wahlkabine.at: So funktioniert die Entscheidungshilfe zur Nationalratswahl

Auf wahlkabine.at kann die eigene Meinung mit den Positionen der Parteien vergliechen werden.

Auf wahlkabine.at kann die eigene Meinung mit den Positionen der Parteien vergliechen werden.

Überraschende Positionen von Parteien, Uneinigkeiten innerhalb einer Partei, Diskussionen der Ergebnisse auf sozialen Medien: wahlkabine.at ist wieder online. Die Projektleiterin erklärt die Hintergründe der Online-Plattform.

Die FPÖ spricht sich für mehr finanzielle Mittel für die Seenotrettung im Mittelmeer aus und Peter Pilz für eine Überwachung verschlüsselter Onlinekommunikation – das sind zwei der überraschendsten Antworten der Parteien auf wahlkabine.at. Die Plattform soll als Entscheidungshilfe für die Nationalratswahl dienen.

Die FPÖ antwortete auf die Frage „Soll Österreich sich dafür einsetzen, dass die EU finanzielle Mittel für die Seenotrettung im Mittelmeer erhöht?“ mit Ja. Jedoch ist ihr Kommentar dazu wichtig: „Jedoch sind die Geretteten wieder zurückzubringen und nicht nach Europa zu transportieren.“ Die wahlkabine.at-Redaktion weist darauf hin, dass die aktuelle Gesetzeslage derzeit vorsieht, Gerettete in den nächsten Hafen zu bringen – unabhängig von der geographischen Lage.

Warum wirkte es so, als ob viele die KPÖ als Ergebnis bekamen?

Kurz nach dem die Plattform am Montag online ging, wurde auf sozialen Netzwerken über die Antworten der Parteien und die eigenen Ergebnisse diskutiert. Zahlreiche Personen posteten ihr Ergebnis auf Facebook. Auffallend war, dass bei vielen die KPÖ weit oben lag - teilweise an erster Stelle. Bei den Usern sorgte dies durchaus für Verwunderung.

„Dieser Eindruck hängt sehr stark von der eigenen Blase ab in der man sich bewegt“ erklärt die Projektleiterin Vanessa Gaigg im Gespräch mit profil. Zudem „sind viele Nutzer überrascht mit wem sie auf einer objektiven, sachlichen Ebene übereinstimmen. Das Tool zeigt den Grad der Übereinstimmung mit einer Partei an. Viele Nutzer vergessen, dass bei einer Wahlentscheidung jedoch mehr Faktoren miteinfließen. Daher sind viele überrascht, wenn nicht das raus kommt, was sie eigentlich ankreuzen.“

Unter einem auf derstandard.at erschienenen Artikel finden sich über 400 User-Kommentare. Dort behauptet ein Leser, dass es nicht möglich sei, auf ein FPÖ-Ergebnis zu kommen, selbst wenn er absichtlich alle FPÖ-Themen mit hoher Wichtigkeit wertet. Das stimmt so nicht. Wenn man bewusst alle Antworten so wählt, wie sie die FPÖ beantworten und auch gewichten würde, erhält man als Ergebnis die FPÖ an der Spitze.

Wie kommen die 26 Fragen zustande?

Bei dem Online-Fragebogen müssen 26 Fragen mit Ja, Nein oder Keine Angabe beantwortet werden. Anschließend kann man seine Antworten bzw. seine eigene Meinung mit den Positionen der Parteien vergleichen. Dieser Vergleich ist wahrscheinlich sogar interessanter, als das eigentliche Ergebnis. Die Parteien verfassten teilweise Kommentare zu einzelnen Antworten.

Acht von zehn Parteien, die bundesweit bei der Nationalratswahl antreten, sind bei wahlkabine.at vertreten. „Die Liste Gilt hat abgelehnt mitzumachen und die Weißen haben ihre Kandidatur zu spät bekannt gegeben, sodass es nicht mehr möglich war, sie miteinzubeziehen“, sagte Gaigg.

40 Fragen wurden den acht Parteien zum beantworten geschickt. Bei der Auswahl der Fragen spielen zum einen, Faktoren wie aktuelle Debatten oder Themen, die sowohl die Politiker und die Österreicher bewegen, eine Rolle. Beispielsweise sind dies heuer Themen wie Flüchtlinge und Zuwanderung, erklärt Gaigg im Interview. Zum anderen will man auch „vermeintliche Randthemen aufgreifen und dadurch den Parteien Positionen entlocken, welche der Öffentlichkeit vorher nicht bekannt waren. Wie beispielsweise die Frage, ob es eine dritte Option bei der Eintragung des Geschlechts geben soll.“

Warum werden 40 Fragen an die Parteien geschickt?

„Weil wir im Vorhinein nicht wissen, wie die Antworten sein werden, die wir zurück bekommen. Ein wesentlicher Faktor bei der Auswahl der Fragen ist die Differenzierung der Parteien. Weil wenn alle etwas zu ähnliches antworten, dann gibt es zu wenig Differenzierung der Parteien“, erklärt Gaigg. Dies sei bei einigen Fragen durchaus der Fall gewesen.

Ein Redaktionsteam bestehend aus Innenpolitikjournalisten und Politikwissenschaftern entscheidet dann welche Fragen am interessantesten sind – teilweise auch anhand der Antworten der Parteien. Berechnet werden laut Gaigg nicht nur die Ja/Nein-Antworten, sondern ebenso wie wichtig ein Thema dem Nutzer und der Partei ist. Lesen Sie hier die Methodik.

Jedes Jahr werden etwa 25 Fragen für den Fragebogen ausgewählt. Wenn Personen die wahlkabine.at zum ersten Mal benutzen, kommt es ihnen möglicherweise so vor, als würden bestimmte Fragen fehlen. Wie beispielsweise die Frage, ob es eine Flüchtlingsobergrenze geben soll. „Das hat den Grund, dass wir verhindern wollen, dass wir uns zu stark wiederholen. Wir versuchen schon ein großes Themenspektrum abzudecken,“ sagte Gaigg.

Wer beantwortet die Fragen?

„Grundsätzlich sind wir immer mit den höchsten Instanzen der Parteien in Kontakt. Die Einladung geht immer an den Generalsekretär oder Bundesgeschäftsführer, wenn es das nicht gibt, eben an den Gründer. Die beantworten dann den Fragenkatalog“, erklärt Gaigg.

Das Redaktionsteam der wahlkabine.at überprüfe laut der Projektleiterin, ob die Antworten der Parteien mit deren medial geäußerten Aussagen und Presseaussendungen übereinstimmen.

Warum gab es bei der Liste Pilz Uneinigkeiten bei den Antworten?

Bei der Liste Pilz sorgten zwei Antworten des Spitzenkandidaten für Diskussionen auf Twitter, dieser beantwortete den Fragebogen selbst. „Die Antworten sind von Peter Pilz im Namen der Liste Pilz beantwortet worden. Wenn andere Mitglieder nicht der Meinung sind, dann ist das ein innerparteiliches Problem“, sagt Gaigg dazu.

Peter Pilz gegen Pflichtmitgliedschaft in der Arbeiter- und Wirtschaftskammer.

Peter Pilz für staatliche Überwachung von verschlüsselter Onlinekommunikation.

Sagt mir wahlkabine.at was ich wählen soll?

Nein, wahlkabine.at will keine Wahlempfehlung abgeben, sondern Interesse wecken, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Auf der Website schreiben sie: „wahlkabine.at erteilt keine Wahlempfehlungen, sondern errechnet anhand von ausgewählten Fragestellungen den Grad der Übereinstimmung mit den jeweiligen Standpunkten der Parteien, die von einem wissenschaftlichen Team in einer auf Genauigkeit und Sorgfalt bedachten Recherche ermittelt wurden.“