Eva Menasse

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Ausland

Schriftstellerin Eva Menasse: "Die SPD ist cool genug"

Die Schriftstellerin Eva Menasse über ihre Gründe, gegen alle Unkenrufe für Martin Schulz zu kämpfen.

Das SPÖ-Parteibuch meines Großvaters Richard Menasse (1892-1976) befindet sich in meinem Besitz, und ich halte es in Ehren: Das Eintrittsdatum (in Wahrheit wohl sein Wiedereintrittsdatum) ist der 1. Mai 1945 - damals wurde hier in Berlin noch gekämpft. Die Beitragsmarken sind bis über seinen Tod hinaus, bis Ende 1976, eingeklebt, denn er hatte immer schon das ganze Jahr im Voraus bezahlt. Für mich ist dieses Büchlein eine moralische Verpflichtung. Ich bin kein Parteimitglied, weder in Österreich noch in Deutschland, ich habe auch schon oft genug Grün gewählt, aber von meiner auch öffentlich eingestandenen Sympathie für die große historische Arbeiterpartei, die sich sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit seit 1875 beziehungsweise 1888 auf ihre Fahnen geschrieben hat, lasse ich mich nicht abbringen.


Martin Schulz wäre ein großartiger Kanzler. Er hat ohne jeden Zweifel das Format dazu.

In Deutschland, wo ich seit über 18 Jahren lebe, ist es im laufenden Wahlkampf leicht und schwer zugleich, sich zur SPD zu bekennen. Leicht, weil die deutschen Sozialdemokraten in den vergangenen vier Jahren gute Regierungsarbeit geleistet haben, die trotz christdemokratischer Führung in vielen Bereichen eine deutlich "rote" Handschrift trug - in der Arbeitsmarkt-, in der Frauen-, in der Gesellschaftspolitik. Die SPD-Minister haben, ganz im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen von der CDU/CSU, gute Figur gemacht - im Außenministerium, im Wirtschaftsministerium, im Arbeitsministerium. Und schließlich ist der Kanzlerkandidat Martin Schulz eine rundum erfreuliche Person: ein leidenschaftlicher, herzhaft formulierender Demokrat, ein ausgewiesener Europa-Politiker und im direkten Umgang ein temperamentvoller, am Gegenüber interessierter, kritikfähiger Gesprächspartner. Er wäre ein großartiger Kanzler, er hat ohne jeden Zweifel das Format dazu.

Trotzdem dümpelt die SPD - von einem fiebrigen Hoch in den ersten Wochen nach Schulz’ Nominierung abgesehen - in den Umfragen bei frustrierenden 21 Prozent herum. Die Stimmung ist auf eine schwer zu fassende Weise gegen sie. Sagen wir es flapsig: SPD ist nicht cool. Ich kann das leider mit keiner Sprachanalyse der deutschen Leitmedien beweisen, aber mein Eindruck ist, dass mit der SPD ausgesprochen herablassend umgegangen wird. Ständig bedauert man sie, ständig bezeichnet man Martin Schulz als sicheren Verlierer, fordert ihn, wie in einem besonders irritierenden "Zeit"-Artikel auf, mit angeblichen Pannen und Rückschlägen doch wenigstens selbstironisch umzugehen.


Weite Teile der Wählerschaft sind nach wie vor unentschlossen.

Angela Merkel, die seit zwölf Jahren regierende Kanzlerin, wird dagegen behandelt wie die zwar plump formulierende, etwas langweilige, aber eben doch: unangreifbare Königin. Sie vermittelt inzwischen eine fast monarchische Sicherheit und Kontinuität, da können ihre Minister (die Verteidigungsministerin von der Leyen, der Verkehrsminister Dobrindt) wanken und in Skandale verstrickt sein, wie sie wollen.

In den wichtigen Abstimmungen und Wahlen der vergangenen Jahre (Brexit, Trump) waren die Umfragen davor unzuverlässig bis falsch. Es gibt keinen Grund, warum das in Deutschland anders sein sollte. Weite Teile der Wählerschaft sind nach wie vor unentschlossen. Darin sieht die tapfer kämpfende SPD ihre Chance, darin liegt auch weiterhin noch ein Moment der Unsicherheit für Angela Merkel. Die allgemeine Stimmung ist sehr schwer einzuschätzen. Obwohl ich hier lebe, frage ich mich ständig, ob die subkutane Stimmung eher versteckt panisch ist (die Flüchtlinge, der Terrorismus, die Rechtsradikalen, die allgemein so unsichere Weltlage) oder - mit einem Wort, das ich erst hier gelernt habe - bräsig: Es geht uns doch gut, warum sollten wir etwas ändern? Beides ist nicht gut für die SPD. Und so könnte am Ende das Wahlergebnis der unappetitlichen rechtsradikalen AfD die eigentliche Überraschung des Wahlabends sein.

Eva Menasse, 47
Die österreichische Schriftstellerin, vormals profil-Redakteurin, lebt seit über 18 Jahren in Berlin. Sie ist Proponentin der Initiative "Aktion für mehr Demokratie", die zur Wahl der SPD aufruft. Zuletzt erschien von Menasse der Erzählband "Tiere für Fortgeschrittene" (Verlag Kiepenheuer & Witsch).

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  • Rudolf Schlögel (4591) Mi, 20. Sep. 2017 08:46

    Das ist parteiliche Weltsicht einer ehemaligen profil-Journalistin, verpackt als "Berühmtheit".

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