Fiepende Fräulein
Kultur

"Lulu" und "Kasimir und Karoline" bei den Salzburger Festspielen

Fiepende Fräulein: Auch die letzten beiden Schauspielpremieren der Salzburger Festspiele blieben hinter den Erwartungen zurück.

Bettina Hering, die neue Chefin der Schauspielschiene der Salzburger Festspiele, will auch theaterferne Kunstschaffende für die Bühnenarbeit gewinnen, das zeugt von Ambition. Den Anfang machte heuer die Griechin Athina Rachel Tsangari, 51, die für ihre eigenwilligen Filme bekannt ist und nun auf der Perner-Insel ihr Theaterdebüt gab. Warum Hering ihr aber ausgerechnet Wedekinds "Lulu", in erster Fassung 1894 fertiggestellt und damals ein Schocker, abverlangte, eines der schwierigsten Stücke der Dramenliteratur überhaupt, an dem schon viele Regisseure grandios gescheitert sind, ist indes schwer nachvollziehbar. Man würde für seine erste Wandertour ja auch nicht gleich den Mount Everest anpeilen. "Monstretragödie" nannte der Autor sein Stück, das den gesellschaftlichen Abstieg einer Frau nachzeichnet, die für ihre ständig wechselnden Liebhaber die perfekte Projektionsfläche zu sein scheint. Die große feministische Frage jeder Inszenierung ist, wie man mit dieser männermordenden Kindfrau umgeht: Wie viel eigenständiges Profil entwickelt sie? Wie klischeehaft darf sie sein? Tsangari drückt sich um diesen Knackpunkt, sie stellt drei irritierend schwache Schauspielerinnen auf die Bühne (Anna Drexler, Isolda Dychauk, Ariane Labed), die als fiepende Fräulein in abstrusen Kostümen (Beatrix von Pilgrim) nie ihren Objektstatus ablegen. Die Männer sind durch die Bank spannender besetzt und ausgearbeitet, und die Hauptrolle spielt ohnehin die Bühne (Florian Lösche), die gefüllt ist mit schwarzen Ballons, auf die Augen projiziert werden, die uns anblinzeln. Tsangari setzt auf surreale Effekte (aufgetreten wird aus schwarzen Löchern im Boden), in seiner gedanklichen Unschärfe aber ist ihr effektheischend-choreografischer Abend durchaus ärgerlich: Warum wird Lulu am Ende nicht ermordet, sondern bringt sich gleichsam selbst um? Eine absurde Form von Gnade für eine Figur, die ohnehin nie greifbar wurde.

Horváths berühmte Arbeitslosenballade "Kasimir und Karoline" als choreografische Annäherung mit Laien.

Auch die freie Interpretation von Horváths Oktoberfestklassiker "Kasimir und Karoline" der US-Gruppe 600 Highwaymen ist ein Experiment: 23 Laien stehen neben Profis auf der Bühne des Mozarteums; mal spielt ein älterer Herr den Kasimir, dann wieder ein Schüler. Der Effekt ist charmant und das Ensemble durchaus überzeugend, man hört den Akteuren gerne zu, wie sie sich den Stoff zu eigen machen. Das Problem der Arbeit ist allerdings, dass sie dabei permanent eine Gesten-Choreografie abspulen müssen, die völlig versandet. Man versteht die Bewegungen nicht, oft wirken sie aufgesetzt, erst in Gruppentanzszenen entfalten sie ihr mitreißendes Potenzial. Gegen Ende versucht der Abend klassisch Theater zu machen, dann wird Müll auf der Bühne verteilt, um die Katerstimmung nach der Party sichtbar zu machen. Doch das zieht die an sich flotte, nicht unsympathische Inszenierung nur künstlich in die Länge. Die Festspiele bilanzieren enttäuschend: Von den durchaus ambitionierten fünf Theaterpremieren konnte keine richtig überzeugen.

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