Lingens über Waldheim: "Er hätte nur desertieren können"

Jakob Winter und Peter Michael Lingens

Jakob Winter und Peter Michael Lingens

Der jüngste profil-Redakteur interviewt den ältesten - der frühere profil-Herausgeber Peter Michael Lingens über die tragische Figur Kurt Waldheim, journalistische Fehler bei der Vergangenheitsbewältigung und den richtigen Umgang mit der FPÖ.

profil: Sie sind 1939 geboren, ich 1990. Meine Generation fragt sich: Warum hat es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges so lange gedauert, bis sich Österreich seiner Vergangenheit stellte?
Peter Michael Lingens: Weil es für Österreich wahnsinnig vorteilhaft war, ein Opfer zu sein. Dem Umstand verdanken wir auch den Staatsvertrag. Es ist ja auch nicht ganz falsch: Wir waren Opfer, aber auch Täter. Nur über den zweiten Teil hat man nicht so gerne gesprochen. Unmittelbar nach dem Krieg wurden die Schwerverbrecher schnell abgeurteilt. 1949 bildete sich der Verband der Unabhängigen, die Partei der Altnazis. SPÖ und ÖVP hatten das Gefühl: Wenn wir die ehemaligen Nazis auf unserer Seite haben, gewinnen wir Wahlen. Ab dem Zeitpunkt ist das Interesse an der Aufarbeitung erloschen. Außerdem waren im Staatsdienst jede Menge Beamte aus der NS-Zeit, etwa in der Justiz.


Wir waren Opfer, aber auch Täter

profil: War die versäumte Aufarbeitung auch ein Medienversagen?
Lingens: Die "Kronen Zeitung“ ist das Unheil Österreichs. Ich halte ihre Rolle bei der Nichtbewältigung der Vergangenheit für entscheidend. Dass zufällig ein unendlich begabter Medienmacher, nämlich Hans Dichand, genau diese Kriegsvergangenheit hatte und als Verteidiger der Wehrmachtsgeneration sehr geschickt agiert hat, war großes Pech. In Deutschland wurde die größte Zeitung von Axel Springer gemacht, und der war extremer Anti-Nazi. Daher ist die Aufarbeitung dort anders verlaufen.

profil: In Österreich hat sich die Debatte über Österreichs Rolle im Nationalsozialismus an Kurt Waldheim entfacht. Und zwar 1986 kurz vor der Bundespräsidentenwahl, als profil die SA-Mitgliedschaft aufdeckte. Sie waren damals Herausgeber. Wie kam es dazu?
Lingens: Ich hörte von dem Gerücht, die SPÖ würde mit einer sensationellen Enthüllung zu Waldheims Vergangenheit herauskommen und dass das in der "New York Times“ stehen würde. Daraufhin habe ich dem jungen Redakteur Hubertus Czernin gesagt, fragen wir den Waldheim doch zu seiner militärischen Vergangenheit, und bitten wir ihn, uns in seinen Wehrdienstakt Einsicht zu geben. Und der Waldheim hat völlig problemlos sofort eingewilligt.


Waldheim war in völliger Panik

profil: In dem Akt fand Czernin Waldheims SA-Vergangenheit?
Lingens: Genau, darin war ersichtlich, dass er bei der SA war und bei einer Reitervereinigung. Ich war früher ein Mitarbeiter von Simon Wiesenthal und wusste, wie man so etwas einordnet. Wiesenthal hat Bezeichnungen, dass jemand bei der SA oder bei der SS war, immer sehr differenziert angeschaut. Mir war klar: Jemand der 1936 der SA beitrat, der war ein Nazi. Da musste man glühend und freiwillig hingehen. Jemand, der nach dem "Anschluss“ bei der SA war, und zwar bei einem Sportverein, ist hingegen einfach inkorporiert worden.

profil: Die Vorwürfe gegen Waldheim wurden aber noch schwerwiegender.
Lingens: Dann kam die "New York Times“ heraus, einen Tag nach profil. Die hatten gewichtigere Behauptungen aufgestellt: Dass Waldheim an der Balkan-Front gewesen ist und dort unter einem General Löhr gedient hat, der eindeutiger Kriegsverbrecher war. Die übliche Strategie der deutschen Wehrmacht im Umgang mit Partisanen war: Wenn ein deutscher Soldat durch einen Partisanen umkam, dann ist man in die Ortschaft gegangen, wo der Partisan herkam. und hat zehn Leute umgebracht. Das hat die Wehrmacht am Balkan besonders intensiv getan, das hat auch der Löhr getan. Wir haben dann geschaut, ob Waldheim in irgendeiner Weise daran beteiligt war, und da hat sich gezeigt: Es war nicht so.

profil: Die Frage war doch, ob er von den Morden gewusst hat?
Lingens: Ich habe ihn interviewt zur Tätigkeit dieser Truppe und habe ihn gefragt, ob er wusste, dass Partisanen erschossen wurden. Waldheim sagte damals Nein. Wenn Sie ihn damals gefragt hätten, wie er heißt, hätte er Nein darauf gesagt. Waldheim war in völliger Panik, weil er sich gefragt hat, wieso man ihn plötzlich zu einem Kriegsverbrecher macht. Dennoch: Er hat da die Unwahrheit gesagt. Er war mit Sicherheit informiert, dass das passiert ist.


Es gab den starken Wunsch, das österreichische Mitläufertum im Nationalsozialismus aufzudecken

profil: Unter den Medien brach in der Folge ein regelrechter Wettlauf um die neuesten Enthüllungen aus, der zu vielen Falschmeldungen führte.
Lingens: Es ist atemberaubend, in welcher Weise hier gefälscht wurde. Die schlimmste sogenannte rauchende Pistole hat der "Spiegel“ präsentiert: Waldheim hätte im ehemaligen Jugoslawien an einem Massaker mitgewirkt. Das ist bei uns in einer halben Stunde als Fälschung des jugoslawischen Geheimdienstes erkannt worden. Eine meiner Erkenntnisse war, wie unglaublich schlecht sogenannte Weltmedien wie die "New York Times“ oder der "Spiegel“ recherchieren.

profil: Wie erklären Sie sich den Eifer?
Lingens: Es gab den starken Wunsch, das österreichische Mitläufertum im Nationalsozialismus aufzudecken, aber Waldheim war dafür schlicht die falsche Figur. Er hat Flugzettel verteilt, dass man für Österreich stimmen soll bei der Volksabstimmung über den "Anschluss“. Er ist von den Nazis verprügelt worden. Er hat jüdischen Mitstudenten die Skripten nach Hause gebracht, damit sie ihr Studium abschließen konnten. Es ist einfach absurd, in ihm einen besonderen Nazi zu sehen.

profil: War Waldheim die falsche Figur für die richtige Debatte?
Lingens: Ja, für die Debatte über den schlampigen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Waldheim hat sich extrem ungeschickt verhalten. Er hat ja nichts tun können gegen die Erschießungen der Partisanen, er hätte nur desertieren können. Aber ehrlich umgehen damit hätte er müssen. Das zweite war, dass er dieses unsägliche Wort, er habe nur seine Pflicht erfüllt, gesagt hat. Ich wüsste nicht, was man Kurt Waldheim vorwerfen könnte, außer Ungeschicklichkeit und die Unfähigkeit, zu begreifen, dass man sich als ehemaliger UN-Generalsekretär und als Bundespräsidentschaftskandidat anders äußern können muss.


Am besten hätte man die Debatte am früheren FPÖ-Chef Friedrich Peter führen sollen

profil: Andererseits: Waldheim war einer der letzten Spitzenpolitiker der Kriegsgeneration. Hätte sich die Debatte damals nicht aufgeschaukelt, wäre sie dann je geführt worden?
Lingens: Es war ein historisches Glück, dass sie stattgefunden hat. Und wahrscheinlich hätte sie nie stattgefunden, wenn sie nicht von der "New York Times“ gekommen wäre. Das profil alleine hätte das nicht fertiggebracht.

profil: Wer wäre denn die richtige Figur gewesen?
Lingens: Es gab unzählige Kriegsverbrecher aus Österreich, und Hitler war ja auch nicht gerade ein Ausländer. Man hätte massenhaft Gelegenheit gehabt, diese Rolle Österreichs zu beleuchten. Am besten hätte man die Debatte am früheren FPÖ-Chef Friedrich Peter führen sollen! Nur um den Unterschied klarzumachen: Peter war zwei Jahre lang Mitglied einer reinen SS-Mörderbande, die hat täglich 100 Leute erschossen. Da haben Wehrmachtsgeneräle in Russland den Befehl ausgegeben, mit dieser Truppe keine Gespräche zu führen. So düster waren die, dass sie selbst der Wehrmacht zu heftig waren. Der Peter hat gesagt, er habe nur seine Pflicht getan. Das war unerträglich. Bruno Kreisky hat sich mit aller Kraft hinter Peter gestellt. Peter ist vom Parlament mit Standing Ovations verabschiedet worden. Daneben schaue man sich den Waldheim an, der ein Nachrichtenoffizier war, über dessen Schreibtisch Meldungen gegangen sind.

profil: Und just die SPÖ, deren Minderheitsregierung von Peter gestützt wurde, war es, die Waldheim seine Kriegsvergangenheit zum Vorwurf machte.
Lingens: Die SPÖ wollte ihn aus niedrigen Motiven desavouieren, aus panischer Angst, die Bundespräsidentschaftswahl zu verlieren.

profil: Bekanntermaßen ging die Wahl für die SPÖ trotzdem verloren. Auch weil die ÖVP dann plakatierte, Verleumdung dürfe sich nicht lohnen?
Lingens: Die "Jetzt erst recht“-Propaganda der ÖVP beinhaltete massive antisemitische Untertöne, die war natürlich unzulässig. Wäre Waldheim eine große Persönlichkeit gewesen, hätte er sich das verboten.

profil: Hätte Waldheim auch durch den Verzicht auf das Bundespräsidentenamt Schaden von sich selbst und der Republik abwenden können?
Lingens: Er hätte Österreich damit sicher einen Gefallen getan. Aber ich verstehe, dass er das Gefühl hatte, das sähe so aus, als ob er sich schuldig fühlte.


Mit Recht hatte er das Gefühl, ihm wurde Unrecht getan

profil: Waldheim ist zum Sinnbild des verlogenen Umgangs Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit geworden. Hatte er überhaupt eine Chance, den Eindruck nach der Affäre noch zu bereinigen?
Lingens: Als dieses Sinnbild steht er da, aber das ist er nicht. Die Chance, eine richtige Bewertung der Geschichte durch junge Leute wie Sie herbeizuführen, die hat er nicht genützt. Die haben überhaupt sehr wenige österreichische Politiker genützt. Franz Vranitzky vielleicht, indem er als Erster gesagt hat, wir waren Mittäter und wollen uns dafür entschuldigen. Der hat ein seriöses Geschichtsbild entworfen. Diese Chance hätte Waldheim auch gehabt.

profil: Wäre Österreich unter Waldheims Präsidentschaft für eine solche Geste schon bereit gewesen?
Lingens: Ich glaube: Ja. Aber seine Kränkung war irrsinnig stark, die hat ihn am Denken gehindert. Mit Recht hatte er das Gefühl, ihm wurde Unrecht getan, wo er doch eher gegen die Nazis war, und plötzlich wurde er als "Schlächter“ dargestellt, wie ihn eine amerikanische Zeitung nannte. Menschlich verstehe ich, dass er fassungslos war. Eine große Persönlichkeit hätte das verkraften oder gar in einen Sieg umwandeln können. Die war er nicht.

profil: Ihre Mutter leistete Widerstand gegen das NS-Regime. Haben Sie sich in Ihrer Beurteilung über Waldheim mit ihr besprochen?
Lingens: Meine Mutter stellte in dem Zusammenhang eine Autorität für mich dar. Sie hat zu Hause Juden versteckt und ihnen zur Flucht verholfen. 1942 wurde sie verpfiffen und nach Auschwitz gesperrt. Meine Mutter hatte zeit ihres Lebens etwas gegen Hetze, auch die Hetze gegen Kurt Waldheim missfiel ihr. Und das ist auch meine Haltung dazu, obwohl ich den Herrn Waldheim nie zum UN-Generalsekretär gemacht und nie zum Bundespräsidenten gewählt hätte.


Natürlich gibt es Tendenzen bei der FPÖ, die ganz eindeutigen Hintergund haben

profil: Die Heftigkeit der Debatte - war das auch ein Generationenkonflikt?
Lingens: Ja. Mit dem Problem, den solche Konflikte mit sich bringen. Leute wie meine Mutter, die im Widerstand waren, wurden dramatisch überholt. Die Jungen haben mit einer unheimlichen Apodiktik erklärt, was Waldheim und andere für Verbrecher waren. Während meine Mutter viel milder war, weil sie wusste, wie schwierig es damals war, sich zu widersetzen. Ein Beispiel: Alle Lehrer waren Nazis. Aber sie konnten nicht anders. Wenn sie keine Nazis waren, konnten sie nicht Lehrer sein und für ihre Familie sorgen. Dem ist von der nächsten Generation mit unglaublicher Verachtung begegnet worden, die sagten, sie hätten sich niemals dem NS-System unterworfen.

profil: Gibt es diesen selbstgerechten Antifaschismus bis heute?
Lingens: Der ist problematisch, bis heute. Außerdem ist es unklug, so zu agieren. Man macht dem anderen damit einen Gefallen, man überhöht ihn.

profil: Wie begegnet man der FPÖ dann, ohne sie aufzuwerten?
Lingens: Indem man jeden ihrer konkreten Verstöße anschaut, wie der Hubertus Czernin. Ich habe es immer für unsinnig gehalten, laut aufzuschreien, wenn ein neuer Vorschlag von der FPÖ kommt. Der permanente Versuch, sie der Wiederbetätigung zu überführen, ist ein Problem. Natürlich gibt es Tendenzen bei der FPÖ, die ganz eindeutigen Hintergund haben. Dennoch: Je ruhiger, je sachlicher man ihre tatsächlichen Aussagen auf deren Substanz überprüft, desto besser geht man damit um.