Kleines Mädchen verkleidet als Elsa ("Frozen").

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Gesellschaft

Von "Dornröschen" bis "Frozen": Wie sich Disney-Prinzessinnen verändert haben

Genderforscherin Beatrice Frasl über schicksalsergebene Prinzessinnen, ambitionierte Hexen und wie uns die Rollenbilder in Disney-Filmen beeinflussen.

profil: Was sind Ihre ersten Erinnerungen an Disney-Filme?

Beatrice Frasl: "Die Schöne und das Biest" war in der Tat war der erste Film, den ich jemals im Kino gesehen habe. Mein Verhältnis zu Disney-Filmen war von Anfang an eigentlich ein sehr zwiegespaltenes. Einerseits war ich unglaublich genervt von den frühen Prinzessinnen, wie Schneewittchen oder Dornröschen – als Kind konnte ich diesen Figuren nichts abgewinnen und habe sie nur sehr schwer ausgehalten. Mich hat irrsinnig aufgeregt, wie passiv sie sich ihrem Schicksal ergeben, wie sehr sie unbedingt ihren Prinzen wollen und sich darüber definieren. Andererseits fand ich die Prinzessinnen der 1990er-Jahre klasse – Belle, wie sie Bücher verschlingt und deshalb für seltsam gehalten wird, Pocahontas dafür wie aktiv und klug sie ist, Mulan, wie sie Männerkleidung anzieht und in den Krieg zieht – diese Prinzessinnen fand ich unglaublich ermächtigend.

Schneewittchen - Trailer

profil: Wie beeinflussen uns die Rollenbilder in Disney-Filmen?

Frasl: Die Idee einseitiger Beeinflussung kritikloser und machtlos ausgelieferter KonsumentInnen durch mediale Rollenbilder halte ich für eine Mär. Disney-Filme sind Spiegel der Geschlechterverhältnisse und gleichzeitig prägen sie diese mit. Natürlich sind positive Rolemodels wichtig, um den feministischen Slogan "if she can see it, she can be it" zu zitieren. Aber selbst wenn wir bestimmte Konstruktionen von Weiblichkeit oder Männlichkeit in bestimmten Medien für schlecht befinden, es gibt da immer einen – hoffentlich kritischen – Geist dazwischen: ZuschauerInnen, die das Gesehene oder Gehörte oder Gelesene evaluieren und einordnen, und sich dann die Elemente mitnehmen, die ihnen sinnvoll erscheinen.

Wie mich meine eigene Seherfahrung gelehrt hat: Disney-Prinzessinnen können eine Quelle von Ermächtigung sein oder ein sehr passives Frauenbild vorgeben. Was das Publikum mit den Bildern dann macht, hängt von den individuellen ZuschauerInnen ab – von deren lebensgeschichtlichem Hintergrund, Bildung, Meinungen und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Die Eiskönigin - Trailer

profil: Wie wurde das Forschungsthema in der wissenschaftlichen Community aufgenommen?

Frasl: Sehr unterschiedlich. Oftmals wird das Thema als "für Kinder" trivialisiert – als würde das die Thematik weniger relevant machen. Außerdem hat die Genderforschung nach wie vor einen schwierigen Stand meiner Erfahrung und Beobachtung nach – und das ist die Disziplin, der ich mich am ehesten zugehörig fühle: Gender and Sexuality Studies. Ich habe mir zwei Nischenthemen (Animationsfilm und Gender Studies) ausgesucht, das ist nicht immer einfach.

profil: Wie reagieren Menschen, wenn man ihre Kindheitserinnerungen "auseinandernimmt" und hinterfragt?

Frasl: In der Regel interessiert – ich nehme ja nicht die Kindheitserinnerungen selbst auseinander, sondern die medialen Artikulationen, die zu den Erinnerungen führen. Die Erinnerungen selbst werden ja niemanden genommen.

profil: Die Hexen sind für Sie oft die subversiveren Charaktere der Disney-Filme, warum?

Frasl: Hexen sind auch außerhalb von Disney-Filmen Figuren, die auch deshalb böse sind, weil sie sich zu dem jeweiligen Zeitpunkt geltenden Normen von Weiblichkeit entziehen. Anders als die Prinzessin darf die Hexe alt sein, "hässlich" sein, dick sein, laut sein. Sie darf sich für andere Dinge interessieren als für Prinzen, ambitioniert ihre Ziele verfolgen, und Schwarze Magie betreiben.

Vaiana - Trailer

profil: Wie haben sich die Filme über die Jahre verändert? Wie sehen Sie neuere Filme wie "Die Eiskönigin" ("Frozen") oder "Vaiana" ("Moana")?

Frasl: Es gibt so viele Entwicklungen im Laufe der Zeit. Die Prinzessin Moana hat mit der Prinzessin Schneewittchen kaum mehr etwas gemeinsam hat. Aber die wichtigsten Aspekte meines Erachtens: Heteroromantische Erzählungen treten zunehmend in den Hintergrund – in "Die Eiskönigin" zugunsten der Geschichte der Beziehung zwischen zwei Schwestern, in "Vaiana" kommt gar keine romantische Liebesgeschichte mehr vor. Zudem setzt sich der Trend zur aktiveren und lauteren Prinzessin immer weiter fort.

Beatrice Frasl ist Doktorandin für Gender / Queer Studies und Cultural Studies an der Universität Wien. Ihr Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Konstruktionen von Gender, Sexualität und Otherness sowie der Funktion heteronormativer Narrative in Disney-Filmen. Momentan forscht sie an der University of Hull in England.

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  • Günter Pollak (Morgenstern) Di, 28. Feb. 2017 17:14

    "Was das Publikum mit den Bildern dann macht, hängt von den individuellen ZuschauerInnen ab – von deren lebensgeschichtlichem Hintergrund, Bildung, Meinungen und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen."

    Wer hätte das gedacht?

    Ob der Genderforscherin klar ist, dass es dabei auch wieder in Richtung "Renaissance der Familie" gehen kann?

    Ganz ohne hetereonormative Narrative :-)

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