In Shitgewittern
Gesellschaft

In Shitgewittern: Österreichs Schiedsrichter

Fußball ist der beliebteste Sport der Welt. Die Schiedsrichter dagegen sind oft Hassfiguren, die taxfrei beleidigt und bedroht werden. Gespräche mit österreichischen Unparteiischen.

Fußballschiedsrichter, ohne die Fußball nicht wirklich funktionierte, haben Sympathiewerte zwischen Pest und Cholera. Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Die Popularität lebt vom Reiz des Unberechenbaren -der Schiedsrichter personifiziert diese Ungewissheit. Er ist auch nur ein Mensch. Er kann Fehler machen. Er kann aber auch alles richtig machen; trotzdem geht er so gut wie nie als Sieger vom Platz. Fußball spielen immer die anderen, er macht seine Arbeit. Läuft 90 Minuten alles perfekt, ist er gleichsam unsichtbar. De facto kommt das selten vor. Die Einigung zur Güte ist im Fußball nicht vorgesehen. Es geht immer um das Entweder-wir-oder-die-anderen, es droht stets das Gewinnen-oder-Verlieren. Bei jeder einzelnen Entscheidung. Tor - oder nicht Tor. Elfmeter - oder nicht Elfmeter. Schiedsrichter fällen ihre Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen, und wissen dabei ziemlich genau: Wahrheit gibt es nicht. Neutralität ebenso wenig. Alles ist subjektiv. Ein Foul ist ein Foul ist kein Foul.

Die Welt ist bekanntlich komplex. Zu viele Informationen machen dem modernen Menschen das Leben schwer. Ständig sind Entscheidungen zu treffen. Schiedsrichter fällen Schiedssprüche. Mit ihren Pfiffen schaffen sie Fakten. Diskussion zwecklos. Für ihre modernen Heldentaten en miniature werden sie beschimpft, selten gelobt, eher schlecht bezahlt. In Österreich gibt es keine Berufsschiedsrichter, selbst in den höchsten Spielklassen lässt sich von der Gage keine Familie ernähren.

Rund 2500 Referees sind in Österreich jede Woche im Einsatz. Von der höchsten bis in die niedrigsten Spielklassen, vom Stadion bis zum Sandplatz. Immer noch viel zu wenige, um wirklich jedes Spiel jeder Klasse zu leiten. Auch in Österreich ist Fußball der mit Abstand beliebteste Sport. Es kommt deshalb nicht selten vor, dass engagierte Eltern Nachwuchsspiele leiten. Niemand möchte das wirklich machen. Schiedsrichter sind gefragt. Schiedsrichter sind verachtet. Annäherung an eine ambivalente Freizeitbeschäftigung in fünf Gesprächen mit österreichischen Gebiets-, Regional-, Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichterinnen und -Schiedsrichtern. Den Anfang macht ein FIFA-Schiedsrichter:

Harald Lechner, 34

Marketingleiter bei John Harris Fitness Schiedsrichter seit 1998, FIFA-Schiedsrichter seit 2010

Ich bin familiär vorbelastet: Mein Vater war auch Schiedsrichter. Bereits als Zwölfjähriger stand ich an der Linie und konnte gegenüber erfahrenen Spielern Verantwortung übernehmen. Als junger Teenager war das eine große Herausforderung für mich. Das Schiedsrichtern empfinde ich als eine Lebensschule.

Es gibt Statistiken, dass ein Schiedsrichter bis zu vier Entscheidungen pro Minute trifft. Auch die Entscheidung, ein Spiel nicht zu unterbrechen, ist eine Entscheidung. Dabei werde ich nie einen Sympathiepreis gewinnen, werde nie Fans haben. Trotzdem muss ich meine Entscheidungen so kommunizieren, dass ich mein Umfeld gewinne. Denn was erwarten die Zuschauer, die Spieler sowie die TV-Experten? Die richtige Entscheidung. Und das, obwohl ich vielleicht schon zehn bis 14 Kilometer gelaufen bin. Schlussendlich soll meine Entscheidung sicher, gut kommuniziert und vor allem richtig sein. Alles in Sekundenbruchteilen. Der Spieler seinerseits wird alles tun, um als Gewinner vom Platz zu gehen. Darauf muss ich vorbereitet sein. Als Schiedsrichter wird man 90 Minuten von den Spielern beobachtet. Sie sehen jede Handlung, wissen ganz genau, was im Referee vorgeht und wie weit sie in diesem Spiel gehen können.

Jede meiner Entscheidungen ist subjektiv. Ich nehme Aktionen von Spielern wahr und muss mir bei einem Foul gegebenenfalls die Frage stellen: War es nur fahrlässig, also keine Karte; war es rücksichtslos, sprich gelbe Karte; mit übermäßiger Härte, rote Karte. Natürlich gibt es dabei Graubereiche und Interpretationsspielräume. Trotzdem muss ich Entweder-oder-Entscheidungen treffen, damit gibt es immer einen Verlierer oder Gewinner. Führungskräfte in der Wirtschaft oder Politik können Kompromisse erarbeiten, ein Schiedsrichter nicht.

Spätestens in Spielklassen, in denen zahlreiche Kameras den Spielverlauf verfolgen, werden Schiedsrichterentscheidungen akribisch analysiert. Es gibt wenige Berufe, in denen Fehler so rigoros aufgezeigt werden. Durch intensive Analysen habe ich gelernt, mit Fehlern umzugehen und Verbesserungen herbeizuführen. Wer sich seiner Fehlbarkeit bewusst werden möchte, sollte Schiedsrichter werden.

Das nächste Porträt: Michael Obritzberger, Bundesliga-Assistent

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