"Mom-Shaming": Wenn Mütter angefeindet werden
Gesellschaft

"Mom-Shaming": Wenn Mütter angefeindet werden

Der Radanhänger einer Frau wird von einem Auto erfasst, ihre beiden Töchter darin sterben – danach wird die Schuld bei ihr gesucht. Ob in den sozialen Medien, am Spielplatz oder im Büro: Mütter werden ständig für den Umgang mit ihren Kindern verurteilt. Was steckt hinter dem "Mom-Shaming"?

Eine Mutter fährt in der Dämmerung die B19 in Hausleiten entlang. Im Anhänger ihres E-Bikes sitzen ihre zwei Töchter – ohne Helm. Plötzlich wird das Gespann von einem Auto erfasst und 15 Meter auf einen Acker geschleudert. Ein Mädchen kann die Frau nur noch tot aus dem Anhänger holen, das zweite stirbt im Krankenhaus. Sie selbst ist verletzt und muss sich nun – wie der Autofahrer – wegen fahrlässiger Tötung verantworten. In den sozialen Medien ließ Kritik an der Mutter nicht lange auf sich warten: "Warum ist man zu dieser Tageszeit noch mit so kleinen Kindern unterwegs?", "Hätte die Mutter besser nachdenken müssen und nicht gerade eine stark befahrene Straße auswählen dürfen für die Fahrt", "Ich finde es grob fahrlässig seine Kinder so im Straßenverkehr zu transportieren!" Auch Medien fragen "Wer ist Schuld am Unfall?" Der Standard-Kolumnist Hans Rauscher unterstellt der Mutter und generell Eltern, die ihre Kinder auch nur "für einen Augenblick" allein lassen sogar "gedankenlose, manchmal geradezu kriminelle Fahrlässigkeit im Umgang mit der Sicherheit von Kindern". Solche Vorfälle seien nur mit einem "Mangel an Vorstellungsvermögen", "einem geringen Bildungsgrad oder einer stumpfen Lebenseinstellung" zu erklären.

Wie fühlt sich wohl die Mutter der beiden Mädchen, wenn sie diese Zeilen liest? Wie fühlen sich andere Mütter? Geht es darum die Erziehungsfähigkeiten einer Frau zu beurteilen, sind nur allzu schnell von allen Seiten Kommentatoren zur Stelle.

"Mom-Shaming" wird es genannt, wenn man Mütter kritisiert und beschämt – und die meisten Frauen mit Kindern haben Erfahrung damit: "Mom-Shaming habe ich in der Anfangszeit, als mein Sohn noch klein war, eigentlich täglich erlebt", berichtet Stéphanie gegenüber profil, "von älteren Damen, die sich über den Kinderwagen beugen und urteilen, dass mein Kind zu warm/zu kalt angezogen ist, bis hin zu anderen Müttern, die mein Kind arm finden, weil es in 'Fremdbetreuung' ist, damit ich als Mama meiner 'egoistischen Karriere' nachgehen kann. Beim Babyschwimmen hat eine andere Mutter zu meinem Kind gesagt: 'Du armes Kind wirst schon in den Kindergarten abgeschoben'." "Ich finde, es beginnt schon in der Schwangerschaft", meint Antonia, "mir hat einmal ein Kellner abgesprochen einen Kaffee mit Koffein zu bestellen. Eine Frau am Spielplatz hat mich regelrecht angeschrien, weil ich ihrer Meinung nach mein 'Steine in den Mund steckendes' Kind nicht genug im Blick hatte."

Laut einer Studie des "C.S. Mott Children's Hospital" in Michigan erleben sechs von zehn Müttern von Kindern unter fünf Jahren Kritik an ihrer Erziehung. Primär kommt sie aus der eigenen Familie, von Eltern, Schwiegereltern oder dem Partner. 26 Prozent der Kritik kommen jedoch von Freunden oder anderen Müttern. Fast die Hälfte der kritisierten Mütter fühlte sich dadurch verunsichert. "Wenn man nicht aufpasst, dann nimmt man die Kritik schnell an. Dahinter steckt auch ganz viel Mutterideal und Muttermythos", so Antonia gegenüber profil.


Anna: Bei einem Gipsbein am Neugeborenen wird gleich das Jugendamt heraufbeschworen als Rächer des offensichtlich fallengelassenen Kindes (obwohl der Gips aus einem angeborenen orthopädischen Grund nötig ist).

Warum hat jeder eine Meinung dazu, wie man Kinder erziehen sollte – auch die, die keine haben? "Familie ist ein universelles Phänomen und überall gibt es ein Ideal dazu. Dabei spielt hinein, was man selbst als 'richtig' gelernt hat und was die Mehrheit als gut und wichtig empfindet. Diese Vorstellungen werden auf verschiedenen Wegen vermittelt und sind nicht fixiert, sondern verändern sich mit der Zeit – wenn auch nur sehr langsam", erklärt Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien.

Mütter stünden deswegen unter zweifachem Druck: dem ihrer eigenen Erwartungen und denen der Gesellschaft. Sie sehen sich immer noch mit Idealen konfrontiert, die seit den 1960er- und 1970er-Jahren geprägt wurden, so Schmidt: "Es wir ein 'intensive mothering' erwartet. Da es weniger Kinder gibt, sollen diese intensiv betreut und gefördert werden, am besten von der Mutter. Ihren Beruf soll sie dafür hinten anstellen." Solchen Erwartungen sah sich auch Franziska ausgesetzt, als sie nach 5 Monaten Karenz ihren Job als Journalistin wieder aufnahm: "Viele können das, was sie sehen nicht einordnen und greifen dann schnell auf Vorurteile zurück, anstatt nachzufragen: Warum macht ihr das so? So könnte man viel voneinander lernen."

Viele der Stereotypen haben sich so in unseren Köpfen festgesetzt, dass sich Mütter oft selbst schwertun sie zu überwinden – auch in einer gleichberechtigten Partnerschaft: "Es ist sehr schwierig für Paare, diese Vorstellungen aufzubrechen. Viele, die eine gleichberechtigte Elternschaft umsetzen wollen, geben irgendwann dem Druck nach", so Wissenschafterin Schmidt.


Franziska: Ein Best-of der Sprüche, die ich bisher gehört habe: 'Wieso kriegt man ein Kind, wenn man nachher eh wieder arbeiten gehen will? Ah, so eine Mutter bist du? Ich würde mir an deiner Stelle Sorgen um die Bindung zu deinem Kind machen ...' Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn es im näheren Verwandten- und Bekanntenkreis passiert. Wir Mütter sind einem unglaublichen Druck ausgeliefert.

"Ich finde schade, dass man von Anfang an so streng beurteilt wird und das dann oft zu einer Beschämungskultur ausartet", auch Eltern bräuchten erst einmal Zeit, in ihre Rolle zu finden, so Franziska. Das weiß auch Sozialpädagogin Sabine Windisch von der Wiener Kinder- und Jugendhilfe, es komme dann oft – auch über soziale Medien – zu einem starken Vergleich mit anderen Müttern. Online sei auch die Hemmschwelle niedriger, über andere zu urteilen. Dabei gäbe es die perfekte Erziehung nicht, so Windisch: "Verschiedene Wege führen zum Ziel."

Das hat auch Franziska für sich erkannt: "Als Mutter tappt man leicht in die Falle es jedem recht machen zu wollen, mir hilft bei solchen Kommentaren ein liebevoller Blick auf das Ganze, denn wir wollen alle nur das Beste für unsere Kinder."