Apulien: Unterwegs in der süditalienischen Provinz

Apulien: Unterwegs in der süditalienischen Provinz

Der süditalienischen Provinz Apulien haftete lange der Ruf an, Niemandsland zu sein. Zu Unrecht: Rätselhafte Kastelle, Literaturgraffitis und ein Monumentalmosaik machen den Landstrich zu einem öffentlichen Kunst- und Historienpark.

Der Flaneur war unterwegs. Die Spuren seines Tuns sind deutlich sichtbar, mit schwarzem Benzinstift gemalte, leicht krakelige Buchstaben zieren Treppenaufgänge, Holzdeckel, Türen, Eisenkästen. Auf weißen Stufen leuchtet ein Gedicht des US-Lyrikers Edgar Lee Masters, in dem viel von Sünde, Seele und Sehnsucht die Rede ist; auf weiß lackierter Metallklappe hat der Literaturmüßiggänger ein Zitat Walter Benjamins hinterlassen: „Es gibt nichts Epischeres als das Meer.“ Das Ufer hier, schwärmt der Zitatenmaler mit Mark Twain, sei vor Erschaffung des Paradieses gemacht worden. Mit „Quido il flâneur 1946–2046“ signiert der Mann seine Kunst. Nur an einer Stelle der auf steiler Felsküste erbauten, jäh ins Meer abfallenden Altstadt von Polignano a Mare hat der Künstler seinen Klarnamen hinterlassen. Guido Lupori genießt hier gewisse Sonderrechte, er darf die engen Gassen des Küstenorts mit Weltliteratur schmücken. Die Bewohner zucken mit den Schultern, wenn man sie auf die Graffitis anspricht, als ob sie sagen wollten: „Was soll’s.“

Luporis öffentlicher Literaturkurs ist einer von drei Anziehungspunkten in Polignano a Mare, 17.000 Einwohner, süditalienisches Hinterland, eine halbe Autostunde von der apulischen Provinzhauptstadt Bari entfernt. An der Hauptstraße beim Kriegerdenkmal auf der Piazza konkurrieren die Salons „Eismagier“ und „Supereismagier“ um das beste Speiseeis der Stadt. Das Geschäft geht Ende Jänner, in der touristenfreien Zeit, schleppend, man ist um diese Jahreszeit unter sich. Die Eisberge in den silbern schimmernden Eimern in der Gefriertruhe nahe der Bar sind auch am Abend nicht abgetragen. Das Ausklopfen des Siebträgers der Espressomaschine stört selten die Ruhe im Raum.

Der berühmte Sohn in Eisen erstarrt
Nicht weit von der Eisdielenmeile entfernt steht ein Mann mit ausgebreiteten Armen und kehrt dem Meer den Rücken zu, alle zehn Finger gestreckt, die Schöße der Anzugjacke vom Wind gehoben. Das Denkmal für Domenico Modugno wurde erst kürzlich errichtet, seitdem steht der berühmte Sohn in Eisen erstarrt am Ufer mit den vielen Treppen zum Adriatischen Meer, ein bewegungsloses Lächeln auf den Lippen. Modugno, der 1994 starb, hat viel für den Flecken getan. 1958 trat der Sänger mit dem Lied „Volare“ beim Eurovision Song Contest an, belegte den dritten Platz – der Refrain „Nel blu dipinto di blu“ ging um die Welt. Polignano a Mare hat spät seinen Frieden mit Modugno gemacht, der seinen Geburtsort jahrzehntelang verleugnete, aus Angst, als Hinterwäldler, als einer vom Ende der Welt zu gelten. Als ein Terrone, als Erdfresser, wie Norditaliener ihre Landsleute im Süden bis heute abschätzig nennen.


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Es ist ein weiterer Akt aus jenem Welttheaterstück in steinerner Kulisse, das einem in Apulien allenthalben begegnet. Vieles in der Geschichte Apuliens lässt sich als eine Geschichte der Steine und des großen Schauspiels, der Rätsel und Riten erzählen. König Friedrich II., der 1250 in seinem Lieblingsland Italien starb, nannte die Provinz „Apulia petrosa“. Das steinige Apulien. Bis heute ist die Landschaft von Steinmauern geformt und geteilt, im Trockenbau erstellt – und während Jahrhunderten gebaut. Es waren Bauern, die das Land einst fruchtbar machten, die Gegend von Geröll und Stein befreiten und auf den durch Grenzmauern eingezäunten Plateaus ihre Felder kultivierten. Mit gebückten Rücken, die Hände im Schutt.

Auf einem Stein wurden in der Stadt Otranto, in der bereits in der Antike das Adriatische Meer endete und das Ionische begann, der Überlieferung nach 800 Menschen enthauptet. In Lecce erhebt sich die Kirche Santa Croce, ein Bau wie geträumte Architektur, mit einer Unzahl an barocken, zuckerwerkartigen Schnörkeln und ausgefallenen Formen, gefertigt aus weichem, feucht gebrochenem Sandstein, mit mächtigen Rundfenstern und einer Armada von Figuren, die aus großer Höhe unbewegt nach unten blicken. Das Auge findet vor der Fassade keine Ruhe. Ein bauliches Kleinod ist das Dorf Locorotondo, auf einem Hügel von 400 Metern gelegen, jeden August Austragungsort eines Feuerwerk-Wettbewerbs, der die Gegend eine Nacht lang in grelles Licht taucht. Baukunst ohne namentliche Baumeister hat hier Häuser entlang einer Gasse entstehen lassen, an deren Fassaden die Jahreszahlen 1590, 1783 und 1871 in Steinportale gemeißelt sind.
In Bari wiederum gilt der Oktopus, roh verkostet, als Delikatesse. In der Früh stehen Fischer am Hafen und schlagen die Tiere auf Felsen, es wirkt aus der Ferne, als ob die Männer die Mole mit weißen Lumpen säuberten. Anschließend werden die Kraken schier endlos in Zubern mit Meerwasser geschwenkt, um sie weich und essfertig zu machen. Selbst die Zeit wird hier in Stein gemessen: In der Stadt Trani mit ihrer ebenfalls imposanten Kathedrale wird das aktuelle Datum im Park jeden Tag mit kleinen Steinen zum bewegt-unbewegten Bild arrangiert. Nerone heißt der wolfsähnliche Hund, der auf Schichten von wärmendem Karton auf der steinernen Strandbalustrade liegt. Die Fremdenführer der Stadt kennen das Tier seit Jahren. Nerone begleitet die Besuchergruppen gern in die Kathedrale und in die umliegenden Restaurants. Die Reisebegleiter haben dem Hund unlängst eine Facebook-Seite eingerichtet.

Apulien ist auch das Land der kleinen und großen Wunder, der Statuen, Prozessionen, Spontanheilungen. Am Karfreitag werden schwarz gewandete Madonnenstatuen durch Dörfer getragen, der bekannteste Ortsheilige hört auf den Namen Pio: Padre Pio starb 1968 und wurde 1999 selig gesprochen. Dem Mann mit den Stigmata ist eine Monumentalkirche in San Giovanni Rotondo geweiht, rund 200 Kilometer von Trani entfernt. Drei Tage lange wird in Apulien das Fest des heiligen Nikolaus im Mai gefeiert: Am 9. Mai 1087 landeten 62 Seemänner mit den geraubten Gebeinen des Frommen aus Myra in Bari, deren eingekratzte Namen zieren bis heute die Außenwände der Basilika San Nicola; tief im Boden versenkt lagern die Reliquien. Es existiert hier auch so etwas wie eine Geheimformel, die „formula magica“: So nennt man das Funktionieren von Familien, in denen die Kinder der Tradition gemäß in den elterlichen Betrieb eintreten, das Geschäft vom Vater übernehmen, an den Ort der Geburt gebunden bleiben, heiraten, Kinder bekommen, sterben. Aber auch in Apulien verliert die Formel an Bedeutung, auch hier brechen andere, neue Zeiten an. Die Arbeitslosigkeit liegt im hohen zweistelligen Bereich, die Preise steigen, die Kreditrückzahlungen auch, viele Häuser und Wohnungen gehören den Banken. Gebannt richtet sich der Blick vieler Apulier nach Rom, in Richtung eines willkommenen Alltagswunders. Die lokalen Zeitungen und Zeitschriften sind gerade voll davon: In der Nähe von Rom hat eine Klosterschwester ein Kind geboren, das Baby soll Franziskus heißen, wie der amtierende Papst. Klein Franziskus lenkt zumindest für den Moment von der tristen politischen und sozialen Situation ab.

Ingeborg Bachmanns Ode an Apulien
In den 1950er-Jahren erntete die Frage nach Lage und Eigenheiten Apuliens noch vage Antworten. „Jemand, dem ich das Gedicht zu lesen gab, fragte: ,Sie waren in Apulien? Wo ist das eigentlich?’“ Die kurze Notiz stammt von Ingeborg Bachmann, geschrieben als Ergänzung zu ihrem 1955 veröffentlichten Gedicht „In Apulien“. Bachmanns Ode nähert sich dem Land schwärmerisch, fast goetheesk: „Unter den Olivenbäumen schüttet Licht die Samen aus.“ Fast interessanter scheint da, aus kulturhistorischer Sicht, Bachmanns erklärender Text zum Poem zu sein: „Apulien findet man auf einer italienischen Landkarte, es ist eins der unbekannteren Teile Italiens, ein altes Land, Teil Großgriechenlands, diffus in seinen Zeugnissen, Sandsteinbarock in Lecce, Gotik in Trani und Bari, heute verwuchert und nur noch Licht überströmt, ein Bauernland, und ein Land der kleinen Häfen, der frutti di mare, die Deutschen sind selten bis hierher gekommen. Klassische Italienwege führen nicht dorthin.“
Apulien als klassische Oliven- und Weinbauregion mit kürzlich ins Trudeln geratener Schwerindustrie drängte spät auf die touristische Landkarte. Bari war noch vor 20 Jahren ein Dorado für Groß- und Kleinkriminelle, Touristenführer wagten sich nur unter Polizeischutz in die Stadt mit 300.000 Einwohnern, eine der belebtesten entlang der 800 Kilometer langen Küste Apuliens. Die, wie man das hierorts nennt, Mikrokriminalität blühte, und standhaft weigerten sich die Menschen lange, Cafés zu etablieren, in denen man sitzen kann. Das anfängliche Entsetzen über jene Gäste, die im Restaurant die Pizza miteinander teilten, ist inzwischen verschwunden. Dass Touristen nach dem Fisch noch immer Kaffee mit enormen Milchschaumhauben ordern, wird gnädig unter chronischer Geschmacksverirrung verbucht. Man trinkt den Espresso im Stehen. Nie mit Milch.

In der Gegend um den Ort Alberobello prägt das Bauen mit grobem Stein die Landschaft seit Jahrhunderten. Pasquale Seistri sitzt in der Kälte des Winters in seinem unbeheizten Haus, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände kalt gefroren. Seistris Haus, ortsüblich als Trullo errichtet, eine Art Steinquaderhaus mit konzentrisch aus Kalkplatten gelegtem Kegeldach, ist halb Wohnung, halb Museum. In einer Nische der meterdicken Wände befindet sich der Hausschrein: Fotos dreier Päpste – Johannes Paul II., Benedikt, Franziskus. Ein anderes Bild zeigt Familie Seistri im Trullo mit Marco Materazzi. Seistri und seine Frau wirken klein neben dem Fußballer, der 2006 im Finale der Fußballweltmeisterschaft für Schlagzeilen sorgte, als der französische Mittelfeldstar Zinédine Zidane dem Italiener, der ihn verbal beleidigt hatte, einen Kopfstoß auf die Brust verpasste. Gemälde, die einen versonnen lächelnden Pater Pio und eine Maria mit roter Krone zeigen, ergänzen das Ensemble, ein blauer Wellensittich kreischt ausdauernd in seinem Käfig über den Köpfen. „Besuch zum alten Trullo“, hat Seistri in sechs Sprachen auf einen Karton geschrieben, der beim Eingang befestigt ist. Er weiß eine Menge über die einzigartige Architekturform. Er hat viel Zeit für Erklärungen, im Winter halten sich die Touristenströme von Alberobello fern.

„Zauberhafte Zuckerhütten.“ So beginnt er seine Ausführungen zur Trulli-Architektur, die er mit Legenden und Anekdoten mischt, deren Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert reichen. Einäugige Despoten, die mit der Haut ihrer Feinde Sessel bezogen, spielen darin ebenso eine Rolle wie die Idee der spontanen Architektur, die hier im Trockenbau als kleines Wunder der Statik entstand. Pasquale Seistri, der ungekrönte König von Trulli-Land, nimmt gegen Ende seiner Ausführungen Maß: 1500 Trulli seien in Alberobello in einem Radius von 30 Kilometern versammelt. Ein Massentourismus- und Kulturgebiet.

Wer das Castel del Monte in Blickweite der Stadt Andria besucht, sollte dies am besten mit Angela Indiveri, 48, machen. Indiveri führt seit mehr als 20 Jahren Besucher durch das Kastell auf 550 Metern Seehöhe. Man weiß manchmal nicht, ob sie das Schloss auf der Tour als Privatperson besichtigt oder als geprüfte Touristenbegleiterin, sie geht durch die Hallen, begleitet von „Ohs“ und „Ahs“. Ihre Finger weisen ständig auf neue Details. Das Castel del Monte ist ihre Domäne, eine Bühne der Faszination. „Wenn diese Steine sprechen könnten“, sagt sie, bevor sie das mutmaßlich unter Stauferkönig Friedrich II. um 1240 errichtete Gebäude betritt, vorbei an einem Foto mit den historischen Handschuhen Friedrichs, die im Original im Wiener Kunsthistorischen Museum zu finden sind.

Die Geheimnisse des Baus machen für Indiveri, eingehüllt in einen blasslila Mantel, der metallen glänzt, den Reiz des Kastells aus. „Die exakte Bauzeit? Der Architekt? Der Verwendungszweck?“ Sie stellt viele Fragen, die sie zu beantworten versucht – und doch nicht kann. Ein einziger Brief ist erhalten, in dem Friedrich das streng in oktogonaler Form errichtete Schloss erwähnt. Es gibt keine Wehranlagen, keine Schießscharten, keine Küche, keine Stallungen, dafür aber Toilettenanlagen und einen Falkner-Turm – es lässt sich nicht belegen, ob Friedrich den Bau je besucht hat, ihn als Sommerresidenz oder als Lustschloss verwendet hat. Gesichert ist dagegen ein Verbrechen: Drei Stauferkinder wurden ab 1266 nach einem Machtwechsel hier eingekerkert, für rund 30 Jahre, von Karl I. von Anjou mit Bann bedacht. Eine Haft in Ketten. Friedrich, Heinrich und Enzio, deren Vater Manfred als hübscher, blonder Herrscher Eingang in Dantes „Göttliche Komödie“ fand, sollten im Schloss leben, aber, so der Despot Karl, „nur so, als ob sie nicht zur Welt gekommen wären, leben, um im Kerker zu sterben“.

Indiveri steigt die 44 Stufen ins Obergeschoß hoch. „Trotz kaputter Knie gehe ich die Stufen immer gern hinauf. Ungern gehe ich dagegen wieder runter, verlasse den Bau.“ In sämtlichen Räumen finden sich hier Steinbänke an den Wänden, es gibt zwei meterhohe Feuerstellen, ein weitverzweigtes Kanalisations- und Abwassersystem. „Es könnte auch sein, dass Castel del Monte ein überdimensionales Hamam war. Manche meinen, es sei ein Initiationsort der Tempelritter gewesen.“ Könnte sein. Vielleicht. Mitunter. Das sagt die beherzte Fremdenführerin oft, schreitet sie durch die gut erhaltenen Hallen des Kastells.

Angela Indiveris Handy läutet, schrille Gitarren, ein Song der in Italien gerade populären Popformation Modá. Das Telefon reißt sie aus ihren Träumen von der alten Zeit.
Die Spur der Steine führt endlich nach Otranto, 70 Kilometer Luftlinie übers Meer von Albanien entfernt, ein kleines Dorf, in dem jede Beerdigung zum Ereignis, jeder Gottesdienst zum Treffpunkt wird. Ein Datum kennt in Otranto jedes Kind: 1480 landeten die Türken nahe der Stadt – und machten den Ort dem Erdboden gleich. Noch heute dienen die damals auf die Kommune abgefeuerten Granitgeschosse als kugeliger Straßenschmuck. „Mamma mia“ hört man hier selten. Der lokale Dialekt kennt den Satz „Mamma li turchi“. Mama, die Türken. In einem Querhaus der Kathedrale Santa Maria Assunta stauen sich 400 skelettierte Schädel hinter Glas, in der Mitte ein Altar mit vergittertem Fenster, dahinter ein Stein. Auf dem Fels sollen während des osmanischen Überfalls 800 junge Männer enthauptet worden sein. 400 davon haben in Otranto ihre Ruhestätte gefunden, im vergangenen Jahr wurden die Märtyrer von Otranto heilig gesprochen. Wie durch ein Wunder blieb die Kathedrale von den Angriffen unversehrt – und mit ihr ein um 1160 entstandenes Monumentalmosaik, das den Boden des Gotteshauses ziert; ein gigantisches Werk von 50 Metern Länge, auf dem die Geschichte Apuliens nochmals im Kern abgebildet scheint: Millionen von Steinchen formen zahllose Geschichten, von denen nur ein Teil entschlüsselt ist, die ihre Geheimnisse bis heute zu bewahren wissen.

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: Die Klagen­furter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer; die Indien-­Visiten von Büchner-Preisträger Josef Winkler finden sich als literarisches Echo in dessen Werk. Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie und den zwischen 2010 und 2012 publizierten poetischen Spurensuchen – etwa in Tel Aviv, Kopenhagen, Kairo, Los Angeles, Costa Rica, China, Griechenland, Abu Dhabi, Rio de Janeiro und Istanbul – begibt sich profil in einer neuen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat: unter anderem in Island, Sizilien, Kuba, der Ukraine, Südengland und Apulien.