Reisen in die Nacht
Kultur

Reisen in die Nacht

Strauchelnde Figuren, schrumpfende Welten: neue Erzählungen des deutschen Autors Clemens Meyer.

Es sind abgewirtschaftete Durchgangsorte, die in der schicken neuen Welt, in der wir leben, bald endgültig zu verschwinden drohen. Ihnen setzt der in Halle an der Saale geborene Autor Clemens Meyer mit seiner Literatur ein Denkmal: ehemalige Kohlereviere, in denen die Jobs rar werden, verfallende Plattenbauten, verrauchte Bahnhofskneipen, in denen man eher strandet als freiwillig zu Gast ist.

Meyer, Jahrgang 1977, gilt seit seinem Debüt "Als wir träumten" (2006) als Meister lakonischer Geschichten, die im Underdog-Milieu spielen. Auch in seinem jüngsten Erzählband "Die stillen Trabanten" lässt er Menschen Halt in einer Gesellschaft suchen, die sich rasant verändert: Oft beginnt im nächsten Straßenzug schon ein fremder Kosmos. Die meisten seiner Storys spielen in der Nacht, berichten von überraschenden Begegnungen und sind für Meyers Verhältnisse erstaunlich positiv. Da beginnt eine scheue Freundschaft zwischen zwei älteren Damen, einer Zug-Reinigungskraft und einer Friseurin, da flirtet ein Imbissbudenbesitzer mit einer Muslima, die wie er am Gang des Wohnblocks raucht und in den nächtlichen Himmel schaut. Ein alter Jockey träumt von einem letzten großen Rennen; ein Mann, bei dem eingebrochen wurde, verlässt seine Wohnung und landet bei einer alten Frau, die ihn für ihren verstorbenen Sohn hält. Manche der Geschichten sind etwas überkonstruiert, aber erneut überzeugen Meyers verdichtete und doch empathische Sprache, seine raffinierten Zeitenbrüche und sein Gespür für die Melancholie seiner strauchelnden Figuren.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. Fischer. 272 S., EUR 16,99

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