Kopenhagen: Eine Stadt im Bann von Märchenonkel Hans Christian Andersen

Kopenhagen: Eine Stadt im Bann von Märchenonkel Hans Christian Andersen

Der Dichter Hans Christian Andersen ist Kopenhagens literarischer Lokalmatador. Die historischen Stippvisiten österreichischer Autoren sind in der Stadt, die Neues und Avantgardistisches schätzt, dagegen in Vergessenheit geraten.

Wie nähert man sich einem Nationalheiligtum? Die um das Denkmal versammelte Schülergruppe wählt die Methode der lautstarken Belagerung. Zum Monument erstarrt, sitzt der Dichterfürst Hans Christian Andersen, ein aufgeschlagenes Buch in der einen, den Gehstock in der anderen Hand, an einer Ecke des festungsartigen Kopenhagener Rathauses. Den Kopf mit der geschönten, weil normal langen Nase zur linken Schulter gedreht, der Blick ins Vage gerichtet, die berühmte schlaksige Gestalt vom Gehrock verhüllt: So erwartet die literarische Lokalgröße den Touristenansturm, die überdimensionierte, 1961 errichtete Bronzefigur ist Fixpunkt vieler Führungen. Ausländische Besuchergruppen halten eher Respektabstand zum Andersen-Standbild, die dänischen Gäste umringen, umklammern, umarmen ihren Dichter. Der linke Schenkel der Statue ist von den ungezählten Hosenböden, die hier für ein Foto Platz nahmen, blank gescheuert.


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Jedes Kind hier weiß um die biografischen Eckdaten des Erzählers Bescheid: Geboren wurde der Autor 1805 in der Stadt Odense, auf der drittgrößten der über 400 Inseln des Landes. Dänemarks Hauptstadt besuchte Andersen zum ersten Mal als Jugendlicher, in Kopenhagen verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Er litt unter seiner langen Nase und der gertenschlanken Gestalt. Seine Autobiografie ließ er 1847 dennoch mit den Worten beginnen: „Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich und glücklich!“ Begraben wurde Hans Christian Andersen, der 1875 seinem Krebsleiden erlag, auf dem von einem großen Park umgebenen Kopenhagener Assistens-Friedhof, Abschnitt P 1.

Die letzte Unterkunft des Schriftstellers zu Lebzeiten liegt im Stadtteil Nyhavn, jenem Hafenviertel, das nicht nur durch seine auf maritime Idylle getrimmte, um Kuriosa wie den „König der Tätowierer“ angereicherte Atmosphäre zu den touristischen Brennpunkten der Stadt zählt. Nebenan öffnete vor zwei Jahren das neue Schauspielhaus seine Pforten, am gegenüberliegenden Ufer erhebt sich ein schlichter Bau mit enormem Flugdach, dessen Deckengewölbe von Tonnen von Blattgold verziert ist: 2005 schenkte der greise Reedereibesitzer Arnold Mærsk-Møller der Stadt für über 300 Millionen Euro ein neues Opernhaus. Mærsk-Møller ist der mit Abstand größte Arbeitgeber des Landes und einer der weltweit vermögendsten Unternehmer, erst kürzlich gab der 96-Jährige die Firmenleitung an seine 61-jährige Tochter ab. Es gibt im Dänischen zwar die Höflichkeitsform in der Anrede, üblich ist diese jedoch nicht. Der Bauarbeiter spricht den Regierungschef ebenso mit Du an wie der Chirurg seinen Patienten und der Verkehrssünder den Polizisten. Mit zwei Ausnahmen: Der amtierenden Königin Margrethe II. ist die Anrede mit „Sie“ gewohnheitsmäßig ebenso vorbehalten wie Arnold Mærsk-Møller.

Die Fremdenverkehrsindustrie hat zudem ein engmaschiges Netz von Andersen-Erinnerungspunkten über die 500.000 Einwohner zählende Stadt geworfen, ein Entkommen ist aussichtslos. „Ich habe nichts, wenn ich im Ausland bin, doch wenn ich den Boden der Heimat erreiche, dann strömt es hervor“, vermerkte der Schriftsteller 1861 in seinem Tagebuch. Es gibt einen Andersen Boulevard, mehrere Andersen-Museen, die Zahl der einstigen Wohnadressen des Literaten (samt seines bevorzugten Friseurladens) liegt im zweistelligen Bereich. Süßigkeiten, Backwerk, Sportveranstaltungen, Geschirr, Restaurants tragen den Namen des Dichters, die organisierte Fahrradtour auf den Spuren des Märchenonkels dauert viereinhalb Stunden. Ein Gratisstadtplan listet 62 Stellen auf, die Bezüge zu Autor und Werk aufweisen, die berühmten Titel der Andersen’schen Erzählungen sind omnipräsent: Die Prinzessin auf der Erbse. Des Kaisers neue Kleider. Das hässliche Entlein. Der standhafte Zinnsoldat.

Verwischte Spuren. Das Wahrzeichen Kopenhagens, inspiriert durch eine weitere Fabel des Dichters, ruht derweil nicht an seinem angestammten, vom Meer umspülten Stein am Hafenufer. Die kleine bronzene Meerjungfrau wurde kürzlich trotz massiven lokalen Widerstands nach Shanghai zur Weltausstellung 2010 verschifft. Touristen stehen ratlos am Gestade, statt der entrückt dreinblickenden Nixe dient eine dahinschaukelnde weiße Yacht vor Sonnenuntergang als willkommenes Fotomotiv.

Kopenhagen ist Andersen-City. Die Namen jener Autoren, in deren Werk und Biografie die Stadt ebenfalls Spuren hinterlassen hat, wirken im Vergleich wie marginale Einträge der lokalen Literaturhistorie. Das ehemalige, vor den Toren Kopenhagens befindliche Wohnhaus von Karen Blixen, der wohl bekanntesten Schriftstellerin Dänemarks und frühen Fernreisenden („Jenseits von Afrika“), ist seit wenigen Jahren öffentlich zugänglich; in der großzügig mit Schautafeln, Touchscreens und Infomaterial zu Stadt und Land ausgestatteten Tourismus-Information beim Zentralbahnhof findet sich ein einziger, grafisch ganz nach dem Geschmack reisender Hofräte gestalteter Folder zur 1962 verstorbenen Autorin.

Die Fährten, die Österreichs Literatur in der Stadt einst legte, sind indes gänzlich verwischt. Die Wiener Journalistin und Autorin Hilde Spiel war hier ebenso zu Gast wie Mozarts Witwe Constanze. Die 1914 in der Donaumetropole geborene Bestsellerautorin Annemarie Selinko, deren Historienepos „Désirée“ in Hollywood mit Marlon Brando verfilmt wurde, starb 1986 in ihrer Wahlheimat Kopenhagen. Rainer Maria Rilke lernte aus Liebe zum Literaten Jens Peter Jacobsen Dänisch und besuchte den Maler Vilhelm Hammershøi in dessen Atelier. Von Arthur Schnitzler existiert ein Foto, das den Dramatiker 1923, zerzaust und gedankenverloren, mit leichtem Gepäck auf dem Kopenhagener Hauptbahnhof zeigt. Auf seinen drei Reisen nach Skandinavien hielt sich Schnitzler bevorzugt in den mondänen Seebädern nördlich Kopenhagens auf, während seines Hauptstadtbesuchs übernachtete er im bis heute bestehenden Luxushotel „Phoenix“, nahe dem Rokokoschloss Amalienborg. Aus jener Zeit lagern zwölf Briefe Schnitzlers an einen seiner dänischen Kollegen in der 1648 gegründeten Königlichen Kopenhagener Bibliothek.

„Schwarzer Diamant“ nennen die Einheimischen den am Ufer steil aufragenden, 1999 eröffneten Bibliotheksanbau aus Granit und Glas. Der in der Sonne glitzernde Bücherspeicher in Gehweite zum Opernhaus liefert eine mögliche Antwort auf die Frage, weshalb Österreichs Literaturspuren hier in Vergessenheit gerieten. Weite Teile der Innenstadt Kopenhagens geben, der Wiener City darin nicht unähnlich, Zeugnis einstiger imperialer Pracht. Zum Altbewährten gesellt sich hier jedoch verlässlich Neues; Historisierung und Modernisierung befinden sich im Zweifelsfall in planvoller Unausgewogenheit, gleich mehrere Museen – darunter Institutionen wie Louisiana, Arken und ARoS – sind auf Avantgarde programmiert. Das Leben im Zentrum Kopenhagens wirkt zudem wie der Versuch, neue Möglichkeiten der Koexistenz im urbanen Raum zu erproben. Das Stadtbild wird von Fahrrädern dominiert. Auf den Radwegen, die nicht nur aufgrund ihrer Länge von über 300 Kilometern diesen Namen tatsächlich verdienen, rollen die Verkehrsteilnehmer in geordneten Endlosketten dahin, die Zweiradlenker genießen im Verkehr strikt Vorrang. Die Fahrradwege in New York werden inzwischen als „Copenhagen lanes“ bezeichnet, im australischen Melbourne wird daran gearbeitet, die Metropole zu „kopenhagisieren“, sprich: fahrradfreundlicher zu gestalten.

Eine weitere Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der Zeugnisse österreichischer Dichtkunst in Kopenhagen kennt Martin Hermges, seit drei Jahren stellvertretender Leiter des Kopenhagener Konsulats. Will man ihn treffen, nimmt man den Bus 1A und fährt 20 Minuten stadtauswärts bis zur Haltestelle mit der meterhohen Skulptur in Form einer grünen „Tuborg“-Bierflasche. Einige Querstraßen weiter, in einer Villengegend mit den ortstypisch vorhanglosen Fenstern, befindet sich die österreichische Botschaft. An seinen Arbeitsplatz fährt Hermges zumeist mit dem Fahrrad. Er sei, sagt der Diplomat mit dem Dauerlächeln, bereits sichtbar „dänisiert“.

Im seinem Amtszimmer mit den historischen Wien-Drucken an der Wand und dem ausladenden Garten vor den Fenstern, in dem Bäume ihre Blätter im Wind rascheln lassen, spricht Hermges dann über Grundsätzliches. „Welche Assoziationen ruft Skandinavien in Österreich zumeist hervor?“, fragt er in den Raum – und beginnt nach einer kleinen dramaturgischen Pause mit den Fingern abzuzählen: „Abba. Ikea. Die Namen von Prinzessinnen des schwedischen Königshauses. Vielleicht noch Hans Christian Andersen und die Färöer-Inseln. Neuerdings gesellen sich Aschewolken und wirtschaftliche Negativmeldungen aus Island hinzu.“ Hermges kennt weite Teile Dänemarks inzwischen außerordentlich gut. Wenn er auf einer Landkarte demonstriert, welche Regionen er bereits besucht hat, bewegt er seine flache Hand beinah über die gesamte Halbinsel. Dänemark und besonders Kopenhagen, ist der Beamte überzeugt, haben viel zu bieten, wirtschaftlich, meteorologisch, kulturell: „Hier herrscht, im absolut positiven Sinn, Basarmentalität: Das Geschäftemachen läuft in dieser Gesellschaft der Händler, Kaufleute und Fischer auf einen Lebenszweck hinaus.“ Einen wichtigen Zweig der Ökonomie stellt etwa die Ausfuhr von Schweinefleisch dar. In Dänemark werden rund 25 Millionen Schweine gehalten – bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Österreich wiederum exportiert vorrangig Weißweine und Damenunterwäsche in den Norden Europas. Was die meteorologischen Besonderheiten anbelange, sei das Leben hier allerdings gewöhnungsbedürftig. „Man teilt das Jahr nicht in vier Jahreszeiten ein, sondern in den, grünen‘ und den, grauen Winter‘. Ersterer herrscht von April bis September – und entspricht unserer Sommerzeit. Von Oktober bis März und vor allem von November bis Februar wird es dagegen, bei eher kühlen Temperaturen, bereits gegen 15 Uhr dunkel und ab neun Uhr morgens wieder einigermaßen hell.“

Österreich-Distanz. Mit dem Kultursektor, zumal dem zeitgenössischen, kommt Hermges abschließend auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Die Kunst stoße in Kopenhagen traditionell auf breite Resonanz. „Dänen sind im Positiven zeitgeistige Leute, an Avantgarde und Jazz, an bildender Kunst, Malerei und Design sehr interessiert.“ Das erkläre auch, warum Österreichs Literaten mit Nahbeziehung zur Stadt, warum die Namen von Arthur Schnitzler, Hilde Spiel und Annemarie Selinko beinah gänzlich aus dem kollektiven Kopenhagener Gedächtnis gelöscht seien. „Hier wird eher Zuschauerinteresse geweckt, wenn beispielsweise die junge Grazer Dramatikerin Gerhild Steinbuch zu Gast ist. Eine literarische Veranstaltung, in deren Mittelpunkt das Werk Elfriede Jelineks steht, ist normalerweise gut besucht“, sagt Martin Hermges, der, was die kulturelle Atmosphäre im Gastland betrifft, die Distanz zu Österreich durchaus schätzt: „Durch Kunst verursachte Skandale, die in Österreich regelmäßig zu beobachten sind, gibt es fast nicht. Kunst ist hier absolut frei, Kunst darf alles.“ Jene zwölf Mohammed-Karikaturen, die 2005 in der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlicht wurden, sorgten gleichwohl für nationale und internationale Kontroversen.

Mit der Tradition verfahren die Kopenhagener tatsächlich überraschend ungekünstelt. Obwohl die berühmte Meerjungfrau gerade in Shanghai ausgestellt wird, befinden sich gegenwärtig drei weitere 1,25 Meter hohe Meerjungfrau-Plastiken in Kopenhagen, darunter das an einem geheimen Ort aufbewahrte Original des 1913 enthüllten Nationalsymbols. Eine so genannte „genmanipulierte Meerjungfrau“ mit Hängebrüsten, kubistisch zerfurchtem Antlitz und verrenkten Gliedern fristet einen Kilometer von ihrer prominenten Schwester entfernt ein von den Besuchermassen unbeachtetes Dasein. Und in Helsingør, wenige Kilometer nördlich von Kopenhagen, ist das Standbild einer „Männlichen Meerjungfrau“ zu besichtigen.

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: In Istanbul, einer der am dichtesten bevölkerten Städte Europas, findet sich etwa eine überraschend umfassende Austro-Bibliothek. Die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer, und die Linzer Autorin Anna Mitgutsch sammelte während mehrerer Aufenthalte in Israel Stoff für ihren Roman „Abschied von Jerusalem“ (1995); die Indien-Visiten von Büchnerpreisträger Josef Winkler finden sich als literarisches Echo in dessen Werk – von „Domra – Am Ufer des Ganges“ (1996) bis „Roppongi“ (2007). Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie begibt sich profil in einer neuen mehrteiligen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat – unter anderem in Rom, Tel Aviv und Neu-Delhi.