Thailand: „Das merkwürdigste Land der Welt”

Thailand: „Das merkwürdigste Land der Welt”

Dem Gedenken an den verheerenden Tsunami stellt sich das südostasiatische Königreich Thailand, das weltweit zu den beliebtesten Urlaubsdestinationen zählt, nur zögerlich. In der österreichischen Literatur findet sich die Katastrophe detailliert dokumentiert.

In den Details sind Geschichten von Tod und Verderben zu finden. An einer Kreuzung jener Straße, die keinen Namen trägt und als Weg, der zum Strand führt, ortsbekannt ist, ist ein Pflock in die Erde gerammt, schwer entzifferbare Erklärungen auf Englisch und Thailändisch sind darauf eingeprägt, dazu der Hinweis "4 m“ an der Spitze des blauen Stahlstabs. Von wucherndem Grün ist die Wegmarke umschlossen, von handgeschriebenen Richtungsschildern zu Resorts und Bars am nahen Meeresufer gerahmt.

Die Spuren der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 sind im Urlauberparadies Khao Lak in der Provinz Phang Nga, Südthailand, weitestgehend getilgt. Es herrscht an diesem Nachmittag an einem der letzten Oktobertage touristische Idylle, wie sie auf einer Ansichtskarte abgebildet sein könnte: Ladenbesitzer versuchen, multilingual und mundflink, den Touristenstrom zeitweilig in ihren jeweiligen Geschäftsbereich umzuleiten, die flanierenden Urlauber bei 39 Grad Tageshöchsttemperatur von den Vorzügen eines maßgeschneiderten Anzugs zu überzeugen. "Massage, Massage“, rufen Salonbetreiberinnen schnarrend und lang gezogen über die Straße hinweg. Die von der Sonne gebleichte Werbetafel hoch über den Köpfen verheißt "XXL Schnitzel“, ein Optiker preist in der Auslage "Gleitsichtbrillen“ an. Thailändisch ist eine so genannte Tonsprache, die Worte erlangen durch ihre melodiöse Aussprache in verschiedenen Höhen unterschiedliche Bedeutungen. Wörter wie "Gleitsichtbrille“ und "Schnitzel“ wirken da wie Messer, scharf und spitz.

Mit Ausnahme weniger historischer Texte, deren thematischer Radius sich auf die 10-Millionen-Einwohner-Metropole Bangkok beschränkt, und Josef Haslingers Tsunami-Augenzeugenbericht "Phi Phi Island“ hat die österreichische Literatur in Thailand, bis 1939 unter dem Namen Siam bekannt, kaum Spuren hinterlassen. Das Leben in Bangkok mit seinen über sieben Millionen Fahrzeugen und 100.000 Motorsai - Lenker von Mopedtaxis, die aufgrund des Verkehrsinfarkts die Gehsteige auf eigene Faust zu Fahrbahnen umfunktionieren - wird von den Prinzipien Geschwindigkeit und Fortkommen bestimmt. Literatur als genuin langsames Medium gerät da schnell ins Hintertreffen. Ein rasant rotierendes Lichtband an der Spitze des Baiyoke Tower, mit über 320 Metern das höchste Gebäude der thailändischen Kapitale, wünscht dem König viele Lebensjahre: "Long live the King“. Die wichtigsten Schnellstraßen Bangkoks tragen Namen der Regenten vergangener Dynastien.

Der k. u. k. Reisepoet Ernst von Hesse-Wartegg wurde vor über 100 Jahren gleichfalls vom Sog der Stadt erfasst: "Man würde es kaum für möglich halten, dass Bangkok mit seinen Palästen und Tempeln die Schöpfung eines einzigen Jahrhunderts ist.“ Selbst die Fließgeschwindigkeit des Chao Phraya, des wichtigsten Stroms der Stadt, war dem Erforscher des Exotischen in seinem 1899 publizierten Bericht "Siam - das Reich der weißen Elefanten“ eine Erwähnung wert. Nicht nur an einer Stelle staunt darin der Reisepionier, er sei im wohl "merkwürdigsten Land der Welt“ zugange. Als wunderlicher Kosmos, als perfekte Urlaubsillusion und Schmelzpunkt metropolen Lebens präsentiert sich Bangkok bis dato: Auf dem Vorplatz des kathedralengroßen Einkaufscenters "Central World“, eines von Europäern, vermögenden Asiaten und Amerikanern frequentierten Luxuseinkaufstempels, werden im Spätherbst finale Vorbereitungen für die touristische Hauptsaison getroffen: Ein gewaltiger Christbaum wird geschmückt, der selbst der Tanne vor dem New Yorker Rockefeller Center Konkurrenz macht; Räucherstäbchenwolken von einem nahen buddhistischen Tempel wabern in der Luft; zwei Männer in Lederhosen üben, elektronisch verstärkt, Trompete und Akkordeon. Später werden die Musiker im Herzen Bangkoks jodeln und schunkeln, im Bühnenhintergrund ist der verschnörkelte Schriftzug "Oktoberfest“ - Anlass der kuriosen Gaudi - zu erkennen. 37 Grad zeigt die Temperaturanzeige auf der Fassade eines nahen Hochhauses.

Das südthailändische Khao Lak ist ebenfalls eine Ansiedlung, die durch Kurzlebigkeit geprägt ist. Erst 1998 hatte ein Schweizer Tauchlehrer die Gegend als mögliches Ziel für den Massentourismus entdeckt, bereits kurze Zeit später war das Gebiet von einem Gewirr von Straßen und Plätzen ohne offizielle Namen, gesäumt von Verkaufsbuden und Esslokalen, überzogen. Seither kann man förmlich zusehen, wie immer noch größere Luxusresorts in Strandnähe und im Binnenland aus dem Boden wachsen, die Nachfrage ist enorm: Laut offiziellen Angaben reisten 2010 über 15 Millionen internationale Gäste nach Thailand. Tourismus, die Dreieinigkeit von Sonnenbaden, Schlendern und Schlemmen, ist in Südthailand neben einer Kleinstindustrie, die Kautschuk, Datteln und Kokos verarbeitet, längst zum wichtigsten Devisenbringer avanciert.

In Khao Lak erinnert einzig der stahlblaue Pfosten nahe dem Strand an das Massensterben von 2004, gemahnt an jenen Tag, als das Meer kam und morastige Wellen kilometerweit ins Land spülte. "Tsunami Hazard Zone“ ist auf dem Erinnerungszeichen vermerkt: Tsunami-Gefahrenbereich. Der Hinweis "4 m“ besagt, dass die Flut damals an diesem Punkt vier Meter über Meereshöhe stand. Wo einst Wohnhäuser, Kneipen, Massagesalons und Krimskrams-Läden waren, blieben Ruinen und Schutt.

Viele tausend Menschen riss der Tsunami allein in der Region Phang Nga in den Tod. Das Chaos der Katastrophe generierte auch Geschichten, die man sich hier bis heute erzählt, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt. So habe ein Mädchen durch ihre Warnrufe zahllose Menschenleben gerettet, weil es kurz vor der Ozeansturmflut in der Schule gelernt hatte, dass sich das Meer ungewöhnlich weit zurückzieht, bevor ein Tsunami auf die Küste zurast. In anderen, sehr zynischen Alltagserzählungen tauchen Betroffene auf, die im Wirrwarr ihren eigenen Tod vortäuschten, um sich so eine neue Identität zuzulegen. Die Zerstörung des La Flora Resorts, direkt am Strand gelegen und rund zehn Minuten Fußmarsch vom "Hazard“-Mahnmal entfernt, ging als Meldung um die Welt: Die Welle, so wurde berichtet, habe die erst drei Tage zuvor eröffnete Hotelanlage dem Erdboden gleichgemacht.

Mit der Erinnerung an das maritime Beben tut man sich in Khao Lak bis heute schwer. An einer viel befahrenen Straße steht das International Tsunami Museum, ein privat geführter Dokumentationsort, der in regelmäßigen Abständen seine Adresse wechselt. "Special Feature“ verheißt eine Werbetafel: "Tsunami Video“. Im ersten Stock, vorbei an Küche und Kemenate mit Schlafmatratze, sind in drei kahlen Zimmern Fernseher an die Wand montiert, die in Endlosschleife grob gerasterte Bilder von in Panik flüchtenden Menschen zeigen. Der erste Eintrag im Gästebuch datiert aus dem Februar des Vorjahrs, Seidenkrawatten und Fläschchen mit Aloe Vera sind beim Ausgang zu erstehen.

Das La Flora Resort auf Khao Lak ist in ganz Thailand bekannt. Die Ferienanlage, in der durch eine Heerschar an Mitarbeitern längst wieder unbeschwerte touristische Normalität herrscht, wurde tatsächlich schon Monate vor dem Hereinbrechen des Ozeans in Betrieb genommen. Im Koordinatennetz der Katastrophe nimmt das Urlaubsgelände mit der Bibliothek - in der sich neben Massen an Strandliteratur versteckt auch Peter Handkes Erzählung "Langsame Heimkehr“ findet -, den vielen Swimmingpools und dem Ratschlag auf Hinweistafeln, pro Gast der Bequemlichkeit halber zwei Handtücher zu verwenden, eine zentrale Stellung ein. Ein Spross des in Thailand beliebten Königshauses, der im La Flora Quartier bezogen hatte, fand in den Wogen des Tsunami den Tod. Khun Bhumi, "Herr Bhumi“, wird der Verstorbene von den Untertanen respektvoll genannt. Ein Polizeiboot, ein stahlgraues Ungetüm mit der Nummer 813, kreuzte damals neben einem Zerstörer zur Bewachung des royalen Nachkommen vor der Küste. Das größere Kriegsschiff mit seinen Tausenden PS schaffte es, sich gegen die Welle zu behaupten, 813 dagegen wurde von der Sintflut kilometerweit landeinwärts getragen. Das Gelände um das gestrandete Panzerboot wird seit Jahren im Zeitlupentempo zur offiziellen Erinnerungsarena mit Schauraum und Zuschauertribüne umgestaltet. Es macht nicht den Anschein, als ob der Sprudelwasserverkäufer in seiner mit Fotos von Leichenbergen und Karten touristischer Ausflugsziele ausgeschmückten Palmenblätterbude daran denkt, seinen improvisierten Verkaufsstand bald zu räumen. Auf einem Plakat sind Fotos der zehn Besatzungsmitglieder von 813 zu sehen, die Schnappschüsse gleichen eher Fahndungsfotos als Heldenkonterfeis. "One die“ steht in holprigem Englisch als Erklärung auf dem Aushang. Das mit den Worten "In Gedenken an Doris, Klaus, Katherina, Antonia“ beschriftete schwarz-weiße Foto hat jemand an eine Wand der Bruchbude mit den knallgelben Getränken und dem Knabberzeug geheftet: "Unvergessen, Conny und Jutta“.

Verlässliche Quellen zur verheerenden Vernichtungskraft der großen Flut sind rar. Eine der wenigen gesicherten Dokumentationen des Desasters ist der Bericht "Phi Phi Island“ (2007) des österreichischen Schriftstellers Josef Haslinger, der 2004 auf der wenige Kilometer vor der Westküste Südthailands gelegenen gleichnamigen Insel mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub verbrachte. "der bericht in einem satz“, so ist in Haslingers mit den Mitteln der Literatur und des Journalismus (sowie unter Anwendung strikter Kleinschreibung) erstellter Reportage zu lesen: "wir sind zu viert auf der thailändischen insel koh phi phi in einem resort abgestiegen, von dem zwei tage später nur noch ein verwaltungsgebäude, der swimmingpool und das auf acht betonsäulen ruhende dach des speisepavillons übrig waren. die einhundertzehn bungalows, von denen wir zwei gemietet hatten, waren verschwunden.“

Haslinger, 57, hat erst kürzlich eine Lesereise mit seinem Buch zum Naturdesaster durch die USA absolviert, mit den Auswirkungen der Katastrophe ist er bis heute konfrontiert, direkt und indirekt. "Natürlich entwickelt sich im Lauf der Jahre eine Distanz zu diesem Buch, aus dem ich anfangs über ein Jahr überhaupt nicht öffentlich zu lesen imstande war“, erinnert sich der Leipziger Literaturprofessor in einem Kaffeehaus im fernen Wien an die erste Zeit der Publikation. "Langsam kehrt in die eigene Geschichte jedoch Normalität ein. In Thailand befanden wir uns zum Zeitpunkt des Tsunami in einer Welt, in der keine Gesetze mehr galten, in der rein gar nichts mehr stimmte., Phi Phi Island‘ war da hilfreich, die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten.“ Nicht nur für Haslinger hatte das Buch therapeutischen Effekt. Noch immer erhält der Autor Briefe von Betroffenen, es kam vereinzelt auch vor, dass Haslinger überraschende Bekanntschaften schloss: ",Ich bin derjenige, den Sie im Buch beschreiben, wie er lautstark schrie‘, stellte sich beispielsweise ein Zuhörer bei einer Lesung vor.“ Ein Rest des Grauens bleibt. "Der Anblick der aufgedunsenen Leichen hat sich in mir festgesetzt, dieses Bild werde ich nie mehr verlieren.“ In "Phi Phi Island“ finden sich verstörende Beobachtungen notiert: "auf dem weg zur mole kamen wir an weiteren leichen vorbei, die noch offen dalagen. der hodensack eines mannes war aufgebläht wie ein luftballon.“

Ein deutscher Tourismusmanager, der seit Jahren in Khao Lak lebt, erklärt sich die Weigerung der Ortsansässigen, sich mit der Heimsuchung auseinanderzusetzen, unter anderem mit der buddhistischen Philosophie. 2004 hatte der Zeuge der Tragödie, der sich mit knapper Not retten konnte, mit Medien schlechte Erfahrungen gesammelt, deshalb besteht er mittlerweile auf Anonymität: "Damals wurden wir von den Reportern, in Absicht, die Ereignisse zu dramatisieren, ständig gefragt:, Brach Panik auf dem Schiff aus? Am Strand?‘ Natürlich herrschte Verwirrung. Die meisten wussten jedoch überhaupt nicht, was vor sich ging.“ Dass keine gründliche Aufarbeitung des Unglücksfalls stattgefunden habe, erklärt sich der Fremdenverkehrsfachmann damit, dass rund 95 Prozent der Gesamtbevölkerung Thailands dem Buddhismus anhängen: "Die Thais empfinden Angst vor dem Weg des Sterbens. Der Tod selbst ist keine Tragödie, auf Tod folgt Wiedergeburt.“ Spätestens in der Saison 2005/2006 seien die Zeichen in dem Ort auf "back to normal“ gestanden und der Tourismusalltag wieder eingekehrt. Auf den Seiten von Josef Haslingers "Phi Phi Island“ ist dagegen Erinnerung gespeichert. "ich war plötzlich unter wasser und spürte auch, dass das wasser nicht einfach wasser war, sondern dass es voll war mit gegenständen, die auf mich einschlugen“, beschreibt der Autor den Moment des drohenden Todes. "ich konnte nichts sehen, bekam wasser in den mund und wusste plötzlich nicht mehr, wo oben und unten ist. in diesem moment erfasste mich die angst, dass es nicht zu schaffen war. und dann der klare gedanke: das ist jetzt das ende. diese erkenntnis kam zwar schockartig, aber ihr folgte keine verzweiflung. es war eher eine art bedauern darüber, dass ich nicht anders sterben darf, sondern hier im dreck verrecken muss.“ Im Tsunami-Museum an der vierspurigen Hauptstraße sind die Bilder, die sich auf den drei TV-Schirmen wiederholen, nichtssagender untertitelt: "Niemand kann sich vorstellen, was in Khao Lak passiert ist.“

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: Die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos "Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer; die Indien-Visiten von Büchner-Preisträger Josef Winkler finden sich als vielfältiges literarisches Echo in dessen Werk. Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie und den 2010 und 2011 publizierten poetischen Spurensuchen - etwa in Tel Aviv, Kopenhagen, Kairo, Costa Rica, China, Rio de Janeiro und Istanbul - begibt sich profil in einer neuen mehrteiligen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat: unter anderem in Los Angeles, Abu Dhabi, Griechenland und Thailand.