Rapid und die Außenseiter
Gesellschaft

Rapid und die Außenseiter

"Kabinenpredigt", die profil-Fußballkolumne. Rapid will endlich wieder Meister werden – die Chancen dafür stehen so gut wie lange nicht. Doch der Verein schwächelt trotz neuem Trainer gegen die Außenseiter der Liga. Wurden aus der letzten Saison die falschen Schlüsse gezogen?

Selten ist ein Verein in den letzten Jahren so aus der Deckung gekommen wie Rapid in den letzten Monaten. Der Red Bull-finanzierte Ligakrösus aus Salzburg soll bezwungen werden. Rapid – der Rekordmeister – will heuer endlich den Titel holen. Die Chancen dafür stehen gut: die Austria schwächelt und Salzburg hat seine Ziele zurückgeschraubt: man will nicht mehr unbedingt Meister werden, sondern vor allem Spieler ausbilden. Vor wenigen Wochen packte Sportdirektor Andreas Müller, ein zünftiger Deutsch, den bislang frommen Wunsch in eine markige Worthülse: „Wir wollen Meister werden.“ Dafür hat Rapid so ziemlich alles angerichtet. Das Budget wurde auf 30 Millionen Euro aufgestockt, neue Spieler um Rekordablösen verpflichtet, im prächtigen neuen Heimstadion kommen sogar gegen Nachzügler Menschenmassen – und: ein neuer Trainer wurde geholt.

Dem alten Coach, Zoran Barisic, fielen die vielen verschenkten Punkte gegen die Kleinen der Liga auf den Kopf. In den letzten drei Spielzeiten konnte Rapid einmal 14 Spiele (!) gegen die Kleinen der Liga (alle außer Salzburg, Austria und Sturm) nicht gewinnen, darauf 9 Spiele und in der letzten Saison 11 (!). Damit konnten pro Saison etwa die Hälfte aller Spiele gegen klare Außenseiter nicht gewonnen werden. Während der Verein jedes Jahr Liga-Krösus Salzburg als unbezwingbare Hürde vorschob, scheiterte die Mannschaft ein ums andere Mal in den Niederungen der Liga. Diese Saison geht es darum: Kann Rapid unter dem neuen Trainer diesen Missstand beheben?


Müller kennt Büskens, ihm traute er das ersehnte Meisterstück mehr zu als dessen Vorgänger Zoran Barisic.

Zuletzt konnte die Wiener Austria vor vier Saisonen die übermächtigen Salzburger entthronen. Vor allem deshalb, weil der Verein – ohne gegen Salzburg nur einen Sieg zu holen – gegen Außenseiter bis auf drei Spiele immer voll punktete. In der letzten Saison ließ auch Salzburg gegen Außenseiter ganze neun Mal Punkte liegen. Es reichte gegen Rapid trotzdem zum Meistertitel, weil Rapid noch öfter auf Dorfplätzen patzte.

Das hatte auch die sportliche Führung des Vereins erkannt. Ein Meistertitel führt nicht über den Großen, sondern über die Kleinen. Der deutsche Sportdirektor holte seinen Landsmann Mike Büskens. Beide spielten zusammen bei Schalke 04 und waren später auch in anderen Funktionen Kollegen. Müller kennt Büskens, ihm traute er das ersehnte Meisterstück mehr zu als dessen Vorgänger Zoran Barisic.

Nach einem Viertel der Saison hält Rapid aber derzeit bloß bei vier Siegen aus neun Spielen. In den letzten fünf Meisterschaftsspielen gelang gar nur ein Sieg. In Altach scheiterte die Mannschaft an einem tiefstehenden Gegner, auch in Wolfsberg und zuletzt in St. Pölten ließ Rapid deshalb Punkte liegen. Und vor wenigen Tagen reichte es gegen den Viertligisten Leobendorf im Cup-Bewerb nur zu einem knappen 1:0. Das alte Problem: der Gegner spielte zu defensiv. Die Probleme der letzten Saisonen werden gerade zur größten Hürde auf dem Weg zum ersehnten Meistertitel. Rapid verliert den Anschluss an Spitzenreiter Sturm Graz, weil die Mannschaft schon wieder zu oft auf Dorfplätzen und gegen klare Außenseiter stolpert. Ausgerechnet in einer Phase, in der Ligakrösus Salzburg bezwingbar geworden scheint.


Möglicherweise hat die sportliche Führung Rapids einfach die falschen Schlüsse aus der letzten Saison gezogen.

Nach dem Spiel gegen den Viertligisten im Cup versuchte Trainer Mike Büskens, ein Deutscher mit lockerem Zungenschlag, zu beschwichtigen. Der Tenor: Der Gegner renne in diesen Spielen doch ums eigene Leben, solche Spiele musst du irgendwie gewinnen, Mund abputzen, Deckel drauf. Nach Europacup-Spielen unter der Woche schiebt man bei Ausrutschern am Wochenende gerne die Doppelbelastung vor. Rapid hat sich in den letzten Jahren ein Ausreden-Konstrukt wie eine Lebenslüge aufgebaut. Der Verein tat sich unter Zoran Barisic regelmäßig gegen tiefstehende Gegner schwer. Rapid hat in diesen Spielen zwar viel Ballbesitz, aber nicht die taktische Variabilität, um gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Das Problem wurde aktuell nicht behoben. Rapid sagt zwar heuer offensiv, dass man Meister werden wolle. Man benennt aber nicht klar genug, woran dieser Wunsch scheitern könnte.

Möglicherweise hat die sportliche Führung Rapids einfach die falschen Schlüsse aus der letzten Saison gezogen. Sportdirektor Müller hatte erkannt, dass die vielen Niederlagen auf Dorfplätzen den Meistertitel kosten. Ein entscheidender Moment in der letzten Saison war die Niederlage in Grödig, als Rapid seine letzte Chance auf die Meisterschaft verspielte. Müller analysierte damals gegenüber "Sky": "Wenn ich sehe, dass Grödig mit acht Punkten Rückstand versucht, die letzte Chance wahrzunehmen und mit sehr viel Herz und Leidenschaft spielt, während wir nur sechs Punkte hinter Salzburg sind, dann läuft einfach was falsch bei uns." Sein Fazit: "Es ist eine Einstellungssache und eine Charaktersache." Das könnte aber ein falscher Schluss gewesen sein. Müller sah in diesem Moment nicht taktische Einfältigkeit als Grund für die schwachen Rapid-Spiele. Er glaubte an die fehlende Einstellung aller Spieler, an schlechten Charakter, an Arbeitsverweigerung.


Mike Büskens hat das Problem seines Vereins im ersten Viertel der Meisterschaft noch nicht beheben können.

Das ist ein Unterschied: Wenn es am taktischen Verhalten liegt, braucht es strategische Varianten, um einen tiefstehenden Gegner auszuspielen. Wenn es aber an der Einstellung der Spieler liegt, braucht es vor allem einen, der das Feuer neu entfachen kann. „Büskens vermittelt diese Leidenschaft, dass wirklich in jedem Spiel 100 Prozent Einsatz von der Mannschaft zu erwarten sind“, betonte Präsident Michael Krammer und verriet insgeheim damit, wo er den bisherigen Mangel verortete. Es liegt am Einsatz der Spieler.

Mike Büskens hat das Problem seines Vereins, tiefstehende Gegner nicht ausspielen zu können, im ersten Viertel der Meisterschaft noch nicht beheben können. Vor allem auswärts wirkt Rapid eindimensional. Nach dem 1:1 am Wochenende, beim Tabellen-Vorletzten St. Pölten, betonten Spieler, dass sie in der Offensive gegen die Defensive des Gegners keine Lösungen fanden. Und Trainer Büskens meinte: „Das ist natürlich nicht zufriedenstellend, wir haben heute wenige Lösungen gefunden. Der Gegner hat uns den Ball gegeben, wir haben teilweise zu langsam gespielt und waren nicht konsequent genug.“ Neue Spieler, neuer Trainer – und trotzdem klingt alles ein wenig nach der alten Saison.

Salzburg schwächelt – so wie schon in der letzten Saison – auch. Am Wochenende stand ein karges 0:0 in Altach auf der Anzeigetafel. Rapid will das heuer ausnützen, Meister werden und die chronische Schwäche gegen Außenseiter endlich ablegen. Dafür wird es in erster Linie aber Lösungen in Form taktischer Varianten für das Offenspiel benötigen und keine Moralpredigten für Spieler, denen ausgerechnet gegen tiefstehende Gegner regelmäßig die Leidenschaft fehlen soll.

Kommentar verfassen