Sri Lanka: Hintereingang ins Paradies

Sri Lanka: Hintereingang ins Paradies

Insel der Gegensätze: alte Königsstädte inmitten von Urwäldern, Teeplantagen, auf denen wie im 19. Jahrhundert gearbeitet wird, und eine Hauptstadt, die im Verkehrschaos ertrinkt, aber trotzdem gelassen bleibt. Sri Lanka ist Indien ohne dessen Extreme, sagt Autor Robert Menasse.

Indigoblau: ein kurzer Leinenbademantel, eine Mütze auf dem Kopf. Schlapfen, ein Handtuch baumelt am Arm. Robert Menasse erscheint zum verabredeten Treffen erstaunlich leger. Es ist elf Uhr vormittags, seine Ayurvedabehandlung ist gerade zu Ende gegangen. Das Öl muss noch einwirken, er kann frühestens in einer Stunde duschen. Er ordert frischen Ingwertee und einen Aschenbecher. Dogmatisch geht Menasse seine Kur jedenfalls nicht an: Er raucht so genüsslich, als hätte es ihm ein Arzt verordnet.

"Sri Lanka hat etwas Vorparadiesisches“, sagt Menasse entspannt. "Kürzlich wurden vor meiner Unterkunft neue Rohre verlegt, nach wenigen Tagen hat die Natur die Baustelle wieder überwuchert. Es wundert mich nicht, dass ausgerechnet hier die Idee von der ewigen Wiederkehr des Lebens entstanden ist.“ Der 1954 in Wien geborene Autor hat seinen Schreibtisch in der Bogenvillya der One World Foundation in Ahungalla aufgeschlagen, einem Strandresort an der Westküste Sri Lankas. Von den Einnahmen der Touristen wird eine Schule betrieben, und das Gästebuch liest sich wie das Who’s who der heimischen Kulturszene. Der bildende Künstler Hans Schabus spaziert gerade vorbei. Menasse blickt von seinem penibel aufgeräumten Schreibtisch in einen üppigen Palmenhain. Dahinter glitzert das Meer. Im Gästebuch hat er sich bereits 2005 ironisch verewigt: Eine Zeichnung zeigt ihn, wie er in dem fiktiven Menasse-Roman "Der Hintereingang ins Paradies“ liest, seinem Sri-Lanka-Tagebuch.

Lage von Sri Lanka

Natürlich gibt es dieses Sri-Lanka-Tagebuch nicht, aber die Idee eines Hintereingangs in das verlorene Paradies gefällt dem Autor gut. "Sri Lanka ist für mich der ideale Hafen für eine Ankunft in Asien, gewissermaßen ein Klein-Indien, wo man sich sanft an diesen Kontinent adaptieren kann“, sagt Menasse. "Erst drüben auf dem Festland wird alles extrem: extrem vielfältig, extrem chaotisch, extrem unübersichtlich.“ In der One World Foundation organisiert er ein Writers-in-Residence-Programm. Dimitré Dinev ist gerade abgereist, Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap wird Ende dieses Jahres ihr Quartier unter Palmen beziehen. "Ich bin sicher, dass sich die Erfahrungen, die Autoren hier sammeln, in deren Literatur niederschlagen werden“, meint Menasse. "Aber es ist nicht Bedingung, dass sie über Sri Lanka schreiben müssen.“

Eigentlich ist Menasse selbst zum Arbeiten hier: Seit Jahren recherchiert er für einen Roman über Brüssel und die EU. "Ich habe Angst, dass das mein ‚Mann ohne Eigenschaften‘ wird“, scherzt er. "Zwanzig Jahre Arbeit, und dann bleibt es doch ein Fragment.“ In Sri Lanka möchte er das Tüfteln am Roman unterbrechen, um seine Thesen zur EU in einem Essay darzulegen. "Ich bin kein Politiker, der sich nur vorstellen kann, was unmittelbar machbar ist“, erklärt er. "Ich kann frei von den Fesseln des Pragmatismus denken - auch wenn das dann manche für utopisch halten. Denen muss man in Erinnerung rufen, dass es die Pragmatiker waren, die die gegenwärtige Krise produziert haben.“ So plädiert er für eine Abschaffung des Rats der Europäischen Union, der durch die Verteidigung nationaler Interessen einiger Mitgliedsstaaten die europäische Entwicklung blockiere: "Die Nationalstaaten müssen absterben, Europa muss im 21. Jahrhundert endlich das 19. Jahrhundert überwinden!“ Diesbezüglich bietet Sri Lanka für Menasse spannendes Anschauungsmaterial, die Insel sei heute geradezu ein Labor, wo man die geschichtsbewusste Befreiung von der Last der Geschichte studieren könne. Auf engstem Raum leben hier unterschiedlichste Ethnien und Religionen zusammen, ein jahrzehntelang tobender Bürgerkrieg zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen wurde erst vor zwei Jahren blutig beendet.

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Ein endloses Hupen, sanft und melodisch, Autos schieben sich chaotisch durch die Straßen. Immer wieder stockt der Verkehr. Trotzdem bewahrt jeder einen kühlen Kopf. Colombo, die 2,2 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt von Sri Lanka, ist die gemütlichste hektische Metropole der Welt. Ein Moloch mit Muße. Eine quirlige Großstadt mit überraschend entspanntem Flair. Viele Touristen sieht man nicht, die meisten starten ihren Urlaub am Strand. Dabei ist Colombo ein faszinierender Schmelztiegel, der konzentriert einstimmt auf die kulturelle und religiöse Vielfalt dieser Insel. Dort steht eine Buddha-Statue, gleich daneben hat eine katholische Kirche ihre Pforten geöffnet, ein paar hundert Meter weiter türmt sich ein Dach, das aus lebensecht wirkenden Menschenfiguren besteht: einer der vielen Hindutempel. An jeder Straßenecke wartet ein Glasschrein mit einem Gott, der milde lächelt. Und knallbunt angemalt ist.

Das beliebteste Fortbewegungsmittel sind die dreirädrigen Tuk Tuks, die atemberaubende Überholmanöver hinlegen. Keine Lücke ist zu eng, kein Verkehr zu dicht. Wahrscheinlich braucht es den Glauben an eine Wiedergeburt, um sich dermaßen todesmutig in den Verkehr zu stürzen. Tuk Tuks sind fahrende Kunstwerke, auf denen Sinnsprüche stehen. Etwa: "Warum sich über das Unausweichliche ärgern“ - stoisch für ein Land, in dem täglich sechs Menschen im Verkehr umkommen. Zugleich sind sie private Miniaturtempel: Vergoldete Buddhas werden an die Frontscheibe gepinnt, blaue Hindugötter baumeln vom Rückspiegel. Auf einigen Rückfenstern steht: "Es gibt keinen Gott außer Allah.“ Das Tuk Tuk daneben zeugt natürlich vom Gegenteil: Es gibt unzählige Götter in Sri Lanka, und sie leben in enger Nachbarschaft. Sie teilen sich die Straßen und einen Verkehr, bei dem ein Europäer nach wenigen Minuten die Nerven wegwerfen würde.

Egal, welcher Konfession man angehört: An Sommerabenden spaziert ganz Colombo an der Strandpromenade, dem Galle Face Green, gleich neben dem noblen Kolonialhotel entlang: Buddhistische Mönche strecken ihre Zehen ins Meer, verschleierte Mütter füttern ihre Kinder mit Süßigkeiten, die es überall zu kaufen gibt, Touristen lassen den Tag entspannt ausklingen. Colombo, der sanfte Moloch, zeigt sich von seiner schönsten Seite.

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Six fingers, three hands, three nipples. Über schwindelerregende Metalltreppen führt der Weg hoch auf den Felsen von Sigiriya. Auf halber Höhe in einer Höhle ist eine der seltsamsten Sehenswürdigkeiten der Insel zu bewundern: prächtig geschmückte, spärlich bekleidete Damen. Fresken, die im 5. Jahrhundert entstanden sind und so strahlend hell leuchten, als wären sie gestern mit Airbrush aufgetragen worden. Die Guides haben ihre Freude daran, die anatomischen Seltsamkeiten der historischen Schönheiten lautstark zu verkünden: Drei Nippel, three nipples, tönt es von allen Seiten. Und die Besucher schmunzeln und staunen. Noch müssen die letzten Eisentreppen erklommen werden, dann ist der Blick frei auf eine atemberaubende Landschaft. Vom erhöhten Felsenplateau aus ist das ganze Areal ersichtlich, ein undurchdringliches, sattes Grün wuchert, so weit das Auge reicht. Ein Dschungel, der alles einnimmt.

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Das portugiesische, holländische und britische Kolonialerbe ist architektonisch in Sri Lanka auf jedem Schritt präsent. Am stärksten im Hochland, dort, wo der beste Tee angebaut wird. Ceylon, wie Sri Lanka bis 1972 hieß, exportiert einen Großteil davon. Aberwitzig schraubt sich die Straße hinter Kandy in Serpentinen nach oben. Die Luft wird frisch, und bis zum Straßenrand wachsen Teesträucher. Einige Teefabriken bieten Führungen an, etwa die Blue Field Factory. Ein Besuch in diesen Fabriken ist eine kuriose Reise in die koloniale Vergangenheit. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es ist noch alles original wie von den Engländern zurückgelassen: mechanische Förderbänder, Öfen aus britischer Manufaktur. "Da wurde die Dialektik des historischen Fortschritts sinnlich spür- und erfassbar gemacht“, erinnert sich Robert Menasse an seinen ersten Besuch auf einer Teeplantage. "Man sieht unmittelbar, wie sehr das 19. Jahrhundert Fortschritt und Rückschritt zugleich war“, sagt der Autor. "Die Architektur, die Maschinerie und die Mechanik der Produktion wurden zu beispielhafter Effizienz und auch Schönheit entwickelt. Zugleich aber wurde die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft perfektioniert.“ Genau dafür muss man hinaus in die Welt, hinaus nach Sri Lanka, dem sanften Indien, das den Blick fürs Strukturelle schärft: "Im Grunde ist Fantasie ja abstrakt, erst das buchstäbliche Erfahren der Welt liefert die Bilder, so schön und anregend das Träumen zu Hause im Kaffeehaus auch ist.“