Wahlkampf: Wie die Wiener Jungwähler von den Parteien genarrt werden

Wahlkampf: Wie die Wiener Jungwähler von den Parteien genarrt werden

Geil, sexualisiert und inhaltsleer: Jakob Winter über den unbeholfenen Kampf um junge Wähler.

Willst ein Kondom?“, fragt ein Wahlwerber mit grüner Softshell-Jacke vor der Wiener Diskothek U4. "Hilft’s nichts, schadet’s nichts“, ergänzt er hastig, bevor jemand ablehnen könnte. "Lieber vor der Wahl stöhnen“, steht auf der Verpackung des Präservativs aus Naturkautschuk. Nicht die einzige mäßig komische Anspielung auf Geschlechtsverkehr im Wiener Wahlkampf. Wer nicht gleich davonläuft, kriegt auch eine grüne Brille und geröstete Sojabohnen.

In unmittelbarer Nähe zu den Grünen haben die Junos, die jungen NEOS, ihren Werbestand platziert. Hier werden pinke Knicklichter feilgeboten. Und - erraten - Kondome. Darauf steht: "Du bestimmst, wer drin ist.“ Flyer und die Anbahnung eines politischen Gesprächs gibt es bei beiden Ständen erst auf Nachfrage. Im Kampf um die Jungwähler scheinen die Parteien von einer politisch desinteressierten Generation auszugehen, die nur eines im Kopf hat. Jedenfalls keine Politik. Dementsprechend simpel muten die Werbemittel an.

Bei den Landtagswahlen in Wien sind immerhin etwas mehr als ein Fünftel der rund 1,14 Millionen Wahlberechtigten unter 30 Jahre alt. 66.282 Jugendliche wählen überhaupt zum ersten Mal. Eine beachtliche und im Wahlverhalten noch kaum gefestigte Zielgruppe, das Wetteifern um die Gunst der Jungen ist für die Parteien auch eine Investition in die Zukunft. Nach den Gesetzmäßigkeiten der Demografie haben Jugendliche noch viele Urnengänge vor sich. Sie zu überzeugen, kann sich für Jahre und Jahrzehnte rentieren. Der Fokus auf die Jungen ist verständlich, die Umsetzung der Umgarnungsversuche allerdings dermaßen plump, dass sich jeder Jungwähler genarrt fühlen darf.

Das hat bereits Tradition.

"Geil-o-mobil“-Fiasko

Am liebsten wäre Sebastian Kurz wohl, er hätte diesen Wahlkampf nie geführt. Vor fünf Jahren posierte er auf der Motorhaube eines schwarzen Geländewagens der Marke Hummer, besser bekannt als "Geil-o-mobil“, umringt von leicht bekleideten Frauen. "Schwarz macht geile Politik, Schwarz macht geile Partys und Schwarz macht Wien geiler“, erklärte Kurz damals. Weniger geil fielen die Reaktionen aus. Bis heute muss Kurz sich dafür Häme anhören. Mehr noch: Die Kampagne ist längst zum Sinnbild für sinnentleerte Jugendwahlkämpfe geworden.

Man sollte meinen, die Parteien hätten aus dem schwarzen PR-Fiasko ihre Lehren gezogen. Allein: Bei den niederösterreichischen Gemeinderatswahlen Anfang dieses Jahres zeigte auch die SPÖ-Nachwuchsorganisation Junge Generation, dass mit ihr im Peinlichkeitswettbewerb zu rechnen ist. Im schwarzen Anzug, die Hände zu Pistolen geformt, gerierten sich zwei Kandidaten für den Melker Gemeinderat als James Bond. Selbstbeschreibung: "Junge Agenten im Auftrag der Sozialdemokratie.“ Einer der beiden schaffte es aufgrund des roten Personalmangels mittlerweile zum Stadtparteivorsitzenden. Ein grotesker Weg zur Macht.

Dem Jugendwahlkampf scheint ein gewisses Maß an Peinlichkeit inhärent zu sein. Diesen Umstand parodierte einst die Kabarett-Truppe maschek, indem sie der damaligen SPÖ-Zukunftshoffnung Laura Rudas auf die Frage eines Jugendlichen, warum er sie denn wählen sollte, folgenden Synchrontext verpasste: "Weil ich gegen rechts bin und so. Und für den Regenwald und so. Und für die Jugend und so.“

profil-Redakteur Jakob Winter (links) bei den NEOS: "Mehr Freiraum für spontane Partys in Wien"

profil-Redakteur Jakob Winter (links) bei den NEOS: "Mehr Freiraum für spontane Partys in Wien"

Freilich dreschen Jungpolitiker nicht nur hohle Phrasen. Bei Schuldiskussionen und mit Debattenbeiträgen in den sozialen Medien leisten sie Beiträge zur Politisierung von Jugendlichen. Und dennoch können sie in Wahlzeiten der Aufmerksamkeitslogik kaum entsagen. Wahlkämpfe bieten auch abseits jugendlicher Adressaten reichlich Skurriles, doch keiner anderen Altersgruppe nähern sich politische Fraktionen derart unbeholfen wie den unter 30-Jährigen. Das wird im Wiener Wahlkampf ungewollt, aber eindrucksvoll vorexerziert.

Den Jungwählern zu bieten, was sie wollen, ist Bernhard Häupls Job. Der Bürgermeisterspross koordiniert die Jugendaktivitäten der Wiener SPÖ. In die Großdisco Praterdome ließ er Mitte September den Schweizer DJ Antoine einfliegen. Von der Decke regnete es Konfetti, der Entertainer spritzte Champagner in die Menge.

"Für ein lässiges Wien"

Im Nahkampf auf der Straße ist für die SPÖ die Junge Generation aktiv. Sie will "alles zum Chillen“ bringen. Auf den Sujets bekommt Kaiserin Sissi einen Sidecut und ein Nasenpiercing verpasst, Kaiser Franz Joseph darf Holzfällerhemd und Hornbrille tragen. Die beiden Monarchen halten posthum als Testimonials "für ein lässiges Wien“ her. Das muss man nicht verstehen.

Die Skala ist nach unten offen. Dem Retro-Trend Rechnung tragend nimmt die FPÖ bei Komponist Johann Strauß Anleihen. Sprechgesänge gehören seit mittlerweile zehn Jahren zum blauen Wahlkampfrepertoire. Die aktuelle Darbietung heißt "Gutmen(sch) Rap“. Anders als in bisherigen Produktionen reimt nicht mehr FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache persönlich, sondern ein gewisser "MC Blue“. Das Stück ist mit Donauwalzer-Klängen unterlegt, im Video tanzen Jugendliche in blauen Shirts vor der Strauß-Statue im Wiener Stadtpark in Paaren. Dabei waren die blauen Kernwähler bis dato nicht unbedingt als klassikaffin bekannt.

Nichtsdestoweniger bieten die Freiheitlichen in den sozialen Medien einen authentischen Kommunikationskanal. Auffallend viele Jugendliche kreuzten bei Wahlgängen der jüngeren Vergangenheit die FPÖ an. In Wien war das bei den Landtagswahlen im Jahr 2010 anders: Laut Wahltagsbefragung des Institutes Sora für den ORF lag die SPÖ mit 43 Prozent vor der FPÖ mit 23 Prozent. Die SPÖ bleibt auch laut einer aktuellen Umfrage des Instituts für Jugendkulturforschung unter 400 Wiener Jugendlichen vorne und hält mit 34 Prozent Platz eins. Dahinter folgen die Grünen mit 21 Prozent und die FPÖ mit 19 Prozent. Die ÖVP käme demnach nur auf vier Prozent und würde sogar hinter den NEOS mit sieben Prozent landen.

Ob die jungschwarze Kampagne das Ruder herumreißen kann? "Politisches Engagement bedeutet für mich NICHT wegzusehen, sondern anzupacken und die Dinge zu ändern“, verkündet Dominik Stracke, Kandidat der Jungen ÖVP, in einem Prospekt, den zwei Jungs vergangene Woche in gelber Montur vor der Wiener Wirtschaftsuniversität verteilen. Dazu wird brühfrischer Kaffee gereicht. Verhütungsmittel gibt es bei der JVP heuer keine. "Wenn die Grünen Kondome verteilen, ist es wurscht, nur bei uns ist es ein großer Skandal“, murrt einer der beiden Wahlkämpfer.

Juraczka als DJ

Alles ist bei der Jungen ÖVP darauf ausgelegt, nur ja keine Empörung zu erregen. Mit allzu tiefgehenden Inhalten hält man sich vielleicht gerade deshalb nicht auf. Für die humoristische Note sorgt der Wiener ÖVP-Frontmann Manfred Juraczka höchstselbst, der zu Clubbings lädt und dort an den Turntables hantiert - zumindest für das Pressefoto. Wer einem 46-jährigen Anzugträger aus Hernals den Discjockey abnehmen soll, bleibt offen.

Ähnlich sieht es aus, wenn die NEOS um Junge buhlen: Da wird zu elektronischer Tanzmusik im Freien gebeten. Politische Forderung: "Mehr Freiraum für spontane Partys in Wien.“ So weit, so nichtssagend.

Parteien versuchen krampfhaft, ihre Spitzenfunktionäre und Kampagneninhalte in ein Umfeld zu betten, von dem sie glauben, dass es Jugendlichen imponiert. Bisweilen überlagert das Umfeld die Inhalte. Übrig bleibt ein allzu durchschaubarer Anbiederungsversuch. Jene Jungen, die eigentlich politikaffin wären, schreckt die Banalität ab.

Bei den Grünen etwa. Wie schon bei vorangegangenen Wahlen, wollen die Grünen mit dem "EVA-Magazin“, einem 36-seitigen Druckwerk, Erstwähler ansprechen. Im Heft wird die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou interviewt. Sie darf allerdings nur mit Emoticons, also Gemüts-Zeichen wie Smileys, antworten. Auf die geistreiche Frage, ob sie denn gerne Vizebürgermeisterin sei, antwortet Vassilakou mit einem Daumen und einem Herz. Anders ist der Zielgruppe Politik nicht zu vermitteln - aus Sicht des grünen Kampagnenbüros zumindest.

Doch so blöd sind die Jungen gar nicht. Das Magazin vermag nicht einmal die Jugendorganisation der Grünen zu überzeugen. Die Jungen Grünen sind in die Wahlkampfaktivitäten der Partei nicht eingebunden. Stattdessen zerlegen sie das Heft mit einer Persiflage. Das klingt so: "Die Grünen sind mit der Fuck-up-Tour in der ganzen Stadt unterwegs! Zwar ganz ohne Inhalte, aber mit lustigen Schildern. Hui!“ Wer Jugendliche nicht ernst nimmt, darf sich nicht wundern, selbst nicht mehr ernst genommen zu werden.

Kurz, immerhin, hat inzwischen dazugelernt: Eine Kampagne muss nicht "geil“ sein, um an der Urne Erfolge zu zeitigen. Bei den Nationalratswahlen 2013 verzichtete er auf doppeldeutige Slogans und stellte Forderungen, etwa nach direkter Demokratie, in den Mittelpunkt. Kurz bekam über 35.000 Vorzugsstimmen, so viel wie kein anderer Kandidat. Ganz ohne Hummer, Sprechgesang und James Bond.