Weltyogatag: Der Yo-Yo-Effekt

Weltyogatag: Der Yo-Yo-Effekt

250 Millionen Menschen praktizieren Yoga, um seelische Balance zu finden und ihren Körper zu trimmen.

Als Samantha Jones’ Liebhaber Smith in der TV-Serie "Sex and the City“ mit einem ulkigen "Fuck Yoga“-T-Shirt der Welt signalisieren wollte, dass er die Nase voll von Sonnengebeten, Krieger-Positionen und "Om“-Gesängen hatte, ging der ironische Protest ins Leere. Eine Viertelmilliarde Menschen praktizieren die 5000 Jahre alte Verbindung von Körper, Geist und Seele auf stillgelegten Bahngleisen im Süden Indiens, in afrikanischen Frauengefängnissen, steirischen Schulen (unter Protest mancher Eltern) oder in schicken Lofts von New York, Paris und London.

Indische Entschleunigungstechnik

Celebritys wie Lena Durham, Lady Gaga und Britney Spears posten auf Instagram im Minutentakt ihre neuen Fertigkeiten in fortgeschrittenem "Asanas“, so der korrekte Terminus für Yoga-Positionen, der wortwörtlich aus dem Sanskrit "Sitzen mit dem Atem“ bedeutet. Madonna trimmte ihren Körper schon vor 20 Jahren mit Yoga und ist inzwischen in der Lage, im Lotus-Sitz mit ihren Fußsohlen Tee zu trinken, wie sie gerne bei Foto-Shootings demonstriert. Der milliardenschwere Investor George Soros und der Hollywood-Schauspieler Joaquin Phoenix entwickelten eine solche Leidenschaft für die indische Entschleunigungstechnik, dass sie ihre Yoga-Lehrerinnen kürzlich vor den Traualtar führten. Säkuläre Türkinnen demonstrieren gegen den konservativen Hardliner Erdogan in Istanbul bei Freiluft-Yoga. Selbst Wladimir Putin, der Yoga-Stunden in der russischen Erziehung verbieten wollte, weil er auf Vermittlung von Hardcore-Heimatverbundenheit pochte und dieses Anliegen auf die Formel "Borschtsch statt Yoga“ brachte, kündigte anlässlich eines Treffens mit dem indischen Premier im vergangenen Sommer an, es einmal mit dem Massenphänomen probieren zu wollen. Jener Narendra Modi gilt als großer Verfechter der Lehre, die im Sanskrit so viel wie "Vereinigung“ und "Integration“ bedeutet, und führt vor 35.000 Menschen schon einmal die Sonnengebete vor.

Der amerikanische Starfotograf Michael O’Neill, berühmt durch seine Porträts von Richard Nixon, Andy Warhol und der Hollywood-Elite, entdeckte die Kraft von Yoga durch eine persönliche Tragödie: "Nach 35 Jahren Dauerstress litt ich an schrecklichen Nackenschmerzen. Als ich den OP-Saal verließ, konnte ich plötzlich meinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Die Neurologen prognostizierten mir, dass ich mit dieser Einschränkung leben werde müssen.“

Wundersame Heilung

Angeregt durch eine Begegnung mit dem Dalia Lama Jahre zuvor, "der mit einer Leichtigkeit und ohne einen Tropfen Schweiß zu vergießen“, seine Yoga-Übungen praktizierte, begann O’Neill nach der auch beruflich für ihn verheerenden Diagnose sein Schicksal selbst zu gestalten. Nach einem Jahr intensiver Hydrotherapie in Kombination mit Yoga und Meditation hatten sich seine Nerven wider aller medizinischen Prognosen regeneriert. Die wundersame Heilung gab den Ausschlag, eine Reise anzutreten zu den Yogi-Meistern und Gurus in Indien und Tibet, die Yoga in seiner puren, unverfälschten Form praktizierten und lehrten.

Yoga in Bud Light's Whatever, USA

"Die Architektur des Friedens“ nennt O’Neill das Resultat seiner "Transformation“: Für einen Yoga-Bildband meditierte er mit Mönchen auf dem Himalaja-Massiv und schlief neben ihnen auf dem kalten Boden, er badete mit Pilgern in den heiligen Gewässern des Ganges, lebte in den Zelten der Sadhus, jener heiligen Männer, die sich der totalen Askese verschrieben haben, dokumentierte aber auch die kommerziellen Auswüchse, wie den Popstar unter den indischen Yogis Swami Ramdejv, der mit seinen täglichen Yoga-Fernsehshows ein gigantisches Publikum in den Lotussitz gleiten lässt. Und natürlich posierten für O’Neill auch jene Celebritys, die Yoga in seiner westlich angepassten Form in ihren Alltag überführt hatten: die Modeschöpferin Donna Karan, das ehemalige Supermodel Christy Turlington, das mit einer Yoga-Bekleidungslinie inzwischen ein Business-Imperium startete, oder den Popstar Sting. Doch der Glamour-Part des Projekts interessierte O’Neill am wenigsten. Seinen Fotoband will er als "Verneigung“ vor einer Tradition verstehen, die mit dem Sterben ihrer Meister vom Verschwinden bedroht ist: "Eine der großen Erleuchteten sagte mir nach der Fotosession, dass ich das Medium bin, durch das die alten Traditionen jetzt fließen können. Das war das schönste Kompliment, das man mir machen konnte.“