Usbekistan: Zwischen Seidenstraßen-Pracht und Sowjet-Vergangenheit

Usbekistan: Zwischen Seidenstraßen-Pracht und Sowjet-Vergangenheit

Usbekistan fasziniert als krude Mischung aus einstiger Seidenstraßen-Pracht und klotziger Sowjet-Vergangenheit. Bereits für Goethe waren Samarkand und Buchara Sehnsuchtsorte.

Es gebe einen Witz, der viel über ihre Heimat und deren Wahrnehmung der Nachbarländer erzähle, sagt Dilya, die als Fremdenführerin arbeitet und an der Universität in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, Deutsch unterrichtet. Der Witz geht folgendermaßen: "Was machen ein Aserbaidschaner, ein Kasache und ein Usbeke, die unverhofft zu Geld kommen? Der Aserbaidschaner geht in ein Geschäft und kauft sich teure Klamotten, der Kasache legt sich ein flottes Auto zu. Der Usbeke baut sich in derselben Zeit ein Haus mit Garten.“

Entspannte Metropole Taschkent
Die usbekische Wesensart gilt als solide, geprotzt wird nicht gerne. In der Tat wirkt die Metropole Taschkent mit ihren rund 2,5 Millionen Einwohnern bedächtig wie ein Dorf. Die Autofahrer sind nicht sonderlich aggressiv, weitläufige Parks bestimmen das Stadtbild, selbst die Luft ist frisch wie auf dem Land. Taschkent ist eine der entspanntesten Millionenmetropolen der Welt. Fremdenführerin Dilya, eine Mittdreißigerin, die schon oft im Ausland war und von der Disziplin der Deutschen schwärmt, wohnt zentral, in einem Haus mit geräumigem Innenhof, der in den heißen Sommern, wenn die Temperaturen sogar in Taschkent auf 40 Grad klettern, eine Oase aus Grün ist. Die ländliche Idylle mitten in der Hauptstadt hat aber auch ihren Preis. In vielen Häusern wohnen drei Generationen unter einem Dach, Probleme sind da vorprogrammiert. Wie überall auf der Welt haben die Jungen andere Vorstellungen vom Leben als ihre Eltern und Großeltern.


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Der Großteil der ausländischen Besucher in Usbekistan folgt dem Zauber klingender Städtenamen: Samarkand, Buchara, Chiwa - verheißungsvolle Orte wie aus "Tausendundeiner Nacht“, alte Beduinen-Städte und einstige Handelszentren, die den Mythos der Seidenstraße ausmachen und jene Epoche heraufbeschwören, als der sagenumwobene Herrscher Timur sein gigantisches zentralasiatisches Reich errichtete. Goethe träumte in seinem "West-östlichen Divan“ (1819) von den getrockneten, honigsüßen Früchten von "Bochara, dem Sonnenland“, von tausenden lieblichen Gedichten, notiert auf "Seidenblatt von Samarkand“. Die Region der ehemaligen Seidenstraße wurde schnell zum Sehnsuchtsland deutschsprachiger Literatur. Franz Grillparzers Drama "Der Traum ein Leben“ (1840) spielt in einem fiktiven Königreich in Samarkand, in dem es unermesslichen Reichtum gibt, Tod und Verderben zugleich allgegenwärtig sind.

Auf der Suche nach der Seidenstraße
Das reale Usbekistan ist ein verhältnismäßig junger Staat in Zentralasien. 1991 wurde die ehemalige russische Republik von der Sowjetunion unabhängig; seit damals führt Islom Karimov, der ab 1989 erster Parteisekretär im damals noch russischen Usbekistan gewesen war, das Land mit eiserner Hand. Karimovs restriktive Politik wird in Bezug auf Menschenrechte und Pressefreiheit international bis heute heftig kritisiert. Der Tourismus hat in Usbekistan keine lange Tradition. Um die Jahrtausendwende verirrten sich die ersten Bildungsreisenden nach Usbekistan auf der Suche nach dem einstigen Zauber der Seidenstraße.

Der Tiroler Autor Markus Köhle besuchte gemeinsam mit seiner Wiener Kollegin Mieze Medusa im Rahmen eines Kulturaustausches vor einem Jahr das Land. "Von Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek hatte niemand etwas gehört, aber alle waren sehr neugierig, über Österreich etwas zu erfahren“, erinnert sich Köhle. Vom performativen Vortrag der beiden Poetry-Slam-Autoren zeigten sich die usbekischen Kollegen im Publikum überrascht - und antworteten mit lautstarkem Singen beliebter HipHop-Nummern ihrer Heimat. Damals zierte bei offiziellen Lesungen noch das Foto einer Blondine die Wände. Die inzwischen verstoßene Präsidententochter Gulnara Karimowa galt lange Zeit als das "schöne Gesicht einer hässlichen Diktatur“, wie das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel“ schrieb. Karimowa leitete die wichtigste Kulturstiftung des Landes und galt als Favoritin für die politische Nachfolge als Staatschefin. Doch die politische Situation ändert sich in unsicheren Ländern wie Usbekistan bisweilen schnell: Heute steht Karimowa, die einst als "Paris Hilton Usbekistans“ bezeichnet wurde, unter Hausarrest - und klagt über psychische und physische Misshandlungen.

"Warum ist österreichische Literatur immer so negativ?"
In Taschkent eröffnete kürzlich eine neue Nationalbibliothek, ein gigantischer Glasbau, ein Musterbeispiel für die aktuelle, nicht sonderlich innovative Architektur der zentralasiatischen Länder: protzig anzusehen, preisgünstig erbaut, angeberischer Dubai-Stil. Der Buchbestand ist dennoch beeindruckend, und obwohl eigentlich Mittagspause ist, führt eine ältere Dame durch die Räumlichkeiten. Im vierten Stock ist die Abteilung mit ausländischer Literatur untergebracht, in einer Ecke das Regal "German“ mit Werken von Christine Nöstlinger, Dimitré Dinev und Radek Knapp im Original. Die österreichische Literatur genießt bei Fremdenführerin Dilya allerdings keinen allzu guten Ruf. Sie kennt Ingeborg Bachmanns Erzählung "Drei Wege zum See“ und einiges von Stefan Zweig. Verpflichtende Lektüren während des Studiums. Sie fragt sich: "Warum ist österreichische Literatur immer so negativ?“ Zweig empfindet sie als "etwas morbid“, Bachmann als zu "depressiv“. Einzig in der Computerdatenbank der Bibliothek tauchen Stücke von Thomas Bernhard auf, dazu Elfriede Jelineks Romane "Die Liebhaberinnen“ und "Die Klavierspielerin“.

Endlich angekommen im Sehnsuchtsland: Am Registan-Platz in Samarkand verschlägt es einem tatsächlich den Atem. Das Ensemble aus drei Koranschulen, von denen die früheste ins 15. Jahrhundert datiert, ist nicht nur exorbitant groß, sondern von einer unfassbaren Pracht. Die grünen und azurblauen Kuppeln leuchten unter einem strahlend blauen Himmel, die glasierten Kacheln erzählen davon, wie sich die Bauherren einst gegenseitig übertreffen wollten. Wie Ameisen wirken die Touristen in der Anlage, die auf ihre Art nicht minder protzig ist als die Prunkbauten der Sowjetepoche.


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Der Fluch des Despoten
Ein Name ist in Samarkand omnipräsent: Timur Lenk (1336-1405), ein brutaler zentralasiatischer Eroberer, der ein islamitisches Riesenreich errichtete und in Usbekistan bis heute als Nationalheld verehrt wird. Lenks prächtiges Grabmal ist in Samarkand zu besichtigen - es wäre aber nicht Usbekistan, wenn sich nicht auch darum ein Mythos ranken würde: Im Juni 1941 kamen Archäologen aus Moskau nach Samarkand, um das Grab des Despoten zu öffnen - Timur wurde auch "Timur der Lahme“ genannt, weil sein rechtes Bein angeblich gelähmt war. Die Bevölkerung hatte Angst vor einem Fluch, dass der Geist des Kriegs aus dem Grab steigen würde. Und in der Tat: Kurz darauf überfiel Nazideutschland die UdSSR. Die Touristen staunen, schließlich sind sie wegen solchen Geschichten nach Usbekistan gekommen, in diese west-östliche Diva, die sich schwer fassen lässt, zwischen Märchenmythos, Sowjet-Vergangenheit und modernem Land, in dem jeder permanent mit seinem Handy spielt.

Weiter geht es über staubige Landstraßen, im Autoradio russischer und ukrainischer Pop, der von der großen Liebe und der nächsten Party erzählt. Westliche Autos wechseln sich mit robusten Lkws aus der Sowjetzeit ab. Kinder und Frauen haben Esel vor ihre Karren gespannt, um Melonen zu transportieren, die im sonnigen Usbekistan tatsächlich viel süßer schmecken.

In der Oasenstadt Buchara, die mit ihren vielen historischen Bauten wie eine Fata Morgana wirkt, herrscht entspannte Ruhe. Das Thermometer zeigt 43 Grad, trockener Wüstenwind weht durch die Gassen, kein Wunder, dass hier niemand hektisch ist. Dennoch irritiert die Stille. In Usbekistan sind knapp 90 Prozent der Einwohner sunnitische Muslime: Warum ruft der Muezzin nicht zum Gebet? Auch diesbezüglich ist Usbekistan eigenwillig. Der lokale Islam fällt praktisch nicht auf, kaum eine Frau ist verschleiert, zum Gebet wird nicht gerufen. Auf den Vorplätzen der Moscheen sitzen alte Männer, trinken Tee, sind in Brettspiele versunken wie Kinder. Händler verkaufen buntes Teeporzellan, das noch aus Sowjetzeiten stammt. Die bunten Schüsseln und Tassen sind zeitlos modern, ihr Design vereint russische Vergangenheit, einstige Seidenstraßen-Pracht und hektische Gegenwart. Grüntee ist in Usbekistan Nationalgetränk. Im ganzen Land findet man keine Light-Versionen ausländischer Limonaden, dafür trinken bereits Kleinkinder literweise den aufputschenden Grüntee.


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Türkische und russische Einflüsse vereint
In Restaurants sitzen Gäste auf geschnitzten Hochbetten, auf denen Tische stehen. Halb liegend wird köstliches, im Steinofen gebackenes Brot gegessen. Dazu werden frische Kräuter serviert, die die Verdauung anregen sollen. Die Küche in Usbekistan vereint türkische Einflüsse (Schaschlik) mit russischen (Borschtsch und Teigtaschen). Sie ist reich an Fett, nicht gerade figurfreundlich, aber köstlich.

Auf dem Basar ist vor allem eine Fähigkeit gefragt: das schnelle Geldzählen. Die Verkäufer lassen ihren Blick beim monotonen Geldscheinblättern in die Ferne schweifen, sie sind das Hantieren mit Geldbündeln längst gewohnt. In Usbekistan fühlt man sich als Tourist fast wie ein Ganove - die Hosentaschen voller Geldscheine, die lose mit Gummiring zusammengehalten werden. Ein Portemonnaie wäre ohnehin zwecklos: 30 Euro entsprechen umgerechnet rund 100.000 usbekischen Sum. Die Einheimischen haben sich an das viele Geld gewöhnt, sie lagern es in meist schwarzen Plastiksäcken, die sie in ihren Taschen verstauen. Nicht auszudenken, wie viel Geld man mitschleppen müsste, wollte man das neue Auto in bar bezahlen.

Was an Usbekistan sofort auffällt, ist die Gelassenheit der Menschen - und wie bunt die Frauen gekleidet sind, die modisch auf maximalen Mustermix und radikales Colour-Blocking setzen, sogar die Socken sind extrem bunt. Die Märkte in Buchara und Samarkand zeugen aber auch davon, was für ein Völkergemisch diese zentralasiatischen Länder sind: kantige russische Gesichter neben mongolischen; Tadschiken, die, anders als die anderen zentralasiatischen Länder, nicht von Turkvölkern abstammen, sondern persische Wurzeln haben. Sie alle feilschen um Waren, plaudern entspannt, trinken Kirschsaft. Die Märkte waren und sind das Herz dieses Landes - und zugleich Abbild eines Alltags zwischen chinesischen Billigprodukten und traditioneller Handwerksware.

Das Land der Baumwollblüten
Ein Motiv ist im Alltag omnipräsent: Baumwollblüten. Zu Sowjetzeiten war das Land der wichtigste Baumwolllieferant, heute gilt Usbekistan als der weltweit drittgrößte Exporteur. Auf Überlandfahrten reihen sich ausgedehnte Flächen aneinander, auf denen der Werkstoff angebaut wird. Baumwollblüten zieren aber auch Kanalgitter und Porzellanschüsseln.

Eines der faszinierendsten Bauwerke in Taschkent ist der 1980 errichtete Tschorsu-Basar, in dem sich Berge an Sauerkraut, Rinderzungen und Frischkäse türmen. Die helle Markthalle ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie innovativ Sowjetarchitektur sein konnte, wie souverän sie futuristische Ansprüche mit traditionellen Stilelementen verband. Die Kuppel des Marktes erinnert von außen an eine sich öffnende Baumwollblüte, im Inneren wirkt der Basar wie ein Raumschiff, in das Lichtstrahlen aus einer anderen Welt fallen. In den vergangenen Monaten war das Gebäude wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Sowjetarchitektur gilt in den meisten ehemaligen Republiken als nicht sonderlich schützenswert. Im Tschorsu-Basar wurden zum Glück nur die Vitrinen für das Essen vereinheitlicht und modernisiert.

Fremdenführerin Dilya hat viel Erfahrung in ihrem Job. Aber eines hat sie in ihrer Karriere bisher noch nie erlebt: dass sich Touristen für Sowjetarchitektur begeistern. "Salzburg ist schön!“, sagt Dilya erstaunt. "Alte Städte sind interessant. Aber die Protzbauten von Taschkent, die erst in den 1970er-Jahren entstanden sind? Was soll daran toll sein?“ Vom Hotel Usbekistan bis zum ehemaligen Lenin-Museum, vom Fernsehturm bis zu den Theatern - Sowjetarchitektur ist vor allem im Stadtzentrum von Taschkent omnipräsent. Kaum ein Gebäude wurde abgerissen, meist werden sie mit einer modernen Glasfassade versehen. Gänzlich in die Sowjet-Ära zurückversetzt fühlt man sich schließlich in der U-Bahn. Wie unterirdische Kathedralen wirken die einzelnen Stationen, die an die prunkvollen Vorbilder in Moskau und St. Petersburg erinnern. Das Licht ist gedimmt, es herrscht Ruhe in der "Toshkent metropoliteni“, die immerhin drei Linien vorzuweisen hat.

Einziges Metro-Netz Zentralasiens
1977 wurde die Bahn eröffnet, und das, obwohl die Stadt in tektonisch gefährdetem Gebiet liegt; zehn Jahre zuvor hatte ein Erdbeben Taschkent fast zur Gänze zerstört. Die U-Bahn war eine bauliche Großleistung, herausragend in dieser Gegend: Usbekistan ist das einzige Land in Zentralasien mit Metro-Netz. Das Fotografieren ist noch heute strengstens verboten, schließlich ließe sich im Notfall das gesamte U-Bahn-Areal zum Atombunker verriegeln und gilt damit als militärischer Sicherheitsbereich.

Eine Station trägt den klingenden Namen "Kosmonavilar“ und soll an die Pioniertaten der russischen Kosmonauten erinnern. Die tragenden Säulen sind mit Glassplittern versehen, die dunkel und geheimnisvoll leuchten, als stammten sie von einem fernen Planeten. An den Wänden hängen runde Gemälde, die plastisch wie Hologramme leuchten und schwerelose Weltraumhelden zeigen, in bahnbrechende Forschungsarbeiten versunken. Man fühlt sich selber in eine andere Epoche versetzt, frei schwebend zwischen den Welten und Kulturen. Selbst die skeptische Dilya ist begeistert: "Die U-Bahn-Stationen, die ich in Deutschland gesehen habe, können da tatsächlich nicht mithalten. Vielleicht ist Sowjetarchitektur doch nicht nur schlecht!“

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: In Istanbul, einer der am dichtesten bevölkerten Städte Europas, findet sich etwa eine überraschend umfassende Austro-Bibliothek. Die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer, und die Linzer Autorin Anna Mitgutsch sammelte während mehrerer Aufenthalte in Israel Stoff für ihren Roman „Abschied von Jerusalem“ (1995); die Indien-Visiten von Büchnerpreisträger Josef Winkler finden sich als literarisches Echo in dessen Werk – von „Domra – Am Ufer des Ganges“ (1996) bis „Roppongi“ (2007). Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie begibt sich profil in einer neuen mehrteiligen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat – unter anderem in Rom, Tel Aviv und Neu-Delhi.