Spitäler

Warum in Österreich derzeit über 3000 Spitalsbetten gesperrt sind

Ein Rundruf unter den Kliniken des Landes zeigt, wo die größten Probleme liegen. Und warum mit einem Ende der angespannten Situation so bald nicht zu rechnen ist.

Drucken

Schriftgröße

Das größte Spital Österreichs, das Allgemeine Krankenhaus (AKH) in Wien, steht exemplarisch für die Probleme, an denen das Gesundheitssystem derzeit laboriert: Etwa 140 Posten seien unbesetzt, sagt der oberste Personalvertreter Wolfgang Hofer im Gespräch mit profil: „Das führt dazu, dass wir die Leistung reduzieren müssen.“ Besonders wirke sich der Mangel auf den Operationsbereich aus. Die Pflegekräfte müssen laut Hofer Überstunden schieben, um mit dem Andrang an Patienten fertigzuwerden. Das kann zu Überlastung und in der Folge zu Personalabgängen führen. Personalvertreter Hofer drängt deshalb darauf, die Leistungen runterzufahren: „Besser, man sperrt einen OP-Tisch mehr, als noch mehr Personal zu verlieren.“

Die Abwärtsspirale, die man im AKH verhindern will, ist an anderen Standorten bereits in vollem Gange. Quer durchs Land sind etwa sechs Prozent der Pflegestellen unbesetzt. Nach profil-Berechnungen sind aktuell über 3000 Spitalsbetten nicht in Betrieb. Das Problem sind freilich nicht die Betten, vielmehr fehlt das Personal, um die Stationen zu betreuen – deshalb werden sie dichtgemacht.

Die Gründe dafür sind vielfältig, wie Elisabeth Potzmann im Gespräch mit profil erklärt: Die Babyboomer, die in Pension gehen. Dazu kommen die Arbeitsbedingungen, die es auch den Jüngeren schwermachen, zu bleiben. Die Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV) geht aufgrund von Befragungen davon aus, dass über die vergangenen Jahre fünf Prozent der Pflegerinnen und Pfleger den Beruf verlassen haben. Mehr als 5000 Personen steigen also aus dem System aus: „Das ist dramatisch, weil uns jede Hand fehlt“, so Potzmann. Ihre Hoffnung sind die aktuellen Finanzausgleichsverhandlungen zwischen Bund und Ländern – die größten Diskussionen gibt es traditionell zum Gesundheitsbereich. Potzmann fordert wie auch die Länder, die für die Spitäler zuständig sind, „frisches Geld“. In einem Gesundheitssystem, das bereits jetzt zu den teuersten der Welt gehört. Davon würde derzeit allerdings das ärztliche Personal mehr profitieren als die Krankenpfleger.

Gesperrte Betten versus Personalabgang

Beim Personalmangel dürfte es ein Stadt-Land-Gefälle geben, wie der Betriebsrat der Landeskrankenhäuser in der Steiermark, Michael Tripolt, schildert: „Im Großraum Graz herrscht Pflegemangel, am Land fehlen die Ärzte.“ Rund 280 Posten seien insgesamt unbesetzt, 230 davon in der Pflege. Tendenziell sei der Mitarbeiterabgang in letzter Zeit nicht vorangeschritten, dennoch müsste sich so einiges ändern, wenn es nach dem Betriebsrat geht. Es brennt in hochspezialisieren Bereichen, in Kinder-Intensivstationen werde „die Luft echt dünn“, sagt Tripolt. Man müsse die gesamte Gesundheitsstrategie neu denken: „Unsere Spitalsstruktur kommt aus einer Zeit, wo die Patienten auf Pferden eingeliefert wurden.“ Kleinere Spitäler könne man heute zusammenfassen, um die Administration zu erleichtern.

Stadt-Land-Gefälle

In Salzburg komme es zu „extremen Wartezeiten“ für Routineeingriffe und „völlig überfüllten Ambulanzen“, weil man zu wenige Ärztinnen habe. So schildert es zumindest Markus Pitterka, der Zentralbetriebsratsvorsitzende der Salzburger Landeskliniken. Pitterka sagte zur APA, dass allein im Landeskrankenhaus Salzburg und der Christian-Doppler-Klinik 40 Arztstellen und über 130 Pflegestellen (jeweils Vollzeitäquivalente) nicht besetzt sein. „Und wir haben zunehmende Rekrutierungsprobleme beim Verwaltungs- und Betriebspersonal.“

Viele arbeiten deshalb nur Teilzeit, auch wenn keine familiären Verpflichtungen sie dazu zwingen. Das hat eher taktische Gründe: Insgesamt, also samt aller Überstunden, kommt eine Pflegekraft auf ein Vollzeitpensum. Die Arbeitskräfte wünschen sich stabilere Dienstpläne und bessere Planbarkeit, beteuert ÖGKV-Präsidentin Potzmann. Die Stimmung ist trüb, der Frust sehr hoch. Mitarbeiter fühlen sich ungerecht behandelt. Ein Beispiel dafür ist der Pflegebonus, bei dem Mitarbeiter ausgegrenzt worden seien, weil sie nicht nach dem Pflegegesetz, sondern nach dem Assistenzberufegesetz arbeiten würden.

Qualifizierte Zuwanderung keine Lösung

Erfreulicheres hört man aus Niederösterreich. Dort verzeichnet die die Landesgesundheitsagentur (LGA) einen historischen Personalhöchststand – 24.000 Mitarbeiter habe man erfolgreich rekrutieren können, davon 4300 Ärzte. Je nach Standort mangelt es dennoch an Pflegepersonal.

Während manche auf qualifizierte Zuwanderung hoffen – zuletzt etwa die Salzburger Gesundheitslandesrätin Daniela Gutschi. Laut ihr soll eine zentrale Anlaufstelle für im Ausland erworbene Qualifikationen implementiert werden. Das sehen die Krankenhäuser kritisch. Man werde weiterhin einen Zuzug brauchen, manche sprechen von bis zu einem Jahr an Eingewöhnungszeit, gerade für nicht-deutschsprachiges Personal. Lösungen für den Personalmangel sollte man laut Elisabeth Potzman im eigenen Land finden: „Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen, kommt mit einem gewissen Risiko einher. Wie werden sie sich integrieren, werden sie bleiben oder weiterziehen, wenn es in anderen Ländern bessere Bedingungen gibt?“

Hinter fehlenden Personalstellen stecken laut Experten unerfüllte Bedürfnisse. Klar brauche es laut dem Steirer Betriebsrat Tripolt mehr Stellen, doch es gehe darum, den Beruf attraktiver zu gestalten, damit man diese besetzen könne. Tripolt verweist auf ein Mitarbeiterpaket, über welches bald im Landtag in Graz abgestimmt werden soll: 130 Millionen Euro für Mitarbeiter sollen die Personalsituation stabilisieren. Doch Geld löst bekanntlich nicht alle Probleme.

Überblick Voraussetzung für Reform

Weniger Bürokratie ist für Betriebsrat Tripolt ein Schlüssel zum Erfolg. Mehr als die Hälfte der Arbeitszeit geht laut ihm für Dokumentationsaufgaben drauf, darunter das händische Eintragen von Diagnosen. Dafür sei niemand Krankenpfleger geworden. Digitalisierung in dem Bereich sei notwendig. Vorausgesetzt: „Die Politik muss Entscheidungsfreude entwickeln.“

Angesichts der älter werdenden Bevölkerung mit multiplen Krankheitsbildern, die in den Spitälern versorgt werden müssen, sei es dringend erforderlich, die von Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) angekündigte Gesundheitsreform auch auf den Boden zu bringen - beispielsweise mit einer Stärkung der niedergelassenen Versorgung, so die Salzburger Gesundheitslandesrätin Gutschi. Das soll zu einer Entlastung der Spitäler beitragen.

Die Landesregierung reagierte auf den Personalmangel mit einer Pflegereform. Im Vorjahr wurde eine Milliarde Euro für die Pflege lockergemacht, heuer folgten weitere 120 Millionen Euro. In Wien wurden die Ausbildungsplätze für Pflege auf; Die Pflegelehre ist ein Versuch, Jugendliche für Pflegeassistenzberufe zu begeistern. Auch im Ausland werden Arbeitskräfte angeworben – etwa in den Philippinen. Branchensprechern begrüßten die Berücksichtigung ihrer langjährigen Forderungen, sahen aber besonders den Teil betreffend der 24-h-Betreuung kritisch. Zukunftsfit sei Österreich damit nicht, attestierten die Experten.

Um entscheidungsfreudig zu sein, bräuchte die Regierung erstmal einen Überblick. Doch dieser fehlt: Laut einer parlamentarischen Anfragenbeantwortung weiß Minister Rauch nicht einmal, wie viele Personalstellen an Österreichs Krankenhäuser unbesetzt sind.

Der Föderalismus schlägt wieder einmal zu.

Elena Crisan

Elena Crisan

ist Teil des Online-Ressorts. Schreibt über Wirtschaft und Politik.