Wer rettet das Wiener Volkstheater?
Kultur

Kulturstadträtin Kaup-Hasler über Volkstheater: „Muss kein Repertoire-Theater sein“

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler über ihren Volkstheater-Jour-fixe im Café Eiles, die Schauspiel-Begeisterung der Wiener, mögliche Koproduktionsmodelle und Martin Kušejs Burgpläne.

Interview: Karin Cerny

profil: Das Volkstheater hat deutlich weniger Geld als die Josefstadt, als das Burgtheater sowieso. Ist das nicht ungerecht?
Kaup-Hasler: In Zukunft muss man natürlich eine finanzielle Stärkung andenken, um eine Abwanderung von talentierten Schauspielkräften an besser ausgestattete Theater zu verhindern. Trotzdem ist es nicht nur eine Frage des Geldes. Zunächst geht es um die Vision. Mich interessiert, mit welchen Strategien Theater neu erfunden werden kann. Das Volkstheater braucht Enthusiastinnen und Enthusiasten.
profil: Sie haben angekündigt, täglich um 8 Uhr früh im Café Eiles über die Zukunft des Volkstheaters zu reden. Wie läuft das ab?
Kaup-Hasler: Mir war wichtig, eine dauerhafte Diskussion zu führen. Allen Problemen mit offenem Visier zu begegnen. Ich sitze da und höre zu. Hin und wieder stelle ich Fragen, um herauszufinden, wie der Ist-Zustand des Volkstheaters gesehen wird – und was man ändern müsste. Es ist sehr berührend, dass so viele Leute mit heißen Herzen und brennenden Ideen kommen. Dass ihnen dieses Haus ein Anliegen ist. Man bekommt ein Gefühl dafür, was das Volkstheater unbedingt leisten muss.


Am Ende geht es um einen Ort, der lebendig und attraktiv für möglichst viele Menschen ist.

profil: Und das wäre?
Kaup-Hasler: Die Menschen haben eine große Sehnsucht nach Wildheit. Alle verbinden mit diesem Theater ein anarchisches Gefühl. Dass es ein Ort sein soll, an dem Gesellschaft verhandelt wird. Das zieht sich wie ein roter Faden durch diese Gespräche. Und dass es sich der Stadt mehr öffnen sollte. Aber es gibt zahlreiche Varianten: Die einen sagen, es brauche fixe Regisseure mit einem kleinen Ensemble, andere wollen die Literatur stärken und ein Volkstheater, das sich einst aus Nestroy und Horváth speiste, in die Gegenwart überführen. Manche fordern sogar, dass der aktuelle Austropop dort präsent sei. Die ehemalige Volkstheater-Direktorin Emmy Werner war auch bei einem Treffen. Sie argumentiert extrem radikal, glaubt nicht mehr an das Volkstheater als Sprechbühne, findet Körpertheater und Tanz zeitgemäßer.

profil: Im Moment gibt es zwei Fronten: Ensembletheater oder Koproduktionshaus.
Kaup-Hasler: Es gibt doch auch Mischformen. Milo Rau probiert das gerade in Gent aus. Das sind Ensembles, die einen kleinen Kern haben und mit fixen freien Gästen operieren. Und ihre Produktionen auch auf Tour schicken. Wenn mir
jemand ein kluges Konzept vorlegt, würde ich auch nicht insistieren, dass es ein Repertoirebetrieb sein muss. Die Politik soll nichts vorschreiben. Am Ende geht es um einen Ort, der lebendig und attraktiv für möglichst viele Menschen ist.
profil: Sie haben das Koproduktionsmodell doch selbst auf den Tisch gebracht.
Kaup-Hasler: Dieses Haus ist eine unendliche Herausforderung. Man muss offen denken. Koproduzieren heißt in Zeiten geringerer Ressourcen doch nur, dass man überlegt, ob man Allianzen nutzen kann. Ob sich Netzwerke von Theatern bilden lassen, die bestimmte Dinge teilen und zusammen machen können. Die meisten Arbeiten von Romeo Castellucci oder Luc Bondy bei den Wiener Festwochen waren auch Koproduktionen, die in bestimmten Theatern entstanden sind. Mir geht es darum, sämtliche denkbaren Varianten aufzublättern. Ich möchte eine Ausschreibung machen, die viele Möglichkeiten offen lässt. Dann sollen sich die Besten bewerben.


Es ist auch vorstellbar, dass das Volkstheater in den Außenbezirken herausgelöst und anderweitig vergeben wird.

profil: Was bedeutet das für ein Ensemble?
Kaup-Hasler: Je konzentrierter ein Ensemble ist, desto wichtiger wird es sein, dass die Mitglieder Identifikationsfiguren sind. Castorf hatte stets extrem starke Akteure, von Martin Wuttke bis Sophie Rois. Schauspielerinnen und Schauspieler haben in Wien einen anderen Stellenwert als in anderen Städten. Ich wäre auch offen für Fantasien zu den einzelnen Volkstheaterorten – von der Hauptbühne über den Hundsturm bis zum Volkstheater in den Außenbezirken. Ich möchte ohne Vorgaben arbeiten. Es ist auch vorstellbar, dass das Volkstheater in den Außenbezirken herausgelöst und anderweitig vergeben wird. Das muss jemand machen, der dafür brennt.
profil: Wie gehen Sie nun vor?
Kaup-Hasler: Am 10. Jänner soll die Ausschreibung veröffentlicht werden. Ende März soll feststehen, wer das Volkstheater übernehmen wird.

profil: Wie sich das Haus positionieren soll, hängt auch davon ab, was Martin Kušej ab Herbst 2019 am Burgtheater plant.
Kaup-Hasler: Deshalb habe ich auch schon im Vorfeld mit ihm gesprochen. Ich möchte wissen, was das Volkstheater heute und in Zukunft einzigartig machen kann. Die Wiener Theaterlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Herbert Föttinger macht an der Josefstadt ein sozial engagiertes Theater, das durchaus an sozialdemokratische Tradition anknüpft. Vor einigen Jahrzehnten war das – natürlich radikaler – das Alleinstellungsmerkmal des Volkstheaters. Kušej wiederum arbeitet zur Zeit an einem Ensemble, das die gesellschaftliche Zusammensetzung dieser Stadt widerspiegeln soll. Eigentlich ein Modell, das man vom Gorki Theater in Berlin kennt.
profil: Wäre es in der Phase der Renovierung nicht wichtig, zu wissen, in welche Richtung es gehen soll?
Kaup-Hasler: Es handelt sich nur um eine Funktionssanierung. Basics wie Leitungen, Rohre und Fenster werden ausgetauscht, damit, salopp formuliert, der Laden nicht zusammenstürzt. Eine Generalsanierung im klassischen Sinne wäre viel zu teuer, dafür haben wir das Geld nicht.

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