"Die Venezolaner haben resigniert"
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"Die Venezolaner haben resigniert"

profil-Mitarbeiterin Hanna Silbermayr kehrt nach dreieinhalb Jahren in Venezuela nach Österreich zurück. In dieser Zeit hat sie das Land auf dem Weg in den Abgrund begleitet. Von ihrem Leben im Chaos von Caracas erzählt sie im Interview mit profil.

Lesen Sie mehr über die Erfahrungen von Hanna Silbermayr in der profil-Ausgabe Nr. 33 vom 14.8. und auf hannasilbermayr.com.

profil: Wie haben Sie die Situation in Venezuela in deinen letzten Tagen vor Ort erlebt?

Hanna Silbermayr: Die letzten Tage waren sehr chaotisch, vor allem deshalb, weil keiner so genau wusste, was kommen würde. Die umstrittene Wahl der Mitglieder eines Verfassungsrates war gerade über die Bühne gegangen, diverse Airlines hatten ihre Flüge nach Venezuela während dieser Tage gestrichen und überall gab es Straßenblockaden und Proteste. Bis zum Schluss war im Grunde nicht klar, ob wir ausreisen können würden oder nicht. Tatsächlich gab es dann am Abflugtag in der Früh einen Aufstand in einer Kaserne, darum sind wir auch sehr zeitig, nämlich sieben Stunden vor Abflug, zum Flughafen aufgebrochen. Letztendlich ging aber dann doch alles gut.

profil: Gab es ein spezielles Erlebnis, das Sie bewegt hat, nach drei Jahren den Schlussstrich zu ziehen?

Silbermayr: Im Grunde ist es kein spezielles Erlebnis, weshalb ich Venezuela definitiv verlasse, sondern mein Sohn. Caracas, wo wir gelebt haben, ist eine der gefährlichsten Städte der Welt und die vielen Proteste machen die Situation nicht gerade besser. Ich konnte mit ihm oft tagelang nicht nach draußen gehen und man geht auch immer mit einer gewissen Angst auf die Straße, etwa davor, dass man in eine Schießerei gerät oder jemand das Kind entführen könnte. Ich will meinem Sohn ein Leben in Freiheit bieten und nicht eines, das sich nur in einem sehr engen Rahmen bewegt.

profil: Wie ist es in einem Krisengebiet zu leben? Gewöhnt man sich mit der Zeit an die Angst?

Silbermayr: Ja, man gewöhnt sich daran bzw. man verdrängt sie. Es wird alles so normal, dass man sich nicht einmal mehr wundert, wenn der Kollege in der Früh anruft und einem mitteilt, dass man doch bitte später ins Büro kommen sollte, weil dort gerade jemand Geiseln genommen hätte. Oder dass es mich gar nicht mehr schockiert, wenn mir eine Freundin davon erzählt, wie sie nur ein paar Meter von ihrem Haus entfernt mit der Waffe bedroht und überfallen wurde. Diese Geschichten sind Alltag.

Woran ich mich nicht wirklich gewöhnen konnte, waren die vielen Einbußen, die ein Leben in Venezuela mit sich bringt. Die Wasserrationierungen sind schrecklich. Im Grunde richtet man den gesamten Tagesablauf danach aus, dass man zu einer gewissen Uhrzeit zuhause sein muss, weil da das Wasser für eine Stunde aufgedreht wird. Manchmal war das wirklich nicht leicht zu managen, vor allem mit kleinem Kind, das immer ausgerechnet dann müde wurde und schlafen gelegt werden sollte, wenn das Wasser kam.

Auch das ständige Suchen nach Lebensmitteln nervt. Man geht in den Markt, will Nudeln kaufen und ausgerechnet an dem Tag gibt es keine. Man nimmt dann halt mit, was gerade da ist, vielleicht Reis oder Milch. Aber man kann im Grunde nicht darüber entscheiden, was man essen will, sondern muss immer nehmen, was gerade da ist. Und dabei war ich gut dran, weil ich mir die wenigen importierten Produkte leisten konnte. Für die meisten Venezolaner ist das Leben wirklich verdammt hart.

profil: Wie hat Sie die Erfahrung verändert?

Silbermayr: Ich denke, ich habe dadurch gelernt, was es bedeutet, den ganzen Tag über fließendes Wasser und die Supermärkte voller unterschiedlichster Produkte zu haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Eine Rückkehr aus Venezuela nach Österreich war für mich immer sehr sonderbar, weil mir die Probleme der Menschen hier im Gegensatz zu dem, was die Venezolaner tagtäglich durchleben, sehr banal vorkamen.

profil: Wie denken die Menschen vor Ort heute im Vergleich zu vor drei Jahren?

Silbermayr: Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen heute kein Licht mehr am Ende des Tunnels sehen. Vor drei Jahren war die Lage noch nicht so prekär, viele Dinge bekam man zumindest irgendwo. Es war etwas Hoffnung zu spüren. Heute haben viele Venezolaner resigniert und weder die Regierung noch die Opposition schaffen es, ihnen eine Perspektive zu bieten.

profil: Woran fehlt es momentan am meisten?

Silbermayr: Ganz klar: Medikamente. Es fehlt nicht an allem, Schmerztabletten findet man meistens irgendwo. Aber vor allem Medikamente für schwere Krankheiten sind besonders knapp oder teilweise gar nicht mehr vorhanden. Vor jeder Venezuela-Reise bekomme ich für gewöhnlich eine lange Liste an Medikamenten, die ich mitbringen soll. Viele davon kriegt man bei uns aber leider nur auf Rezept, weshalb ich nicht immer alle Wünsche erfüllen kann.

profil: Wie wird es weitergehen? Gibt es eine Chance auf Veränderung?

Silbermayr: Ich habe immer versucht die Situation in Venezuela positiv zu sehen. Die aktuelleren Entwicklungen lassen aber auch mich daran zweifeln, dass es noch möglich ist, eine friedliche Lösung zu finden. In dem ganzen Konflikt spielen sehr viele verschiedene Interessen eine Rolle, im Endeffekt geht es darum, wer die Macht im Staat innehat und da gibt es keine Anzeichen auf ernsthafte Kompromisse, die letztendlich auch der Bevölkerung zugute kämen. Ich persönlich glaube, dass Venezuela noch viel schwierige Jahre bevorstehen.

profil: Können Sie sich vorstellen, wieder zurückzugehen?

Silbermayr: Mein Sohn ist Venezolaner, darum wird meine Verbindung zu Venezuela nie abbrechen. Im Grunde ist es auch ein sehr schönes Land, das zum Beispiel landschaftlich wahnsinnig viel zu bieten hat. Ich hätte Venezuela gerne bis in alle Ecken bereist und kennengelernt. Gerade wegen der aktuellen Situation gibt es nur mehr wenig internationalen Tourismus, was ich sehr schätze. Solange die Krise aber anhält, kann ich mir nicht vorstellen, dorthin zurückzugehen.

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