Reise Argentinien und Buenos Aires: „Das Rückenmark von Südamerika”

Reise Argentinien und Buenos Aires: „Das Rückenmark von Südamerika”

Gigantische Gletscher, einsame Hochplateaus, tosende Wassermassen: Argentinien ist ein Land der Superlative. Buenos Aires, die schillernde Hauptstadt, imitiert europäische Metropolen „wie Transvestiten eine Frau”.

Es ist einer jener milden Herbsttage, die niemand daheim verbringen möchte. Die unzähligen Cafés von Buenos Aires sind am Morgen schon gut besucht. Elegante ältere Herren lesen die Tageszeitungen, Kellner scherzen mit Stammgästen, und auf den Gehsteigen werden die ersten Dogsitter von Horden aufgekratzter Hunde auf Trab gehalten. Die Fitness-Fans sind auch schon auf den Beinen: Wer über das nötige Kleingeld verfügt, der lässt sich von seinem Personal Trainer in einem der zahllosen Parks der Stadt quälen.

Sehnsucht nach dem Savoir-vivre
"Das hat uns New York nachgemacht“, sagt Viktor, der als Guide in Buenos Aires arbeitet. "Wir waren die Ersten, die Hundesitter und Personal Trainer hatten.“ Viktor liebt die "eigenwillige Mischung aus hektischer Urbanität und dörflicher Gelassenheit“, die seine Heimatstadt prägt. Er hat sich bewusst dafür entschieden, wieder hier zu leben. Während der finsteren Zeit der Militärdiktatur, in der ab 1976 rund 30.000 Menschen ermordet wurden, emigrierte er nach Berlin, eine Stadt, die ihm schnell zur zweiten Heimat wurde. Dennoch zog es ihn zurück nach Buenos Aires, er hatte Sehnsucht nach dem Savoir-vivre der pulsierenden Metropole mit ihren rund 13 Millionen Einwohnern. Als Fremdenführer demonstriert er seinen Gästen aus Europa, nicht ganz ernst gemeint, nun die kulturellen Unterschiede: "Ihr wollt immer nur Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Am besten bis in den Tod.“ In Argentinien gehöre, so Viktors Pointe, die Krise nun einmal zum Alltag.


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„Cambio, Cambio, Cambio!”
Wenig später auf der belebten Fußgängerzone Avenida Florida wird schnell klar, was Viktor meinte. "Cambio, Cambio, Cambio!“ Touristen können kaum zwei Schritte gehen, ohne gefragt zu werden, ob sie denn nicht Geld wechseln wollen. Auf 25 Prozent schätzen Einheimische die Inflation im Land; der Wechselkurs ist für Ausländer auf den Straßen wesentlich besser als in den offiziellen Wechselstuben oder Banken. Viele Argentinier horten Dollars und Euros. Niemand möchte von der instabilen heimischen Währung abhängig sein. Die letzte große Wirtschaftskrise, die um 2001 das Finanzsystem des Landes völlig zusammenbrechen ließ, sitzt vielen noch in den Knochen, und die Abschottungspolitik der amtierenden Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat das Land wirtschaftlich weitgehend in die Isolation getrieben.

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Alter Glanz
Im wohlhabenden Zentrum von Buenos Aires ist von der Krise nur wenig zu spüren. Die Stadt strahlt in altem Glanz. Eine Reise nach Buenos Aires ist ohnehin ein Paradoxon: Nach 14 Stunden Flug landen die Besucher aus Übersee in einer Stadt, die europäische Lebensart bis zum Exzess pflegt. Auf den breiten Boulevards und den Fassaden der prächtigen Jugendstil-Häuser klingt das alte, längst versunkene Europa regelrecht nach, jene Zeit, als der lästige Alltagskram noch von Dienern erledigt wurde, als für eine bestimmte Gesellschaftsschicht Geld keine Rolle spielte. Der Wiener Schriftsteller Franzobel spottete in seinem Schelmenroman "Die Spur der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik“ bereits 2005 über die Europa-Besessenheit der Argentinier. Der dubiosen Hauptfigur, die in den 1950er-Jahren von Wien nach Argentinien emigriert, laufen dabei seltsame Gestalten über den Weg, in dem klassischen Einwandererland kommen sie alle zusammen: geflüchtete Nazis, israelische Geheimdienstler, windige Aussteiger. "Die Anden sind das Rückenmark von Südamerika. Und Buenos Aires? Der Bauchnabel? Die Eierstöcke?“, fragt Franzobel. "Nein, der Wasserkopf. Buenos Aires. Was für eine sonderbare Stadt, wo einer, der Bahnsteig heißt, nach oben kommt. Noch heute bestimmt der Perónismus alles. Buenos Aires, eine Stadt, die die europäischen Städte imitiert wie Transvestiten eine Frau. Alles übertrieben, alles eine Eva Duarte gewordene Stadt. Die Eingänge der Hochhäuser mit Marmorplatten, Messingtüren, Hausmeistern, die den ganzen Tag ins Pflaster starren. Eingefasst in den Slumsiedlungen Südamerikas, in unendliche Landschaftsträume, ist Buenos Aires wie eine abgetriebene, verloren gegangene Insel von Europa. Nur etwas aufgetakelt - wie ein Transvestit.“

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Verschlafene Orte
In Buenos Aires ist sie fast unsichtbar, die indigene Bevölkerung dieses riesenhaften Landes, sie lebt an die Ränder der Metropole gedrängt. Nicht nur deshalb lohnt die Weiterreise in den Nordwesten Argentiniens. In der bizarr gefärbten Wüstenlandschaft rund um die von Kolonialarchitektur geprägte Bezirksstadt Salta fühlt man sich sofort in eine andere Zeit versetzt: die historische Welt der Inkas scheint hier nach wie vor präsent zu sein, die Indio-Kulturen prägend. Humahuaca, Purmamarca und Tilcara sind verschlafene Orte, in die längst der Tourismus eingezogen ist, die um die Mittagszeit aber noch immer den surrealen Charme von Westernstädten ausstrahlen: lange Schatten an den lehmfärbigen Häusern und kläffende Hunde, die einzigen Ruhestörer der Siesta. Salta ist auch der Startpunkt eines bizarren Tagesausflugs, der seine Teilnehmer mit dem berühmten Tren a las Nubes auf 4200 Höhenmeter bringt. Mittlerweile steuert die Gipfelregion auch ein Wolken-Truck an - der Zug in die Wolken fährt nur zu bestimmten Zeiten -, ein großer LKW, der in eine Art fahrende Panoramaaussichtsplattform umgebaut wurde. Die Fenster über den Köpfen lassen sich öffnen, die Touristen stehen während der Fahrt auf den Sitzen und strecken neugierig ihre Häupter hinaus, um die gigantischen Salzseen zu überblicken, neugierige Lamas, die neben der Straße stehen, zu fotografieren, oder um Dörfer, die in unwirtlichen Höhen liegen, bereits aus weiter Ferne zu erspähen. San Antonio de los Cobres auf 3775 Metern Höhe ist einer dieser faszinierenden Anden-Orte: Die Luft ist frisch und klar, und die Einheimischen verkaufen hochwertige Handwerksprodukte aus Lama-Wolle. Die Tage hier sind heiß, die Nächte sogar im Sommer eisig. Uralte Inka-Riten wie das Anbeten der Pachamama, der "Mutter Erde“, sind an diesen extrem exponierten Orten noch immer lebendig.

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Land der Superlative
Argentinien ist ein Land der Superlative. Keine Klimazone, die hier nicht vertreten wäre: die Wüsten im Norden, die Gletscher im Süden. Mit seinen endlosen Weiten kommt einem das Land ohnehin wie ein eigener Kontinent vor. Allein Patagonien, der südliche Teil Argentiniens, umfasst 765.720 Quadratkilometer, wobei auf einen Quadratkilometer im Durchschnitt zwei Einwohner kommen. Wer Einsamkeit sucht, der findet sie hier garantiert. Der unscheinbare Ort El Calafate ist mit seinem schicken kleinen Flughafen, der auch in Skandinavien stehen könnte, das Tor zu Patagoniens steppenartigen Ebenen, die reich an Tieren und Naturschönheit sind. El Calafate ist einer jener Orte, die am Ende der Welt zu liegen scheinen und deren spröde Schönheit sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Das schnell hochgezogene Kaff besteht aus einer Hauptstraße, an der sich lieblose Geschäfte reihen - doch das wilde Peitschen des Windes in der Nacht, der aufwirbelnde Staub der Schotterpisten, sobald die Einheimischen mit ihren Trucks darüberjagen, die spektakulären Sonnenaufgänge.

Perito-Moreno-Gletscher
El Calafate ist auch Ausgangspunkt für eines der atemberaubendsten Ziele in ganz Südamerika: für den Perito-Moreno-Gletscher. Selbst Reisende, die bereits in der Arktis und der Antarktis unterwegs waren, stehen fasziniert vor dem Eis-Koloss, der höllisch Lärm macht. Auf der Aussichtsplattform lässt sich beobachten, wie der Gletscher kalbt, wie Eismassen ins Wasser krachen. Abenteuer werden ebenfalls geboten. Mit Hilfe von Steigeisen an den Füßen lässt sich eine Wanderung unternehmen, es geht dabei bergauf- und bergab, und am Ende wartet ein Whiskey mit Gletschereis, das tatsächlich langsamer schmilzt als gewöhnliches Eis.

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Iguazú-Wasserfälle
Leiser geht es bei den Iguazú-Wasserfällen am Dreiländereck von Argentinien, Brasilien und Paraguay auch nicht zu. Mit Wucht stürzen die Wassermassen in der argentinischen Teufelsschlucht in die Tiefe. Da bleibt keine Kamera trocken. Auf der weitläufigeren brasilianischen Seite wiederum scheinen die Besucher mitten im Wasser zu stehen, Regenbogen über den Köpfen. Mit guter Organisation und Guide ist es kein Problem, die beiden Seiten an einem Tag zu besuchen, allein die Wochenenden sind als Ausflugszeit zu vermeiden. Franzobel beantwortet in seinem Roman die Frage, weshalb Brautpaare so gern zu der schäumenden Naturgewalt pilgern, so: "Es ist, wie wenn die Erde es den Ehegatten vorlebt“, schreibt er in "Spur der Steine“, einen "Giga-Orgasmus hat, keine Moral mehr kennt, schamlos ist. Überall spritzt etwas, zerstäubt etwas, vibriert und stöhnt. Die Geilen treibe es zu den Wasserfällen, die Frigiden zu den Gletschern“. Argentinien bietet für jeden etwas.

Reisetipps: Buenos Aires und Umland

Argentinier lieben es, an Wochenenden einen Familienausflug nach Montevideo (Uruguay) zu unternehmen. Die mit Palmen gesäumte Strandpromenade strahlt karibisches Flair aus - Teile des Kinofilms "Miami Vice“ wurden hier gedreht. Am Sonntag herrscht reges Treiben auf dem bunten Flohmarkt im Barrio Cordón mit seinem überbordenden Angebot, das von Antiquitäten über China-Schrott bis zu frisch zubereiteten Speisen reicht, etwa den bekannten Tortas Fritas, köstlichen Hefeteigfladen. Fährboote fahren mehrmals täglich nach Montevideo und retour (Fahrzeit ca. drei Stunden). In Buenos Aires selbst bietet sich der Besuch einer Tango-Bar an - im Arbeiterviertel La Boca wird für Touristen sogar auf der Straße getanzt. Der prachtvolle Friedhof Recoleta stellt so etwas wie die letzte Ruhe-Oase dar, bevor es zum Shoppen ins angesagte Palermo Viejo geht. Abseits touristischer Pfade liegt das Museo Argentino de Ciencias Naturales, ein schönes altes Naturkundemuseum.

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: Die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos "Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer; die Indien-Visiten von Büchner-Preisträger Josef Winkler finden sich als literarisches Echo in dessen Werk. Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie und den zwischen 2010 und 2012 publizierten poetischen Spurensuchen - etwa in Tel Aviv, Kopenhagen, Kairo, Los Angeles, Costa Rica, China, Griechenland, Abu Dhabi, Rio de Janeiro und Istanbul - begibt sich profil in einer neuen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat: unter anderem in Island, Sizilien, Kuba, Venezuela, der Ukraine, Südengland und Polen.