Rekordfrauen
Kultur

Künstlerinnen holen bei Auktionen rasant auf

Bei Auktionen erzielen die Werke von Künstlerinnen nach wie vor nur selten jene Summen, die sie eigentlich verdienten. Doch sie holen rasant auf.

Erst bei 240.000 Euro war Schluss, als ein Gemälde der Italienerin Carla Accardi aus dem Jahr 1958, ein grafisches Meer aus hieroglyphenartigen Zeichen, am Dienstag voriger Woche im Wiener Dorotheum versteigert wurde. Wer auch immer es nun besitzen wird, zahlt dem Haus jedenfalls exakt 295.800 Euro; schließlich werden zum Preis noch marktübliche Zuschläge addiert. Noch nie wurde für ein auktioniertes Werk Accardis, die 2014 in Rom verstarb, so viel bezahlt.

Kommt nach den Museen der Auktionsmarkt?

Ist dieser Weltrekord ein Zufall – oder Teil einer Entwicklung, in der Künstlerinnen auch auf dem Auktionsmarkt an Terrain gewinnen, nachdem sie zusehends die Museen erobert haben? Keine Frage: Noch immer bewegt sich der Anteil von Objekten, die von Frauen geschaffen wurden, in den meisten Versteigerungen im einstelligen Prozentbereich. Und nach wie vor erzielen sie im Spitzensegment Preise, die meilenweit hinter jenen vergleichbarer männlicher Kollegen liegen.

Doch ebenso wenig lässt sich leugnen, dass bei Versteigerungen Rekorde zuletzt häufig von Künstlerinnen gebrochen werden. Erst im Oktober triumphierte das Dorotheum mit einem unerwarteten Preis für das Werk der italienischen Barockmalerin Artemisia Gentileschi: 1,89 Millionen Euro spielte ihre „Lucretia“ mitsamt Aufgeld ein. Im Vorjahr wurde ihr „Selbstporträt als Heilige Katharina“ für 2,4 Millionen in Paris versteigert. Der Händler, der damals zum Zug kam, verkaufte dasselbe Bild vor wenigen Monaten übrigens an die Londoner National Gallery – Kostenpunkt: umgerechnet 4,1 Millionen Euro. Auch demnächst könnten bisherige Bestmarken fallen: Am 6. Dezember versteigert Christie’s London eine „Fröhliche Gesellschaft“ der im 17. Jahrhundert tätigen Judith Leyster – Schätzwert: 1,69 bis 2,82 Millionen Euro. Selbst wenn das Los am unteren Preis hängen bleiben sollte, würde es den Rekord der Niederländerin brechen.

„Es gibt ein steigendes Interesse an Künstlerinnen"

Die Konkurrenz von Sotheby’s setzt den Schätzwert einer anderen Alten Meisterin ebenfalls bemerkenswert hoch an: Ein Stillleben der italienischen Barockmalerin Fede Galizia, das Ende Jänner in New York unter den Hammer kommen wird, liegt bei 1,75 bis 2,63 Millionen Euro. Weitere Werke der Künstlerin erzielten bereits Millionensummen. „Es gibt ein steigendes Interesse an Künstlerinnen, sowohl auf dem Markt als auch in der Forschung. Wir entdecken noch immer Neues über Leben und Werk dieser Pionierinnen“, ließ Calvine Harvey, Altmeister-Spezialistin bei Sotheby’s New York, wissen.

Einige unerwartete Ergebnisse verbuchten in jüngster Zeit Gemälde der flämischen Barockkünstlerin Michaelina Wautier, das spektakulärste wohl im März 2016. Damals setzte das Schweizer Auktionshaus Koller ihr „Porträt von Martino Martini“ bei 6400 bis 9200 Euro an – es erzielte nicht weniger als 440.000 Euro. Der Preis scheint eine neue Marke gesetzt zu haben: Zwei weitere Gemälde der Malerin wurden 2017 und 2018 um ähnliche Summen versteigert.

Keine Modeerscheinung

Während bei den Alten Meisterinnen nur noch wenige Werke existieren und auf dem Markt entsprechend hoch bewertet werden, ist die Situation bei Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts anders: Hier gelangen Auktionshäuser leichter an Arbeiten, der Markt ist beweglicher. Unlängst titelte die Kunstmarkt-Plattform „artsy“ gar: „Wollen Sie reich werden mit dem Kauf von Kunst? Investieren Sie in Frauen!“ Mary Gabriel, die kürzlich ein Buch zu Malerinnen des Abstrakten Expressionismus veröffentlichte, verzeichnete bei den New Yorker Herbstauktionen 15 neue Weltrekorde für Künstlerinnen. Eine Modeerscheinung wird diese Entwicklung wohl nicht bleiben.

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