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profil-Morgenpost
05/12/2021

Wann kommen die Palindrome Papers?

profil untersucht im Namen Pandoras die Offshore-Konten der Polit- und Kulturprominenz – und prüft kühne öffentliche Behauptungen auf ihren Faktenkern.

von Stefan Grissemann

Als die anmutige Pandora die Büchse öffnete, die ihr der rachsüchtige Zeus anvertraut hatte, entwichen aus dem Gefäß ebenso überraschend wie unaufhaltsam alle Übel der Welt und plagen letztere seither. So überliefert es uns jedenfalls die üblicherweise gut unterrichtete griechische Mythologie, die um saftige Geschichten bekanntlich nie verlegen ist. Wer immer also die „Pandora Papers“ so genannt hat, die vor wenigen Tagen – unter tatkräftiger Mitwirkung des profil – präsentiert wurden (und ja, schon klar, es musste nach „Panama“ und „Paradise Papers“ allein aus Gründen der Kontinuität natürlich irgendetwas mit „Pa-“ sein), sei an dieser Stelle sanft darauf hingewiesen: Der Begriff birgt etymologisch den einen oder anderen semantischen Abgrund. Denn wenn man die Pandora-Legende ernst nimmt, wäre es deutlich besser gewesen, die Box gar nicht erst zu öffnen. Aber hey, Namen sind, wie man weiß, bloß Hall und Schmauch, und die leicht antifeministische Geschichte der Pandora ist nach gut 2700 Jahren auch nicht mehr taufrisch.

Nichts weniger als „das größte journalistische Rechercheprojekt der Geschichte“ jedenfalls verspricht das profil-Investigativ-Duo Michael Nikbakhsh und Stefan Melichar, das gemeinsam mit weiteren 600 Journalist:innen in 117 Ländern auf Initiative des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) seit Monaten an der Aufdeckung von zehntausenden Steuervermeidungs- oder -hinterziehungskonten arbeitet. Näheres zu Genese und Wirkung der „Pandora Papers“ finden Sie hier. Köpfe werden rollen, wie man es so schön drastisch formuliert, und hochprominente Menschen aus Politik und Kultur fortan mit der öffentlichen Schande ihrer materiellen Gier leben müssen. Die Serie von Offenlegungen beginnt gerade erst, Fortsetzung wird, auch auf profil.at, in schneller Frequenz folgen. Bleiben Sie dran.

Übrigens, liebe Investigativnetzwerke, nur schon zur Vorausplanung finden Sie hier noch einige konstruktive Titelvorschläge für die nächsten Daten-Leaks: „Paella Papers“ (für Gastronomieskandale), „Papal Papers“ (für all die undurchsichtigen Geschäfte, die im Vatikan gemacht werden) oder „Palindrome Papers“ (für Finanzaffären von Menschen, deren Vornamen Anna, Otto, Bob, Ada oder Hannah lauten).

Fake News? Nicht mit uns!

Um sich ein wenig zu blamieren, muss man nicht erst Offshore-Banking betreiben oder sich gar der Mühsal unterziehen, Briefkastenfirmen zu gründen. Es genügt schon, ein bisschen Unsinn zu reden, ohne diesen als solchen zu deklarieren. Leute, die im Brustton der Überzeugung öffentlich Dinge behaupten, deren Wahrheitsgehalt sich ohne weiteres nicht nachweisen lässt, sollten sich in den kommenden Wochen nicht nur deshalb warm anziehen, weil der Herbst mit seinen gewohnten Nebenwirkungen ins Land zieht. Es könnte nämlich gut sein, dass er oder sie sich schon wenige Tage nach der Verlautbarung kühner Ideen in der News-Teststation dieser Zeitung wiederfindet: Die Faktencheck-Redaktion „faktiv“ prüft ab sofort Tatsachenbehauptungen auf Herz und Nieren, unter Beiziehung unabhängiger Expertisen, um der systematischen Desinformation im Netz entgegenzutreten.

Es sei am Rande noch erwähnt, dass der Begriff „faktiv“ nicht nur eines der bei profil sehr beliebten Wortspiele darstellt, sondern auch eine zwar nicht dudenbeglaubigte, aber nachweislich existierende, im täglichen Sprachgebrauch zugegeben wenig benutzte Vokabel, die sich ausgerechnet in der Linguistik findet: Zu den sogenannten faktiven Verben werden unter anderem die Worte „wissen“, „bereuen“, „bemerken“ und „erkennen“ gezählt, denn sie markieren alle denkbaren folgenden Nebensätze implizit als Tatsachen (etwa: „dass ich diese Morgenpost derart weitschweifig anlege“).

In diesem Sinne schließe ich eiligst und wünsche im Namen der profil-Redaktion einen faktisch ersprießlichen Dienstag!

Stefan Grissemann

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