Boris Johnson

Boris Johnson

Ausland

Mein Kollege Boris Johnson

In seiner Zeit als Brüssel-Korrespondent erlebte Otmar Lahodynsky hautnah, wie Boris Johnson mit erfundenen Gräuelberichten über die angebliche Regelungswut der EU Furore machte.

Er war Anfang der 1990er- Jahre eine Zeit lang mein Kollege unter den Brüsseler Korrespondenten. Und er wurde "unguided missile" genannt, weil er für den konservativen "Daily Telegraph" die schrägsten, meist frei erfundenen Berichte über die EU (damals hieß sie noch EG) verfasste: beispielsweise über eine angeblich neue Verordnung über die Größe von Präservativen, eine Vorschrift, wonach alle Fischer Haarnetze tragen müssten - oder die Regelung, dass auf britischen Autobahnen die Grünstreifen mit Statuen von EU-Politikern gesäumt werden müssten, darunter natürlich sein Lieblingsfeind Jacques Delors.

"Dieses Mal bin ich vielleicht etwas zu weit gegangen"

Der französische Präsident der EU-Kommission hatte 1990 britische Korrespondenten zu einem Hintergrundgespräch über den geplanten Binnenmarkt eingeladen. Die Kollegen seriöser Medien schrieben tags darauf korrekte Berichte über den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. Boris Johnson titelte auf Seite eins: "Delors: My plan for world domination!" ("Delors: Mein Plan für die Weltherrschaft"). Natürlich wurden viele Kollegen von ihren Chefs gefragt, warum sie diese starke Aussage verschlafen hätten - worauf ihm ein verärgerter Kollege der "Financial Times" fast eine Ohrfeige verpasst hätte. "Dieses Mal bin ich vielleicht etwas zu weit gegangen", meinte Johnson mit einem Anflug von schlechtem Gewissen.

Später schrieb er, dass er mit jedem seiner europafeindlichen Artikel aus Brüssel eine Art Machtrausch erfahren habe. Kurz vor der Brexit-Abstimmung bereitete er zwei Kommentare vor, einen für und einen gegen den Austritt seines Landes. Er entschied sich dann doch für die Austrittsempfehlung; angeblich aus einer Laune heraus.

Nun ist Johnson Premierminister des Vereinigten Königreichs. "Good luck" wünsche ich - aber nicht ihm, sondern den Briten.

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  • Friedrich Fuhs Di., 23. Juli. 2019 15:03

    Auch wenn der Genannte ein Verwandter des allseits so beliebten Mr. Golfplatz sein könnte, so beneidet der Autor diesen - allein schon - wegen seiner Frisur. Politik hat eben mit Bauchgefühlen ( Launen ! ) zu tun. BJ wurde jedenfalls demokratisch gewählt; das sollte dem Lournalisten etwas zu denken geben...

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