Rotraud Perner

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Gesellschaft

Rotraud Perner: "Helfen bedeutet auch Macht"

Die Psychotherapeutin und Konfliktforscherin Rotraud Perner über Zivilcourage, Persönlichkeit und die Kraft der Erziehung.

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Sie haben bereits vor längerer Zeit ein Buch mit dem Titel „Mut: Das ultimative Lebensgefühl“ geschrieben. Wenn man Menschen wie Carola Rackete, Edward Snowden oder Greta Thunberg vergleicht: Gibt es Gemeinschaftsmerkmale, die Mut und Zivilcourage begünstigen?
Perner: Natürlich gibt es die. Das sind alles Menschen von einer großen Ich-Stärke. Selbstvertrauen hat vor allem etwas mit Erziehung zu tun. Kinder haben ein angeborenes Gerechtigkeitsgefühl. Wenn Eltern alles einbremsen und übervorsichtig mit ihren Kindern umgehen, dann wird dieses Gefühl zerstört. Wenn sie ihren Kindern etwas zumuten und ihnen Anleitungen wie „Trau dich, du kannst das“ geben, dann stärkt das ihr Ich. Die Schwachen zu stärken und sich nicht an die Starken anzubiedern, das wäre dann das Ideal.

profil: Wie konnten Carola Racketes Eltern diese Furchtlosigkeit in ihrem Kind verankern? Haben Sie praktische Erziehungstipps?
Perner: Wahrscheinlich haben sie sich die Zeit genommen, immer wieder Situationen, Dinge und Menschen zu hinterfragen und ihre Kinder mit diesen Fragen auf Augenhöhe konfrontiert. Kinder haben ein ausgezeichnetes ethisches Gespür.

profil: Dennoch ist unsere Erziehungs- und Bildungskultur auf Gehorsam und nicht auf Widerspruch angelegt.
Perner: Das ist die katholische Prägung. Theoretisch weiß man alles über Nächstenliebe, Moral etc., aber an der praktischen Umsetzung fehlt es dann. Ich bin der Meinung, dass schon in der Volksschule ethische Verhaltensweisen lebensnah unterrichtet werden sollten, aber Ethik erst später ein eigenes Unterrichtsfach werden sollte, in dem man Lösungen ethischer Fragen theoretisch wie praktisch bearbeitet.

profil: Sind alle, die Zivilcourage an den Tag legen, automatisch gute Menschen?
Perner: Nein, natürlich nicht. Es gibt auch Narzissten, die sich durch solche Akte Applaus erhoffen. Helfen kann auch eine Schattenseite haben.


Charakter bedeutet zwar verfestigtes Verhalten, aber er kann sich auch ändern.

profil: Die da wäre?
Perner: Macht. Helfen bedeutet auch Macht.

profil: Es gibt seit einigen Jahren hitzige Debatten darüber, welche Kraft produktiver ist: das Bauchgefühl, sprich die Intuition, oder kognitiv bedingte Entscheidungen.
Perner: Bauchentscheidungen basieren auf Erfahrungen, die nicht über das Bewusstsein gespeichert sind. C. G. Jung spricht von der Vierheit bei Menschen, die ganz bei sich sind: Denken, Fühlen, Ahnen und körperliches Empfinden treffen sich im Idealfall in der Leibesmitte, wo dann solche Entscheidungen getroffen werden. Im Falle von Carola Rackete bin ich sicher, dass sie sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Aber sie war schon zwei Wochen unterwegs, es kam unter ihren Schützlingen bereits zu Selbstverletzungen, sie begannen psychotisch zu werden. Sie hatte keine andere Wahl, als zivilcouragiert zu handeln, obwohl sie genau wusste, welche Konsequenzen ihr drohen. Juristisch würde man die Fürsorge für ihre Passagiere als höher gestellte Sache bezeichnen, die Straftaten rechtfertigt. Es wäre schändlich, wenn ihre Rettung von Leben nur als mildernder Umstand klassifiziert werden sollte.

profil: Kann man trotz einer Erziehung zum Duckmäuser und Feigling Zivilcourage erlernen?
Perner: Auf jeden Fall! Charakter bedeutet zwar verfestigtes Verhalten, aber er kann sich auch ändern. Meine Überzeugung ist, dass sich Körper, Seele und Geist verändern können, wenn ihnen Traumatisierungen widerfahren sind. Wir sind zwar gedrillt, keinen Widerstand zu leisten, aber viel flexibler, als man glauben möchte.

Rotraud Perner, 74,
ist Psychotherapeutin, Juristin, Konflikt- und Stressforscherin. Sie hat Bücher zum Thema Stress, Liebe, Einsamkeit, Missbrauch
u. v. a. m. verfasst. 2016 erschien „Mut: Das ultimative Lebensgefühl“. Im Oktober kommt ihr neues Buch auf den Markt:
„Aufrichten! Anleitung zum seelischen Wachstum“ (Orac).

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