Gisela Friedrichsen im Jahr 2009 beim Prozess gegen Josef Fritzl in St. Pölten

Gisela Friedrichsen im Jahr 2009 beim Prozess gegen Josef Fritzl in St. Pölten

Gesellschaft

Gerichtsreporterin Friedrichsen: "Auch Zschäpe ist kein Monster“

Gisela Friedrichsen ist Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin. Die Journalistin und Buchautorin über Kindsmörderinnen, Gewalt im Rechtsextremismus und Empfindungslosigkeit.

Anmerkung: Dieses Interview ist Teil der aktuellen profil-Titelgeschichte "Wie viel Mörder steckt in uns?"

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Ist jeder Mensch in der Lage zu töten?
Friedrichsen: Diese Frage hat Goethe schon mit Ja beantwortet.

profil: Aber Goethe hatte wohl nicht sehr viel mit Menschen zu tun, die Gewalttaten begingen.
Friedrichsen: Wenn Menschen in die Enge getrieben werden, keinen Ausweg mehr sehen, dann schlagen sie oft wild um sich, und alle Hemmungen werden außer Kraft gesetzt.

profil: Selten werden Menschen, die getötet haben, freigesprochen, weil sie im Affekt gehandelt haben. Erstaunlich ist, dass solche Täter danach nicht einmal in die Psychiatrie eingewiesen werden.
Friedrichsen: Das kommt, wie Sie richtig sagen, sehr selten vor. Aber in solchen Fällen ist es tatsächlich so, dass der Täter weder krank noch schuldfähig ist.

Angelika Hager über die Titelgeschichte: Wie viel Mörder steckt in uns?

profil: Ihr Gerichtsreportagenband trägt den Titel „Ich bin doch kein Mörder“.
Friedrichsen: Das ist ein Zitat des Terroristen Hans-Joachim Klein, der 1975 gemeinsam mit fünf anderen in Wien die Opec-Zentrale überfiel; es gab drei Tote. Es war die Ideologie, die ihn bewogen hatte, mit einer Knarre loszuziehen. Aber von solch inneren Fehleinschätzungen hört man oft.


Zschäpe hat nie auch nur den geringsten Ausdruck von Emotion gezeigt, war immer perfekt beherrscht.

profil: Sie haben fünf Jahre lang Beate Zschäpe während des NSU-Prozesses im Gerichtssaal beobachtet. In Videoaufnahmen und auf Fotos zeigt Zschäpe, die am Ende wegen Mittäterschaft bei zehnfachem Mord zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, oft einen Ausdruck des Triumphs und wirkt so, als würde sie die Aufmerksamkeit der Medien durchaus genießen.
Friedrichsen: Schon kurz nach ihrer Verhaftung hatte sie gegenüber einem Ermittler nicht ohne Stolz den Satz gesagt: „Gell, so einen Fall wie den meinen hatten Sie bisher noch nie.“ Sie hat die weltweite Aufmerksamkeit tatsächlich genossen, war berührt davon, plötzlich etwas „Besonderes“ zu sein, aber im Laufe dieser fünf langen Jahre begann ihr Stolz zu schwinden. Inszenierte Aktionen wie ihre Auftritte mit wehendem Haar im Gerichtssaal, wo sie demonstrativ allen den Rücken zukehrte, ließ sie schließlich bleiben.

profil: Haben Sie Zschäpe in diesen fünf Jahren einmal in einem Moment der Reue gesehen?
Friedrichsen: Nein, sie hat nie auch nur den geringsten Ausdruck von Emotion gezeigt, war immer perfekt beherrscht. Ich weiß nicht, ob sie etwas bereut. Und sie gab keinen Namen von möglichen Mitwissern preis, was nahelegt, dass sie sich noch immer dieser fürchterlichen Ideologie verbunden fühlt.

Beate Zschäpe

Beate Zschäpe

profil: Wenn es das personifizierte Böse gibt, dann sieht es aus wie diese Frau. Eine naive Sicht?
Friedrichsen: Auch Beate Zschäpe ist kein Monster. Menschen, nicht Monster, begehen all diese schrecklichen Taten.

profil: Ihr demnächst erscheinendes Buch „Der Prozess“ widmet sich monothematisch dem NSU-Verfahren und der Person Zschäpe. Liegt die Erklärung für ihre grauenhaften Taten in ihrer Herkunft?
Friedrichsen: Sie kommt aus schrecklichen Verhältnissen. Aufgewachsen in der DDR. Den Vater, einen rumänischen Zahnarzt, hat sie nie kennengelernt. Die Mutter war mehrmals verheiratet, das Kind musste den Nachnamen ebenfalls mehrmals ändern. Die Mutter lebte als arbeitslose Alkoholikerin auf der Straße. Zschäpe wollte eigentlich Kindergärtnerin werden, bekam aber nur einen Ausbildungsplatz als Gemüsegärtnerin. Sie wurde als asozial angesehen und fühlte sich minderwertig. Da hat sie sich jenen Jungs angeschlossen, die Krawall machend durch die Städte zogen und sich für etwas Besseres hielten als Menschen mit Migrationshintergrund und einer anderen Hautfarbe.


Es ist bekannt, dass die KZ-Aufseherinnen während der NS-Zeit ihre männlichen Kollegen an Grausamkeit bisweilen übertroffen haben.

profil: Sie kamen 1989, im Jahr des Mauerfalls, als Gerichtsreporterin zum Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Hat sich das Gewalttäterprofil im Rechtsextremismus geändert?
Friedrichsen: Wesentlich. Nach dem Mauerfall waren die Extremisten im Osten, wo die Menschen alles verloren hatten und entsprechend orientierungslos waren, hauptsächlich Krawallmacher, die von einem Ort zum anderen zogen. Mit einem rechten Bodensatz haben alle Länder zu kämpfen, aber seit der Flüchtlingskrise beobachte ich mit großer Sorge, dass dieser Bodensatz Oberwasser gewinnt und zunehmend enthemmter wird. Man geniert sich nicht mehr für Äußerungen wie „unter dem Adolf war alles besser“. Am Beispiel Chemnitz sieht man ja auch, was Hysterie, gepaart mit Angst vor dem Fremden, anrichten kann. Kaum ist ein Syrer auch nur in der Nähe eines Toten, ist er automatisch der Täter – wobei wir seit 2015 auch mit Straftaten von Asylwerbern wie Messerstechereien und Gewalt an Frauen konfrontiert sind, die wir früher in diesem Ausmaß nicht kannten. Ihre Kultur, zu der auch die Missachtung der Frauen gehört, und ihre Traditionen sind oft das Einzige, was diesen Menschen noch geblieben ist.

profil: Kann man sagen, dass Frauen, was ihre Bereitschaft zu Grausamkeit betrifft, Männern um nichts nachstehen?
Friedrichsen: Davon bin ich überzeugt. Jedoch ist die Gewalt von Frauen eher versteckt, aber genauso teuflisch, wie wenn jemand zuschlägt. Es ist bekannt, dass die KZ-Aufseherinnen während der NS-Zeit ihre männlichen Kollegen an Grausamkeit bisweilen übertroffen haben. Vielleicht ist das damit zu erklären, dass Frauen sich als die Schwächeren unterlegen fühlten und ihre Machtposition deshalb noch mehr auskosten wollten.

profil: Besonders verstörend sind Frauen, die ihren eigenen Kindern Gewalt antun.
Friedrichsen: Ich habe mich zehn Jahre mit dem Fall Monika Weimar beschäftigt. Alice Schwarzer und die „Emma“ (feministische Zeitschrift, Anm.) empörten sich immer: Eine Mutter bringt ihre Töchter doch nicht um! Sie haben sich, wie sich herausstellte, geirrt.

profil: Aus welchem Grund bringen Frauen ihre Kinder um?
Friedrichsen: Meist ist es Überforderung. Und gleichzeitig die Sehnsucht nach einer heilen Welt, an deren Aufbau sie jedoch scheitern. Das sind meist Frauen, die als Kind nie geliebt wurden und die nicht wissen, was es heißt, ein Kind zu lieben.

profil: Was ging in jener Frau vor, die mit ihrem pädophilen Liebhaber ihren Sohn im Darknet zu Vergewaltigungen anbot?
Friedrichsen: Völlig teilnahmslos lutschte diese Frau in der Verhandlungspause ihre Bonbons. Sie beging diese Verbrechen, damit ihr Partner bei ihr blieb.

profil: Ein häufiges Motiv?
Friedrichsen: Durchaus. Eine Situation ist mir in all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben: Eine Frau hatte ihre zehnjährige Tochter umgebracht, weil diese ihrer neuen Beziehung im Weg stand. Zuvor hatte sie noch Videoaufnahmen von ihrem Kind gemacht und sie Pädophilen zum Verkauf angeboten. In den Pausen während des Prozesses, der alle extrem emotionalisierte, nahm sie völlig teilnahmlos einen Krimi aus der Tasche und begann seelenruhig zu lesen. Die totale Empfindungslosigkeit.

Gisela Friedrichsen, 73
Die Münchnerin war von 1989 bis 2016 Gerichtsreporterin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“; danach wechselte sie zur Tageszeitung „Die Welt“. Der Schriftsteller Bernhard Schlink nannte ihre Berichte „politische Zeitgeschichte“. Vor Kurzem wurde ihr Reportagenband „Ich bin doch kein Mörder“ (bei Klampen) neu aufgelegt; im Mai erscheint ihre Analyse „Der Prozess – Der Staat gegen Beate Zschäpe“ bei Penguin.

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