Rein, raus, fertig, gute Nacht“
Gesellschaft

Sexualforscher Volkmar Sigusch: „Rein, raus, fertig, gute Nacht“

Volkmar Sigusch gilt als Doyen der europäischen Sexualforschung. Ein Interview über die Kultur des Anti-Eros, neue Erregungsmöglichkeiten und Self-Sex.

profil: Die vielfältigen erotischen Freiheiten scheinen mittlerweile zu einer Art Katerstimmung geführt zu haben. Stimmen auch Sie in das Lamento über den Verlust der Libido ein?
Volkmar Sigusch: Nein. Es gibt heute andere Möglichkeiten, sich zu stimulieren, als altertümlich sexuelle, die ich auch „paläosexuelle“ nenne. Hinzugekommen sind vollkommen neuartige sexuelle Erregungen, vor allem durch das Internet, die ich „neosexuelle“ nenne. Da die Menschen heute jederzeit unkontrolliert Zugang zu diesen Angeboten haben, verblasst die alte, fixierte Libido – nach dem Motto: Ich muss das ja nicht gleich tun, ich kann es ja auch auf morgen verschieben.

profil: Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch „Das Sex-ABC“ auch eine Kultur des Anti-Eros und verwenden den Begriff „Coitus germanicus simplex“ oder auch „Karnickelsex“. Ist diese Art von Sex eine Eigenart des deutschsprachigen Raums?
Sigusch: Ich beschreibe unsere Kultur, die europäische, als grundsätzlich antierotisch. Wir haben keine „ars erotica“, also keine Liebes- und Sexualkultur, entwickelt. Wir praktizieren grundsätzlich so etwas wie Karnickelsex: rein, raus, fertig, gute Nacht. Und die heutige Internet-sexualität ist ja auch alles andere als eine „ars erotica“, sondern vielmehr das exakte Gegenteil.


Die Selbstbezüglichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten in unserem Kulturkreis immer einschneidender geworden.

profil: Sie erwähnen die Polyamorie, das intime Zusammenleben mehrerer erwachsener Personen, als eine bestimmende Facette zukünftiger Sexualität. Was genau hat man sich darunter vorzustellen?
Sigusch: Sie haben nicht nur eine Partnerin oder einen Partner, sondern mehrere. Alles, was geschieht, ist nicht geheim, sondern allen bekannt. Sie können mit verschiedenen Menschen zur selben Lebenszeit sehr unterschiedliche erotische und sexuelle Erlebnisse haben – ohne Neid und Verletzung der anderen Partner.

profil: Die exzessive Selbstdarstellung in sozialen Medien befeuert auch den Narzissmus des Individuums. Welche Auswirkungen hat das auf unsere erotische Kultur?
Sigusch: Die Selbstbezüglichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten in unserem Kulturkreis immer einschneidender geworden – mit dem Ergebnis, dass es bei vielen nur noch um so etwas wie Self-Sex geht, wobei die Bedürfnisse und Wünsche anderer gering oder überhaupt nicht geschätzt werden. Dazu passen die Ergebnisse empirischer Studien, nach denen die Selbstbefriedigung auch in sexuell funktionierenden Beziehungen zu einer eigenständigen Sexualform geworden ist, die ihren Surrogat-Charakter verloren hat.

profil: Sexualität im Alter wird zusehends enttabuisiert. Andererseits scheint die „Silver Sex“-Euphorie auch gehörigen Druck auf diese Generation auszuüben. Kann es nicht auch ganz normal sein, mit 70 plus kein Lustbedürfnis mehr zu verspüren?
Sigusch: Ich denke ja. So wie die Lage in unserer Kultur nun einmal ist, kann ein Leben ohne Sexualität sehr angenehm sein.


Keine Geschlechtlichkeit eines Menschen ist mit der eines anderen identisch.

profil: Immer wieder wird neuerdings die Vernunftbeziehung propagiert. Können Ehen oder Lebensgemeinschaften in früheren Altersphasen ohne Sexualität überleben?
Sigusch: Aber ja! Denken Sie nur daran, dass damit ein Lebensbereich entfällt, der besonders anfällig ist für Enttäuschungen und Verletzungen.

profil: Sie prägten den Begriff „liquid gender“. Wird diese Auflösung der Grenzen zwischen den Geschlechtern auch den Mainstream oder nur ein marginales Gesellschaftssegment erfassen?
Sigusch: Ich denke, wir werden in den nächsten Generationen mehr als die heute mehr oder weniger anerkannten Geschlechter männlich, weiblich, intergeschlechtlich, transgender und liquid gender haben. Im Grunde sollten wir bedenken, dass es im Prinzip so viele Geschlechtsidentitäten gibt, wie es Menschen gibt. Keine Geschlechtlichkeit eines Menschen ist mit der eines anderen identisch. Die Herrschaftszeit von entweder Mann oder Frau neigt sich jedenfalls ihrem glanzlosen Ende zu.

profil: Ist Treue, rein evolutionsbiologisch betrachtet, überhaupt vorgesehen?
Sigusch: Nein.

profil: Wir leben in einem Zeitalter der oft teuer erkauften Selbstentmündigung und Selbstoptimierung. Für jedes Lebensproblem gibt es einen Coach, eine App, ein Seminar, eine Therapieform. Leidet die Sexualität nicht auch unter dieser Beratungs- und Therapiekultur?
Sigusch: Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. In Deutschland jedenfalls ist die sexualmedizinische Versorgung der in Angst und Not Geratenen schandbar schlecht bis gar nicht möglich, ob es nun um Transgender geht oder Impotenz oder Sexualkriminalität. Mein Lehrstuhl inklusive Sexualmedizinische Ambulanz wurde mit meiner Emeritierung sofort abgeschafft, um die Gelder und das Personal anders zu verteilen.

profil: Sie prognostizieren mehr Gewalt und Aggression in unserem zukünftigen Sexualverhalten. Wie wird sich der aktuelle Einwanderungsstrom auf die Sexualkultur auswirken?
Sigusch: Ich denke, die Einwanderung wird uns guttun. Vor allem Frauen werden attraktive Partner finden. Unsere Sexualkultur wird aber leider dennoch so arm bleiben, wie sie ist.

profil: Die Frage aller Fragen: Wie kann es gelingen, in einer Paarbeziehung die Libido über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten?
Sigusch: Ich denke, das gelingt, wenn ein Paar durch eine, wie ich gern sage, kleine Perversion verbunden ist, das heißt durch erotisch stark besetzte Szenen oder Körpermerkmale. Am besten ist dann noch, wenn das Paar gar nicht weiß, was es so erregt. Denn das Nachdenken darüber kann es auch kaputt machen.

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