"SZ"-Reporter über Ibiza-Video: "Strache ist sitzen geblieben"

Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, Investigativ-Reporter der „Süddeutschen Zeitung“, haben das Ibiza-Video veröffentlicht, Österreich damit ins innenpolitische Chaos gestürzt und darüber nun ein Buch geschrieben. Im profil-Interview sprechen sie nicht nur über eine nervenaufreibende Recherche – sie rücken vor allem Straches Legende zurecht, er habe sich in Ibiza eh nur ein bisserl danebenbenommen.

Wolfgang Fellner dürfte keine Freude haben, wenn er liest, dass Heinz-Christian Strache ihn einen „Schneebrunzer“ nennt – wobei, vielleicht nimmt er es auch als Kompliment, bei Fellner weiß man nie. „Krone“-Kolumnist Tassilo Wallentin? „Ein Arsch.“ Straches Auslassungen vor versteckter Kamera im Juli 2017 in Ibiza gehören zu den wenigen erheiternden Passagen eines Buches, in welchem es insgesamt nicht lustig zugeht – aber es handelt ja auch von einem der größten innenpolitischen Skandale der Zweiten Republik. Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, Investigativ-Reporter der „SZ“, haben am 17. Mai (gemeinsam mit Martin Knobbe vom „Spiegel“) das Ibiza-Video veröffentlicht und darüber nun ein Buch geschrieben, aus welchem eines klar hervorgeht. Strache und Gudenus haben an diesem Abend nicht nur mal kurz die Kontolle verloren: Sie führten fast sieben Stunden lang Verhandlungen mit einer Russin, die geben und nehmen wollte. „Es ging fast die ganze Zeit um das politische Geschäft der FPÖ und das angebliche Geld der Oligarchennichte. Wer etwa bei der FPÖ die Fäden in der Hand hat, woher Parteien ihre Spenden bekommen, und vor allem: wie man diese Frau dazu bringen kann, dass sie die ,Krone‘ kauft“, erzählt Bastian Obermayer. „Ibiza-Affäre – Innenansichten eines Skandals“ erscheint am 22. August im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

INTERVIEW: EDITH MEINHART, MICHAEL NIKBAKHSH

profil: Lassen Sie uns mit einer Feststellung beginnen. Auf dem unveröffentlichten Ibiza-Videomaterial sind keine Sex- und/oder Drogenmissbrauchsszenen zu sehen.
Bastian Obermayer: Das trifft zu. Es gibt keine sexuellen Handlungen, noch nicht mal Baggerversuche oder Anzüglichkeiten. Das Anzüglichste auf dem ganzen Band ist Herrn Straches Feststellung, dass die Oligarchennichte wohl die schönste Medieneigentümerin Österreichs werden würde – wenn sie die Krone kaufen würde. Zu Gudenus sagt Strache ja, dass er sie „schoaf“ findet. Und es ist auch niemand zu sehen, der in der Ibiza-Villa Drogen nimmt, außer Alkohol und Zigaretten.

profil: Auf dem Video sind zu keinem Zeitpunkt mehr als die bekannten fünf Personen zu sehen: die vermeintliche russische Oligarchennichte, ihr männlicher Begleiter, Heinz-Christian Strache und die Eheleute Gudenus. Trifft das zu?
Frederik Obermaier: Ja, zumindest haben wir sonst niemanden gesehen.

profil: Sie haben am 17. Mai einen rund siebenminütigen Schnitt des Videos veröffentlicht. Wie viel Ibiza-Material lag Ihnen insgesamt vor?
Bastian Obermayer: Der Besuch in der Villa dauerte rund sieben Stunden. Das uns vorliegende Material hat insgesamt etwa 20 Stunden, weil ja mehrere Kameras liefen. Es gab zunächst einen Aperitif und ein Essen auf der Terrasse, dann schlug einer der Lockvögel vor, ins Wohnzimmer zu gehen, weil draußen jemand mithören könnte. Im Wohnzimmer beginnt das eigentliche Hauptvideo, und das dauert grob vier Stunden vierzig.


Strache und Gudenus kamen immer wieder auf das Thema 'Krone' zu sprechen.

profil: Warum wurde bis heute nicht mehr gezeigt?
Bastian Obermayer: Unter anderem aus medienrechtlichen Überlegungen. Nachdem Video- und Tonaufnahmen besonderem Schutz unterliegen, haben wir uns – gemeinsam mit unseren Partnern vom „Spiegel“ – entschieden, nur die Szenen zu zeigen, die von größtmöglichem öffentlichen Interesse sind. Szenen, die wir vielleicht spannend oder bezeichnend finden, können wir damit nicht rechtfertigen. Und es gibt auch Passagen, in denen Strache und Gudenus unbestätigte Gerüchte über Dritte verbreiten. Es wäre unverantwortlich, das in die Öffentlichkeit zu ziehen.
Frederik Obermaier: Aus einer menschlichen Neugierperspektive kann ich verstehen, dass manche mehr vom Video sehen wollen. Aber mit dem, was gezeigt und auch im Rahmen unserer Berichterstattung verschriftlicht wurde, liegen meines Erachtens ohnehin viele Ansatzpunkte für Nachforschungen – etwa der Staatsanwaltschaft – auf dem Tisch. Und wir haben jetzt in dem Buch noch weitere Passagen verwendet, die weder in den bislang veröffentlichen Videosequenzen zu sehen waren, noch von uns gedruckt worden waren.
Bastian Obermayer: Wir machen das auch deswegen, weil uns im Nachgang gestört hat, dass Strache und Gudenus so tun, als hätten sie sich eh nur während der auf Video gezeigten nicht ganz sieben Minuten ein wenig danebenbenommen. Das entspricht schlicht nicht den Tatsachen. Wer unser Buch gelesen hat, weiß danach, wie der Abend verlaufen ist: Es wurde nicht nur mal kurz über die Strabag und die „Kronen-Zeitung“ geredet. Strache und Gudenus kamen immer wieder auf das Thema „Krone“ zu sprechen. Strache brachte, ohne, dass ihn irgendwer anpiekste, den Vorschlag, man könne der Strabag Staatsaufträge wegnehmen und sie dieser angeblichen Oligarchennichte geben – auch wenn er das jetzt kürzlich in einem Interview bestritten hat. Es ist nicht so, dass man ihn drücken und pressen musste, ehe er dann in seinen schwachen sieben Minuten nachgab. Es war auch kein privates Gespräch, wie das Strache später dargestellt hat. Da wurde nicht stundenlang über Kinder, Fußball oder die schönsten Plätze auf Ibiza geredet, wenn überhaupt. Es ging fast die ganze Zeit um das politische Geschäft der FPÖ und das angebliche Geld der Oligarchennichte. Wer etwa bei der FPÖ die Fäden in der Hand hat, woher Parteien ihre Spenden bekommen, und vor allem: wie man diese Frau dazu bringen kann, dass sie die „Krone“ kauft. Tatsächlich haben Strache und Gudenus fast sieben Stunden lang Verhandlungen geführt. Das stellen wir mit dem Buch klar.
Frederik Obermaier: Herr Strache selbst thematisiert in dem Gespräch, worum es geht. Es fällt auch das Wort Korruption – als Strache der Russin klarzumachen versucht, dass er gegen Korruption ist. Jedenfalls das, was wir die einfache Korruption nennen würden. Strache möchte stattdessen, dass die beiden Parteien „sich finden“, wie er das nennt. Und dann verspricht Strache doch Staatsaufträge im Austausch für Wahlkampfhilfe. Das ist, was man gemeinhin Korruption nennt. Und er bietet diese unaufgefordert an, auch kommt er immer wieder ungefragt auf das Thema zurück. Wenn Strache jetzt – wie jüngst in dem Interview mit einem russischen TV-Sender – sagt, er wäre aufgestanden und gegangen, wenn er Drogen gesehen hätte, dann ist meine Frage: Und als es um Korruption ging, ist er stundenlang sitzen geblieben – das war also kein Problem?

profil: In Ihrem Buch ist nachzulesen, dass Strache immer wieder darauf hinweist, dass bei ihm alles „sauber“ und „rechtskonform“ ablaufe. Ganz so, als wollte er sich damit selbst beruhigen.
Frederik Obermaier: Er sagt an einer Stelle, alles solle „legal“ sein, er wolle in den „Spiegel schauen“ können. Wenige Sekunden später sagt er: Wenn er und der „Joschi“ mal in Pension gingen, könnten sie ja Aufsichtsposten bei der Oligarchennichte übernehmen. Er sagt auch, dass sie ein paar „schwerreiche Jungs“ kennen, wo sie das gern ähnlich handhaben würden. Er will sich selbst glauben, dass er sauber ist – aber er will eben auch, dass die Russin bekommt, was sie will. Damit er bekommt, was er will.


Strache wollte die Russin damals für sich gewinnen und kannte kaum Grenzen.

profil: Erstaunlich genug, dass Strache gegenüber einer ihm völlig unbekannten Person derart zwanglos und teils herablassend über Dritte plaudert. Er spricht vom „Schneebrunzer“ der Boulevard-Zeitung „Österreich“, gemeint ist wohl Wolfgang Fellner, den Kolumnisten der „Kronen Zeitung“, Tassilo Wallentin, bezeichnet er als „Arsch“ und „ganz falschen Hund“. Kroatien sei in seiner Gesamtheit „Scheiße“, in Serbien hingegen sei er „ganz beliebt“. Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Željko Ražnatović, alias „Arkan“, ist für Strache ein „geiler Typ“, während Gudenus die amtierende serbische Premierministerin Ana Brnabić wörtlich eine „Lesbin“ nennt. Für Ungarns autokratischen Premier Viktor Orbán scheinen beide eine Schwäche zu haben. „Inoffiziell ist er mit uns sehr gut, weil er eigentlich die Politik macht, die wir gut finden“, sagt Gudenus an einer Stelle. Strache wiederum sinniert: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen.“ Und natürlich die leidenschaftliche Hinwendung beider zu Russland. Strache erzählt von „russischen Freunden“, „alles coole Typen, die haben ja Kohle ohne Ende – die kennen uns ja und die lieben uns.“
Frederik Obermaier: Er wollte die Russin damals für sich gewinnen und kannte kaum Grenzen. Was er jetzt macht, ist Nebelkerzen werfen. Sowohl in seinem ersten Statement uns gegenüber als auch jetzt in einem aktuellen Interview spricht er nur von einer lettischen Staatsbürgerin, die er auf Ibiza getroffen habe. Nach unserem Wissen wurde sie ihm als Nichte eines russischen Oligarchen vorgestellt – die praktischer Weise auch einen lettischen EU-Pass habe, was Investitionen einfacher mache. Aus dem Ibiza-Video wird aber glasklar, dass Strache sie im Hauptsinn für eine Russin hält und so behandelt. Er fragt sie gleich am Anfang, ob sie gerade aus Moskau komme, was sie bejaht. Dann sagt er: „We like Russia“ und erklärt, dass er schon oft in Moskau war. Er spekuliert darüber, dass die Frau wohl gute Kontakte nach Russland habe, wahrscheinlich bis hinauf zu Putin, sie wurde ihm ja als Nichte eines russischen Oligarchen vorgestellt. Straches Darstellung, sie sei ja nur eine Lettin gewesen, ist stark irreführend, ich würde sogar sagen: bewusst irreführend.

profil: Im Buch findet sich eine Passage, in welcher Strache über das österreichische Glücksspiel und die Casinos Austria redet. Er deutet mit einer Geste an, dass dem Monopolisten Casinos Austria der Hals abgeschnitten gehört. Dann sagt er: „Wir sind gegen das Monopol, dieses Monopol wollen wir aufbrechen“. „Dort, wo wir in der Privatisierung einen Vorteil sehen, wollen wir Dinge privatisieren und verkaufen als Staat. Ja, weil wir ja bestimmen, was wir verkaufen und was nicht.“ Er verspricht zudem, die Glücksspiellizenzen auszuschreiben. Und: „Wir machen ein Gesetz, wo wir geordnete Spielcasinos zulassen.“ All das ist schon allein deshalb bemerkenswert, weil das Aufbrechen des Glücksspielmonopols stets ein Herzensanliegen des Novomatic-Konzerns war.
Bastian Obermayer: Er sagt der Russin in diesem Zusammenhang auch, dass es da auch für sie eine „Möglichkeit“ gebe.

profil: Strache erzählt auch, dass er bei einem Mittagessen 2004 von „Systemvertretern“ 20 Millionen Euro geboten bekommen habe, wenn er zu einem bestimmten Thema „die Goschn hält“. Zu welchem?
Bastian Obermayer: Das ist auf dem Band nicht zu verstehen. An anderer Stelle sagt er, die 20 Millionen seien geboten worden, wenn er nicht „gegen die Regierenden“ antritt. Eine absurde Anekdote, deren Wahrheitsgehalt mich sehr interessieren würde.


Tatsache ist, dass Strache schon am Anfang des Abends problematische Dinge sagte, und da hatte er noch nicht viel getrunken.

profil: 2004 war eine schwarz-blaue Regierung an der Macht.
Bastian Obermayer: So ist es. Strache führt das als Beispiel an, dass man ihn nicht kaufen könne. Das ist ein Teil seines Mythos. Er sitzt einer Frau gegenüber, die ihn bestechen will, sie sagt es auch immer wieder. Er sagt ihr einerseits, dass er nicht käuflich sei, und bietet ihr andererseits Dinge an, die ganz klar Korruption sind. Er will ihr etwas geben, so scheint es, aber es soll offenbar in einer Form erfolgen, in der es von außen als regelkonform wahrgenommen werden kann – solange man die Vorgänge nicht kennt, die hinter den Kulissen passiert sind.
Frederik Obermaier: Strache beteuert zunächst, dass es bei ihm keine „Überpreise“ gebe. An anderer Stelle widerspricht er sich dann selbst: „Beim staatlichen Auftrag hast du das.“ Herr Strache hat also offenkundig sehr wohl verstanden, worum es bei dieser Unterhaltung ging.

profil: Haben Sie gezählt, wie viel Wodka-Red-Bull Strache an diesem Abend getrunken hat?
Frederik Obermaier: Nein. Tatsache ist, dass Strache schon am Anfang des Abends problematische Dinge sagte, und da hatte er noch nicht viel getrunken. Später am Abend wirkte er zwar etwas angeheitert, aber keinesfalls volltrunken.

profil: Ihren Schilderungen zufolge scheint Tajana Gudenus noch die Hellste an dem Abend gewesen zu sein. Sie schöpfte offenbar früh Verdacht, dass mit dem Setting etwas nicht stimmen könnte.
Bastian Obermayer: Sie hat jedenfalls deutlich ausgesprochen, dass sie sich vorstellen kann, dass hier jemand aufnimmt. Sie hat ja an den fast siebenstündigen Verhandlungen nicht teilgenommen. Sie saß da, schaute sich um und langweilte sich. Sie sagt irgendwann auch, dass sie andauernd dieselben Fragen und Antworten hört. Und an einer Stelle schaut sie direkt in die Kamera, so als hätte sie etwas entdeckt, ehe sie sich wieder abwendet.

profil: Die schauspielerische Leistung der beiden Lockvögel scheint ausdauernd gewesen zu sein. Da wurden von Strache immer wieder hartnäckig „Garantien“ eingefordert und das auch noch nach Stunden.
Bastian Obermayer: Ich würde beiden gute Noten geben.
Frederik Obermaier: Die haben nachgehakt und sind drangeblieben. Aber sie mussten dafür auch gar nicht viel tun, auf der anderen Seite sind auch Strache und Gudenus immer wieder auf die Themen zurückgekommen. Er verspricht Staatsaufträge im Gegenzug für Wahlkampfhilfe – niemand drängt ihn dazu. Es ist sein Vorschlag.

profil: Der weibliche Lockvogel scheint in der Rolle der arrogant-gelangweilten, säuerlichen Oligarchennichte aufzugehen. Als Strache mehrfach beteuert, dass alle FPÖ-Großspender „Idealisten“ seien, nennt sie ihn auf Russisch einen „totalen Idioten“, was Gudenus allerdings nicht übersetzt.
Bastian Obermayer: Sie hatte als Lockvogel und als Oligarchennichte offenbar ein klares Interesse: Sie wollte Strache dazu bringen, dass er etwas Illegales verspricht. Aber bei einem gesetzestreuen Politiker funktioniert das eben nicht. Auch nicht, wenn man unbedingt will. Jeder „normale“ Politiker würde den Tisch verlassen.

profil: Sie hatten nach einigem Insistieren auch ein persönliches Treffen mit dem weiblichen Lockvogel. Welchen Eindruck hat sie hinterlassen?
Bastian Obermayer: Ihr scheint klar gewesen zu sein, worauf sie sich da eingelassen hatte. Sie wirkte durchaus souverän.


Wir wissen nur, was Strache auf Ibiza gesagt hat. Was sich im Hintergrund abgespielt hat, wissen wir leider noch nicht. Ich hoffe, dass es aufgeklärt wird.

profil: Wir erfahren jetzt auch, dass Gudenus in dem Wohnzimmer auf Ibiza damit prahlte, dass er es gewesen war, der der vermeintlichen Oligarchennichte den Kauf der „Kronen Zeitung“ vorgeschlagen hatte.
Bastian Obermayer: Ibiza hat eine Vorgeschichte. Schon bei den ersten Treffen mit den Lockvögeln hat Gudenus überlegt, was man machen könnte, um sich gegenseitig zu helfen, und da ist ihm anscheinend die Idee mit der „Krone“ gekommen.
Frederik Obermaier: In diesen Plan hatte Gudenus Strache vermutlich eingeweiht. Gleich zu Beginn des Hauptfilms im inzwischen berühmten Wohnzimmer fragt Strache aus dem Nichts heraus: „Wie schaut’s jetzt aus bei der ‚Krone‘, was ist da der Stand der Dinge?“ Die „Krone“ ist für Strache das absolute Faszinosum. Er will dieses publizistische Sprachrohr, er sieht, dass er dadurch im Wahlkampf etwas erreichen könnte. Das baumelt die ganze Zeit wie ein fetter Schinken vor seiner Nase, er muss nur noch zubeißen. Er bringt es ja dann selber auf den Punkt, wenn er vorrechnet, dass das ein paar Prozent mehr bringen könnte. Und ein paar Prozent mehr heißt damals für ihn Vizekanzler, vielleicht, mit ein bisschen Träumerei, sogar Bundeskanzler.

profil: Der Abend ist weit fortgeschritten, als Strache anscheinend die schreckliche Idee einschießt, die Russin könnte womöglich auch heimlich mit Sebastian Kurz und Christian Kern verhandeln, schlimmstenfalls hätten die dann Zugriff auf die „Krone“. „Die werden ihr alles zusagen“, flüstert er Gudenus zu, der ihn gleich wieder beruhigt.
Bastian Obermayer: All das belegt, dass Strache und Gudenus hier nicht Opfer eines Drehbuchs wurden oder hilflos in eine raffiniert ausgelegte Falle tappten. Strache wollte einerseits nichts „Illegales“ machen, die Russin aber andererseits nicht vergraulen. Er und Gudenus überlegen vielmehr, wie sie die Russin dabehalten können. Ihr Interesse an der Sache ist in diesen Tagen und Wochen im Frühjahr und Sommer 2017 enorm.

profil: Strache brüstet sich auch mit „Freunden”, die sich um den deutschen Funke-Anteil an der „Kronen Zeitung“ kümmern würden. René Benko wird in diesem Zusammenhang zwar nicht genannt, tatsächlich hat er sich aber mittlerweile in das Funke-Engagement an der „Krone“ eingekauft.
Frederik Obermaier: Wir wissen nur, was Strache auf Ibiza gesagt hat. Was sich im Hintergrund abgespielt hat, wissen wir leider noch nicht. Ich hoffe, dass es aufgeklärt wird.

profil: Die Szenen auf Ibiza spielen im Sommer 2017. Warum blieb dieses Video annähernd zwei Jahre lang liegen?
Bastian Obermayer: Wir haben uns das auch gefragt, vor allem aber haben wir unsere Quelle gefragt. Die Antwort, die wir erhalten haben, erscheint uns in sich logisch, wir können dazu aber aus Quellenschutzgründen nichts sagen.
Frederik Obermaier: So unbefriedigend das auch ist: Es ist doch das Wichtigste, dass die Öffentlichkeit überhaupt durch das Video erfährt, was Herr Strache und Herr Gudenus an diesem Abend in Aussicht gestellt haben: einem Unternehmen mir nichts, dir nichts Staatsaufträge zu entziehen. Das alleine ist eine Smoking Gun, denn das passt nicht zu einem rechtskonform agierenden Politiker. Da muss es gar nicht zum Handschlag kommen. Strache und Gudenus sind über Stunden sitzen geblieben und haben weiterverhandelt, obwohl längst klar war, dass es hier nicht sauber zugeht.

profil: Am Anfang der Recherche stellten Sie sich die Frage, ob es sich bei dem Video womöglich um ein „russisches Kompromat“ handeln könnte. Könnte es zu erpresserischen Zwecken hergestellt worden sein?
Bastian Obermayer: Wir wollen nicht mitspekulieren. Aber uns war natürlich immer klar, dass wir als Journalisten instrumentalisiert werden könnten. Es war ja nicht so, dass wir das Material gesehen haben, uns ein High five gaben und es veröffentlichten. Wir haben über Wochen und Monate überlegt, wie wir damit umgehen sollen. Letztlich wog das öffentliche Interesse am schwersten.

profil: Die österreichischen Rechtspopulisten mit ihrer Russland-Liebe gelten als Blaupause für rechte Bewegungen quer durch Europa. Nicht lange nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos wurden Audio Files publik, die Italiens Vizepremier Matteo Salvini wegen angeblicher Gelder aus Russland in Bedrängnis bringen. Vermuten Sie einen Zusammenhang?
Frederik Obermaier: Davon wissen wir nichts. Ich halte es grundsätzlich nicht für schlecht, über das Finanzgebaren von Rechtspopulisten Bescheid zu wissen. Aber wenn in Ibiza Sozialdemokraten und Konservative gesessen wären, hätten wir genauso recherchiert und denselben Schluss gezogen wie bei einer Partei, die schon in den gefühlt 28. Skandal verwickelt ist und die man in Deutschland längst als Problempartei wahrgenommen hat. Das ist im Grunde ja more of the same: ein weiterer FPÖ-Skandal.

profil: Allerdings einer mit einer größeren politischen Dimension. Stichwort: Millionenkredite für Marine LePen aus Russland, russische Trollfabriken, die in europäische Wahlkämpfe eingreifen. Warum ging das Video so knapp vor der EU-Wahl raus?
Frederik Obermaier: Eine unserer Vorbedingungen war, dass wir nur veröffentlichen, wenn wir das Material auch in Händen halten. Das zog sich lange hin. Wir durften es zunächst nur sehen. So nervenaufreibend es war, das Video anzuschauen und zu verschriftlichen, es nur auf dieser Grundlage zu veröffentlichen, barg das Risiko, einer Fälschung aufzusitzen. Für uns war klar: Erst wenn wir es in Händen haben und unabhängig untersuchen lassen können, können wir damit guten Gewissens an die Öffentlichkeit. Andersrum: Wären wir mit unseren Recherchen schon fertig gewesen, hätten aber mit der Veröffentlichung bis nach der EU-Wahl gewartet, hätte man uns vorgeworfen, dass wir die Österreicherinnen und Österreicher der Möglichkeit beraubt haben, ihre politischen Schlüsse daraus zu ziehen. Das wäre erst recht nicht gegangen.
Bastian Obermayer: Wir haben unserer Quelle immer gesagt, wenn wir das Video haben, prüfen wir es, und erst, wenn wir uns sicher genug sind, gehen wir mit dem, was wir für wichtig halten, raus. Die Entscheidung, wann, wie viel und ob, lag zu jeder Zeit nur bei uns.


Die Aussagen, die auf Ibiza getroffen wurden, sollten eine Nation wachrütteln.

profil: Nun kam die FPÖ bei der Europawahl auf 17 Prozent, Strache bekam über 40.000 Vorzugsstimmen. Was erzählt Ihnen das über Österreich?
Bastian Obermayer: Es gibt Hardcore-FPÖ-Anhänger, die es wenig stört, dass Strache offenbar käuflich ist und einer russischen Oligarchin halb Österreich verspricht, so wie es die Hardcore-Wähler von Trump nicht stört, dass er lügt. Das muss man so zur Kenntnis nehmen.

profil: Wer zeichnet nun aller für das Video verantwortlich?
Bastian Obermayer: Sorry, Quellenschutz.

profil: Fragen müssen wir.
Bastian Obermayer: Klar, täten wir auch.

profil: Die Suche nach den Hinterleuten beschäftigte Österreich mindestens so sehr wie die Inhalte des Videos. Hat Sie das überrascht?
Frederik Obermaier: Ich kann es bis zu einem gewissen Grad verstehen. Ich finde es trotzdem gefährlich, wenn ob der Suche nach den Fallenstellern in Vergessenheit gerät, was die Herren Strache und Gudenus auf Ibiza gesagt haben. Die Aussagen, die auf Ibiza getroffen wurden, sollten eine Nation wachrütteln. Ich hätte mir erhofft, dass sich diverse Medien mehr auf die illegitimen, möglicherweise sogar illegalen Handlungen eines hochrangigen Politikers konzentrieren, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin Vizekanzler war, als sich irgendwelchen, teils hanebüchenen Spekulationen anzuschließen. Es stellt mir die Haare auf, was da zum Teil ungeprüft weiterverbreitet wurde.
Bastian Obermayer: Journalisten, die mit beiden Seiten nicht geredet hatten, verbreiteten Dinge als Fakten weiter, die weit entfernt davon entfernt waren, Fakten zu sein.

profil: Die Sicherheit der Quelle war bei den Recherchen ein wiederkehrendes Thema.
Bastian Obermayer: Ja, natürlich. In einer Zeit, in der Minister Kickl die Hoheit über den Geheimdienst hat, wäre ich auch nicht gern die Quelle. Man braucht nur an die BVT-Affäre zu denken. Deshalb hatten wir für jede Art von Paranoia Verständnis – also seltsame Umstände bei unseren Treffen, wie wir es im Buch beschreiben.
Frederik Obermaier: Diese Art des Quellenschutzes gilt aber bei allen Recherchen, wenn sie erbeten wird. Das galt und gilt bei den Panama Papers, den Paradise Papers und anderen Geschichten. Das ist journalistisches Handwerk.

profil: In diesem Fall flog die Identität des männlichen Lockvogels bereits nach wenigen Tagen auf.
Frederik Obermaier: Zu Berichten über angebliche oder tatsächliche Lockvögel äußern wir uns nicht.

profil: Der Wiener Anwalt Ramin M. hat sich kurz nach Bekanntwerden des Videos zur Urheberschaft des Videos bekannt – es handle sich beim Ibiza-Video um ein „zivilgesellschaftlich motiviertes Investigativ-Projekt“. War es das?
Bastian Obermayer: Er hat sich meines Wissens nach nicht zur Urheberschaft bekannt, sondern eine Art Verbindung erklärt, was ich aber gar nicht weiter einordnen möchte.

profil: Gudenus selbst hat die Vorgeschichte zu Ibiza öffentlich gemacht: Seiner Darstellung nach hat Ramin M. ihn mit der Russin und ihrem Begleiter zusammengebracht.
Frederik Obermaier: Es gab eine Vorgeschichte und es gab auch eine Nachgeschichte, die hat Gudenus allerdings verschwiegen. Nach Ibiza gab es mindestens zwei weitere Treffen mit dem Begleiter der angeblichen Oligarchennichte. Und das, obwohl Gudenus doch behauptete, dass ihm auf Ibiza womöglich K.-o.-Tropfen „eingeflößt“ worden seien. Aber hallo! Wenn ich vermute, dass mir jemand so was ins Getränk gemischt hat, treffe ich diese Person doch nicht noch einmal, geschweige denn zwei Mal. Gudenus aber führte die Verhandlungen nach Ibiza faktisch fort und sprach darüber, dass man eine Presseaussendung mit einem bestimmten Wortlaut verschicken wird, um der Oligarchennichte, ein Signal des guten Willens zu senden.

profil: Eine gegen Hans Peter Haselsteiner gerichtete FPÖ-Presseaussendung hat es im fraglichen Zeitraum tatsächlich gegeben.
Bastian Obermayer: Und zwar genau an dem Tag, der bei einem der Treffen ausgemacht wurde – das erwähnte Signal an die Oligarchennichte, dass die FPÖ noch bereitsteht. Es ging wie vereinbart um Haselsteiner. Auch das widerlegt das Narrativ, dass dieser eine Abend in Ibiza ein Ausrutscher war.

profil: Es hätte, lesen wir in Ihrem Buch, für Strache eine Art Exit-Strategie gegeben. Er hätte auf Ihre Anfrage vor der Veröffentlichung nur sagen müssen: „Ich wusste, dass es eine Falle war, und habe halt mitgespielt, um zu sehen, wohin das führt.“ Dann wäre die Geschichte geplatzt.
Frederik Obermaier: Schlussendlich hätte es die Geschichte wohl nur verschoben, weil der nächste Rechercheweg natürlich gewesen wäre, Herrn Strache mit seinen eigenen Standards zu konfrontieren. Er hat selbst gesagt, wenn ein Politiker Zeuge von einem Korruptionsversuch wird, muss er das melden, sonst macht er sich strafbar.
Bastian Obermayer: Wir hätten ihn also gefragt: „Haben Sie das angezeigt, wo und wann?“ Aber ja, es wäre wesentlich komplizierter geworden für uns mit dieser Antwort.

profil: Wie ging es Ihnen, als Jan Böhmermann bei der Romy-Gala einen Monat vor der Enthüllung mit Andeutungen zu Ibiza um die Ecke kam, die damals nur kaum jemand verstand?
Bastian Obermayer: Das hat nicht nur uns nervös gemacht, würde ich einmal vermuten. Wir haben uns ernsthaft Sorgen um unsere Quellen gemacht. Wir haben Böhmermann jedenfalls nicht eingeschaltet.

profil: Wem galt diese Falle eigentlich? Gudenus? Strache? Beiden?
Bastian Obermayer: Das berührt die Motivation unserer Quelle, dazu können wir nichts sagen.

profil: Kennt man das Wort Schneebrunzer in Bayern eigentlich?
Bastian Obermayer: Ich habe das vorher noch nie gehört, ich musste nachschlagen.
Frederik Obermeier: Ich habe überhaupt bei dieser Recherche auch neue österreichische Wörter gelernt.
Bastian Obermayer: Ich auch. Häfn zum Beispiel.