Rock wie Hose: Der Trend zu genderneutraler Kleidung

Unisexmode des irischen Designers Jonathan Anderson

Unisexmode des irischen Designers Jonathan Anderson

Ein Schlagwort geistert durch die Modewelt: genderneutral. Aber was ist dran an der Idee, Frauen und Männer in dieselben Klamotten zu stecken?

London, Ende März. Das traditionsreiche Luxuskaufhaus Selfridges auf der Oxford Street ist schon am Vormittag gut besucht. Kein Wunder: Was gerade noch auf den Laufstegen zu sehen war, hier hängt es bereits zum Verkauf. Jener blaue, pyjamaartige Anzug, den Schauspieler Owen Wilson Anfang März auf der Valentino-Schau als Teaser für den Film „Zoolander 2“ trug? „Kein Problem, welche Größe benötigen Sie?“

Für Irritation sorgt ein abgegrenzter Einkaufsbereich: eine Box, in der Kleidungsstücke in weiße Papiersäcke gehängt wurden. Alles wirkt clean wie in einem Labor, erinnert an frühe Präsentationen des experimentellen Labels Maison Martin Margiela. Ist die Hemmung überwunden, den Raum zu betreten, eilt sofort ein Verkäufer herbei, der das Konzept erklärt. „Agender“ stehe für eine „genderless shopping experience“, verkauft wird Mode, die für Männer und Frauen gleichermaßen tragbar ist (siehe auch Kommentar, Seite 79). Ein Plakat fragt: „He? She?“ und antwortet mit: „Me!“

Frauen bedienen sich schon lange im Kleiderschrank der Männer

Im temporären, mittlerweile schon wieder geschlossenen Shop angeboten wurden vor allem angesagte Luxuslabels, die von Streetwear beeinflusst sind. Es gab einen Nylonrucksack der dänischen Designerin Astrid Andersen (für stolze 500 Euro), T-Shirts des gehypten New Yorker Labels Hood by Air (HBA), Kappen des Briten Nasir Mazhar. Fazit: Streetwear lässt sich eben leicht geschlechtsneutral einkaufen. Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. Frauen bedienen sich schon lange im Kleiderschrank der Männer: Boyfriend-Jeans und Hosenanzüge gehören zur Grundausstattung. Umgekehrt setzte sich der Männerrock trotz zahlreicher Anläufe nie wirklich durch. Zumindest modisch gab es bei den Geschlechtern eine Kluft, was die Möglichkeiten betraf, exzentrisch zu sein. Frauen durften modisch weit mehr wagen.

Der aktuelle Hype um genderneutrale Mode hat verstärkt mit einer Aufbruchsstimmung in der Männermode zu tun. Historisch betrachtet wurde es höchste Zeit: Es gab Epochen, in denen galten die Herren als das schillernde Geschlecht. „Im Europa der Renaissance waren Seidenstrümpfe Männersache“, schreibt die deutsche Fashionforscherin Barbara Vinken in ihrem jüngsten Buch „Angezogen“. Um ihr Bein optisch zu verlängern, trugen die Männer spitze Schuhe mit Absatz. Überhaupt waren Heels bis ins 17. Jahrhundert eine maskuline Domäne. Die Männer kleideten sich prächtiger und sexuell provokanter als die Frauen, die ihre weiblichen Reize verdecken sollten. Erst nach der Französischen Revolution änderte sich dies schlagartig: Das aufstrebende Bürgertum setzte sich mittels Kleidung vom verschwendungssüchtigen Prunk des Adels ab.

Frauen schmücken sich, Männer neutralisieren sich durch Kleidung

Der Männerkörper ging Richtung Funktionalität, während der Frauenkörper zunehmend erotisch inszeniert wurde. Ein Dilemma, an dem sich die Mode bis heute abarbeitet: Die Frau als Vorzeigeobjekt, das sich vor allem über den Körper definiert, während der Mann im Anzug eine Art Uniform trägt und es nicht nötig hat, sich den Launen der Mode zu unterwerfen. Die Frauen schmücken sich, die Männer neutralisieren sich durch Kleidung. Daran hat sich in den letzten Jahren einiges verändert: Sowohl Designer als auch Kunden zeigen sich gelangweilt von der ewig gleichen banalen Funktionalität der Herrenmode. Durch die Medien geistert dieser neue Trend unter dem Stichwort „Girlfriend-Look“. Er beschreibt Männer, die aussehen, als ob sie gerade den Kleiderschrank ihrer Freundinnen geplündert hätten.

Die Zahlen bestätigen diese Aufbruchsstimmung: 2014 wuchs der Umsatz an Herrenbekleidung um 4,5 Prozent, jener der Damenmode nur um 3,7 Prozent. Womenswear dominiert freilich mit 662 Millionen Dollar Gesamtumsatz noch immer den Markt, während Menswear nur 440 Millionen einspielt. Die trendgebenden Märkte liegen in Asien, allein in Japan und Korea werden 60 Prozent der Umsätze mit Männermode gemacht. Die Konsumenten sind dort aufgeschlossener, es kommt ihnen weniger auf Konventionen und Geschlechtertrennung an. „Mich interessiert es sehr, Silhouetten und Bilder, die in der Frauenmode vorzufinden sind, auf die Männermode zu übertragen“, sagt der in Seoul ansässige Designer Juun.J, der vor allem bei der jungen Generation beliebt ist. Das britische Style-Magazin „Dazed & Confused“ fragte jüngst provokant: „Is fashion over gender?“

Ein Kleidungsstück an sich hat kein Geschlecht

Lässt die aktuelle Mode die Genderfrage gerade hinter sich? Junge Designer scheinen der Debatte zumindest ein wenig müde zu werden, es geht ihnen nicht mehr darum, boyish oder androgyn zu entwerfen, sondern möglichst frei zu denken, jenseits der Geschlechtsnormen neue Schnitte und Silhouetten auszuprobieren. Eines der gefragtesten Aushängeschilder dieser Tendenz ist der irische Designer Jonathan Anderson mit seinem Erfolgslabel J.W. Anderson. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte ihn jüngst „Mr. Unisex“. „Mir geht es um die Idee einer Garderobe, die sowohl von Männern als auch von Frauen geteilt werden kann“, betont Anderson in Interviews. „Ich denke, ein Kleidungsstück an sich hat kein Geschlecht. Es geht darum, was dieses Kleidungsstück einer Person bedeutet.“

Vom Trend zu genderneutraler Mode könnten beide Geschlechter profitieren: Die Männer dürfen mutiger werden, müssen weniger Angst vor „femininen“ Stoffen oder Schnitten haben, die körperbetont sind. Sogar in der homophoben Hip-Hop-Mode hat sich die Tunika, die oft wie ein Kleid aussieht, durchgesetzt. Umgekehrt ist es für Frauen befreiend, nicht zwangsläufig sexy sein zu müssen. High Heels sind nicht mehr selbstverständlich, will man elegant aussehen. Sneakers oder Birkenstock-Schlappen zum Abendkleid? Absolut kein Fauxpas! Schönheit wird ohnehin gerade mehr in Richtung „schräg“ definiert, wie Alessandro Michele, der neue Kreativkopf von Gucci, beweist: Seine Models tragen Brillen und hochgeschlossene Blusen. Der Trend zu genderneutraler Mode zieht also durchaus weite Kreise, es geht nicht nur darum, dass wir am Ende alle dasselbe anhaben werden. Vielmehr werden festgefahrene Gewohnheiten infrage gestellt.

Im Kaufhaus Selfridges funktioniert das genderneutrale Shoppen auch außerhalb des Pop-up-Stores „Agender“. Im Contemporary-Bereich probieren Frauen ganz ungezwungen neben Männern die exzentrischen oversized T-Shirts des britischen Labels KTZ. Aber ob genderneutrale Mode wirklich Mainstream wird? In bestimmten Bereichen ist sie es längst. Ob man das schick findet oder nicht: In der U-Bahn dominieren Funktionskleidung und Sneakers. Und die fragen nach keinem Geschlecht.