Patience - Daniel Gloves

Patience - Daniel Gloves

Kultur

Vom Leben gezeichnet

Zwei mitreißende Graphic Novels bereichern den Bücherfrühling: „Patience“ von Daniel Clowes und „Geisel“ von Guy Delisles.

1997 wird Christophe André im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt. Es ist ein brutales Erwachen, als vier Männer den Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der Nacht aus seinem Bett und in ein Auto zerren. Dass sie die Grenze nach Tschetschenien überqueren, weiß der zu der Zeit nicht.

„Nein, das war kein böser Traum“, denkt sich André und starrt auf die nackte Glühbirne seiner Zelle: „Ich bin tatsächlich in einem leeren Zimmer an eine Heizung gekettet“. Die Angst, die André in diesem Moment verspürt hat, kann man sich kaum vorstellen.

Der kanadische Zeichner und Autor Guy Delisle, bekannt geworden durch seine lakonischen Reise- und Lebenstagebücher „Shenzhen“, „Pjöngjang“ und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“, zeichnet in seinem 432 Seiten starken Comic ein Warten ohne Gewissen nach. Dafür benötigt der 1966 in Quebec geborene Delisle nur graublaue Farbtöne und ein sich kaum veränderndes Setting.

Szene aus "Geisel" von Guy Delisle.

Anders als in seinen bisherigen Werken geht es in „Geisel“ nicht um stille Beobachtungen aus einem unwirklichen Land, sondern vielmehr darum, die Gedanken, das Verzweifeln, die Ängste und Nöte des Entführungsopfers wiederzugeben. Für Christophe André sind es 111 Tage des Wartens, ohne zu wissen, ob man ihn für tot hält, oder sich um seine Rettung bemüht. Bei Delisle spürt man diese Zeit förmlich verstreichen.

Psychedelische Science-Fiction-Lovestory

Nicht nur unwirklich, vielmehr abgefahren erscheint der neueste Comic des US-Zeichners Daniel Clowes. Die titelgebende Patience und ihr Freund Jack sind ein typisches Paar vom Rande der Gesellschaft. Sie ist gezeichnet von einer Kindheit voller Gewalt, Erniedrigung und Geldsorgen, er verdingt sich als Flyer-Verteiler für ein Pornokino.

Für ein paar kurze Seiten scheint es für die beiden sogar Hoffnung zu geben. Patience und Jack erwarten ein Kind. Doch nur wenige Tage später findet der zweifelnde Jack seine Freundin ermordet in der gemeinsamen Wohnung auf – und die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.

Jack ist ein typischer Antiheld à la Daniel Glowes. Für ihn besteht von Anfang an keine Hoffnung, unbeschadet durch diese Geschichte zu kommen. Jack wird als Tatverdächtiger festgenommen, kommt frei, durchlebt Jahre der Qual und Ungewissheit. Nach seiner Entlassung springt die Handlung in die Zukunft, bis er sich im Jahr 2029, fast 20 Jahre nach der Tat, einen Teleporter beschafft, um den Mord zu verhindern.

Szene aus "Patience" von Daniel Glowes.

Internationale Bekanntheit erlangte Daniel Clowes durch die berührende Coming-of-Age-Erzählung „Ghost World“, die 2000 von Regisseur Terry Zwigoff mit Scarlett Johansson und Steve Buscemi verfilmt wurde. Seine verstörend-surrealistischen Geschichten über Glücksritter, Versager und Nerds spiegeln die suburbanen Staaten in unmissverständlicher Dringlichkeit wider.

„Patience“ ist nach „Der Todesstrahl“ (2011) ein weiteres Meisterstück, ein spaciges Zeitreiseabenteuer in knalligen Farben, eine psychedelische Science-Fiction-Lovestory und ein Buch über die großen Fragen der Menschheit: Liebe, Tod, Familie, Rache – und das Wesen von Zeit und Raum.

Daniel Clowes: Patience (Reprodukt, 180 S., 29,- EUR)

Guy Delisles: Geisel (Reprodukt, 432 S., 29,- EUR)

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