Das Ich in Sicherheit
Gesellschaft

Das Ich in Sicherheit

Eltern sollen ihre Kinder maximal beschützen. Hilfe können sie dabei kaum erwarten.

Über die paradoxe Pädagogik der Amerikaner kann man sich in Europa ja wunderbar wundern. Ich auch, denn die Regeln im Land der Gegensätze sind bekanntlich manchmal schwer zusammenzukriegen. Aus aktuellem Anlass denke ich an eine verrückte Szene im Familiensupermarkt "Target" zurück: Die Kassiererin wies mein Mann und mich scharf zurecht, weil unser drei Jahre alter Sohn kurz aufs Kassenband tatschte, während wir einpackten und unsere zwei weiteren Kinder in Schach hielten. Mega gefährlich sei das, die Finger quasi schon abgetrennt, wir sollten gefälligst besser aufpassen.

Wir nickten schuldbewusst, es war nicht unser erster Zusammenstoß mit den amerikanischen Vorstellungen von vorbildlicher Erziehung. Wir waren immerhin zu Gast in einem Land, in dem Kindergartenkinder problemlos Motocross fahren dürfen, aber Eltern es mit dem Jugendamt zu tun bekommen, wenn sie ihre zehn und sechs Jahre alten Kinder alleine zum benachbarten Spielplatz schicken. "Lächeln und Winken" lautete unsere Devise in solchen Momenten daher.

Keine halbe Minute später, wir verstauten noch eine Zehn-Gallonen-Flasche Orangensaft, unterbrach das Supermarktradio sein Dudeln mit einer traurigen Nachricht: Ein zwei Jahre altes Mädchen hatte beim Einkaufen die ungesicherte Pistole ihrer Mutter aus der Handtasche gezogen und abgedrückt. Die Frau war an Ort und Stelle verblutet. Alle Anwesenden hatten dasselbe gehört, doch zogen wir kulturell bedingt verschiedene Schlüsse aus der Szene. Die Kassiererin zuckte jedenfalls nur traurig mit den Schultern. So ist das hier eben, sagte ihr Blick.

Was hat diese Geschichte mit der sehr österreichischen Debatte nach einem tragischen Verkehrsunfall zu tun, bei dem zwei kleine Mädchen in einem Fahrradanhänger ums Leben kamen? Sie lässt mich rätseln, wie viel Sicherheit wir Kindern je bieten können, in einer Welt, die nicht für sie gemacht ist.

Längst geht es ja nicht mehr darum, wer bei diesem schrecklichen Unfall womöglich unvorsichtig war oder einfach nur ganz großes Pech hatte. Sondern es tobt ein genereller Streit darum, ob Eltern ihre Kinder noch mit rund 15 km/h in einem Anhänger aus Stoff und Stahl transportieren dürfen – und ob diese nicht in einer Tonne rollendem Blech viel sicherer aufgehoben wären? Die Straße ist für die Schweren und die Schnellen da und daran wird sich so bald nichts ändern, so scheint es.

Nicht nur im Land der Gegensätze besteht das Ideal von verantwortungsvoller Kindererziehung offenbar daraus, den einzelnen Elternteil jegliche Risiken vorhersehen und puffern zu lassen – ganz gleich wie gut das strukturell in einer Gesellschaft möglich ist. Als Mutter oder Vater dürfe man sein Kind im Prinzip keine Minute aus den Augen lassen, forderte sogar Hans Rauscher im Standard. Schluss müsse sein mit der Kindersicherung im Kopf. Nach dem Motto: Es gibt kein Schicksal, es gibt nur verletzte Aufsichtspflicht.

Nur konsequent denkt die FPÖ also schon laut über ein Verbot von Fahrradanhängern nach. Was für manche Familien wohl einer logistischen Katastrophe gleichkäme. Dieselbe Partei hatte für die Bedürfnisse der heimischen Logistikbranche wiederum mehr Verständnis. Der damalige Verkehrsminister Hofer hätte nach dem tragischen Verkehrstod eines neun Jahre alten Jungen nämlich verpflichtende Abbiegeassistenten für Lastwagen einführen können. Seinen Mitschülern, die dafür tausende Unterschriften gesammelt hatten, sagte er am Sicherheitsgipfel, sie sollen ihm die Daumen drücken, dass er sich durchsetzt. Nur: Er tat es nicht.

Noch lange nach einer entsprechenden EU-Vorschrift im Jahr 2022, wenn endlich alle neu zugelassenen LKW einen Abbiegeassistenten vorweisen müssen, werden daher vermutlich immer wieder Kinder, die brav ihren Fahrradführerschein gemacht haben oder gewissenhaft bei Grün über die Straße gehen, von abbiegenden LKW überrollt werden.

Wer wird Schuld haben, wenn schon wieder was passiert ist? Entweder der arme Fahrer. Oder, sehr wahrscheinlich: Jene Eltern, die es riskierten, ihr Kind immer noch allein durch die Stadt gehen zu lassen – statt es mit dem Familienpanzer bis vors Schultor zu kutschieren. Dass diese gesteigerte Sicherheit des eigenen Nachwuchses sämtliche anderen Kinder massiv gefährdet, ist in dieser individuell optimierten Rechnung nicht enthalten.


Es wird hingenommen, dass rund 370.000 Kinder und Jugendliche in Österreich als armutsgefährdet gelten.

Und nicht nur die Verkehrspolitik ist da zynisch: Einerseits schlachten unsere Boulevardmedien jeden tragischen Todesfall eines Kleinkinds innerhalb einer dysfunktionalen Familie bis auf Punkt und Beistrich genussvoll aus. Tragisch ist das, unverständlich, unverzeihbar – natürlich ist es das. Teddybären, Blumen und "Warum?"-Schilder häufen sich vor Haustüren und Gartenzäunen, hinter denen Schlimmes passiert ist.

Andererseits wollen wir aber doch nicht so genau wissen, wie es Tag für Tag den noch lebenden Kindern und ihren Eltern hinter solchen Türen geht. Es wird hingenommen, dass rund 370.000 Kinder und Jugendliche in Österreich als armutsgefährdet gelten. Oder dass Beratungsprogramme, die Eltern in Krisensituationen unterstützen sollen, im vergangenen Jahr um eine Million Euro gekürzt statt aufgestockt wurden. Wenn wir einzelnen Menschen beim Scheitern zusehen wollen, scheint dies ein geeigneter Weg zu sein.

Ich frage mich, ob wir – oder gerade die Schwächsten von uns – denn besonders erfolgreich sein werden, immer das Richtige im Falschen zu tun. Wer soll künftig für das Paradigma von absoluter Sicherheit und dem Anspruch eines perfekt gepolsterten Kinderlebens die größten Opfer bringen: immer der einzelne, oft völlig überlastete Elternteil? Oder auch ein bisschen die Allgemeinheit? Schaffen wir es vielleicht, aufeinander zu achten, etwas vom Gas zu gehen und lieber noch einen Seitenblick mehr zu machen, bevor wir die Spur wechseln? Oder fahren wir weiter stur geradeaus und alle Langsamen und Kleinen mögen bitte zur Seite springen?

Die Amerikaner haben ja für letzteres Verhalten eine anschauliche Redewendung: "It’s a dog-eat-dog world." Es beschreibt eine Gesellschaft, in der jeder für sich selbst kämpft, wie Hunde gegen Hunde. Manche gewinnen den Kampf, manche gehen dabei zugrunde.

Rebecca Sandbichler (31) ist freie Journalistin und Mutter dreier Kinder.

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