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profil-Morgenpost
12/09/2021

Von der Kunst des Nichtantwortens

Sie ist extrem anstrengend, maximal irritierend – und offenbar auch ansteckend: Die Eigenschaft mancher Politiker, nicht auf Fragen zu antworten.

von Siobhán Geets

Fragen auszuweichen, das ist in Österreich mittlerweile eine Art Volkssport. Das gilt insbesondere in Zeiten der Pandemie und längst nicht mehr nur für die Türkisen. Die von Sebastian Kurz umgefärbte ÖVP hat diese Kunst des Nichtantwortens um einen wichtigen Aspekt erweitert: Message Control in NLP-Sprech, sinnentleerte Sätze, die nichts mit der Frage zu tun haben, immer gleiche Antworten, bis die Sendezeit vorbei ist.

Das Phänomen scheint übergesprungen zu sein. Zuletzt bewies Wolfgang Mückstein von den Grünen in der ZiB2, dass er genauso gut im Nichtantworten ist wie seine Kollegen von den anderen Parteien. Es war beinahe schmerzhaft, sich das anzusehen. Egal, welche Frage Armin Wolf dem  Gesundheitsminister stellte – der sagte immer wieder dasselbe. „Sie antworten auf eine Frage, die ich nicht gestellt habe“, sagte Wolf, aber es half nicht, Mückstein machte weiter.

Vorschlag: „Ich weiß es noch nicht.“

Auf Twitter hat sich jemand die Mühe gemacht, seine Aussagen auf 38 Sekunden zusammenzuschneiden, Mückstein sagt sehr oft den gleichen Satz, leicht abgewandelt, mit anderer Satzstellung und teilweise anderen Füllwörtern, aber im Kern ist es der hier: Dass ein breiter Dialog gestartet wurde. Gemeint ist die ab Februar geplante Impfpflicht, deren Details am Montagabend offenbar noch nicht klar waren oder über die noch gestritten wurde. Ende der Woche soll es genauere Informationen geben.

Klar, könnte man jetzt sagen, ihr Journalisten macht es euch leicht. Es ist eben einfacher, Politiker zu kritisieren als selber einer zu sein. Das mag stimmen. Und so ein Auftritt in der ZiB2 dürfte auch mit einem erheblichen Maß an Stress verbunden sein; bestimmt ist es nicht leicht, da einigermaßen selbstsicher rüberzukommen. Trotzdem bleibt die Frage: Wieso antwortet Mückstein nicht ehrlich, anstatt wie ein Roboter redundant Sätze zu wiederholen, die schon beim ersten Mal nicht sehr aussagekräftig waren.

Anbieten würde sich da bestimmt einiges. Etwa, dass er das jetzt nicht sagen kann oder will. Dass er es noch nicht weiß. Ihm wäre da sicher etwas eingefallen, Mückstein gilt nicht als abgewetzter Politiker, der darauf trainiert wurde, lästigen Fragen auszuweichen. Als Arzt musste er schließlich auch klare Aussagen treffen.

Anomalien und schräge Ideen

So aber kann man sich schon verarscht fühlen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich jedenfalls empfinde das als verlorene Lebenszeit, die auch die obligatorischen Memes, Wortspiele und Kurz-Videos auf Twitter nicht wettmachen können. Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile oft ausschalte, es gibt Besseres zu tun, lesen zum Beispiel. Kennen Sie schon „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier? In dem Roman geht es um ein Flugzeug, das zwei Mal landet – komplett mit Besatzung und allem, nur mit vier Monaten Abstand. Ich kann Ihnen dieses Buch nur empfehlen.

Anomalien und schräge Ideen gibt es zwar auch in der österreichischen Innenpolitik, aber Le Tellier exerziert seine konsequent durch. Das hat er vielen Politiker voraus.

Siobhán Geets

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