Zum zehnten Todestag: Haiders langer Schatten

Jörg Haider im Jahr 2004

Jörg Haider im Jahr 2004

Jörg Haider, der Mann, der den Rechtspopulismus erfand, ist seit zehn Jahren tot. Die Österreicher haben gelernt, mit dem Erbe zu leben.

Der Blick zurück macht milde. Jeder Tod, noch mehr jedes Unglück, das einen aus dem Leben reißt, besänftigt den Zorn der Lebenden. Doch das allein erklärt nicht diese Blendung.

Seit zehn Jahren ist Jörg Haider tot, und die Österreicher haben gelernt, mit ihm zu leben. Vergessen ist, welche Hetzmasse da gezüchtet wurde.

Man ist gewöhnt an den gehässigen Ton, in dem über Asylwerber als „Asyltouristen“ (copyright Herbert Kickl), Migranten als „Sozialschmarotzer“ und Zuwanderung als „Überfremdung“ geredet wird. Man hat resigniert gegenüber einer Rhetorik, in der – in den Worten von Theodor W. Adorno – das „vornehme Wort Kultur an die Stelle des verpönten Ausdrucks Rasse tritt“. Denn die, die so reden, sind jetzt Regierungspartei.

In der Mitte der Gesellschaft angekommen

Haiders Gesinnungsgemeinschaft hat sein Erbe dankbar angenommen, es halbherzig vom alten Nazi-Mief befreit, der freilich über die Hintertür der sozialen Medien, popkulturell aufgemotzt, wieder da ist. Digitale Kellernazis sind präsenter denn je, einschlägige Postings auf FPÖ-Sites oft folgenlos. Die FPÖ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und die Mitte ist rechts.

Jörg Haider hatte sich noch richtig anstrengen müssen, um in Wiener Salons eingeladen zu werden. Die braucht es nicht mehr. Heute trifft man sich beim Oktoberfest im Wiener Prater, und Kickl, der langjährige Redenschreiber von Haider, der für ein Gutteil der Gemeinheiten zuständig war, mit denen der Chef sein Publikum unterhielt, amtiert im Wiener Palais Modena.

So mancher wünscht sich die Haider-Zeit zurück, weil damals noch Angstlust herrschte. Strache Innenminister? Das war ein Witz. Die schlimmste Vorstellung bestand darin, dass Haider, wie er angedroht hatte, in den „Redaktionsstuben aufräumt“ und seinen Rachefeldzug gegen die Generation der 1968er wahr macht. Sie war sein Hassobjekt, verantwortlich für eine Welt, die in seinen Augen krank, hohl und dekadent war. So manchem würde er „den Bart versengen, denn das sei unvermeidlich, wenn man die Fackel der Wahrheit durch die Menge trägt“. In seinem 1993 erschienenen Buch „Die Freiheit, die ich meine“, hat Haider das alles ausführlich geschildert. Seine Vorstellungen von der „Dritten Republik“ würde man heute – nach Ungarns Premier Viktor Orbán – eine „illiberale Demokratie“ nennen. Schwächung der repräsentativen Demokratie; Regieren mit Berufung auf den Volkswillen. Haider selbst hat nicht über Parteigremien Politik gemacht, sondern über die Mobilisierung seiner Anhängerschaft.

Angstlust war gestern. Im Jänner 2018 kündigte Innenminister Kickl an, gegen die „zerstörerische Wirkung der 68er“ in Staat und Gesellschaft vorzugehen. Ein Medienerlass für kritische Journalisten musste vorerst zurückgenommen werden. Doch bekanntlich steht der Wille fürs Werk.

Haiders Saat ist aufgegangen.

"Populismus salonfähig gemacht"

Im Juni 1991, nach seinem Lob für die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ und seiner Abwahl als Kärntner Landeshauptmann, ließ er seine Anhänger in Massen am Klagenfurter Hauptplatz aufmarschieren und sagte, triumphierend, in eine ORF-Kamera: „Ich habe den Populismus in Österreich salonfähig gemacht.“

Haider arbeitete mit banalen Strategien. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war er grandios in seiner Wirkung. Er machte die Politik zu einem Psychodrama, nicht zuletzt zu seinem eigenen.

Haider starb, weil er schwer alkoholisiert mit seinem Volkswagen Phaeton auf dem Weg nach Hause ins Bärental gegen einen Hydranten prallte. Ein paar Stunden später hätte im Kreise der ganzen Familie der Geburtstag seiner 90-jährigen Mutter gefeiert werden sollen. Alle waren gekommen. Kinder und Kindeskinder. Haider war ein Familienmensch und lebte doch unkonventionell.

Haider war ein Zerrissener, ein Verführer, verspielt und schwer zu fassen, weil jede beliebige Meinung eine Zeit lang bei ihm scheinbar eine Heimat finden konnte. Hingerissen von der jeweiligen Situation.

Christa Zöchling und Christian Rainer über Jörg Haider

Im Herbst 2008, in den Tagen nach den Nationalratswahlen und vor seinem Unfall, muss Haider einige nüchterne Überlegungen angestellt haben. Wie weiter? Um sein Lebensziel Ballhausplatz war es leise geworden. Er hatte den Wunsch tief in sich verschlossen, doch nach Auskunft ihm Nahestehender nicht aufgegeben. Nach dem überraschend guten Abschneiden seines BZÖ bei der Wahl pilgerte er zu Heinz-Christian Strache nach Wien. Der Canossagang wird ihm nicht leicht gefallen sein. Haider soll einen Deal im Sinn gehabt haben nach dem Motto: getrennt marschieren, vereint schlagen. Mit der Option Kanzlerschaft. Über den Ausgang des Gesprächs kursieren verschiedene Versionen. Strache sagte nach Haiders Tod, man habe sich damals ausgesprochen und versöhnt.

In den Archiven liest sich das anders. Demnach hatte der Jüngere nur Spott für den Alten übrig gehabt. Haider biedere sich allen an. Das sei fast schon „Stalking“. – „Wenn jemand für alles offen ist, sagt man nicht umsonst, der kann nicht ganz dicht sein“, hatte Strache im „Standard“ gehöhnt. Das Interview war an jenem Tag erschienen, an dem sich Haider in der Nacht in den Tod soff.

Der Drang, der Beste zu sein

Kein Mensch lebt ein Leben nach einem einzigen Prinzip. Doch kann man einen roten Faden in Haiders persönlicher und politischer Entwicklung entdecken, ein Segment, das hypertroph geworden ist und das den großen Rest hat absterben lassen. Eine Charaktereigenschaft, die all das, was er tat, bis ins Kleinste kennzeichnet. Es ist der kindische und gefährliche Drang, immer und überall Erster, der Beste zu sein, mehr geliebt und mehr gefürchtet zu werden als andere. Ein solcher Mensch muss fortwährend gegen Widerstände anrennen. Sobald er damit aufhört, verliert sein Dasein den Sinn.

Haider war ein leidenschaftlicher Politiker und als solcher der Machtsucht verfallen. All die wunderschönen, hehren Sekundärmotive, die ein Politiker hat – und Haider hatte ganz besonders viele: die verkrustete Betonstruktur aufbrechen, mit Menschen reden, um unerhörte Parteibuchgeschichten aufzudecken, noch mehr Beweise gegen das „System“ in der Hand zu haben –, waren am Ende nichts mehr wert, weil er nicht mitspielen durfte. Da war nur noch der Machtrausch übrig. Wie Haider während der ersten schwarz-blauen Koalition 2000 von Kärnten aus hin und her intrigierte, war reiner Selbstzweck geworden.

Wolfgang Schüssel und Jörg Haider im Jahr 2000 nach dem Besuch in der
Präsidentschaftskanzlei, wo sie den Bundespräsidenten über das
Regierungsübereinkommen der beiden Parteien ÖVP und FPÖ
informierten.

Wolfgang Schüssel und Jörg Haider im Jahr 2000 nach dem Besuch in der Präsidentschaftskanzlei, wo sie den Bundespräsidenten über das Regierungsübereinkommen der beiden Parteien ÖVP und FPÖ informierten.

Eine offene Wunde waren auch Israel und die Juden gewesen. Trotz all seiner Versuche, mit „den Juden“ auf gleich zu kommen, war er niemals in Israel gewesen. Er war dort nicht willkommen. Er buhlte um die Anerkennung des Auschwitz-Überlebenden Viktor Frankl, kümmerte sich rührend um den berühmten Psychiater, als dieser krank war und Hilfe brauchte. Den Schriftsteller und Journalisten Peter Sichrovsky machte er gegen böses Gerede in seiner Partei zum FPÖ-Generalsekretär. „Wir sind beide gescheitert“, sagt Sichrovsky über seine Jahre in der FPÖ.

Man kann nicht sagen, Haider hätte sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht ernsthaft bemüht, doch war er an die NS-Geschichte seiner Herkunft gekettet wie Prometheus aus der griechischen Sage an einen Felsen im Kaukasus.

Die Vergangenheit hatte ihn fest im Griff. Seine Eltern waren keine Kriegsverbrecher, doch glühende Nationalsozialisten gewesen. Das verband ihn mit einer ganzen Generation, deren Eltern ebenfalls dabei gewesen waren. Haiders Umgang mit diesem Trauma passte in die österreichische Mehrheitsgesellschaft wie der einzig mögliche Schlüssel zu diesem Schloss.

Anwalt der Kriegsgeneration

In dieser Hinsicht war Haider ein Abbild, ein Inbild gesellschaftlicher Sehnsüchte und Erwartungen, die nicht zufällig zeitgleich mit der Wahl Kurt Waldheims im Jahr 1986 für alle sichtbar wurden. Er hob forsch den Teppich, unter den das alles jahrzehntelang gekehrt worden war, machte sich zum Anwalt seiner Eltern und der Kriegsgeneration. Niemand müsse sich genieren, behauptete Haider. Die Nachgeborenen schon gar nicht. Die Kriegsgeneration auch nicht. Eigentlich niemand. Sie waren doch „Idealisten“ gewesen.

Unter Haiders Schirmherrschaft durfte fortan das schlechte Gewissen zu den Akten gelegt werden. Die „Befreiung“, von der Haider immer schon geredet hatte, war plötzlich konkret geworden. Ehemalige SS-Soldaten ehrte er als „anständige Menschen mit Charakter“, die ihren Überzeugungen „treu geblieben“ waren.

Es ist nie allein das Konzept der Vergangenheit, das Kraft entwickelt. Die Vergangenheit gibt immer nur Schubkraft, als Ideologie, geschönte Erinnerung, heilige Tradition, Sinnstiftung. Die Spuren heute sind unschwer zu erkennen, wenn es gegen George Soros geht, einen jüdischen Philanthropen, der Universitäten und Flüchtlingshilfsorganisationen finanziert; gegen die (jüdische) Wall Street; auch beim Begriff „Lügenpresse“ schwingt etwas mit.

Jörrg Haider mit seiner Mutter Dorothea

Jörrg Haider mit seiner Mutter Dorothea

Wenn Jörg Haider von Werten sprach, wirkte er eigentümlich anachronistisch, ganz und gar nicht auf der Höhe der Zeit.

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hält Anachronismus ja für eine Grundbedingung der menschlichen Existenz. Er erläuterte das einmal am Beispiel der sogenannten „Blätterteig“-Theorie: Ein Stück Teig wird ausgewalzt, auseinandergeschnitten und wieder übereinander gelegt, mit jedem weiteren Mal feiner und durchsichtiger. Ein fiktiver Punkt würde auf bizarre Weise auf dem ursprünglichen Teigstück umherwandern. Auf die historische Zeit umgelegt, habe man Schichten der Vergangenheit und der Gegenwart übereinander gelagert und miteinander vermischt. Der Punkt würde an immer neuen Stellen auftauchen, Bocksprünge vollführen, vielleicht sogar wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren, doch stets in veränderter Umgebung. Das führt nicht zur Wiederkehr des Gleichen, sondern zu einer Wechselwirkung, die jedes Mal etwas Neues hervorbringt.

Das war Haiders Chance und gleichzeitig sein Scheitern. Der Hauptvorwurf, der gegen ihn immer wieder erhoben wurde, war die Instrumentalisierung des Nazi-Denkens zum Zwecke der Provokation. Einmal sagte er, die FPÖ sei sicher keine Nachfolgeorganisation der NSDAP, denn wenn sie das wäre, hätte sie in Österreich die Mehrheit. Doch es war eben nicht nur Zynismus. Es war auch sein blinder Fleck.

"Straflager" und "Filzläuse"

Er sprach von „Straflagern“, wenn er Konzentrationslager und von „Systemparteien“, wenn er die Große Koalition meinte. Begriffe wie „soziale Volksgemeinschaft“ oder „vaterlandslose Gesellen“ – das war auf Europa-Befürworter gemünzt – gingen ihm anstandslos über die Lippen. Politische Gegner beschimpfte er als „Filzläuse“, das „System“ wollte er „sturmreif“ schießen. Es war die reinste Nazi-Sprache. Entlarvend war sein innerer Widerstand, wenn es um das ging, was Deutsche und Österreicher den Juden angetan hatten. Da ist jenes denkwürdige profil-Interview aus dem Jahr 1985, in dem sich Jörg Haider auf die Frage, wie er über den Holocaust denke, erst auf bohrendes Nachfragen zu den Worten durchrang: „Wenn Sie so wollen, dann war es halt Massenmord.“

Nach seinem Tod schrieb Dorothea Haider ein Buch über ihren Sohn, Erinnerungen einer Mutter. In aller Unschuld erzählt sie darin von ihrem Verwandten, dem Mittelschullehrer Hermann Foppa. In der Ersten Republik war Foppa ein Deutschnationaler gewesen, dann 1945 wieder in rechtsextremen Kreisen unterwegs. Er war Haiders Taufpate, der dem kleinen Jörg eine Schachtel mit vielen kleinen Abzeichen mit Hakenkreuzen drauf zum Spielen gab.

Bei der sogenannten Ausländerfrage spukte eine gehörige Portion Nazi-Ideologie in Haiders Kopf. Die Vermischung. Die Urangst. Eine Besessenheit, die Haider niemals loswurde und die seine Erben zu einem politischen Dauerbrenner in der Politik entwickelten, was die aktuelle Migrations- und Asyldebatte so sehr vergiftet, dass es fast unmöglich ist, sachlich und nüchtern darüber zu reden.

Die Verrohung der Sprache hat Haider in die Politik gebracht. Schon 1992 sprach er in Bezug auf Flüchtlinge von „feindlicher Landnahme“. Ende der 1980er- Jahre war es die ÖVP gewesen, die diesen Aspekt angeprangerte, die als Erste eine Sammlung über die ärgsten Haider-Sprüche herausgab, die sich um die politische Kultur in diesem Lande sorgte. Heute hält sie still.

Haider war in eine schwierige Welt von Sein und Schein hineingeboren worden. Schon in seiner Kindheit konnte er den Resonanzboden studieren, über dem er später seine Saiten aufzog. Ehemalige Nationalsozialisten hatten bei einer der beiden Staatsparteien angeheuert, doch seine Eltern nicht. Die waren ihren Jugendträumen treu geblieben.

Aus einem Gespräch mit Haider aus dem Jahr 1999:
- „Haben Sie einmal mit Ihrem Vater darüber geredet, warum er 1933 zu den illegalen Nationalsozialisten ging und sich 1934 am Putsch gegen Engelbert Dollfuss beteiligte?“
- „Die haben gehört, da draußen (in Deutschland, Anm. d, Red,) geht’s bergauf. Gibt’s Arbeit, gibt’s Einkommen, eine Zukunft. Herinnen war das Elend, die Diktatur, dass du dich am Sonntag hast melden müssen, dass du in die Kirche gehst und lauter solche Sachen. Und du hast nix zum Beißen g’habt. Das war für einen Jungen nicht faszinierend.“
- „Der Nationalsozialismus war doch mehr als Arbeit, Brot und Autobahn. Das war eine Ideologie, in der die Deutschen als die Herrenrasse gegolten haben. Haben Sie mit ihm darüber geredet?“
- „Für die Jungen ist es damals, und das hat ihr Bewusstsein gebildet, in Wirklichkeit nur darum gegangen: Sie kriegen eine Chance, sie können sozial aufsteigen, und sie sind wieder wer. Das war entscheidend: Sie sind über Nacht wer gewesen, haben eine Arbeit gehabt, gut verdient und waren plötzlich in einer angemessenen Lebensart.“

Frühe Rede über "Mischungen von Völkern und Rassen"

Haiders Karriere begann im Alter von 16 Jahren. Unter tosendem Applaus mehrerer Hundertschaften von Turnern holte er bei einem Redewettbewerb in Innsbruck den ersten Preis heim. Der Schüler problematisierte „die Mischungen von Völkern und Rassen“, die er jedoch nur im Kärntner Grenzland, in Wien und in den niederösterreichischen Industrieregionen für zahlenmäßig relevant hielt. Als „das deutsche Volk nach verlorenem Krieg ohnmächtig am Boden lag“ hätten „gewisse Kreise“ die Gunst der Stunde genützt, die Zugehörigkeit der Österreicher zum deutschen Volk zu verleugnen“. Noch 20 Jahre später hielt Haider die österreichische Nation für eine „ideologische Missgeburt“.

In seinem ersten Wahlkampf als Parteichef 1986 gab Haider die Parole aus, warum wir bei 140.000 Arbeitslosen 140.000 Ausländer im Land hätten, eine Rechnung, die schon die Nazis aufgestellt hatten, damals allerdings mit „den Juden“. Haiders engster Mitstreiter, FPÖ-Generalsekretär Norbert Gugerbauer, warnte davor, das Bierzelt mit Ausländerparolen in Stimmung zu bringen, weil dies „der Kontrolle entgleiten“ könne. Die FPÖ müsse das Ausländerproblem „seriös“ diskutieren und dürfe „keine fremdenfeindlichen Tendenzen unterstützen“, so Gugerbauer, der sich bald danach aus der Politik verabschiedete. Für Heide Schmidt und vier weitere FPÖ-Nationalräte war Ausländerhetze der Anlass, das „Liberale Forum“ zu gründen.

Doch es war so einfach und erfolgreich. Die Öffnung der Grenzen 1989, die Osterweiterung der EU hielten das Thema am Köcheln. Irgendwann hatten sich die Ausländer in Muslime verwandelt, und es hieß „Daham statt Islam“. Doch das war schon Straches Wahlkampf, der sich gegenüber Haiders BZÖ etwas abheben wollte.

In Kärnten hatte Haider zeitlebens Stimmung gegen die Kärntner Slowenen gemacht. Kärnten müsse deutsch bleiben, war seine Devise, und wer auf staatsvertraglich zugesicherten zweisprachigen Ortstafeln bestand, dem drohte er mit der Schließung von zweisprachigen Kindergärten. Als das Thema irgendwann erschöpft war, versprach er, Kärnten „tschetschenenfrei“ zu machen.

Haider war bisweilen sehr charmant, doch auch von gehässigem Charakter. Immer mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben, wer gerade in seiner Gunst stand. Instinktsicher erkannte er die Schwachstellen eines Menschen und besaß die Gabe und die Macht zur Verhöhnung. Er beschwor Freund-Feind-Formationen herauf. Es wurde unmöglich, nicht zu dem einen oder anderen Lager zu gehören. So hatte Haider die von ihm oft beschworene Freiheit des Denkens verraten. Denn diese gedeiht nicht in einem Klima von Hetzreden und Hass.

Putsch im Geiste der Kriegsgeneration

Im Frühjahr 1986 bekam Haider von seinem reichen deutschnationalen Großonkel das Kärntner Bärental, einen ehemals jüdischen Besitz, überschrieben. Das machte ihn unabhängig. So konnte er es wagen, ein paar Monate später, getragen von der Waldheimwelle, unterstützt von Burschenschaftern, ehemaligen Nazis und deren Kindern, in einer Kampfabstimmung am Innsbrucker Parteitag die Macht in der FPÖ an sich zu reißen. Ein Putsch im Geiste der Kriegsgeneration, der mit „Sieg Heil-Rufen“ endete und einem fassungslosen Nobert Steger.

In den Jahren des rasanten Aufstiegs ließ Haider gern die Massen aufmarschieren. Mit gehöriger Distanz zwischen ihm und dem Publikum, einem Rednerpult aus Plexiglas, den Kegeln der Scheinwerfer allein auf ihn gerichtet, dem Saal in absoluter Dunkelheit. Wenn er danach in die Menge eintauchte und Autogramme gab – Selfies kamen erst später in Mode –, erzählten die Fans, „der Jörg“ sei jetzt ihr bester Freund. Sie hatten kaum ein paar Minuten mit ihm geredet, doch Haider besaß die Gabe, sein Gegenüber glauben zu lassen, er sei nur für ihn und diesen Augenblick auf der Welt.

Jörg Haider auf den Schultern seiner Fans nach seiner Wahl zum
FPÖ-Chef am Innsbrucker Parteitag am 13.September 1986.

Jörg Haider auf den Schultern seiner Fans nach seiner Wahl zum FPÖ-Chef am Innsbrucker Parteitag am 13.September 1986.

Die Macht seiner Bewegung entsprang wie in jedem Theater nicht einem gemeinsamen rationalen Interesse ihres Publikums. Ihr Resonanzboden war vielmehr eine Art von Volksgemeinschaft, die im Gewand des Patriotismus „unser Geld für unsere Leut’“ daherkam. Das wirkt bis heute.

Es gelang ihm, aus einer am Boden liegenden Fünfprozentpartei eine Bewegung zu formen, die sich de facto nicht mehr an demokratische Gepflogenheiten einer Partei hielt, sondern begeistert ihrem Anführer folgte, die im Jahr 2000 mit der ÖVP in eine Regierung eintrat und ganz Europa gegen sich aufbrachte. Das war der Wendepunkt. Vor allem für Haider persönlich. Er durfte nicht in die Regierung. Die Länder der Europäischen Union, die damals mehrheitlich sozialdemokratisch regiert wurden, hätten das nicht akzeptiert. Haider legte den Vorsitz zurück, übergab an Susanne Riess – „Susi, geh du voran“ – und agierte von Kärnten aus. Von da an ging es bergab.

Da halfen auch die überall in Europa sprießenden, Haiders Themen und Methoden aufnehmenden rechtspopulistischen bis rechtsextremen Bewegungen nicht mehr.

Im Ausland war man schon früh auf den Politiker aus Österreich aufmerksam geworden. Seine skandalösen Aussagen über den Nationalsozialismus waren allgemein bekannt, seine wiederholten Provokationen.

Haider als Chiffre für das Böse schlechthin

Im Jahr 2000, als die schwarz-blaue Bundesregierung wegen der Proteste auf Schleichwegen zur Angelobung schritt, war Haider international das Symbol für Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit, eine Chiffre für das Böse schlechthin. In der Knesset, dem israelischen Parlament, beschimpften sich Abgeordnete in der Hitze des Gefechts als „Haider“. Er war eine Projektionsfläche geworden für ein Phänomen, das auch andere europäische Gesellschaften betraf: zunehmenden Fremden- und Elitenhass. Der damalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder warnte, Haider dürfe „kein europäisches Problem werden“.

Haider hatte erstmals 1994 versucht, mithilfe rechter CSU’ler und Teilen der FDP, seine Kampfzone auszuweiten. Das ging gründlich schief. Als Veranstalter blieb nur eine rechte Kleinpartei übrig. Wo Haider auftrat, wurde er mit Eiern und Tomaten beworfen. Sein Begleiter Andreas Mölzer konnte die Schutzschilde gar nicht schnell genug in Stellung bringen.

Selbst im Jahr 2000 hielten Europas Rechtspopulisten noch Distanz zu Haider, und er zu ihnen. Eine Ausnahme war immer schon der Front National unter Jean-Marie le Pen gewesen. Das erste rechte Vernetzungstreffen der europäischen Rechten fand im Sommer 2001 ohne Haider statt: auf Burg Kranichberg, dem Anwesen der Familie Hübner. Anwesend waren der rechtsextreme Vlaams Belang (damals noch Vlaams Blok genannt), der Front National, rechtsextreme Splitterparteien aus Deutschland und Ungarn. Unter den österreichischen Gastgebern: „Zur Zeit“-Herausgeber Andreas Mölzer, Strache, Johann Gudenus, Barbara Rosenkranz und Johannes Hübner, der im vergangenen Jahr wegen antisemitischer Bemerkungen aus dem Nationalrat ausschied.

 FPÖ-Chef Jörg Haider mit Lega Nord-Chef Umberto Bossi im Jahr 1999

FPÖ-Chef Jörg Haider mit Lega Nord-Chef Umberto Bossi im Jahr 1999

Ein Jahr darauf, 2002, kam unter der Patronanz Haiders in Klagenfurt ein breiteres Vernetzungstreffen zustande. Diesmal waren auch Lega Nord und Vertreter skandinavischer Rechtsparteien dabei.

Nach dem Dammbruch in Österreich im Jahr 2000, als die Mehrheit der EU-Mitgliedsländer sozialdemokratisch regiert wurde und Sanktionen gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ setzte, ging es in Europa Schlag auf Schlag. 2002 zogen in Italien, Norwegen, Dänemark, Portugal und den Niederlanden Rechtspopulisten in die Kabinette ein.

Heute haben noch viel mehr an Haider Maß genommen. Machtverschleiß, Migration, Globalisierung, Bankenrettung und eine angstgebeutelte Mittelschicht sind Gründe.

Nach Haiders Tod sind zahlreiche Korruptionsfälle ans Tageslicht getreten, bis hin zur Milliardenpleite der Kärntner Landesbank. Kriegen, was einem zusteht, das hat wohl auch Jörg Haider umgetrieben. Für den unglaublichen Einsatz, den er leistete, so mag er sich gedacht haben. Nicht alle Parteispenden seien in der Parteikasse gelandet, erzählen Weggefährten. Der Unfall hat ihn der Justiz enthoben. Gegen einen Toten ist kein Verfahren möglich.