Tabu Abtreibung: Im toten Winkel

Tabu Abtreibung: Im toten Winkel

Die Fristenregelung wird heuer 40 Jahre alt und ist noch immer Tabu, ideologischer Sprengsatz und Anlass für erbitterte Kulturkämpfe und religiösen Fanatismus. Österreich bleibt sexualpolitisch ein Entwicklungsland; der Diskurs über den Schwangerschaftsabbruch ist in den siebziger Jahren stecken geblieben.

Montagvormittag am Wiener Mariahilfer Gürtel 37. Vor der Tür stehen zwei ältere Männer, Plakate mit Embryo-Bildern um den Hals. Der eine ist Bauer in Frühpension, der andere kann auf ein nicht vollendetes Theologiestudium zurückblicken. Sie beten vor dem Haus, in dem das Ambulatorium „Gynmed“ untergebracht ist, oft über Stunden. „Wenn Krieg ist, muss man Rosenkränze beten“, sagt der Bauer, „das hilft.“ Und für ihn herrscht eine Art Krieg – solange Frauen „in solche Häuser“ gehen, „um Leben zu zerstören“.

Christian Rainer und Eva Linsinger über die aktuelle Titelgeschichte

Im Ambulatorium selbst herrscht wie so oft an Montagen Hochbetrieb. Es ist eine gemischte Klientel, die in den Warteräumen sitzt: Keine Teenager, mitteljunge Frauen, auch ältere, viele von ihnen schon Mütter. Eine Abtreibung kostet hier 570 Euro.

Genau gegenüber dem Ambulatorium ist das weltweit einzige und private Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch untergebracht, beide Institutionen werden vom Gynäkologen Christian Fiala betrieben. Eine Schulklasse aus dem 22. Bezirk sitzt im ersten Raum und lauscht dem Vortrag einer jungen Psychologin, die an zwei Fingern den fachgerechten Überzug eines Kondoms demonstriert.

Die Exkursion findet im Rahmen des Biologieunterrichts statt. Die Schüler, zwischen 13 und 14 Jahre alt, sind aus eigenen Stücken streng geschlechtsgetrennt platziert – vorne die meist schweigenden Mädchen, dahinter die Burschen, die ohne Verlegenheit die Fragen der Psychologin beantworten. Der Besuch im zweiten Raum, der dem Schwangerschaftsabbruch gewidmet ist, ruft merkliches Unbehagen hervor. Dort steht ein Küchentisch aus den vierziger Jahren vor der Fototapete einer Küchenzeile, die Arbeitsstätte einer „Engelmacherin“, so der Volksmund für jene Frauen, die illegal ungewollte Schwangerschaften beendeten. In einem Schaukasten sind die damals zum Einsatz gebrachten Instrumente zu besichtigen – Stricknadeln, Harnkatheter, Kleiderbügel, Fahrradspeichen.

„Was wisst ihr über den Schwangerschaftsabbruch?“ fragt die Psychologin. „Dass früher viele Frauen daran gestorben sind,“ antwortet ein Mädchen. „Dass er bis heute sehr umstritten ist“, stellt nach langer Pause ein Schüler fest …

Lesen Sie die Titelgeschichte von Angelika Hager und Eva Linsinger in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!