Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ)

Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ)

Kultur

Streit um die Erhaltung des filmischen Erbes

Ein kleines Sittenbild der österreichischen Polit- und Kunstszene.

Mitte Februar erst hatte Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) seine Pläne für ein Labor analoger Laufbildkultur vorgestellt. Einer Studie folgend wolle er in Laxenburg, in Anbindung an die Infrastruktur des Filmarchivs, ein eigenes "Film Preservation Center" (FPC) etablieren, verkündete Drozda (profil berichtete). Es gehe um "die analoge Sicherung unseres filmischen Erbes, um eine Art Kompetenzzentrum, in dem die gesamte Branche forschen und arbeiten wird".

Nach der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, in der man neben Bundeskanzleramt (BKA) und Filmarchiv Austria (FAA) auch das Österreichische Filmmuseum und die Förderungsstellen in Wien und Niederösterreich einbinden wolle, soll die neue Institution unverzüglich errichtet werden. Die Bauphase sei, so hieß es, für die Monate Juli bis November vorgesehen, der Testbetrieb solle bereits ab Dezember 2017 laufen, das Zentrum im Januar 2018 regulär eröffnet werden.

Er sehe in dem Zentrum "auch ein Geschäftsmodell", meinte er im profil-Gespräch: "Wir werden damit eine singuläre Stellung in Zentraleuropa einnehmen; wer Filme künftig analog kopieren und sichern will, wird in Österreich eine erstklassige Anlaufstelle haben." Das Zentrum soll allen Filmschaffenden zugänglich sein - gerade im Avantgardebereich gibt es diesbezüglich großen Bedarf. "Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben, Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, diese neue Institution auch abseits des Archivierens und Forschens offen zu halten", so Drozda. Mit einem Investitionsvolumen von etwa anderthalb Millionen Euro (eine runde Million wird das Bundeskanzleramt beisteuern, die aus Rücklagen kommen soll) und jährlichen Betriebskosten von rund 1,2 Millionen, von denen das BKA etwa ein Drittel bestreiten will, rechnet Drozda. Die operative Führung sollte bis Juni ausgeschrieben werden, ein Stab von etwa zehn Vollzeitbeschäftigten den Betrieb in Gang halten.

"Unabhängigkeit der Institution gefährdet"

Was damals schon waghalsig klang, erscheint nun, gute zwei Monate später, in dieser Form kaum noch realisierbar. Und es regt sich Widerstand gegen den geplanten Standort: Die Privilegierung des Filmarchivs als Betreiber des Zentrums wird von vielen Kreativen als problematisch wahrgenommen. "Die Unabhängigkeit der Institution wäre damit gefährdet", sagt etwa die Filmemacherin Nina Kreuzinger, die seit über einem Jahr, seit der Insolvenz der Synchro Film, des letzten Wiener Kopierwerks, als Initiatorin eines langfristigen Nachdenkprozesses unter den Filmschaffenden agiert. "Laxenburg wäre eine Kompromisslösung; in ein paar Jahren würde sich möglicherweise zeigen, dass das Geld falsch angelegt worden wäre." Man müsse, so Kreuzinger, analogen Film als eigenes Medium jungen Kunstinteressierten nahebringen. Ein sinnvolles Film Preservation Center sollte ein leicht zugänglicher, offener Ort sein, an dem man auch das Handwerk des Filmkopierens lehren und tradieren könnte - kein Haus weit außerhalb Wiens, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht zu erreichen sei und vor allem der Infrastruktur des Filmarchivs nütze.

"Es geht darum, eine sinnvolle synergetische Konstruktion zu finden", erklärt FAA-Leiter Ernst Kieninger nun auf profil-Anfrage - "auch um beste Servicequalität zu bieten; wir planen daher die Kopierwerksarbeit in Laxenburg mit einer Servicestelle im Wiener Augarten, wo das Filmarchiv seine Zentrale hat, zu kombinieren, beispielsweise per Shuttlebus." Zunächst müsse aber Kommunikation hergestellt werden: "Es sollten endlich alle Beteiligten inklusive der Filmschaffenden an einem Tisch zusammenkommen. Wenn nötig, übernehmen wir gerne die Initiative." Und Kieninger konkretisiert seinen Bauvorschlag, der auf etwa 650 Quadratmetern neben dem (kleineren) Kopierwerk auch ein Filmdepot für die Archivbestände enthalten soll. "Wir könnten die Trägerschaft dieses Projekts übernehmen, das mit Kosten und Risiken verbunden ist. Aber die Idee, ein Preservation Center in Laxenburg zu errichten, ging ja von uns aus, wir haben das Bauprojekt entwickelt." Drozdas Zeitplan sei nicht einzuhalten, sagt Kieninger, der Vollbetrieb vor Herbst 2018 kaum möglich. Er geht von einem Baubeginn im November 2017 aus, elf Monate bis zur Fertigstellung seien mindestens nötig. Aus dem Kulturministerium verlautet indes, das FPC sei keineswegs als Erweiterung des Filmarchivs zu betrachten, sondern als unabhängige, allen Interessenten zugängliche Plattform konzipiert. Die Entscheidung über den Standort sei noch nicht endgültig gefallen, man prüfe Alternativen. Im Übrigen sei der ursprüngliche Zeitplan auf Schiene - und die Architektur des Projekts, anders als Kieninger dies sieht, naturgemäß auszuschreiben.

Allergrößte kulturpolitische Bedeutung

Die Frage nach dem Umgang mit dem filmischen Erbe hat durchaus Brisanz. Wie viele Aspekte die Notwendigkeit, in der digitalen Ära noch mit fotografischem Film zu arbeiten und diesen zu bewahren, tatsächlich hat, zeigt Michael Palms Dokumentarfilm "Cinema Futures", der - gerade im Kino gestartet - von der Kurzlebigkeit digitaler Datenbewahrung und den Komplikationen der Filmsicherung erzählt. Weltweit hat Palm in Archiven und Studios recherchiert, namhafte Analogfilmverfechter wie Tacita Dean, Martin Scorsese und Christopher Nolan interviewt. In klugen Reflexionen und in Gesprächen mit schrulligen Archivaren umkreist "Cinema Futures" einen Themenkomplex, der viel zu wenig Öffentlichkeit, aber allergrößte kulturpolitische Bedeutung besitzt.

Barbara Fränzen, Chefin der Filmabteilung im BKA, teilt diese Auffassung. Ihr verdankt sich der unbürokratisch organisierte Ankauf der Filmkopiermaschinen aus der Insolvenzmasse der Synchro-Film, engagiert kämpft sie seither für die Unabhängigkeit des zu schaffenden Zentrums - und prüft Alternativen auch in der Standortfrage. Renommierte Analogkinokünstler wie Peter Tscherkassky, Eve Heller, Johann Lurf und Antoinette Zwirchmayr wollen nun eine Arbeitsgemeinschaft bilden, die schon in wenigen Wochen die Aufgaben der Geschäftsführung definieren soll, welche noch vor dem Sommer ausgeschrieben werden müsste. Ein "unabhängiger, transparent strukturierter Film- Servicebetrieb" wird gefordert. Die Zeit drängt.

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