiedenen Begriffen entscheiden zu müssen. Aber Neger halte ich nach wie vor nicht für beleidigend. Nigger schon - das sagte auch damals kein halbwegs anständiger Mensch.

profil: Sie haben sich trotz Ihrer familiären Traditionen später recht radikal von der SPÖ abgewendet. Gab es da einen Anlass?

Nimmerrichter: Es waren die Erfahrungen im SPÖ-Verlag. Dort waren lauter Nichtskönner am Werk. Nicht unter den Journalisten, sondern unter den Verlagsleuten. Die waren verdienstvolle Spanienkämpfer oder Helden des 12. Februar 1934, aber keine Verlagsmanager. Einmal hab ich einen Artikel über eine völlig heruntergekommene Wellblechhüttensiedlung beim Lusthaus im Prater geschrieben. Da ist der damalige Finanzstadtrat Felix Slavik, später wurde er Bürgermeister, gerade im Haus gewesen und hat gewettert: "San Sie deppert, des können S'doch net schreiben!" Sag ich: "Diese Siedlung ist doch eine Schande für Wien!" Sagt er: "Ist mir scheißegal, des san unsere Wähler!" Daraufhin hab ich meine Abfertigung genommen und bin gegangen.

profil: Zum "Express" (eine linksliberale Boulevardzeitung, die 1971 in die "Kronen Zeitung" überging, Anm.)

Nimmerrichter: Ich hatte dort einmal in der Woche ein Feuilleton. Vor mir hat das der Johannes Mario Simmel geschrieben. Simmel war ein etwas unsicherer Mensch. Dann hat er gekündigt und ist nach München gegangen. Als wir ihn gefragt haben, was er dort machen will, hat er gesagt: "Ich werde in München einen Bestseller schreiben." Es sind dann 27 Bestseller geworden. Aber Feuilleton ist für das, was ich geschrieben habe, ein zu großes Wort. Feuilletons hat der Stefan Zweig geschrieben. Er und drei andere waren die Lieblingsschreiber meiner Jünglingsjahre: Stefan Zweig, Joseph Roth, Alfred Polgar und Alexander Roda Roda. Alle vier haben etwas gemeinsam: Sie waren Juden. So viel zu meinem angeblichen Antisemitismus, der mir einmal unterstellt wurde.

profil: Ab 1964 haben Sie dann bei der "Krone" geschrieben - gewinnbeteiligt.

Nimmerrichter: Als ich hingekommen bin, waren wir neun Leute. Als ich 2001 in Pension gegangen bin, waren wir 600.

profil: In Ihrer Zeit als Journalist fiel die gesamte Ära Kreisky. Wie sind Sie mit dem ausgekommen?

Nimmerrichter: Sehr gut. Ich war bei ihm in der Sauna, er war bei mir in der Sauna, wir waren auch einmal am Muckenkogel Ski fahren.

profil: Politisch haben Sie ja nicht wirklich zusammengepasst. Diesbezüglich hat Ihnen dann Jörg Haider ganz offenkundig weit besser gefallen.

Nimmerrichter: Haider war ein angenehmer Gesprächspartner. Vieles an ihm war natürlich auch nur Mache, etwa wenn er sich je nach Auditorium bekleidet hat. Aber er war ein Profi.

profil: Strache könnte Ihnen auch gefallen.

Nimmerrichter: Nein! Der ist ein reiner Demagoge. Wenn mir so etwas passiert wie ihm in Ibiza, verkrieche ich mich ins letzte Loch. Und der hat die Stirn, dass er bei der Wahl kandidiert! Den Strache mochte ich nie. Ich habe ihm auch nicht verziehen, dass er sich für das Rauchen in Lokalen eingesetzt hat.

profil: Sie sind ja als militanter Nichtraucher bekannt.

Nimmerrichter: Ich hab schon gegen Rauchen durch Brüllen protestiert, als ich noch gar nicht reden konnte, hat mir meine Mutter einmal erzählt. Die ist mit 91 gestorben. Mir ekelt vor nichts mehr als vor Zigarettenrauch - Affenscheiße inbegriffen.

profil: Wenn man 100 ist, sind meist alle Freunde und Verwandten schon tot. Man verliert viele Menschen auf einem so langen Lebensweg. Ist das nicht sehr schmerzvoll?

Nimmerrichter: Stimmt, ich kenne niemanden, der so alt ist wie ich. Ich habe überhaupt noch nie einen 100-Jährigen gekannt. Kürzlich habe ich ein von mir geschriebenes Telefonregister durchgeblättert. Mehr als die Hälfte der Leute darin sind schon gestorben. Unlängst ist wieder ein alter Freund gestorben, der Skifabrikant Pepi Fischer.

profil: Er war 91.

Nimmerrichter: Immerhin fast zehn Jahre jünger als ich. Auf das Alter kommt es nicht an. Es gibt 80-jährige Volltrottel, und es gibt 16-jährige Volltrottel.

profil: Sie haben mit 90 kurz noch einmal eine Sonntagskolumne in der "Krone" geschrieben. Warum ist es bei wenigen Artikeln geblieben?

Nimmerrichter: Das war dann nicht mehr das Richtige. Man überschätzt ja den einzelnen Journalisten. Ich habe schon seinerzeit zum "Krone"-Mitbesitzer Kurt Falk gesagt: Wenn ich einmal aufhör, wird die "Krone" keinen einzigen Leser verlieren. Und das hat dann auch gestimmt.

profil: Kennen Sie so etwas wie Einsamkeit?

Nimmerrichter: Ich habe gehört, unsere Regierung will jetzt in der Corona-Zeit der Alterseinsamkeit entgegentreten. Ich sag's gleich: Ich brauch das nicht. Ich bin ein Meister der Einsamkeit. Ich bin seit 10. März in dieser Wohnung, und ich genieße es. Sie wissen ja, dass ich verheiratet war.

profil: Wie oft?

Nimmerrichter: Viermal. Das hat sich nicht besonders bewährt. Ich war wahrscheinlich nicht sehr geeignet für die Ehe. Meine dritte Frau, die Monika, ist übrigens mit meinem Bankdirektor durchgegangen.

profil: Können Sie sich vorstellen jetzt noch mit einer Frau zusammenzuleben?

Nimmerrichter: Ich kann mir keine Frage vorstellen, die ich schlüssiger beantworten könnte: Nein! Ich will allein sein, wie die alte Greta Garbo.

profil: Am Ende noch eine weitere unvermeidliche Frage: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nimmerrichter: Überhaupt nicht! Ich habe keine Wehwehchen, ich kann normal schlafen, aber ich betrachte mein Leben als vollendet. Was jetzt noch kommt, ist Zugabe.

Herbert Lackner, bis 2015 "profil"-Chefredakteur, traf Richard Nimmerrichter vergangene Woche in seiner Wohnung in Wien-Neustift, wo der demnächst 100-Jährige eigenhändig Kaffee kochte und Fruchtsaft servierte. Nimmerrichters oft aggressive und manchmal untergriffige "Staberl"-Kolumnen in der "Krone" waren für Lackner immer wieder ein Thema. 2006 führte er mit Nimmerrichter ein profil-Sommergespräch. Die vorwöchige Begegnung empfand er als "interessant und angenehm", Nimmerrichter erschien ihm "ein wenig altersmilde". "Außerdem: Wie oft hat man schon Gelegenheit, mit einem voll erinnerungsfähigen 100-Jährigen ausführlich zu sprechen?"

Richard Nimmerrichter, geboren 1920 in einer Arbeiterfamilie in Wien-Favoriten, war 37 Jahre lang als Starkolumnist das Gesicht der "Kronen Zeitung". Seine Karriere begann er 1946 nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bei der Nachrichtenagentur "United Press".Danach wechselte er zur "Welt am Montag",einem Blatt im Besitz der SPÖ, bei dem er später auch Chefredakteur wurde. Nach Zwischenspielen bei der "Weltpresse" und beim "Express" kam Nimmerrichter 1964 zur "Kronen Zeitung".In seiner täglich erscheinenden Kolumne ging es meist gegen Linke, gegen Feministinnen, gegen die UNO oder ganz allgemein gegen "die da oben".In einem großen profil-Porträt nannte ihn Sigrid Löffler 1974 "Hausmasters Voice". 2001 ging Richard Nimmerrichter in Pension. Er lebt seit vielen Jahren in Wien-Neustift, im Dezember feiert er seinen 100. Geburtstag.