Wie Stift Heiligenkreuz zum konservativen Think Tank wurde

Wie Stift Heiligenkreuz zum konservativen Think Tank wurde

Wie eine kleine Hochschule mit päpstlichem Segen zur elitär-konservativen Priesterschmiede wurde.

Dem Genius Loci können sich auch Heiden kaum entziehen – vor allem dieser Tage, wenn der Herbstnebel tief über dem Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz im Wienerwald liegt. Weniger mystisch ist derzeit die Atmosphäre im ehemaligen Meierhof des Klosters: Arbeiter, Gerüste, Mischmaschinen. Die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, die einzige Ordenshochschule Österreichs, wird ausgebaut: neue Bibliothek, Hörsäle, ein Medienschulungszentrum. Kommt kein Schnee, wird der Bauherr, Pater Karl Wallner (Foto), bald die Dachgleiche feiern. Auch sonst gab es für den Rektor der Hochschule in den vergangenen Wochen Grund zur Freude: 16 frischgraduierte Absolventen, drei weitere Honorarprofessoren, neue Ehrensenatoren – darunter Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein und dessen Frau Marie. Die Familie verfügt in der Region über Wald- und Schlossbesitz und ist Stift und Hochschule seit Langem verbunden. Die Fürstin – geborene Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau – war zum Festakt eigens angereist.

Gaudium maximum löste in der Hochschule vergangene Woche der Karriere­sprung eines Gastprofessors aus: Der bisherige Grazer Weihbischof Franz Lackner („Gott hat wieder einmal überrascht“) wurde vom Salzburger Domkapitel aus dem Dreiervorschlag des Vatikans zum neuen Erzbischof gekürt. Seit 1999 unterrichtet Lackner am Institut für Philosophie der Hochschule. „Ich habe meine Kollegen darauf hingewiesen, dass wir in unserer Freude über diese Entscheidung nicht übermütig werden dürfen“, sagt Rektor Wallner.

Die Freude muss eine dreifache gewesen sein. Denn auf der Liste des Vatikans für die Nachfolge von Erzbischof Alois Kothgasser befanden sich neben Lackner zwei weitere Persönlichkeiten mit Verbindung zur Hochschule Heiligenkreuz: der umstrittene Salzburger Weihbischof Andreas Laun, Gastprofessor für Moraltheologie, und Rektor Wallner selbst. Pater Karl kann zur bemerkenswerten Häufung von Heiligenkreuzern auf der Kandidatenliste keinen Kommentar abgebeben. Die Namen auf dem Dreier-Vorschlag sind formal ein Geheimnis – in alle Ewigkeit.

„Ich fühle mich als progressiv“
Umso bereitwilliger kommentiert Wallner die jüngsten Berichte anlässlich der Bestellung des neuen Erzbischofs. Dass sein Stift, die Hochschule und auch er selbst in einem Kommentar der „Salzburger Nachrichten“ als „konservativ“ bezeichnet wurden, habe ihn „betroffen“ gemacht: „Ich fühle mich als progressiv. Wir gehen in die Zukunft.“

Bisher wurde das Zisterzienserstift dank seiner Attraktionen medial verwöhnt: frisch-fromm-fröhliche Mönche, die sich mit Chorälen an die Spitze der internationalen Charts singen; die Auszeichnung durch den Besuch von Papst Benedikt im September 2007; die Story des Oscar-Preisträgers Florian Henckel-Donnersmarck, ein Neffe des früheren Abts Gregor, der das Drehbuch für seinen preisgekrönten Film „Das Leben der Anderen“ im Stift verfasst hatte.

„Die Heiligenkreuzer müssen sich die Einschätzungen ,konservativ‘, ,traditionalistisch‘ und ,theologisch konventionell‘ schon gefallen lassen. Ich weiß auch gar nicht, was sie dagegen haben“, sagt Helmut Schüller, der Sprecher der „Pfarrerinitiative“. Die Forderungen der Kirchenreformer – Abschaffung des Zölibats, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Zulassung von Frauen zum Priesteramt und Stärkung der Laien – gelten in Heiligenkreuz als frevelhaftes Minderheitenprogramm. Karl Wallner: „Wir wollen eine lebendige Kirche mit Freude am Glauben. Es ist nur eine kleine Gruppe, die derzeit ihren Kirchenfrust auslebt.“

Wäre die katholische Kirche ein Konsumgüterkonzern, würden derartige Konflikte mit einer zielgruppenadäquaten Zwei-Marken-Strategie gelöst. Doch wo seit 2000 Jahren um Glauben und Gewissheiten gerungen wird, gibt es nur eine Wahrheit. Und die heißt in Heiligenkreuz „Rom“.
Der frühere Abt Gregor Henckel-Donnersmarck knüpfte schon in den 1980er-Jahren Kontakte in den Vatikan, vor allem zum Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger. 2007 wurde die 1802 gegründete Hochschule vom Heiligen Stuhl in den Rang einer „Hochschule päpstlichen Rechts“ erhoben. Henckel-Donnersmarck gab ihr den Beinamen des Papstes. Dank ihres Rangs darf die Hochschule nun den staatlich anerkannten Grad eines „Magisters theologiae“ vergeben. Doktoratsstudien sind freilich weiterhin nur auf den Universitäten möglich.

„Knieende Theologie“
Gerade das Verhältnis der Hochschule Heiligenkreuz zur katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien ist nicht immer von Nächstenliebe getragen. Aus Heiligenkreuzer Sicht ist die Universität Wien ein weltlicher und wenig spiritueller Studienort für angehende Religionslehrer, während in der Priesterausbildungsstätte im Wienerwald eine „knieende Theologie“ (Ex-Abt Henckel-Donnersmarck) gelehrt werde. Vertreter der Uni Wien zweifelten ihrerseits wiederholt die wissenschaftlichen Standards der Heiligenkreuzer Hochschule massiv an.
Die Auseinandersetzungen zwischen Wien und Heiligenkreuz spiegeln sich auch in den jeweiligen Priesterseminaren wider. Während die Seminaristen der Erzdiözese Wien in vergleichsweise pragmatischem Geist zu weltnahen Priestern erzogen werden, dominieren im abgeschiedenen Heiligenkreuzer Priesterseminar Leopoldinum Mystik und mönchischer Alltag.

Spiritualität und feierliche Liturgien inklusive Nachtgebete, lateinische Messen und Gesang sind für Rektor Wallner ein Erfolgsgarant. Im Gegensatz zu den diözesanen Priesterseminaren kämpft Heiligenkreuz nicht mit Nachwuchsproblemen. Wallner: „Wir sind mittlerweile die größte Priesterausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum.“ Der Leiter des Leopoldinums, Anton Lässer, gilt ebenfalls als streng-konservativer Kleriker. Und wie sein Mitbruder Wallner war auch Lässer – diesfalls bei der Neubesetzung der Diözese Feldkirch – bereits als Bischofskandidat im Gespräch.

Die Erfolge der Zisterzienser-Hochschule im Wienerwald wurden auch in Rom registriert. In seiner Rede beim Besuch im Stift im September 2007 erwähnte Papst Benedikt die Hochschule explizit. Es sei „wichtig, dass es so profilierte Studienorte“ gebe, „wo eine vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität möglich ist“.
Kardinal Christoph Schönborn soll keineswegs begeistert gewesen sein, dass der Ausflug nach Heiligenkreuz auf dem ohnehin dichten Besuchsprogramm des Papstes stand. Doch Gregor Henckel-Donnersmarck hatte seine Verbindungen zu Benedikt geschickt genützt. Unter dem Langzeitabt erlebte das Stift seine konservative Prägung, was gerade auch in Adelskreisen für Genugtuung sorgte. Henckel-Donnersmarck in einem profil-Interview 2008: „Der eigentliche Gegensatz zu konservativ ist reaktionär und nicht progressiv. Der Konservative ist der, der das Gute erhält und in die Zukunft trägt. Der Reaktionär ist derjenige, der zurückwill.“ In seinem Abschiedsinterview in der „Presse“ zeigte der Abt 2011 zumindest Neigung zu rückwärts gewandten Formulierungen: „Der Europäer hat sich durch Verhütung, Abtreibung, Ehescheidung, Gleichberechtigung anderer sexueller Lebensformen tatsächlich in einen Suizid gestürzt.“

Karl Wallner wird auch in den kommenden Monaten mit der Taxierung „konservativ“ leben müssen. Der neue Salzburger Erzbischof Franz Lackner war der programmierte Nachfolger des scheidenden Grazer Bischofs Egon Kapellari, 77. Nun gilt auch der Heiligenkreuzer Wallner als einer der Favoriten für das hohe Amt – Widerstand aus Laien-Kreisen der Diözese Graz-Seckau ist garantiert. Pater Karl sagt, ein Bischofs-amt strebe man nicht an. Er selbst wäre am liebsten ein kleiner Pfarrer am Land. Manche Reformwünsche der Gläubigen hält er für realitätsfremd: „Was erwarten sich die Leute von einem Bischof? Dass er Joints und Kondome verteilt?“

Foto: Michael Rausch-Schott