Ibrahim Amir

Ibrahim Amir

Kultur

"Warum sollte ein Türke nicht Hamlet spielen?"

Der in Wien lebende syrische Dramatiker und Nestroy-Preisträger Ibrahim Amir über Rassismus in Österreich, die soziale Trägheit am Theater - und wie er seinen toten Onkel nach Syrien geschmuggelt hat.

Sein Stück "Habe die Ehre" war der Überraschungserfolg der Theatersaison 2013: Ausgerechnet über das heikle Thema Ehrenmord schrieb ein junger syrischer Kurde eine an Slapstick reiche Komödie, die prompt mit dem Wiener Theaterpreis Nestroy als beste Off-Produktion ausgezeichnet wurde. Mit einer Komik, die an Schmerzgrenzen geht, arbeitet Ibrahim Amir, Jahrgang 1984, der in Aleppo Theater-und Medienwissenschaft studiert hat. Nachdem er mit Kommilitonen eine Schweigeminute für die Opfer des Giftangriffs auf die hauptsächlich von Kurden bewohnte irakische Stadt Halabdscha abgehalten hatte, wurde er exmatrikuliert. 2002 kam Amir nach Wien, inskribierte Medizin und arbeitete nach Abschluss seines Studiums als Arzt in einem Krankenhaus. Nebenher schrieb er Dramen, die mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum aufgeführt werden. Für einen kleinen Skandal sorgte die Absage seines Stücks "Homohalal", das dem Wiener Volkstheater 2016 in der angespannten politischen Lage zu heiß erschien. Amir entwirft in dem Text, der in der nahen Zukunft spielt, eine böse Utopie: Er zeigt, wie homophob, konservativ und rassistisch ehemalige Flüchtlinge und Helfer geworden sind - ein Weltverschlechterungslustspiel. Die Uraufführung fand, ohne Zwischenfälle, in der Pegida-Hochburg Dresden statt, aber auch die Situation am Volkstheater hat sich entspannt: Ab 5. Jänner ist im Volx/Margareten daher sein jüngstes Werk, "Heimwärts", zu sehen, zudem schreibt der Autor an einem neuen Stück für das Haus. Im Meidlinger Werk X wiederum ist ab 18. Jänner eine Neuinszenierung von "Homohalal" geplant.

INTERVIEW: KARIN CERNY

profil: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Komödie über Ehrenmorde zu verfassen?
Amir: Das hat sich erst beim Schreiben ergeben. Ich plane nie, lustig zu sein. Meist nehme ich mir ernste Themen vor, aber im Prozess kommen dann absurde Ideen ins Spiel. Das ist auch das Geheimnis dieses Genres: Der Witz entspringt einem ernsten Kern. Erst durch die Verzweiflung der Figuren wird es für Außenstehende unterhaltsam.

profil: Sehen Sie auch im Alltag meist das Absurde?
Amir: Ja, in Wien hat der Humor auch eine lange Tradition. Die Menschen machen sich am liebsten über sich selbst lustig, scherzen sarkastisch über todtraurige Dinge.

profil: Funktioniert syrischer Humor anders?
Amir: Sketches und Comedy sind extrem beliebt, da haben die Syrer die Nase vorn. Gleichzeitig haben wir eine strenge Zensur, das Austricksen der Überwachung ist die größte Herausforderung. Man muss subtiler arbeiten. Seltsamerweise funktioniert der Wiener Humor, obwohl es politisch gar nicht nötig wäre, ähnlich indirekt wie in Syrien. Wahrscheinlich habe ich deshalb ein heimatliches Gefühl in Österreich entwickelt.

profil: Überlegen Sie beim Schreiben, ob Sie bestimmte Vorurteile bedienen dürfen?
Amir: Ich arbeite gern mit Klischees, aber ich versuche, sie zu brechen. Sonst würde man ja einfach nur bestätigen, was man kritisieren möchte.

profil: Dürfen Sie als Syrer eher Scherze über Zuwanderer machen als Kollegen, die keinen Migrationshintergrund haben?
Amir: Klar ist das ein Privileg, nicht gleich als Rassist abgestempelt zu werden. Aber man muss nicht selbst geflüchtet sein, um über Migration schreiben zu können.


Wien hat sich über die Jahrhunderte ständig verändert, es kann nicht sein, dass man plötzlich nur mehr den Status quo betonieren möchte.

profil: In "Heimwärts" machen sich vier Personen aus Wien nach Aleppo auf, weil ein alter Mann noch einmal seine Heimat sehen möchte. Wie kamen Sie auf diese Geschichte?
Amir: Sie basiert auf einer persönlichen Begebenheit. Vor zwei Jahren starb mein Onkel an Krebs. Er hat 45 Jahre lang in Wien gelebt, wollte aber in Syrien sterben. Keine Fluglinie der Welt hätte einen Todkranken mitgenommen. Also organisierte ich einen Krankenwagen mit Arzt, und mein Bruder fuhr über Istanbul nach Syrien. In der Transitzone zwischen Bulgarien und Türkei starb mein Onkel. Um nicht heimgeschickt zu werden, gaben wir ihn als Lebenden aus und beantragten kurz nach der Grenze im nächsten Gesundheitszentrum eine Sterbeurkunde. Der zuständige Beamte war völlig überfordert, er fand nicht die richtigen Formulare für einen toten Ausländer. Er fragte immer wieder, wo seine türkische Nationalnummer sei.

profil: Wie stehen Sie zum Thema Integration?
Amir: Ich mag diesen verlogenen Begriff nicht. Wenn Menschen hier arbeiten, Steuern zahlen und etwas für die Gesellschaft leisten, können andere nicht sagen: Wir sind etwas Besseres, ihr müsst euch anpassen. Es geht doch darum, gemeinsam an einer neuen Identität zu arbeiten. Wien hat sich über die Jahrhunderte ständig verändert, es kann nicht sein, dass man plötzlich nur mehr den Status quo betonieren möchte. Sicher hört man heute mehr Arabisch auf den Straßen als vor 20 Jahren. Aber Wien war früher auch eine graue Stadt, die Lebensqualität ist heute viel höher.

profil: Haben Sie in Ihrem Alltag mit Rassismus zu tun?
Amir: Das hatte ich immer, auch als Kurde in Syrien. In Wien hat sich die Stimmung nach den Wahlen deutlich verändert. Wenn ich mit meinem Sohn spazieren gehe, merke ich, dass manche am liebsten den Kinderwagen wegstoßen würden. Rassismus ist salonfähiger geworden.

profil: Ist Ihnen das als Arzt auch passiert?
Amir: Als Arzt erlebt man einiges. Ein Patient erklärte: "Von einem Inder lasse ich mich nicht behandeln." Ein anderes Mal wollte ich im Krankenhaus eine Frau untersuchen, da meinte ein Besucher: "Raus hier, wir wollen keine Zeitung kaufen!" Sie hatten mich für einen "Krone"-Verkäufer gehalten, obwohl ich einen Arztkittel anhatte. Absurditäten dieser Art kann man sich fürs Theater gar nicht ausdenken.


Es fehlt die Selbstverständlichkeit, im Theater mit einer multikulturellen Gesellschaft umzugehen.

profil: Nervt es, dass Sie als Autor oft auf das Migrationsthema reduziert werden?
Amir: Total. Ich werde in Talkshows eingeladen, um über den Krieg zu sprechen. Es interessiert mich, darüber zu reden, aber ich möchte nicht der Quoten-Syrer sein. Ich werde demnächst ein Stück über Krankenhäuser schreiben.

profil: In "Heimwärts", Ihrem jüngsten Werk, kommt eine transsexuelle Figur vor. Auch in Ihren anderen Stücken sind Homosexuelle sehr präsent.
Amir: Ich werde in letzter Zeit oft gefragt, warum das so ist. Aber brauche ich dafür denn einen Grund? Es geht mir darum, auf der Bühne jene Normalität herzustellen, die es in unserer Gesellschaft längst gibt. Ich verstehe nicht, warum die Theater da nicht offener sind. In "Heimwärts" allerdings ist die transsexuelle Figur schon sehr gewählt. Ich wollte eine Figur, die sich intensiv mit ihrem Körper befasst. Die Suche nach einem Geschlecht, in dem man sich wohlfühlt, ist auch eine Art der Heimatsuche.

profil: Sie finden das Theater konservativ?
Amir: In meinem Stück "Stirb, bevor du stirbst" kommt eine Frau vor, die über 70 ist. Das Schauspiel Köln konnte die Rolle nicht besetzen, sie holten einen Gast aus der Schweiz. Die Schauspielerin meinte, sie habe seit Jahren keinen Job mehr bekommen. Die Gesellschaft wird immer älter, aber wir sehen keine alten Menschen mehr auf der Bühne.

profil: Finden Sie, dass echte Asylwerber auf der Bühne Geflüchtete spielen sollen?
Amir: Das ist ein heikler Punkt. Schauspielkunst hat mit der realen Identität nichts zu tun. Zugleich sollte man auch Schauspielern mit Migrationshintergrund die Chance geben, Hauptrollen zu übernehmen. Warum sollte ein Türke nicht Hamlet spielen? Ich möchte dunkelhäutige Menschen nicht nur als Verbrecher inszeniert sehen. Es fehlt die Selbstverständlichkeit, im Theater mit einer multikulturellen Gesellschaft umzugehen. An die Deutschen, die im Burgtheater Nestroy spielen, haben sich die Österreicher ja auch gewöhnt.

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