"Es passieren Rückschritte"
Gesellschaft

"Es passieren Rückschritte"

Die frauenpolitische Bewegung "Feminismus und Krawall" nimmt am Weltfrauentag bereits zum fünften Mal den Hauptplatz in Linz ein. Gründerin Oona Valarie Serbest und Mitorganisatorin Silke Müller im profil-Interview über Donald Trump, Beyoncé und Feminismus als die neue Linke.

profil: Warum habt ihr "Feminismus und Krawall" ins Leben gerufen?
Oona Valarie Serbest: Gegründet haben wir uns 2013 eigentlich anlässlich des Internationalen Frauentages. Wir wollten in einer großen Performance-Demonstration, einem feministischen Marsch in Linz auftreten. Seither erarbeiten wir für jeden 8. März neue Performances zu einem aktuellen Thema. Mittlerweile bieten wir aber auch rund ums Jahr Veranstaltungen an.

profil: Was ist das diesjährige Thema von Feminismus und Krawall?
Serbest: Dieses Jahr sagen wir: Aus, es reicht! Wir schauen nicht mehr länger zu, wie Männer die Demokratie demontieren. Wir wollen es nicht mehr hören, dass sich jemand um unseren vermeintlichen "Blutpflegetrieb" kümmert, oder dass ein sexistischer und rassistischer Pussy-Grabber angeblich der mächtigste Mann der Welt ist. Darum veranstalten wir dieses Jahr einen postapokalyptischen Marsch. Es wird auch eine BikerInnen-Gang geben, die Linz aufmischt.


Es hat schon viele Erfolge gegeben, aber man merkt jetzt auch, dass wieder viele Rückschritte passieren

profil: Ist Feminismus umso wichtiger, seit Donald Trump auf der Bildfläche erschienen ist?
Serbest: Unsere Grundhaltung ist, dass Feminismus immer wichtig ist. Es hat schon viele Erfolge gegeben, aber man merkt jetzt auch, dass wieder viele Rückschritte passieren. Und gegen diese Rückschritte wollen wir kämpfen und uns dabei mit den Frauen weltweit solidarisieren.
Silke Müller: Trump ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Feminismus furchtbar nötig ist. Er gibt für alles Vorlagen, um zu zeigen: Das ist nicht erledigt, und ich bin nicht empfindlich, sondern das ist total ungerecht. Auch wenn man sagen kann, wir sind in Mitteleuropa, in Österreich und uns geht es sehr gut, wir sind privilegiert, gibt es trotzdem wahnsinnig viele Gründe, für Frauenrechte einzutreten. Menschen, die es vorher nicht wahrgenommen haben, wird durch Trump klar, dass es eine Ungerechtigkeit gibt. Es ist besonders spannend, das plötzlich Menschen so wehrhaft sind, die sich dem vorher nicht angeschlossen hätten. Weil Feminismus in einer bestimmten Generation oder auch im eigenen Umfeld immer noch etwas ist, worüber die Nase gerümpft wird. Nun kommt Feminismus viel mehr in die Mitte und wird auch cool.

Oona Valarie Serbest und Silke Müller im Interview.

profil: Werden mehr Frauen durch Trump zu Feministinnen?
Müller: Ich merke in meinem Umfeld keine verstärkte Tendenz zum Feminismus. Ich merke, dass eine größere Sensibilisierung oft mit dem Alter kommt. Wenn man anfängt, selbstständig zu arbeiten, in meinem Fall als Illustratorin, sammelt man bestimmte Erfahrungen in der Arbeitswelt, die einen gegenüber Frauenthemen sensibilisieren.


Es gibt nicht diesen einen Feminismus

profil: Bei Feminismus und Krawall sind die verschiedensten Frauen und Gruppierungen vertreten, worauf kann man sich da noch einigen?
Serbest: Es gibt nicht diesen einen Feminismus. Jede Frau hat eine andere Vergangenheit, andere Lebensrealitäten, andere Dinge, die ihr wichtig sind. Wir sitzen hier als zwei weiße privilegierte Frauen, aber – und das ist das Tolle an solchen Allianzen – wenn man sich der Realität stellt, kann man irrsinnig viel lernen, von Menschen, die weniger privilegiert auf die Welt gekommen sind. So versuchen wir, unseren gemeinsamen Nenner zu finden. Dabei ist es wichtig, immer wieder seine eigene Lebensrealität zu hinterfragen, damit man für mehr einstehen kann, als sich für sich selbst. Man muss zum Beispiel nicht transsexuell sein, um zu wissen, dass es wichtig ist, diese Menschen wahrzunehmen.

profil: Feminismus und Krawall findet heuer zum fünften Mal statt, wie hat sich die Bewegung in den Jahren verändert?
Serbest: Die Gruppe verändert sich ständig, je nachdem, wer gerade intensiver beteiligt ist.
Müller: Valarie hat gerade die Demonstration bei der Polizei angemeldet, auch da verändert sich einiges. Mann kennt sich mittlerweile und es wird einfacher. Als totalen Gewinn empfinde ich auch, dass es mittlerweile über den 8. März hinausgeht und dass es letztes Jahr zum ersten Mal das "Feminismus-und-Krawall-Camp" gab, da gab es Workshops und Konzerte. Da entsteht ein Anlaufpunkt, bei dem Menschen mit eingebunden werden, das finde ich toll.


Wir gehen weg von dieser Verbitterung und Verbissenheit mit der Feminismus häufig konnotiert ist

profil: Was hat sich für euch persönlich getan?
Müller: In Feminismus und Krawall steckt viel Humor, Augenzwinkern und eine gewisse Frechheit. Auch die Bikergang dieses Jahr spielt mit ganz vielen Klischees. Wir gehen weg von dieser Verbitterung und Verbissenheit mit der Feminismus häufig konnotiert ist. Da merke ich, da tut sich was. Unsere Veranstaltung ist positiv besetzt.
Und auch für mich als Illustratorin hat sich in meiner Arbeit einiges verändert. Es ist eine Bereicherung, wenn man mit seiner Arbeit etwas zur gesellschaftlichen Veränderung beitragen kann, auch in der Art, wie man Frauen in seinen Werken darstellt. Der Umgang mit Frauenbildern in der freien Szene in Linz, ist ein ganz anderer, als ich ihn vorher kannte. Ich habe unglaublich viel gelernt, auch in der Diskussion um unsere Plakate, und wie die Frauen darauf aussehen. Man muss lernen, nicht nur das zu zeichnen, was man täglich sieht. Die Frauenbilder in manchen meiner älteren Arbeiten kann ich gar nicht mehr vertreten. Da habe ich ganz viel mitgenommen.
Serbest: Mit jeder Diskussion mit jeder Aktion lernt man dazu. Ich finde es toll, dass wir unsere Subversivität durchgehalten haben. Es versuchen immer wieder Parteiorganisationen bei uns Anschluss zu finden, aber wollen uns nicht vereinnahmen lassen. Nur so können wir frei und unabhängig bleiben. Es geht um Feminismus und um Frauenrechte.


Feminismus setzt sich für mehr ein, als für Frauenrechte

profil: Wie unterscheidet sich euer Feminismus von dem Feminismus, der von den älteren Mitgliedern eurer Bewegung vertreten wird?
Müller: Unsere Generation erlebt gerade diese ganz enge Verknüpfung zur Popkultur. Dass es plötzlich so Vorbilder gibt, wie Beyoncé, das ist neu. Es gibt auch neue Themen wie, wie sexy dürfen sich Frauen anziehen, die sich als Feministinnen definieren? Manche Themen sind dagegen nicht mehr so relevant. Ich denke mir, über Schambehaarung muss ich mich nicht mehr streiten, für andere ist das aber noch ein wichtiger Punkt. Wir sind generell alle sehr unterschiedlich, es ist aber nie jemand dabei, der sagt: "Das haben wir für euch alles schon erkämpft."
Serbest: Allein der Begriff Feminismus wird schon unterschiedlich gesehen. Frauen aus dem afrikanischen oder arabischen Raum haben oft ein Problem damit. Sie kämpfen genauso für Frauenrechte, stoßen sich aber an jenen weißen Theoretikerinnen, die nur ihr eigenes privilegiertes Leben mitdachten. Der Feminismus heute öffnet sich aber total, man denkt nicht mehr nur für sich, sondern kollektiv. Feminismus setzt sich für mehr ein, als für Frauenrechte. Vielleicht hat der Feminismus mit der Öffnung, die gerade weltweit stattfindet, das Potenzial die neue Linke zu werden? Kann das gelingen, ohne die Ziele zu verwässern? Das werden die Herausforderungen der Zukunft sein.
Müller: Das ist auch das, was ich an der Bewegung so toll finde. Feminismus ist eine Geisteshaltung gegen Ungerechtigkeit und für Gleichbehandlung, nicht nur beschränkt auf Frauenrechte.

profil: Wie geht es in Zukunft weiter mit Feminismus und Krawall?
Serbest: Nächstes Jahr wollen wir es in Zusammenarbeit mit Firmen und Bildungsinstitutionen schaffen, dass Frauen am 8. März freibekommen, zuerst in Linz und vielleicht irgendwann auch in ganz Österreich.

Feminismus und Krawall ist eine transkulturelle frauenpolitische Allianz für Frauen aus Linz und Oberösterreich. Sie wurde 2013 von der Oona Valarie Serbest ins Leben gerufen. Silke Müller ist Mitorganisatorin und kreiert die Plakate und Logos.

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