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profil-Morgenpost
03/29/2022

Zwischen Penthouse und Bootshaus

Österreich hat im Zuge der Russland-Sanktionen rund 200 Millionen Euro auf Bankkonten eingefroren. Mit dem Immobilien- und Firmen-Vermögen der Oligarchen-Familien tut man sich aber offenbar schwer.

von Stefan Melichar

Besitze nichts, kontrolliere alles. Die Fachwelt ist sich uneins, welcher Spross der Rockefeller-Dynastie einst diese Weisheit in Welt gesetzt hat. Klar scheint hingegen, was man in einer der reichsten Familien der Wirtschaftsgeschichte damit meinte: Etwas, das einem offiziell nicht gehört, kann einem nicht so leicht weggenommen werden. Und solange man auf irgendeine Art weiterhin die Zügel in der Hand hält, ist es ohnehin egal, wer auf dem Papier der Eigentümer ist.

Ihren Reichtum erwarben die Rockefellers – immerhin die ersten Dollar-Milliardäre der Welt – mit Erdöl und einem Monopol im Raffineriebereich. Wäre ihr Aufstieg nicht im Amerika des 19. Jahrhunderts, sondern im Russland der 1990er-Jahre erfolgt, würde man sie vermutlich ohne zu zögern als Oligarchen bezeichnen. Jene, die heute diesen Titel tragen und nun vor westlichen Sanktionen zittern, haben jedenfalls ganz offensichtlich von den Rockefellers gelernt – zumindest, was den eingangs zitierten Merksatz betrifft. Es ist überraschend, was manche von ihnen alles nicht besitzen.

700 Quadratmeter in der City

Schon vor Jahren wurde ein Immobilienentwicklungsprojekt in der Wiener City medial dem Oligarchen Oleg Deripaska zugeschrieben. Der Bau der geplanten Luxus-Wohnungen ist längst beendet, die Wohnungen wurden um zig Millionen Euro abverkauft. Übrig geblieben ist laut Grundbuch im Wesentlichen ein Dachausbau mit 700 Quadratmetern Nutzfläche. Doch wer ist im Verzeichnis der wirtschaftlichen Eigentümer eingetragen? Nicht etwa Deripaska selbst, sondern seine Mutter.

Gegen Deripaska gibt es bisher nur US-Sanktionen und keine Strafmaßnahmen der EU. Beim russischen Ex-Vize-Premierminister Igor Shuvalov ist das anders. Sein Name findet sich auf der EU-Sanktionsliste. Doch das ist – wenn es um Besitztümer in Österreich geht – offenbar trotzdem kein Problem: Das traumhaft gelegene „Waldschlössl“ am Attersee gehört einem Firmenkonstrukt, hinter dem offiziell nicht Shuvalov, sondern seine Tochter steht. Gleiches gilt für eine Villa am Meer in der Toskana, die ebenfalls über eine österreichische Firma gehalten wird.

30.000 Quadratmeter am See

Ähnlich wie bei Shuvalov stellt sich die Situation in Bezug auf den – ebenfalls sanktionierten – Milliardär Roman Abramovich dar: Ein 30.000 Quadratmeter großes Anwesen am Fuschlsee gehört laut Grundbuch nicht ihm, sondern seiner Tochter. Diese erhielt die Liegenschaft von einer britischen Staatsbürgerin geschenkt. Wie Recherchen nahelegen, allerdings nur auf dem Papier: Die Britin ist die Ehefrau eines Abramovich-Vertrauten und soll lediglich als Treuhänderin fungiert haben (für eine Firma, die einem Trust gehörte, dessen Begünstigte Abramovichs Kinder waren). Da das Bootshaus der Milliardärs-Tochter nicht nur auf deren eigenem Grund, sondern teilweise auch auf einem Seegrundstück der Republik Österreich errichtet ist, ist die Frau im Rahmen einer Nutzungsvereinbarung übrigens Vertragspartnerin der staatlichen Bundesforste.

Ob die Väter Shuvalov und Abramovich in Rockefeller-Manier das Eigentum abgegeben haben, aber trotzdem noch die Kontrolle ausüben? Zumindest bis Ende vergangener Woche fand sich weder im Grund- noch im Firmenbuch ein Vermerk, dass diese Vermögenswerte wegen der Russland-Sanktionen eingefroren wären. Mit meinen Kollegen Michael Nikbakhsh und Jakob Winter bin ich der Frage nachgegangen, warum sich Österreich im Vergleich mit anderen Ländern so schwer tut, Besitztümer sanktionierter Oligarchen zu finden. Dass es solche nicht in größerem Maße gäbe, ist angesichts der traditionell geringen Berührungsängste mit russischem Geld in Österreich schwer zu glauben. Die heimischen Behörden sollten sich von der eingangs zitierten Rockefeller-Weisheit nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern sich besser an der Bibel orientieren. Im Matthäus-Evangelium heißt es schließlich: Wer suchet, der findet.

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Stefan Melichar