#brodnig: Das Internet als Wundertüte
Gesellschaft

#brodnig: Das Internet als Wundertüte

Die Magie des Internets ist, dass man nie so recht weiß, wo man landen wird.

Ich gebe zu, ich habe eine neue, eher eigenartige Obsession: Ich lese begeistert das Branchenmedium „Foodservice“, das sich als „Fachmagazin für die professionelle Gastronomie“ bezeichnet. Auf der Website kann man erfahren, wer aktuell die zehn größten Burger-Ketten in den USA sind, wie die deutsche Gastronomie auf den Fachkräftemangel reagiert oder wie schlecht die Stiftung Warentest die im Handel erhältlichen Sojadrinks bewertet. Ich weiß auch nicht so recht, warum mich diese Berichterstattung fasziniert und ich sogar spröde ökonomische Aspekte der Gastronomie interessant finde – auch wenn sie für meinen Alltag eher irrelevant sind. Ich weiß nur: Genau das mag ich am Internet, dass man dort Nischen aufsuchen kann, die man außerhalb des Internets wohl nie entdeckt hätte.

Inbegriff der Prokrastination

Das Schöne am Web ist, dass dieses oft einer Wundertüte ähnelt: Man weiß nie so recht, was man am Ende erhalten wird. Wer online surft, landet vielleicht bei der Facebook-Site der „Gay Cops Austria“, vielleicht aber auch beim Branchenmedium der deutschen Gastro-Szene. Dass man manchmal beim Googeln und Surfen überrascht wird, macht den Reiz aus. Und es gibt noch einen zweiten Grund, warum ich – und ich bin gewiss nicht allein – so schräge Themen im Internet nachlese: weil es der Inbegriff der Prokrastination ist.

Eigentlich sollte ich jetzt gerade eine Kolumne für profil schreiben, außerdem sollte ich zur Post gehen und überdies dringend das Katzenklo reinigen. Was mache ich stattdessen? Ich lese einen Artikel über die „Tiefkühltagung 2018“ und den erhofften Imagewechsel der Tiefkühlkostproduzenten, die Millionenbeträge in Marktforschung investieren. All die schrägen und faszinierenden Sites im Web erlauben es uns, nicht ans Katzenklo, nicht an die nächste Deadline, nicht an die Arbeit, sondern an Tiefkühlkostproduzenten und deren Probleme zu denken. Danke Internet, dass du so eine gute Ablenkungsmaschine bist.

Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie mir unter:
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