Sven Regener über seinen neuen Roman "Wiener Straße"
Kultur

Sven Regener: "Wer bitte ist denn keine Knalltüte"

Klassentreffen in Kreuzberg: In seinem neuen Roman „Wiener Straße“ erzählt Sven Regener wieder vom West-Berlin der 1980er-Jahre. Im Interview spricht der Musiker und Autor über seine Shakespeare-Leidenschaft, die Faszination für Dialekte und die Wichtigkeit der Wut für die Kunst.

profil: Herr Regener, sind Sie ein Gewohnheitsmensch?
Sven Regener: Ja, das kann man so sagen. Ich gehe immer in die gleichen Cafés. Warum soll ich in ein anderes gehen, wenn es mir hier gut gefällt? Einmal war ich in Wien im Café Landtmann, ich habe mit der Band ein Konzert im Burgtheater gespielt. Das soll ja das Stammcafé von Sigmund Freud gewesen sein. Immerhin, so weit habe ich es schon gebracht.

profil: Auch in Ihren Büchern kehren Sie gern an vertraute Orte zurück. Ins Café Einfall in Berlin-Kreuzberg, zu Charakteren wie Frank Lehmann oder Karl Schmidt. Wollen Sie es Ihren Lesern einfach machen?
Regener: Das wäre ja sympathisch. So eine Absicht habe ich aber nicht. So lieb bin ich gar nicht. Die Einfälle zu den Geschichten kommen mir durch die Figuren. Leute wie der Kneipenbesitzer Erwin Kächele oder eben Frank Lehmann dienen mir als Inspirationsquelle.

profil: Lehmann, Ihre bekannteste Romanfigur, kommt in „Wiener Straße“ nur als Randfigur vor. Ist das nicht gemein?
Regener: Nein, gemein ist das nicht. Ich hoffe, das wird durch die anderen Figuren kompensiert, die großartige Auftritte hinlegen. Man darf nicht vergessen: „Wiener Straße“ ist keine Fortsetzung der „Lehmann“-Trilogie.

profil: Es gibt in „Wiener Straße“ nicht mehr den einen Erzähler. Wollten Sie sich diesbezüglich selbst herausfordern?
Regener: Dazu war ich gezwungen. Ich hatte die gesamte Handlung, die von der Handlung her oft an eine Fernseh-Sitcom erinnert, bereits vorab skizziert. Bei meinen anderen Büchern war das nicht der Fall, da haben sich die Figuren erst im Laufe des Schreibens entwickelt. In „Wiener Straße“ wollte ich mich auf die Situationskomik konzentrieren. Das war der Kick.

profil: Ist die tröstliche Wirkung, die Ihre Figuren, diese sympathischen Knalltüten ausstrahlen, beabsichtigt?
Regener: Natürlich, und klar ist das tröstlich. Es gibt diese schöne Stelle in der Bibel, wo es heißt: ‚Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.’ Und so ist es auch hier. Das sind Leute, die jung sind, auch etwas Verzweifeltes haben, sehr stark dafür kämpfen, dass sie überhaupt irgendwie klarkommen. Auf der anderen Seite machen sie nur Quatsch und kommen damit durch. Das ist wie bei den „Peanuts“ von Charles M. Schulz. Dieser Hund Snoopy, der kommt immer irgendwie durch. Der hat das drauf. Klar sind das alles Knalltüten, aber ehrlich gesagt, wer ist denn keine Knalltüte?

profil: Die größten Freaks kommen am besten klar?
Regener: Der Extremkünstler H.R. Ledigt ist von all meinen Figuren der größte Freak, kommt aber am besten klar. Er ist mit sich selbst im Reinen. Er marodiert einfach so durch die Handlung, sägt da einen Baum um, haut links und rechts Kunst raus und macht sich keine weiteren Gedanken. Das ist wie beim Wing-Chun-Kung-Fu. Einmal kurz zuhauen, und das war’s dann auch. Das ist völlig schnörkellos. Man kann schon ahnen, dass diese Figur gut aus der Sache rauskommt.

Autor Sven Regener. "Das ist wie beim Wing-Chun-Kung-Fu"

profil: Reicht Ihnen das Durchwurschteln?
Regener: Das alleine ist natürlich nicht sehr spannend. Diese Leute haben immer etwas Manisches an sich. Eine verzweifelte, dunkle Seite, etwas Kaltes, aber auch Sehnsüchtiges. Ich weiß nicht, ob das tröstlich ist, aber es ist zumindest menschlich. Das war ja auch das Faszinierende an West-Berlin Anfang der 1980er-Jahre: Die Leute hatten einen relativ großen Spielraum, die innere Knalltüte raushängen zu lassen, ohne dadurch große Nachteile zu haben. Das war eine sterbende Stadt, wo alles egal war und jeder nur froh war, dass es überhaupt irgendwie weiterging.

profil: Als Autor nehmen Sie eine beobachtende Position ein?
Regener: Ich will wissen, wie die Figuren vorgehen, was sie denken und wie sie dann handeln. Ich möchte die Leute nicht bewerten, nicht über sie richten, kein Urteil fällen. Mich interessieren daher absolut böse oder gute Gestalten nicht. Das macht mich zu einem großen Shakespeare-Fan. Richard III. ist ja wirklich ein böser Mensch, aber man kann schon verstehen, was ihn antreibt. Vorverurteilen möchte ich nicht.

profil: Auch Ihnen scheint alles leicht von der Hand zu gehen. Sie sind Musiker, Schriftsteller, machen Filme und Theaterstücke. Haben Sie das von Ihren Figuren gelernt?
Regener: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin ja nicht mehr der jüngste, ich bin 56 Jahre alt und mache das alles seit 35 Jahren. Irgendwann hat man genug Lebenserfahrung, dass man weiß, was man kann oder eben nicht kann. Ich mach heute nur noch Sachen, wo ich mir relativ sicher bin, dass ich es kann und auch machen will. Alles andere lasse ich weg. Schauspielern oder sowas kann ich nicht, also lasse ich es. Das ist natürlich eine privilegierte Situation, die mit Erfolg und Geld zu tun hat.

profil: Dreinreden lassen Sie sich nicht?
Regener: Wenn ich zum Beispiel Drehbuchautor für den „Tatort“ wäre, gäbe es mindestens fünf Redakteure, die mitreden würden. Mir ist das schon bei anderen Projekten passiert. Mittlerweile habe ich Strategien gefunden, wie ich mir das vom Hals halten kann.

profil: Sind Sie ein Getriebener?
Regener: Ja, ich muss dauernd Kunst in die Welt bringen. Ich habe nur begrenzt Zeit, also versuche ich nicht, in irgendeiner Sparte zu reüssieren, in der mein Talent nicht reicht. Kennen Sie den Film „Exit Through the Gift Shop“ über den Street-Art-Künstler Banksy? Den Film fand ich zwar ein wenig spießig, ich fand aber die Typen gut, die jede Nacht losziehen und voller Wut überall ihre Tags an die Wand malen. Diese Wut, das jetzt machen zu müssen, ohne genau zu wissen warum. Das fasziniert mich. Das ist wie eine Droge.

profil: Neben der Kunst dreht sich Ihr Roman vor allem um das Plaudern. Wollten Sie diese Sprache von damals, die Dialekte konservieren?
Regener: Nein, der Dialekt interessiert mich einen Scheißdreck. Mich interessiert, wie er benutzt wird. Dialekte haben ja auch immer etwas Ausschließendes. Nach dem Motto: Ich gehöre dazu und du nicht. Mir geht es in „Wiener Straße“ um die Beziehung der Menschen zueinander, diese gespaltene Gesellschaft in West-Berlin. Die Leute, die sich als Einheimische sehen und den Mauerbau miterlebt haben, und die Freaks, die dahingezogen sind und das alles nur als Kulisse für ihren eigenen Film sehen. Eigentlich haben sich diese beiden Welten nichts zu sagen, müssen aber im Alltag miteinander klarkommen. Dafür lohnt es sich auch, den Roman 1980 spielen zu lassen.

profil: Funktioniert ein Romanzyklus wie eine Band? Die nächste Tour, das nächste Album, es muss immer weitergehen?
Regener: Nein, bei Element of Crime bin ich ja nur einer von vieren, das ist ein Kollektiv. Beim Schreiben ist man sehr für sich, das ist natürlich toll, weil man alles selbst bestimmen kann, aber es ist auch ein sehr einsamer Prozess. Bei der Band muss die Idee nicht von mir kommen, manchmal reagiert man nur auf etwas. Ein Roman ist im Gegensatz dazu vor allem ein langer Nachdenkprozess.

profil: Das letzte Album Ihrer Band Element of Crime erschien 2014. Kommt da noch was?
Regener: Klare Frage, klare Antwort: Wir schreiben gerade neue Songs.

Sven Regener liest aus "Wiener Straße" am 17., 18. und 19. November im Wiener Rabenhof-Theater.

Zur Person:

Sven Regener, geboren 1961 in Bremen, ist seit 1985 Sänger, Gitarrist und Trompeter der Band Element of Crime. Mit seiner "Lehmann“-Trilogie wurde er als Schriftsteller bekannt. Zuletzt ist der Roman "Wiener Straße" (Galiani Verlag Berlin) erschienen.

Kommentar verfassen