Rammstein: Eine Liebesgeschichte
Kultur

Rammstein: Eine Liebesgeschichte

Zweimal gastieren die Berliner Brachialrocker diese Woche im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion. Stephan Graschitz über die beste Band aller Zeiten.

Passiert ist mir die Musik von Rammstein das erste Mal im Jahr 2001. Es war eine Zeit, in der MTV der Kunstform Musikvideo noch Bedeutung beimaß. Der Clip zu „Sonne“, der ersten Single aus dem damals erschienenen dritten Rammstein-Album „Mutter“, zeigte die sechs Bandmitglieder als dreckige Schwerarbeiter-Zwerge, die Gold für ein drogenabhängiges Schneewittchen schürfen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Mein dreizehnjähriges Ich lauschte der wuchtigen Erzählung von Sänger Till Lindemann – es fühlte sich an, als würde ich durch ein Schlüsselloch auf eine mir bisher verborgen gebliebene Welt blicken. Verstanden habe ich diese Welt damals nicht, aber sie jagte mir wohlige Schauer über den Rücken. Der Rammstein-Sog aus Brachialromantik, Theatralik und Düsternis nahm mich gefangen.

Ich wurde zum Fan – und meinte es ernst. Kritik an der Band erschütterte mich zutiefst. Alles, was diese von sich gab, fand ich ohne Wenn und Aber großartig. Die gute Kinderstube, beschallt von „Fürstenfeld“ und Reinhard Mey, konnte geschlossen werden. Keine andere Musik spielte noch eine besondere Rolle.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Bereut habe ich meine musikalische Engstirnigkeit nie.

Es soll Menschen geben, die Rockbands „zum Anfassen“ erleben wollen. „Echte Musik“ besteht für sie darin, dass ein dreitagebärtiger Gitarrenheld, in Flanellhemd gehüllt, seine Lieder zum Besten gibt, mit seinen Fans „auf Augenhöhe“ steht und sich dabei nach Möglichkeit auch noch in minutenlangen Solos ergeht. Warum sollte man sich so etwas ansehen? Flanellhemden kleiden eigentlich niemanden; Verkumpelung mit dem Publikum ist grundsätzlich peinlich. Rammstein tragen bei ihren Konzerten Rüstungen und sprechen nicht mit dem Publikum. Es regieren Feuer und Stahl, der Fabrikhallen-Sound dirigiert die Masse (wie im Lied „Ich will“). Flammen züngeln, ein Riesenpenis ejakuliert („Pussy“) und der Keyboarder wird in einem überdimensionalen Kochtopf gegrillt („Mein Teil“). Die Band hat das Prinzip Reizüberflutung zur obersten Maxime erklärt. Gleichzeitig wirkt sie wahnsinnig strukturiert und wie von einer klaren, übergeordneten Vision gelenkt. Alles ist genau dort, wo es hingehört.

Während US-Präsident Donald Trump, die Digitalisierung und E-Scooter die Weltordnung ins Wanken bringen, bleibt auf eines Verlass: Wenn Christoph Schneider (Schlagzeug), Till Lindemann (Gesang), Oliver Riedel (Bass), Flake Lorenz (Keyboard), Richard Kruspe und Paul Landers (beide Gitarre) die Bühne betreten, gibt es Ärger. Breitwandgitarre, rollendes R, große Chöre – verändert hat sich daran mit den Jahren kaum etwas. Wer nach großen musikalischen Experimenten giert, sollte sich eine andere Lieblingsband suchen. Ich halte genau das für eine Stärke. Rammstein haben sich durch Stagnation ihre Unnachahmlichkeit bewahrt. Anbiederungen jedweder Art sucht man in ihrer Vita vergebens. Kauft man sich ein Ticket, weiß man, was man bekommt. Aber man weiß auch, dass man etwas bekommt, was man sonst nirgends bekommt. Dass die Band auch 25 Jahre nach ihrer Gründung in Originalbesetzung unterwegs ist, ist in diesem Sinn eine logische Konsequenz. Würde auch nur ein Mitglied aussteigen – es wäre eine Katastrophe.

Textlich pflügen Rammstein durch allerlei menschliche Abgründe wie Sadomasochismus („Bestrafe mich“), Nekrophilie („Heirate mich“) und Kannibalismus („Mein Teil“). Angstfrei verwursten sie Erlkönig („Dalai Lama“), Struwwelpeter („Hilf mir“) und Bertolt Brecht („Haifisch“). Subtil ist das nicht, spannender als das übliche Popgedöns aber allemal.

Auf der aktuellen Tour wirken die Musiker so politisch wie noch nie. Sie legten dem Publikum im Berliner Olympiastadion die Worte „Ich bin Ausländer“ in den Mund. Beim Auftritt im tendenziell homophoben Polen hielten sie die Regenbogenfahne hoch und im auch nicht völlig liberalen Russland küssten sich die beiden Gitarristen auf offener Bühne. Und: Sie erklären sich nicht, sondern machen es einfach – auf den erhobenen Zeigefinger wird stets verzichtet. Das öffnet einen Interpretationsspielraum, der den Betrachter aktiv werden lässt. Bands mit Fixfertig-Meinungs-Paket gibt es zuhauf – bei Rammstein wirkt die Positionierung erfrischender, durchdachter, mutiger.

Im vergangenen Frühling erschien, fast zeitgleich mit Heinz-Christian Straches Ibiza-Video, das erste Rammstein-Studioalbum seit zehn Jahren. Es enthält Lieder über Zensur und Medienkontrolle („Radio“), das ambivalente Verhältnis zur eigenen Nation („Deutschland“) und Sextourismus gepaart mit peinlichem Machogehabe („Ausländer“). Wahrscheinlich handelt es sich um einen Zufall, aber es beweist doch: Rammstein, das ist Rockmusik auf Höhe der Zeit; Diskurspop mit echtem Diskurs.

Mittlerweile ist die Band vollends im Mainstream angekommen. Wenn Rammstein an den kommenden Tagen zweimal auf der Bühne des Ernst-Happel-Stadions stehen, wird das Oval bis zum Rand gefüllt sein. Ein Ausflug für die ganze Familie.

Nach all den Jahren werden sie mich immer noch nicht persönlich begrüßen, aber Tills wunderschöner, tiefer Sprechgesang wird wieder mein Innerstes berühren. Ein Soundgewitter wird losbrechen und eine reinigende Wirkung hinterlassen. Trotz überschwänglichem Glück werde ich zugleich tieftraurig sein. Das Konzert wird bald zu Ende sein – und das nächste erst 2020 stattfinden.

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  • Sigrid Markl
    Sigrid Markl Fr., 23. Aug.. 2019 11:39

    Sehr schöner Text, danke! (und dabei bin ich noch nicht mal ein Fan)

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