Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig

Gesellschaft

#brodnig: Die Rausschmiss-App

Wer in den USA aus einem Lokal fliegt, muss fürchten, auch in viele andere Lokale nicht mehr reinzukommen. Eine App macht das möglich.

Manche amerikanischen Bars verwenden ein Programm namens PatronScan. Wer ein Lokal oder einen Club betreten will, dessen Ausweis wird zuerst gescannt und erfasst – die Software überprüft, ob dieser gefälscht wirkt (um keine Minderjährigen hineinzulassen). Und noch mehr als das: Die Software bietet auch eine Funktion namens „Flagged Patrons List“ an. Fliegt ein Kunde aus dem Lokal, landet er auf dieser Liste. Laut Angaben des Herstellers sind rund 38.000 Menschen dort gespeichert, weil sie wegen Schlägereien, sexuellen Übergriffen, Drogen, Diebstahl oder anderem schlechten Verhalten im vergangenen Jahr aus einer Bar verwiesen wurden. Jedes Lokal, das diese Software benutzt, sieht die volle Liste. Das heißt: Jemand, der einmal aus einer Bar in den USA verbannt wurde, kann potenziell aus allen anderen Bars verbannt werden, die dieses Programm verwenden.


Wir sollten Menschen auch zugestehen, dass sie dazulernen können, dass sie sich einmal unangenehm verhalten – und sich dann wieder einkriegen.

Nun klingt es gut, wenn Menschen vor Lokalbesuchern beschützt werden, die sich prügeln oder sexuelle Übergriffe tätigen. Trotzdem erscheint mir die Anwendung unbehaglich – denn sie stellt eine Art Selbstjustiz und private Überwachung dar. Wenn jemand eine üble Rauferei anfängt und jemanden schwer verletzt, ist das ein Fall für die Polizei – nicht für irgendeine App. Noch dazu liegt es im Ermessen des jeweiligen Barpersonals, selbst einzustufen, was man als „schlechtes Verhalten“ bewertet. Da ist es möglich, dass Menschen selbst wegen harmlosen Vorfällen aus Lokalen geschmissen werden – und auf der schwarzen Liste landen. Nicht nur in den USA wird das Programm vermarktet, es zielt auch auf britische Bars ab. Da stellt sich einerseits die Frage, inwiefern diese Funktion mit europäischen Datenschutzvorgaben vereinbar ist, und andererseits zeigt das ein grundsätzliches Problem: Moderne Technik ermöglicht es, das Fehlverhalten von Bürgern (sei es am Arbeitsplatz oder abends in der Bar) zu tracken, zu sammeln, auszuwerten. Aber wir sollten Menschen auch zugestehen, dass sie dazulernen können, dass sie sich einmal unangenehm verhalten – und sich dann wieder einkriegen. Wenn Software jeden Fehltritt abspeichert, ist es umso schwerer, davon wieder loszukommen.

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